Am Abgrund
Russlands Krieg gegen die Ukraine: die 207. und 208. Kriegswoche
Nikolay Mitrokhin, 25.3.2026
Die Ukraine ist auf dem Weg, in dem immer heftiger ausgetragenen Luftkrieg mit Russland gleichzuziehen. Auch am Boden erleiden die Besatzungstruppen große Verluste und kommen kaum voran. Große Gefahr droht der Ukraine jedoch von anderer Seite. Internationale Geldgeber knüpfen neue Kredite an Bedingungen. Gelingt es der Partei von Präsident Zelens’kyj nicht, politische Mehrheiten für die Verabschiedung entsprechender Gesetze zu organisieren, steht die Ukraine am Abgrund.
In Kiew ist eine ernste politische Krise ausgebrochen. Die Fraktion der Präsidentenpartei Diener des Volks hat aufgrund zahlreicher Konflikte mit der Präsidialadministration schon seit langem ihre Mehrheit verloren. Bislang kam sie mit den Stimmen von Abgeordneten anderer Parteien jedoch meist auf die für die Annahme eines Gesetzes notwendige Zahl von 226 Ja-Stimmen – in der Verchovna Rada ist für die Annahme eines Gesetzes nicht lediglich die einfache Mehrheit der anwesenden Parlamentarier, sondern aller Abgeordneten notwendig. Nun haben bei einer Abstimmung über ein wichtiges Steuergesetz, dessen Verabschiedung der Internationale Währungsfonds zur Voraussetzung für die Vergabe eines Kredits in Höhe von 8,1 Milliarden US-Dollar gemacht hat, nur 168 Abgeordnete für dieses gestimmt.
Gelingt es nicht, politische Mehrheiten für Gesetze zu organisieren, mit denen Teilen der Bevölkerung höhere Lasten aufgebürdet werden, gerät die Ukraine in eine schwere Finanzkrise.
Dies gilt umso mehr, als nach einer Eskalation des Konflikts zwischen Zelens’kyj und dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán über die durch die Ukraine verlaufende Družba-Pipeline Ungarn den von der EU im Dezember 2025 auf den Weg gebrachten Hilfskredit von über 90 Milliarden Euro blockiert. Die Europäische Kommission hat gegenüber Kiew durchgesetzt, dass eine Expertenkommission die Beschädigung der Pipeline und die Möglichkeiten zu ihrer Reparatur prüft. Orbán zeigt sich jedoch gegenwärtig nur dann bereit, von der Blockade des Kredits abzurücken, wenn durch die Pipeline wieder Öl aus Russland nach Ungarn fließt und er eine Garantie erhalten hat, dass nicht plötzlich erneut ein irreparabler Schaden an der Leitung auftaucht. Man kann davon ausgehen, dass auch im Falle eines Machtwechsels in Budapest nach den Wahlen Mitte April die neue Regierung ähnliche nationale Interessen vertritt wie die Regierung Orbán – mit Rückendeckung aus der Slowakei.
Vor diesem Hintergrund wird in den letzten Wochen des ungarischen Wahlkampfs mit immer härteren Bandagen gekämpft. Der Washington Post wurde ein Planungspapier zugespielt, das der russländische Auslandsgeheimdienst SVR verfasst habe. Dieser erwäge darin einen vorgetäuschten Anschlag auf Orbán, um diesem zum Wahlsieg zu verhelfen. Orbán behauptet seinerseits, die Ukraine würde einen Anschlag auf ihn planen. Ehemalige und amtierende „Sicherheitsbeamte“ – vulgo: Geheimdienstmitarbeiter –, darunter der ehemalige Leiter des ungarischen Cyber-Abwehrdienstes Ferenc Fresz, geben an, Orbán berichte in den Pausen von EU-Ratssitzungen direkt nach Moskau über den Stand der internen Debatte.
In den Kontext dieses überall in Ostmitteleuropa zu beobachtenden Ringens an der Schnittstelle von außenpolitischer Orientierung und innerem Machterhalt gehört auch die Entwicklung in Belarus. Machthaber Lukašenka setzt jedoch aktuell nicht auf Eskalation, sondern auf Deeskalation. Im Verhältnis zu den USA hat er damit großen Erfolg. Nach einem weiteren Gespräch mit dem US-Sondergesandten Coale in Minsk wurden 250 politische Gefangene freigelassen und erstmals viele von ihnen nicht ins Ausland deportiert. Ebenso öffnete Lukašenka die Grenze für jene rund 1000 litauischen LKWs, deren Rückkehr er für mehrere Monate verhindert hatte, nachdem Litauen die Grenze zu Belarus geschlossen hatte. Die USA hoben im Gegenzug Sanktionen gegen das Finanzministerium, zwei Düngemittelhersteller und zwei Banken auf. Möglicherweise wird Donald Trump Lukašenka bald in Washington empfangen. Das Interesse Lukašenkas, sich aus der Umklammerung Russlands zu lösen, in die er sich durch die Niederschlagung der Protestbewegung im Jahr 2020 begeben hat, kommt der Ukraine zugute. Als die ukrainische Armee im Februar Sendeanlagen auf belarussischem Territorium zerstörte, mit denen russländische Drohnen im Anflug auf die Ukraine gelenkt wurden, blieben ernsthafte Reaktionen aus Minsk aus. Hält die Entspannung zwischen Washington und Minsk an, kann die Ukraine Truppen von der Grenze zu Belarus abziehen und in den Osten des Landes verlegen, wo sie dringend gebraucht werden.
Die Lage an der Front
Nach einer Phase der relativen Ruhe hat Russland am 19. März an mehreren Frontabschnitten eine neue Offensive gestartet. Nach ukrainischen Angaben habe Russlands Armee dabei binnen einer Woche 7800 Soldaten verloren – so viele wie niemals zuvor seit Kriegsbeginn in einem so kurzen Zeitraum. Angaben über Verluste des Gegners sind selbstverständlich stets mit Skepsis zu betrachten. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass tatsächlich sehr viele Soldaten getötet oder verwundet wurden – bei minimalen Geländegewinnen. So ist in russländischen Militärkanälen von riesigen Mengen ukrainischer Drohnen die Rede, die an der Front für Parität sorgen und in den Dörfern entlang der Staatsgrenze das Leben unerträglich machen würden. Die stellvertretende Gouverneurin des Gebiets Belgorod Ol’ga Medvedeva erklärte am 19. März, bei Artillerie- und Drohnenangriffen der ukrainischen Armee seien in den ersten zwei Monaten des Jahres 2026 drei Mal mehr Menschen getötet worden als im Januar und Februar 2025. Das Moskauer Außenministerium nutzt diese Angaben, um international ukrainische Kriegsverbrechen anzuprangern.
Im Norden des Gebiets Sumy nahmen russländische Truppen die Siedlung Sopyč ein und deportierten die verbliebenen Bewohner, die zuvor das ukrainische Evakuierungsangebot abgelehnt hatten, nach Russland. Im Osten des Gebiets Charkiv ging die 144. motorisierte Schützendivision der russländischen Armee südöstlich von Kupjans’k mit Panzern, gepanzerten Truppenfahrzeugen und Motorrädern zum Angriff über. Die Kolonne wurde vollständig zerstört, mindestens 200 Soldaten starben. Mit dieser sowie weiteren selbstmörderischen Aktionen gelang es den Besatzungstruppen, südöstlich von Kupjans’k am östlichen Ufer des Oskil einige Felder unter ihre Kontrolle zu bringen.
Im Gebiet Donec’k stehen die russländischen Truppen nun vor der Siedlung Raj-Oleksandrivka, der letzten großen ukrainischen Verteidigungsstellung vor Slovjans‘k. Nördlich der Ortschaft konnten die Besatzer diese bereits teilweise umgehen. Sie greifen zudem zehn Kilometer nördlich ukrainische Stellungen in der Nähe der Kreidefelsen am Ufer des Sivers’kyj Donec an. Gehen die Kämpfe in dieser Weise weiter, wird es den Angreifern unter hohen Verlusten frühestens in einem Monat gelingen, Raj-Oleksandrivka einzunehmen. Von dort sind es bis zu den von Industrieanlagen geprägten Vororten von Slovjans’k weitere zehn Kilometer, auf denen sich drei Verteidigungslinien befinden. Die ukrainischen Behörden haben dennoch bereits eine Evakuierung der östlichen Stadtteile angeordnet.
Weiter südlich haben die ukrainischen Truppen in der zweiten Märzwoche eine Gegenoffensive begonnen und die Besatzer aus weiteren Straßenzügen im Westen von Časiv Jar und dem südöstlichen Teil von Kostjantynivka vertrieben. Auch südöstlich und südwestlich von Kostjantynivka hat die ukrainische Armee den Gegner von den in die Stadt führenden Fernstraßen verdrängt. Im Osten und Nordosten von Kostjantynivka halten sich die Okkupationstruppen jedoch weiter im Stadtgebiet auf.
Im zentralen Bereich der durch das Gebiet Donec’k verlaufenden Front haben die Besatzer in schweren Kämpfen den Ort Hrišine nördlich von Pokrovs’k eingenommen und rücken auf Dobropillja vor. Von Hrišine sind es bis zur Grenze des Gebiets Dnipropetrovs’k noch rund 15 Kilometer, auf denen sich einige kleine Ortschaften befinden. Beim Angriff auf die Ortschaft hat Russland zwei Ka-52 Kampfhubschrauber verloren, die nahe der bei Pokrovs’k gelegenen Siedlung Nadijivka aus geringer Höhe Raketen auf Hrišine abfeuerten. Sie wurden von ukrainischen FPV-Drohnen angegriffen und gingen nach der Landung in Flammen auf. Die Besatzung von mindestens einer der beiden Maschinen wurde von Drohnen getötet.
Geklärt hat sich die Frage, ob die russländischen Truppen das östlich von Pokrovs’k gelegene Myrnohrad vollständig eingenommen haben. Dass dies tatsächlich der Fall ist, zeigte sich um den 19. März, als der stellvertretende Leiter von Putins Präsidialadministration Sergej Kirienko sich – mit Helm, Schutzweste und Kalaschnikow ausgerüstet – bei einem Gang durch die Industriesiedlung filmen ließ. Die Anwesenheit des ranghohen Beamten zeigt, dass sich in der Stadt und ihrem Umland keine ukrainischen Soldaten mehr befinden. Diese wurden wohl spätestens Anfang März evakuiert, möglicherweise auf der Basis eines „technischen“ Abkommens zwischen den Kriegsparteien. Nördlich der Agglomeration von Pokrovs’k verläuft die Frontlinie damit nun zwischen Rodins’ke und Hrišine.
Entlang des von dort nach Südwesten verlaufenden Frontabschnitts fanden Mitte März auf 100 Kilometern einzig Kämpfe um die Kreisstadt Novopavlivka statt. Die ukrainischen Truppen versuchen, die Ruinen des Ortes wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, bislang offenbar ohne Erfolg.
Weiter südlich befindet sich bei Huljaj-Pole gegenwärtig die zweite große Kampfzone neben dem Raum Slovjans’k. Dort haben die ukrainischen Streitkräfte von Norden kommend die Besatzer weitgehend aus dem Gebiet Dnipropetrovs’k vertrieben und deren Präsenz am Ufer des Flusses Hajčur verringert. Zwei Mal versuchten ukrainische Trupps zudem, von Westen auf Huljaj-Pole vorzurücken. Gleichzeitig gelang es jedoch offenbar den russländischen Truppen, westlich der Kleinstadt bis zu der Siedlung Verchnja Tersa vorzurücken.
Gekämpft wird auch am westlichsten Punkt der durch das Gebiet Zaporižžja verlaufenden Front – bei Primors’ke und Stepnohirs’k. Angesichts der Klagen russländischer Militärkanäle über die große Zahl ukrainischer Drohnen würde es nicht verwundern, wenn die Besatzungstruppen sich in den kommenden Wochen aus diesem Raum zurückziehen müssten.
Vom südlichsten Abschnitt der Front im Gebiet Cherson gab es lange keine Nachrichten. Nun wurde bekannt, dass sich die Versorgungslage aufgrund der permanenten Präsenz ukrainischer Drohnen am östlichen Ufer des Dnipro dramatisch verschlechtert hat. Die ukrainische Armee wirft in der gegenüber von Cherson gelegenen Stadt Oleški mit Drohnen humanitäre Hilfe für die Bewohner ab.
Der Luftkrieg
Die Ukraine hat die Produktion von Drohnen verschiedenen Typs deutlich gesteigert und diese technisch weiterentwickelt. Seit Mitte März greift sie zwei bis drei Mal pro Woche mit mehr als 200 schweren Angriffsdrohnen Ziele in Russland an. Dies führt immer wieder zur Einstellung des Flugverkehrs, insbesondere im Raum Moskau und Petersburg. Ebenso werden immer mehr Raffinerien und Ölpipelines beschädigt. Im Visier ist insbesondere die am Schwarzen Meer und an der Ostsee gelegene Infrastruktur. Am 23. März gingen bei einem solchen Angriff auf den nordwestlich von Petersburg gelegenen großen Ölverladehafen Primorsk mindestens vier große Tanks in Flammen auf. Russland stellte daraufhin nicht nur in Primorsk, wo normalerweise pro Tag eine Million Barrel auf Tanker gepumpt werden, sondern auch im südwestlich von Petersburg gelegenen Hafen Ust‘-Luga die Ölverladung ein.
Weniger mediale Aufmerksamkeit erregen die regulären Drohnenangriffe auf Munitionslager und insbesondere auf Startplätze für russländische Drohnen im Umfeld der Stadt Donec’k, die immer häufiger zu spektakulären Explosionen führen. Möglicherweise gelingt es der ukrainischen Armee mittlerweile häufiger, die elektronische Drohnenabwehr zu überwinden; vielleicht tragen ihre unbemannten Flugkörper aber auch größere Sprengsätze, so dass bestehende Schutzvorrichtungen ihre Wirkung verloren haben.
Dergleichen berichten russländische Militärkanäle mit wachsender Panik von der Zerstörung immer weiterer Flugabwehrsysteme auf der Krim. Seit Kriegsbeginn hat die Ukraine rund ein Viertel der Radaranlagen für die Systeme S-300 und S-400 zerstört. Auf der Krim geht sie jetzt dazu über, weniger wertvolle Anlagen auszuschalten und so den Weg für Luftangriffe auf die Häfen der Halbinsel sowie jene im östlichen Bereich des Schwarzen Meeres freizumachen. Alleine in den ersten 20 Märztagen wurden 22 Radaranlagen und Abschussrampen vor allem der Systeme „Buk“ und „Tor“ außer Gefecht gesetzt. Die Produktion neuer Luftabwehrsysteme liegt deutlich unter der Zerstörungsrate, was unter anderem auf die westlichen Sanktionen zurückzuführen ist. Bei einem Angriff mit britischen Storm-Shadow-Raketen auf eine Fabrik des Unternehmens Gruppa Kremnij Ėl in Brjansk am 10. März hat Russland eine der wichtigsten Produktionsstandorte für im Rüstungssektor eingesetzte Mikroelektronik verloren. Die Ukraine ist auf dem Weg, in dem immer heftiger ausgetragenen Luftkrieg mit Russland gleichzuziehen.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.
Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.


