Nach dem Angriff auf einen Supermarkt in Krivyj Rih am 21. August Foto: Zelensky / Official
Nach dem Angriff auf einen Supermarkt in Krivyj Rih am 21. August Foto: Zelensky / Official

Asymmetrische Abnutzung

Russlands Krieg gegen die Ukraine: August 2026

Nikolay Mitrokhin, 1.9.2026

Die Ukraine versucht, Russlands Wirtschaft mit Drohnenangriffen lahmzulegen und die Bevölkerung gegen das Regime im Kreml aufzubringen. Diese Strategie ist zum Scheitern verurteilt. Zwar zerstören die Drohnen reihenweise Lagerhallen von Onlinehändlern und sorgen mit Angriffen auf Raffinerien für Benzinknappheit. Doch an die Substanz der Volkswirtschaft geht dies nicht. Die Unzufriedenheit eines Teils der Gesellschaft mit dem Kriegskurs des Kreml ist gewachsen. Doch von Unzufriedenheit zu Protest und von Protest zu einem Fall des Regimes ist es ein weiter Weg. Stattdessen haben die Angriffe dem Kreml den Vorwand für eine Enthemmung geliefert. Russland greift rücksichtsloser und systematischer als zuvor zivile Ziele in der Ukraine an – und entwickelt neue Waffen zur Terrorisierung der ukrainischen Städte. An der Front hat sich die Hoffnung auf eine Rückeroberung besetzter Gebiete durch Luftangriffe auf die Versorgungslinien der Okkupationsarmee zerschlagen. Die beiden letzten, unter ukrainischer Kontrolle stehenden großen Städte im Donbass, Kramators’k und Slovjans’k, stehen vor einer düsteren Zukunft.

Taktische Erfolge, strategischer Fehler

In den ersten Augusttagen schlug Volodymyr Zelens’kyj Putin eine Einstellung der wechselseitigen Luftschläge auf dem Schwarzen Meer vor. Als Vermittler standen die Türkei und wohl auch die USA bereit. Die Nachricht über Zelens’kyjs Initiative wurde am 8. August veröffentlicht. Am 12. August beschloss der ukrainische Präsident offenbar, sein Angebot mit einem gewichtigen Argument zu untermauern: Bei einem schweren ukrainischen Luftangriff auf den größten russländischen Schwarzmeer-Hafen Novorossijsk wurden die Anlagen zur Verladung von Getreide sowie die im Hafen liegenden Marineschiffe zerstört. Am 14. August überbrachte die Sprecherin des russländischen Außenministeriums Marija Zacharova die Antwort: „Moskau sieht keine Grundlage für die Einstellung der Kampfhandlungen auf dem Schwarzen Meer.“ Die Reise der US-Vermittler fiel ins Wasser. Gelegentlich war in Kiew wie in Moskau noch einmal von ihnen die Rede, doch es ist offensichtlich, dass Diplomatie in der gegenwärtigen Phase des Kriegs keine Rolle spielt.

Mit ihren Luftangriffen konnte die Ukraine in den vergangenen Wochen eine Reihe taktischer Erfolge verbuchen. Seit Juli hat sie mit Drohnenattacken eine Einstellung des gesamten russländischen Schiffsverkehrs im Asowschen Meer erzwungen. Auch Russlands Häfen am Schwarzen Meer kann praktisch kein Schiff mehr ansteuern oder verlassen. Drei Viertel der Getreideexporte Russlands und ein Teil der Ölausfuhren sind blockiert. Der Preis, den die Ukraine dafür bezahlt, ist allerdings höher als der Gewinn: Russland hat mit einigen Raketenangriffen auf die Häfen im Großraum Odessa nahezu die gesamten, über See abgewickelten Aus- und Einfuhren der Ukraine lahmgelegt. Angriffe auf den Eisenbahnverkehr – alleine im August wurden mehr als 100 Lokomotiven beschädigt – und den Grenzübergang nach Moldova verringern die ukrainischen Exportkapazitäten weiter. Hinzu kam im August der niedrige Wasserstand der Donau.

Mit den Angriffen auf nichtmilitärische Schiffe auf dem Schwarzen und dem Asowschen Meer hat die ukrainische Führung das Gegenteil von dem erreicht, was sie bezweckte. In Moskau sind alle Schranken gefallen, die zuvor systematische Angriffe zur vollständigen Unterbindung ukrainischer Exporte und Importe verhindert hatten. Von einer negativen Reaktion der Partner Russlands im „Globalen Süden“ ist nichts zu hören.

Hinzu kommt, dass die ukrainischen Luftangriffe auf nichtmilitärische Ziele ihren Zweck nicht erfüllt haben. Russlands Einnahmen aus dem Ölexport, die seit Beginn des Kriegs am Persischen Golf wieder zugenommen haben, sollten geschmälert werden. Zudem hoffte man, Benzinknappheit und Schwierigkeiten mit Online-Bestellungen infolge der Angriffe auf Lagerhallen des Internethändlers Wildberries würden dazu führen, dass in Russlands Bevölkerung vor den Duma-Wahlen im September die Unzufriedenheit mit dem Kriegskurs des Kreml wächst. Ein weiteres, durchaus nachvollziehbares Ziel lautete: Rache für die Angriffe auf ukrainische zivile Infrastruktur, etwa Logistikzentren des Postunternehmens Nova pošta oder Hafenanlagen in und um Odessa.

Prägnant beschrieben hat den „Plan“ der ukrainische Kanal Exilenova+, der in der Regel erste Quelle der Bilder und Videos vom „Anflug“ auf nichtmilitärische Ziele in Russland ist und allem Anschein nach – wie die Betreiber in Anspielungen selbst behaupten – in Verbindung zu einem der ukrainischen Geheimdienste steht. Zu einem Video vom 23. August, auf dem die Zerstörung eines Lagers des Online-Versandhändlers Ozon zu sehen ist, hieß es: „Noch ein überflüssiger Schuppen weniger. Einige weitere davon, dann fangen sie vielleicht an, sich für die Raketen auf Kiew zu interessieren.“

Die Kalkulation erinnert an jene, die Putin wohl angestellt hat, als er zu Beginn des Überfalls auf die Ukraine davon ausging, dass er die ukrainische Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen und so zur raschen Aufgabe bringen könne. Doch selbst wenn es gelänge, die Bevölkerung Russlands gegen Putin aufzubringen, indem der Krieg nach Russland getragen wird: Die in der ukrainischen Führung verbreitete Vorstellung, der Krieg könne durch einen Volksaufstand in Russland beendet werden, ist unrealistisch. Es ist richtig, dass heute in Russland deutlich mehr Menschen gegen den Krieg sind als noch vor einem oder zwei Jahren. Dies hat sich nicht zuletzt daran gezeigt, dass der Kreml es für notwendig befand, mit Jabloko jene Partei von den Duma-Wahlen auszuschließen, die diese Haltung artikulierte. Doch von einer bloßen Stimmung zu echten Protesten ist es in einem Regime, das seiner Ideologie wie seiner Unterdrückungsmethoden nach als faschistisch zu klassifizieren ist, ein weiter Weg. Und Proteste garantieren noch lange keinen Sturz des Regimes. Der Fall Belarus hat dies gezeigt.

Anders gesagt: Die Angriffe, die die Ukraine – neben den zumindest taktisch erfolgreichen auf dem Schwarzen und dem Asowschen Meer – gegen Raffinerien, Lagerhallen von Onlinehändlern und die Energieinfrastruktur in den besetzten Gebieten führt, haben keine greifbaren militärischen Folgen. Wenn Benzin und Diesel knapp werden, wird zu Lasten der Bevölkerung, nicht der Armee rationiert. Die Online-Händler werden statt weniger riesiger Lager viele kleine nutzen. Davon, dass die Bevölkerung auf der Krim und in den besetzten ukrainischen Gebieten eine Woche ohne Strom auskommen muss und im Herbst und Winter wohl frieren wird, erwächst ihr kein ukrainischer Patriotismus. Und auch hier gilt, dass der vorhandene Strom zuerst der Armee und den Rüstungskonzernen zugeleitet wird. xxx

Zugleich sieht sich der Kreml nun zu jenen „ordentlichen“ Schlägen „aus vollem Rohr“ legitimiert, die der militaristische Teil der russländischen Gesellschaft schon lange fordert. Russland produziert im Monat ausreichend ballistische Raketen, um jeden Tag mindestens drei große Gebäude in der Ukraine zu zerstören, seien es Lager oder Supermärkte. Und neben diesen verfügt Russland über Marschflugkörper, Raketen vom Typ „Banderol’“ (s.u.) und eine neue Generation schwerer Angriffsdrohnen (Geran’-5).

Das Ergebnis ist, dass Russland den Luftkrieg massiv eskaliert hat. Nun werden systematisch zivile Objekte angegriffen, die zuvor entweder gar nicht als legitime Ziele betrachtet wurden oder nur unsystematisch attackiert wurden. Am 21. August etwa schlug eine russländische Drohne am helllichten Tag in einen Supermarkt in Krivyj Rih an, zwanzig Menschen starben. Solche Attacken hatte es zuvor nur nachts gegeben. Einen Tag zuvor waren auf ähnliche Weise Supermärkte in Kramators’k und Slovjans’k angegriffen worden, wo es glücklicherweise keine Todesopfer gab. Die ukrainische Armee zerstörte im Verlauf des Augusts in den besetzten Gebieten Baumärkte der Kette Galaktika, die vor der Besatzung der ukrainischen Kette Ėpicentr gehört hatten. Russland zerstört in den frontnahen Gebieten systematisch Ėpicentr-Filialen.

Selbstverständlich hat die Ukraine die Angriffe auf militärische Ziele nicht vollständig zugunsten der Attacken auf die genannten nichtmilitärischen Objekte eingestellt. Sie zerstört weiter Luftabwehranlagen und andere militärische Einrichtungen in den besetzten Gebieten. Dafür kann sie Drohnen einsetzen, die mit einem Starlink-Terminal ausgestattet sind. Auf russländischem Territorium sind die Erfolge bescheidener. Gleichwohl ist es gelungen, einige Militärflugplätze anzugreifen und kurz vor dem Start eine Iskander-Rakete zu zerstören. Weiterhin gelingt es den ukrainischen Streitkräften, Russlands Schwarzmeerflotte auszuschalten, die verbliebenen Schiffe können nicht auslaufen, nicht einmal eine Evakuierung über das Asowsche Meer und den Volga-Don-Kanal wagt Russland.

Einmal pro Woche ist ein Raketenangriff auf einen Rüstungsbetrieb in Russland zu verzeichnen. Vorrangiges Ziel der Ukraine ist es offensichtlich, die Produktion von Angriffsraketen sowie die Entwicklung von Rassvet-Satelliten zu unterbrechen, die an die Stelle der Starlink-Satelliten treten sollen. Ein beeindruckender Erfolg gelang mit dem Angriff mehrerer ukrainischer Flamingo-Raketen auf eine Werkshalle des im Weltraum-Bereich tätigen Rüstungsunternehmen Progress im Gebiet Samara am 15. August.

Doch dieser Befund ändert nichts daran, dass jede Nacht Hunderte ukrainische Drohnen an Lagern der gegnerischen Armee, Führungskommandos, Ausbildungszentren und einfachen Stützpunkten vorbeifliegen, von denen es Tausende in Russland gibt. Vorbei an Militärlastern, die für die Versorgung der besetzten Gebiete eingesetzt werden, vorbei an Dienststellen der Repressionsorgane, an Wehrersatzämtern, an Rüstungsbetrieben mit ihren Umspannstationen und ihren vollkommen ungeschützten Verwaltungsgebäuden – um stattdessen ein weiteres Lager eines Online-Händlers oder eine Raffinerie im Ural anzugreifen, wo nur ein bis zwei Prozent der gestarteten Drohnen ankommen. Ein Beispiel: 650 Drohen, die am 18. August das Gebiet Moskau anflogen, erreichten einzig, dass in einem Landkreis 10 000 Menschen zeitweise keinen Strom hatten. Glauben diejenigen, die für diese Zielauswahl verantwortlich sind, tatsächlich, dass dies wenn nicht zu einem strategischen Sieg, so doch zumindest zu einer Störung der Produktion jener Raketen und Drohnen führt, mit denen Russland jeden Tag die Ukraine terrorisiert?

Als gesichert kann gelten, dass wirtschaftliche Schäden nicht automatisch zu einem Rückgang der Rüstungsproduktion führen. Dies demonstrieren in umgekehrter Richtung die EU und die USA, die über ein wesentlich größeres wirtschaftliches Potenzial als Russland verfügen, dies aber nicht für eine entsprechende Steigerung der Rüstungsproduktion nutzen können oder wollen.

Zelens’kyjs Plan – wenn es einen solchen gibt – führt daher nicht zur Schwächung, sondern zur Stärkung von Putins Kriegsmaschinerie, die im Juli und August systematischer und brutaler eingesetzt wurde als in den viereinhalb Kriegsjahren zuvor.

Bomben und Raketen

Die militaristische Ideologie, die diese Brutalität trägt, ist immer wieder im reichweitenstarken Militärkanal „Dva Majora“ zu verfolgen. Dort hieß es am 23. August: „Kurzfristig hat die Ausradierung von Siedlungseinheiten aus der Luft keinen Sinn, das heißt aber nicht, dass es nicht notwendig wäre, die russische Erde von den ukrainischen Faschisten zu befreien.“

An diese Vorgabe hält sich die Armee. Zuerst macht sie mit schweren Fliegerbomben, von denen sie jeden Monat bis zu 5000 einsetzt, jedes mehr oder weniger auffällige Gebäude in den umkämpften ukrainischen Orten und Städten – „Siedlungseinheiten“ im offiziösen Jargon – dem Erdboden gleich. Anschließend werden Trupps von zwei bis drei Soldaten in die Ruinen geschickt. Sehr viele werden von ukrainischen Drohnen oder Scharfschützen getötet. Wenn sie sich in einem meist unter der Erde gelegenen Unterstand festsetzen, verkündet Russland, „die Kontrolle“ sei „gesichert“.

Nach Angaben des Sprechers der ukrainischen Luftstreitkräfte Jurij Ihnat hat Russland im Juli und August deutlich mehr gelenkte Fliegerbomben eingesetzt als zuvor. Bereits im Juni gingen 300 dieser Sprengsätze über dem nichtbesetzten Teil des Donbass nieder. Auf Sumy, Hauptstadt des gleichnamigen Gebiets, warf Russland in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 vier schwere Fliegerbomben ab, im Juni und Juli zusammen über 60 und alleine in den ersten 20 Augusttagen mehr als 30.

Die Ukraine hat bislang kein Gegenmittel gegen diese Angriffe gefunden. In der letzten Flugphase sind die gelenkten Bomben, die mit Gefechtsköpfen von 250–3000 Kilogramm beladen sind, zu schnell, sie erreichen eine Geschwindigkeit von 300–400 km/h. In früheren Flugphasen sind sie zu klein, um von einem Radar erfasst zu werden. Abgeworfen werden sie von Bombern aus einer Entfernung von 120 Kilometern. Die einzige Waffe, über die die Ukraine verfügt, um diese Maschinen zu treffen, sind Patriot-Raketen. An diesen herrscht jedoch großer Mangel. Dazu kommt, dass im Jahr 2025 beim Versuch, das System in Frontnähe zu diesem Zweck einzusetzen, die Radaranlagen und Abschussrampen sofort unter Beschuss genommen wurden.

Die Ukraine hat nun ihrerseits eine eigene gelenkte Fliegerbombe entwickelt, die bald eingesetzt werden soll. Da bislang für Aufgaben, die als besonders wichtig erachtet wurden, gelegentlich Kampfflugzeuge in Frontnähe eingesetzt wurden – etwa im Juni für Angriffe auf die russländischen Pontonbrücken bei Stepnohirs’k am linken Ufer des Dnipro – und dabei das Risiko groß ist, dass diese abgeschossen werden, bedeutet die Herstellung eigener gelenkter Bomben einen großen militärischen Fortschritt.

Des Weiteren haben die ukrainischen Streitkräfte in der zweiten Augusthälfte die Angriffe auf russländische Militärflugplätze wieder aufgenommen. Am 15. August wurde Savaslejka im Gebiet Nižnij Novgorod Ziel einer Attacke, am 20. August Achtubinsk im Gebiet Astrachan’ und am 21. August Marinovka im Gebiet Volgograd. Auch wenn bei diesen Angriffen nur jeweils ein Flugzeug beschädigt wurde, ist dies doch ein Fortschritt gegenüber den Vormonaten, als solche Angriffe gänzlich unterblieben waren.

Allerdings ist Russlands bereits dabei, bemannte Kampfbomber durch unbemannte Systeme zu ersetzen. Im Juli und August setzten die russländischen Streitkräfte immer häufiger Lenkwaffen vom Typ Banderol’ ein. Diese verfügen über einen 100-kg-Gefechtskopf und werden von großen Drohnen vom Typ „Inochodec“ oder von Helikoptern gestartet. Angesichts einer Reichweite von 500 km und einer Geschwindigkeit von 500 km/h können die meisten Flugabwehrsysteme, über die die Ukraine verfügt, nichts gegen diese Lenkwaffe ausrichten. Ausnahme ist erneut das Patriot-System, für das die Ukraine nicht ausreichend Abfangraketen hat.

Russland produziert bereits 300 dieser Banderol’-Lenkwaffen pro Monat – eine größere Zahl als die aller anderen Raketen und Marschflugkörper zusammengenommen. Ein 100-kg-Gefechtskopf hat nicht jene zerstörerische Wirkung wie ein 1000-kg-Sprengsatz, den ein großer Marschflugkörper tragen kann. Kaum geschützte Ziele wie Einkaufszentren, Busbahnhöfe, LKW-Parkplätze, Anlagen der Öl- und Gasindustrie und viele militärische Ziele können jedoch auch mit ihnen zerstört werden.

Dies ist also die Triade, auf die Russlands Führung in den kommenden Monaten setzen wird: Gleitbomben für den Einsatz an der Front und im frontnahen Hinterland, Lenkwaffen vom Typ Banderol’ sowie ballistische Raketen im mittleren und tieferen Hinterland. Gegen keine dieser Waffen hat die Ukraine gegenwärtig ein adäquates Mittel.

Die Lage an der Front

Russlands Armee ist es im August augenscheinlich gelungen, alle Probleme zu lösen, die ihr zuvor ukrainische Drohnen mit mittlerer Reichweite bereitet hatten. Sie erleidet bei Drohnenangriffen weiter Verluste, kann aber die Einheiten im südlichen und mittleren Abschnitt der Front wieder versorgen. Videos zeigen Kolonnen von Militärfahrzeugen, vorrangig LKW, die am helllichten Tag auf den wichtigsten Routen – der Autobahn „Novorossija“ und der Strecke Mariupol’-Donec’k – fahren. In manchen Konvois ist jedes zweite Fahrzeug mit einer mobilen MG-Einheit bestückt. Die Fahrt bleibt gefährlich, insbesondere für Tanklaster der Armee, auf die die Ukraine besonders hartnäckig Jagd macht. Doch den Kolonnen nach zu urteilen, füllen Russlands Armeegruppen in den Gebieten Cherson, Zaporižžja und Donec’k die Lager auf, die sich in den zwei Monaten, in denen keine Fahrten möglich waren, geleert hatten.

Nicht zuletzt dies hat es den Besatzungstruppen erlaubt, an mindestens sieben von zehn Frontabschnitten die Angriffe zu intensivieren und stellenweise auch neue Landstriche einzunehmen. An zwei Abschnitten konnte dagegen die Ukraine Geländegewinne verzeichnen.

Im Gebiet Sumy versuchen die Besatzungstruppen weiter, direkt auf die Gebietshauptstadt vorzustoßen. Es scheint, als hätten sie sich in dem großen Waldstück nördlich der Stadt festgesetzt. Die Lage in der Stadt, wo einst 270 000 Menschen lebten, hat sich durch die permanenten Bombenangriffe massiv verschlechtert. Die Behörden in Kiew und die Regionalverwaltung bleiben bei der Haltung: Den Russen wird es nicht gelingen, das Leben in Sumy lahmzulegen. Eine Reportage der ukrainischen Nachrichtenagentur Unian zeigt jedoch, dass ein Teil der Bevölkerung die Stadt bereits verlassen hat. So ist etwa die Zahl der Kunden auf dem zentralen Markt der Stadt stark zurückgegangen.

Im Gebiet Charkiv versuchen die russländischen Truppen weiterhin, südöstlich von Vovčans’k die ukrainischen Truppen im Nordosten des Gebiets einzukesseln. Russländische Militärkanäle verbreiten Karten, denen zufolge diese Armeegruppe nur noch durch einen Flaschenhals von einigen Kilometern Breite mit dem Rest des Landes verbunden sei. Es ist der ukrainischen Armee jedoch in der zweiten Augusthälfte offenbar gelungen, die Lage zu stabilisieren. Die Gefahr, ein großes Gebiet von 350 km² zu verlieren, ist allerdings weiterhin groß. Wenn Kiew nicht über die Truppen verfügt, um die von Nordwesten und Osten vorrückenden Besatzer zu stoppen, kann dies jederzeit geschehen.

Schwierig ist die Lage weiterhin auch bei Kupjans’k. Seit Mitte August gibt es kaum Nachrichten von dort, doch selbst der ukrainische Kanal Deepstate gibt an, dass immer mehr russländische Trupps sich im Stadtzentrum aufhalten, wohin sie entlang des Flusses Oskil vordringen. Ebenso ist dort von einem Vorstoß des Gegners auf das südlich gelegene Kupjans’k Uzlovaja die Rede. Russländische Quellen behaupten, die Stadt sei faktisch unter Kontrolle – was allerdings kaum der Wahrheit entspricht.

Im Südosten des Gebiets Charkiv rücken hingegen die ukrainischen Truppen bei Lyman und nördlich davon bei Šandryholove langsam vor. Ihr Ziel ist es, einen Vorstoß der gegnerischen Armee nördlich von Lyman in Richtung Svjatohirs’k abzuschneiden. So soll der Gefahr vorgebeugt werden, dass die Besatzungstruppen Slovjans’k im Norden umgehen. Im Verlaufe des Augusts konnte die ukrainische Armee die dort eingesetzten russländischen Einheiten in einen bislang noch zu zwei Seiten offenen Kessel drängen. In der letzten Augusthälfte sind kleinere ukrainische Trupps in den Raum zwischen den Dörfern Stavki und Zarične eingedrungen und haben so einen zweiten Umzingelungs­ring geschaffen. Gelingt es ihnen, das drei Kilometer östlich gelegene Zarične einzunehmen, schneiden sie die wichtigste Versorgungslinie der halbeingekesselten Okkupationstruppen in diesem Raum ab.

Auf der anderen Seite des Sivers’kyj Donec hat sich im Raum Slovjans’k-Kramators’k nach einer gewissen Stabilisierung im Juni und Juli die Lage der ukrainischen Armee im August verschlechtert. Nach russländischen Quellen hat die Armee bereits den östlichen Rand der Kleinstadt Mykolajiv erreicht, die einst rund 14 000 Einwohner hatte. Faktisch handelt es sich um einen östlichen Außenbezirk von Slovjans’k. Dort befindet sich das Kraftwerk der Stadt, das den ukrainischen Streitkräften als Festung dient. Nach ukrainischen Angaben stehen die Truppen des Gegners noch einige Kilometer vor Mykolajiv. Übereinstimmend sind die Aussagen zu Raj-Aleksandrivka. Auch die Ukraine bestätigt, dass sich in dem gesamten Ort, der bis vor einiger Zeit ein Knotenpunkt der ukrainischen Verteidigung östlich von Slovjans’k war, Soldaten der Besatzungsarmee aufhalten. Russländische Karten weisen Raj-Aleksandrivka bereits als Ort im Hinterland der Front aus, der eindeutig unter Kontrolle stünde. 15 Kilometer weiter südlich befinden sich die russländischen Truppen nach Moskauer Angaben bereits in der Ortschaft Peršomarijivka – sie hätten also die wichtigste ukrainische Verteidigungslinie in diesem Frontabschnitt durchbrochen. Nach ukrainischen Angaben steht die Besatzungsarmee wenige Kilometer weiter östlich jenseits dieser Linie.

Gelingt es der Ukraine nicht, mit frischen Kräften den Gegner zumindest aufzuhalten, könnte die Schlacht um Kramators’k bereits im Verlaufe des Septembers oder im Oktober beginnen, jene um Slovjans’k im November oder Dezember. Ziel der Besatzungstruppen ist es unverkennbar, spätestens bis Anfang November zum Stadtrand der letzten beiden unter ukrainischer Kontrolle stehenden urbanen Zentren des Donbass vorzurücken, um erste Häuserblocks einzunehmen und dann die Truppen, die sich dort festsetzen, über die gefrorenen Felder zu versorgen. Gelingt dies nicht, solange die Bäume noch Laub tragen, werden die Okkupanten beim Versuch, sich der Stadt zu nähern, massive Verlust erleiden und die Eroberungspläne könnten selbst dann bis zum Frühjahr vom Tisch sein, wenn infolge einer zweiten Einberufungswelle neue Soldaten an die Front geschickt werden sollten.

In Kramators’k und Slovjans’k ist man sich der Lage bewusst. In der letzten Augustwoche fuhren waghalsige ukrainische Videoblogger zu einem „Abschiedsbesuch“ in die beiden Städte und filmten leere Straßen, geschlossene oder vor der Schließung stehende Geschäfte, von Drohnenschutznetzen überzogene Straßen, durch die kaum noch Autos fahren, sowie die absurden Arbeiten der kommunalen Dienste, die weiter die Grünanlagen im Stadtzentrum pflegen. In Slovjan’sk würden einige Straßen bereits regelmäßig als Einflugschneisen für Drohnen ins Zentrum genutzt. Ähnliches beschreibt ein ukrainischer Soldat aus Kramators’k.

Besonders weit gehen die Darstellungen der beiden Armeen zur Lage bei Kostjantynivka auseinander. Übereinstimmend geben sie lediglich an, dass die westlichen Bezirke von Časiv Jar in der Hand der Besatzungsarmee seien – nach ukrainischen Angaben abzüglich einiger Straßenzüge, die sich in einer Grauzone befänden. Russland gibt an, in der gesamten Stadt befänden sich keine ukrainischen Soldaten mehr, die Ukraine hingegen gibt bekannt, sie kontrolliere weiterhin den Nordwesten und Teile des Stadtzentrums. Dieser Version ist mehr Glauben zu schenken, Russland hat keine Bilder präsentiert, die die Darstellung untermauern würden.

Ähnlich gehen die Lagebilder zu Dobropil’e auseinander, der nördlichsten Stadt der besetzten Agglomeration Pokrovs’k. Nach russländischen Angaben befinden sich die eigenen Truppen in der Stadt, auf der Karte von Deepstate stehen die Besatzer zehn Kilometer östlich.

Im Südosten des Gebiets Dnipropetrovs’k drängt die ukrainische Armee bereits seit Februar die Besatzer zurück, unterbrochen von einigen Gegenangriffen. Nun hat Deepstate am 14. August mit einer neuen Version der laufend aktualisierten Karten zum Frontverlauf das gesamte Gebiet als „befreit“ ausgewiesen. Dies ist wenig überzeugend, da zum einen die ukrainischen Truppen bereits früher vorgerückt sind, zum anderen Russland mit verstärkten Kräften erneut Dörfer in dieser weiter umkämpften Gegend eingenommen hat. Hinzu kommt, dass für die angebliche Befreiung des Gebiets Dnipropetrovs’k Kräfte eingesetzt wurden, die anderswo fehlten, insbesondere bei der Verteidigung des 60 Kilometer südwestlich gelegenen Orichiv. Auch wenn sich die Lage dort ebenfalls anders darstellt, als es russländische Quellen behaupten, so dürfte doch feststehen, dass die Okkupanten einen Teil der dem Erdboden gleichgemachten größeren Siedlung Mala Tokmačka, die bereits mehrfach von der einen Hand in die andere ging, vorübergehend kontrolliert haben und kleinere Trupps in das unmittelbar westlich gelegene Orichiv eingedrungen sind. Insgesamt jedoch hat die ukrainische Armee in diesem südlichen Frontabschnitt ein Vordringen des Gegners weitgehend verhindern können und dies wird sich wahrscheinlich auch nicht mehr ändern, bevor mit dem Laubfall im Herbst bis zum Frühjahr Offensivoperationen der Okkupanten erst recht auf Schwierigkeiten stoßen. Bedauerlich ist allerdings, dass die ukrainischen Streitkräfte den taktischen Vorteil, den sie durch die Drohnenangriffe auf die Versorgungslinien des Gegners im Juni und Juli hatten, nicht nutzen konnten.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.