Am Beispiel meines Volks
Die Auswirkungen des Goldbergbaus auf die Schoren in Südsibirien
Vjačeslav Krečetov, Ol’ga Guljajeva, 25.6.2026
In Südsibirien zerstören Bergbauunternehmen den Lebensraum indigener Völker. Dieser ist in Russland gesetzlich geschützt, doch die Goldkonzerne und die Behörden missachten die Gesetze systematisch. Das von den Vereinten Nationen formulierte Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung wird ignoriert. Scharfe Repressionen ersticken jeden Widerspruch im Keim.
In Südsibirien siedeln im zentralen Teil des Altaj-Sajan-Berglands an den Ausläufern des Abakangebirges und des Kusnezker Altau turksprachige Schoren. Die Schoren sind eines der in Russland lebenden kleinen indigenen Völker. Ihr angestammter Siedlungsraum gehört im Westen zum Gebiet Kemerovo, im Osten zur Republik Chakassien. Für die örtliche indigene Bevölkerung handelt es sich um einen gemeinsamen Kulturraum. Von Orton (Kemerovo) nach Balyksu (Chakassien) sind es nur vierzig Kilometer Luftlinie. Der Weg führt allerdings über den bis zu 2200 Meter hohen Bergkamm, die Entfernung über ausgebaute Straßen beträgt 1000 Kilometer.
Die Zahl der von Schoren bewohnten Dörfer ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen, in den verbliebenen Siedlungen leben immer weniger Menschen. Die bestehenden Schoren-Dörfer – Balyksu, Neožidannyj und Nikolaevka in Chakassien (Kreis Azkiz ) sowie Orton, Il’inka, Učas und Trechreč’e im Gebiet Kemerovo (Kreis Meždurečensk) stehen auf der staatlichen Liste der traditionellen Siedlungs- und Nutzungsgebiete der kleinen indigenen Völker.
Zur Ökologie des Siedlungsgebiets der Schoren
Die Gegend zwischen dem Oberlauf der Tom’ und ihrem linken, südlichen Zufluss Mras-Su ist durch ein Kontinentalklima mit großem Einfluss der Berge und der Taiga geprägt. Auf lange, schneereiche Winter folgen kurze, feuchte Sommer. Im Winter liegen die Temperaturen über lange Zeiträume unter -20° Celsius, phasenweise auch bei -45° C. Die Durchschnittstemperatur im Sommer beträgt 15° C, selten wird ein Maximum von 35° C erreicht. An den Hängen des Altau stauen sich feuchte Luftmassen und regnen ab. In niederen Lagen fallen im Jahr durchschnittlich 1000 mm Niederschlag, an manchen Berghängen bis zu 2000 mm. Zum Vergleich: Im vom maritimen Klima geprägten Deutschland sind es im Langzeitdurchschnitt knapp 800 mm pro Jahr. In schneereichen Wintern werden in der Taiga und in bestimmten Lagen Schneehöhen von mehr als 1,5 Metern erreicht.
Die Bergwälder der Region sind von den immergrünen Nadelhölzern der „dunklen Taiga“ geprägt, es gibt jedoch auch feuchte Mischwälder (černevye lesa). In diesen dominieren Sibirische Tannen, unter den Laubbäumen vor allem breitblättrige Erlenarten und Birken. Der Boden ist von bis zu drei Meter hohen Gräsern bewachsen. Daneben kommen krautige Pflanzen vor, die als Reliktarten aus den Laubwäldern des Pleistozäns erhalten geblieben sind. Die „dunkle Nadeltaiga“ der Gegend ist zum einen von reinen Tannenwäldern geprägt, zum anderen von Waldgebieten, in denen neben Tannen auch Zirben und Fichten stark vertreten sind. Seltener finden sich Lärchen und Kiefern. Geringe Flächenanteile nehmen sekundäre Mischwälder mit Espen und Birken ein, die sich auf ehemaligen Brandflächen und Kahlschlägen entwickelt haben. In den Wäldern leben Zobel, Nerze und Hermeline, Braunbären und Luchse, Maralhirsch, Elch und Waldren. Unter den Vögeln kommen Haselhuhn, Auerhuhn, Moorschneehuhn, Spechte, Laubsänger, Meisen und Tannenhäher vor. Im Oberlauf der Tom’ und ihren Zuflüssen leben Sibirische Äsche, Hecht, Flussbarsch, Taimen, Lenok, die Sibirische Groppe, Karausche, Kaulbarsch, Elritze und Gründling, selten sind auch die geschätzten Arten Stör, Sterlet, Nelma, Peled und Muksun zu finden.
In das Siedlungsgebiet der turksprachigen Sippen (Seoks), die unter dem Ethnonym Schoren zusammengefasst wurden, kamen erstmals in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Goldsucher. Diese schlossen sich später zur Schürfer-Gemeinschaften (artel’) zusammen.
Im späten Zarenreich gehörte das bewaldete Bergland zu beiden Seiten des Abakangebirges und des Kusnezker Altau zum Kreis (uezd) Kuzneck des Gouvernements Tomsk. Erst nach der Oktoberrevolution wurde der Raum administrativ getrennt. Östlich des Bergkamms wurde 1923 der Kreis Chakassien geschaffen, dem Gebiete aus den vormaligen Kreisen Minusinsk, Ačinsk und Kuzneck zugeschlagen wurden. Dieser wurde dann zu einem nationalen Gau (okrug), 1930 ein Autonomes Gebiet, das ab 1934 zum Bezirk Krasnojarsk gehörte. Mit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde das Autonome Gebiet zur Republik Chakassien aufgewertet. Westlich des Bergkamms entstand nach vielen An-, Aus- und Umgliederungen 1943 das Gebiet Kemerovo in seiner heutigen Gestalt. Die administrative Teilung hat rechtliche Konsequenzen für die indigenen Völker. Obwohl die zentralstaatlichen Gesetze das Angehörigen dieser Völker zugestandene Recht, ihrer traditionellen Wirtschaftsweise nachzugehen, nicht auf den Ort beschränkt, an denen sie mit ihrem Wohnsitz gemeldet sind, untersagen regionale Gesetze eine solche Nutzung faktisch.
Gegen Mensch und Natur
Seit Anfang der 2020er Jahre haben Bergbauunternehmen in den traditionellen Siedlungsgebieten der Schoren mit der Gewinnung von Gold aus örtlichen Seifenlagerstätten begonnen. Die Folgen sind verheerend: Flüsse sind durch die Einleitung ungereinigter Abwässer stark belastet, Böden kontaminiert, die fruchtbare Humusschicht ist zerstört. Zufahrtsstraßen zerschneiden den Lebensraum vieler Tiere, viele wurden durch den Lärm der Maschinen und LKW vollständig vertrieben. Die Gewinnung von Gold und der Abtransport des Edelmetalls führen zu einer erheblichen Luftverschmutzung.
Die Zerstörung von Ökosystemen hat massive Auswirkungen auf die örtliche Bevölkerung. Umweltgesetze und Gesetze zum Schutz indigener Völker werden systematisch missachtet. Die Schäden sind nahezu irreversibel, eine Renaturierung ist kaum möglich. Die Bevölkerung der Schoren-Dörfer widersetzt sich dem rechtswidrigen Vorgehen, das zur Zerstörung ihrer angestammten Gebiete führt. Die Mitarbeiter der Goldunternehmen reagieren mit Aggression, der Staat mit Repressionen. Die Bergbauunternehmen behaupten, die Goldgewinnung führe zu einem wirtschaftlichen Aufschwung und gereiche auch der örtlichen Bevölkerung zum Vorteil. Diese Behauptung ist längst wiederlegt. Der Goldbergbau verschlechtert die Situation der indigenen Völker.
Die Lage im Gebiet Kemerovo
Die Schoren-Dörfer und das umliegende Land haben im Gebiet Kemerovo einen anderen rechtlichen Status als in Chakassien. Die Auswirkungen der Goldgewinnung auf die indigene Bevölkerung und die Umwelt sind jedoch identisch.
Im Gebiet Kemerovo stehen nur einige wenige Dörfer auf der zentralstaatlichen „Liste der traditionellen Siedlungs- und Naturnutzungsgebiete der kleinen indigenen Völker Russlands“ aufgenommen.
Zahlreiche historische Siedlungsräume und Gegenden traditioneller Naturnutzung sind hingegen außen vor geblieben. Mit dem Gesetz über „Territorien der traditionellen Naturnutzung der indigenen kleinen Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens der Russländischen Föderation“ aus dem Jahr 2001 besteht ein in ganz Russland geltender Rechtsrahmen. Die Behörden des Gebiets Kemerovo ignorieren diesen jedoch konsequent. Daher wurde dort in den vergangenen 25 Jahren kein einziges solches Territorium traditioneller Naturnutzung eingerichtet, obwohl die Schoren mehrfach versucht haben, solche Gebiete auszuweisen. Faktisch ist den Schoren im Kusbass daher nur in ihren eigenen Vorgärten erlaubt zu jagen, zu fischen und Holz zu schlagen.
Dies war die Rechtslage, als im Jahr 2020 das Bergbauunternehmen Novyj Bazas am Fluss Bazas mit Erkundungsarbeiten begann.
Die Bewohner der vier Siedlungen Orton, Il’inka, Učas und Trechreč’e hatten vorab keinerlei Information erhalten. Dass am Bazas Gold abgebaut wird, bemerkten sie erst, als der Fluss plötzlich eine gelblich trübe Färbung annahm und das Wasser nicht mehr zum Trinken und Kochen verwendet werden konnte. In Il’inka ist der Bazas die einzige Trinkwasserquelle. Zudem mündet der Bazas in den Orton, aus dem die drei flussabwärts gelegenen Schoren-Siedlungen Trinkwasser schöpfen.
Im Winter 2021 errichtete das Unternehmen auf der einzigen Zufahrtsstraße zur Siedlung Il’inka einen Kontrollpunkt mit Schranke, der den Zugang zu der Ortschaft sowie zu Jagdgebieten und Angelzonen einschränkt.
Auf Klagen der Anwohner antworteten die kommunalen Behörden, die Sperre sei im Einklang mit der an Novyj Bazas vergebenen Förderlizenz errichtet worden. Die Umweltaufsichtsbehörde (Rosprirodnadzor) teilte mit, sie könne den Sachverhalt nicht prüfen, da die betroffenen Siedlungen nicht mit normalen Verkehrsmitteln erreichbar seien. Die Waldaufsicht teilte mit, tatsächlich fehle eine Genehmigung zu industriellen Tätigkeiten in Waldabschnitten – verhängte dann allerdings eine unbedeutende Strafe und erteilte augenblicklich eine erweiterte Projektgenehmigung.
Die Tag und Nacht laufenden ohrenbetäubenden Arbeiten mit schweren Maschinen führten rasch dazu, dass im Umkreis von mehreren Dutzenden Kilometern alle größeren Tiere ihre Wanderrouten änderten und die Gegend mieden. Im Talgrund des Bazas wachsende Wildpflanzen sind seit Beginn der Arbeiten wegen der Gewässerverschmutzung nicht mehr zum Verzehr geeignet. Die Fischbestände im Bazas und seinen Nebenflüssen sind stark zurückgegangen. In Il’inka gibt es nicht mehr ausreichend sauberes Trinkwasser. Auf Weideflächen und Mahdwiesen der Schoren-Bevölkerung hat das Unternehmen aus dem Fluss ausgehobene Erde aufgeschüttet und einen Lagerplatz errichtet. In der Siedlung selbst errichtete das Unternehmen technische Gebäude.
Die örtlichen Schoren leben ausschließlich von der Jagd, dem Fischfang und der Nutzung des Waldes. Die massive und rapide Veränderung ihrer Lebensumwelt, der sie nichts entgegenzusetzen haben, raubt ihnen die Lebensgrundlage und hat die indigene Bevölkerung demoralisiert. Es blieb ihnen kaum eine andere Möglichkeit, als ihre angestammte Heimat zu verlassen. Daher ließen sie sich auf ein Umsiedlungsangebot ein. Heute leben sie in der Stadt, die Siedlung Il’inka aber wird weiter als geschützter Ort der traditionellen Lebens- und Wirtschaftsweise der indigenen Bevölkerung geführt.
Die Lage in Chakassien
In der Republik Chakassien gehören die Dörfer Balyksu, Nikolaevka und Neožidannyj mit dem zugehörigen Gemeindegebiet zum Gemeindeverband Balyksu, der als „traditionelles Siedlungs- und Naturnutzungsgebiet der kleinen indigenen Völker Russlands“ staatlich geschützt ist. Zudem ist er auch auf Ebene der Republik in ein entsprechendes Register geschützter Orte eingetragen. In der Verordnung vom Oktober 2016 heißt es unter Punkt 5.2.: „Auf der als Gebiet der traditionellen Naturnutzung durch indigene Völker ausgewiesenen Fläche ist jede Tätigkeit verboten, die eine Veränderung der natürlichen Umwelt nach sich zieht, darunter solche Handlungen, die ökologischen und kulturellen Gütern des Gebiets der traditionellen Naturnutzung Schaden zufügen.“
Dies hinderte das Bergbauunternehmen „Artel’ staratelej Chakasija“ aus Krasnojarsk nicht daran, im Jahr 2020 neben der Siedlung Neožidannyj mit Vorbereitungen für die Förderung von Gold zu beginnen. Neben diesem als Lizenzgebiet Balyksu bezeichneten Areal gibt es in unmittelbarer Nähe im Flussbett des Magyza ein weiteres Lizenzgebiet.
Wie im Gebiet Kemerovo werden auch hier alle Regeln des in der Deklaration der Vereinten Nationen über die Rechte indigener Völker formulierten Prinzips der freien, vorherigen und informierten Zustimmung verletzt. Davon, dass einem Bergbauunternehmen auf ihrem rechtlich geschützten Gebiet Förderlizenzen vergeben worden waren, erfuhren die Bewohner, als plötzlich schwere Maschinen anrückten und begannen, Bäume in der angrenzenden Taiga zu fällen.
Wie im Gebiet Kemerovo ist die Lärmbelästigung hoch – die Fördermaschinen arbeiten Tag und Nacht in einer Entfernung von 50 Metern zu den Häusern des Dorfs –, das Trinkwasser aus den Flüssen ist verschmutzt, landwirtschaftliche Flächen können nicht mehr genutzt werden. Und auch hier sind die Menschen durch eine Straßensperre von Waldgebieten abgeschnitten, die sie traditionell für die Jagd sowie das Sammeln von Beeren, Pilzen und Zedernzapfen genutzt hatten. Auch ein Friedhof, auf dem die Ahnen der Schoren begraben sind, ist nicht mehr zugänglich. Zu erwarten ist eine vollständige Zerstörung der Siedlung Neožidannyj und die Vertreibung ihrer Bewohner, denn das Ressourcen-Gesetz (Zakon o nedrach) schreibt vor, dass eine zur Förderung freigegebene Lagerstätte vollkommen auszubeuten ist.
Widerstand und Repressionen
Die vom Goldbergbau betroffenen Schoren im Gebiet Kemerovo und in der Republik Chakassien versuchten, sich gegen die Zerstörung ihrer angestammten Heimat mit rechtlichen Mitteln zu wehren. Doch sowohl die Arbeiter der Bergbauunternehmen als auch die Behörden reagieren mit Druck und Drohungen. Aufsichtsbehörden zeigen sich gleichgültig oder hilflos.
Nicht nur werden geltende Gesetze verletzt und das Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung missachtet. Darüber hinaus zahlen weder der Staat noch die Bergbauunternehmen den Angehörigen des indigenen Volks der Schoren Entschädigungen, Schadensersatzleistungen oder leisten eine andere Form der Wiedergutmachung.
Im Juli 2024 setzte das Oberste Gericht Russlands auf Antrag des Justizministeriums rund 50 Hilfsvereine von Angehörigen indigener Völker als angebliche Untergruppen einer „Antirussländischen separatistischen Bewegung“ auf die Liste extremistischer Organisationen. Jedem, der sich friedlich für die Rechte der Schoren und anderer indigener Völker einsetzt, drohen seitdem Haftstrafen von bis zu 12 Jahren. Dass das Regime nicht nur droht, zeigte sich Ende Dezember 2025, als an mehreren Orten in Russland Hausdurchsuchungen bei Angehörigen indigener Völker stattfanden. Mehreren Personen gelang die Flucht ins Ausland, zwei Personen wurden verhaftet. Gegen die Menschenrechtlerinnen Daria Egereva und Natalia Leongardt wurde in Moskau ein Prozess eröffnet, in dem ihnen „Terrorismus“ vorgeworfen wird.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Vjačeslav Krečetov, Dokumentarfilmer mit wissenschaftlichem Arbeitsschwerpunkt Ökologische Konflikte und Rechte indigener Völker
Ol’ga Guljajeva, Genetikerin, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Berufskrankheiten (NI KPGPZ)
Der Text erscheint mit Unterstützung des Akademischen Netzwerks Osteuropa


