Asymmetrische Luftschlagkapazität
Russlands Krieg gegen die Ukraine: 1.–15. September 2026
Nikolay Mitrokhin, 15.9.2026
Die Ukraine steht vor einem sehr schweren Kriegswinter. Im Juni schien sie nach einem technologischen Sprung bei der Drohnentechnik wichtige Vorteile aus einer Ausweitung ihrer Luftangriffe ziehen zu können. Weiterhin fügt sie Russlands Wirtschaft große Schäden zu. Doch die massiven Angriffe Russlands mit neuen Drohnentypen und schwer abfangbaren ballistischen Raketen setzen der Ukraine in viel größerem Maße zu. An der Front rücken die Besatzungstruppen weiter an einigen wenigen Abschnitten sehr langsam und unter hohen Verlusten vor. Ob der Kreml mit einer Mobilmachung neue Soldaten an die Front führt, ist immer noch unklar. Ein weiterer Vermittlungsversuch der USA hat lediglich ergeben, dass Russland seine Forderungen seit den letzten Bemühungen um einen Waffenstillstand ausgeweitet hat.
Russlands Krieg gegen die Ukraine hat beide Kriegsparteien in eine strategische Sackgasse geführt. Die Luftschläge gegen wirtschaftlich bedeutende zivile Infrastruktur des Gegners führen zu massiven Verlusten. Sowohl die Ukraine als auch Russland können ihre Schwarzmeerhäfen nicht mehr für den Warenexport nutzen. Dies hat Auswirkungen auf die Länder des globalen Südens, die von Getreideimporten aus den beiden Staaten abhängig sind. Wie sich im Verlaufe des Augusts und der ersten Septemberhälfte gezeigt hat, ist die Ukraine in diesem Luftkrieg unterlegen. Die Schäden die sie erleidet, sind deutlich höher. Im Verteidigungshaushalt klafft ein Loch von einer Milliarde Hryvnja. Dies hat bereits die Frage aufgeworfen, wie Kiew am Ende des Jahres den Sold für die Soldaten aufbringen soll. Auch der Aggressor wird wegen der durch Angriffe der Ukraine auf Raffinerien ausgelösten Treibstoffknappheit wahrscheinlich bald große wirtschaftliche Probleme bekommen.
Dies ist der Hintergrund, vor dem die USA und die Ukraine einen neuen Versuch unternommen haben, mit Russland zu einer Waffenstillstandsvereinbarung zu kommen. Ende August reiste der CIA-Direktor John Ratcliffe zu diesem Zweck nach Moskau, wo er seinen Amtskollegen FSB-Chef Aleksandr Bortnikov traf. Ende der ersten Septemberwoche fuhren dann die US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner nach Russland und anschließend in die Ukraine. Offenbar mussten sie feststellen, dass Moskau seit der letzten Gesprächsrunde seine Forderungen ausgeweitet hat.
Zur Voraussetzung für einen Waffenstillstand macht Russland mittlerweile nicht nur, dass die Ukraine die verbliebenen Teile des Donbass räumt, sondern auch einen Teil des Gebiets Zaporižžja. Um welche Teile es sich handelt und ob die Forderung die gleichnamige Gebietshauptstadt Zaporižžja umfasst, blieb unklar. Die Abtretung der Gebiete solle in der ukrainischen Verfassung festgehalten werde. Außerdem solle die ukrainische Armee verkleinert werden und die Ukraine von dem Ansinnen auf Mitgliedschaft in der NATO Abstand nehmen. Schließlich sollten in der Ukraine Wahlen stattfinden, aus denen eine von Russland als legitim erachtete Regierung hervorgeht, die dann einen Friedensvertrag unterzeichnet. Forderungen nach einer „Entnazifizierung“ der Ukraine, einer Anerkennung des Russischen als gleichberechtigter Sprache oder einer Schutzgarantie für die Russische Orthodoxe Kirche stehen offenbar aktuell nicht mehr auf dem Forderungskatalog des Kreml.
Die ukrainische Führung hat die Forderungen nicht sofort zurückgewiesen, sondern „zur Kenntnis genommen“. Am 8. September erklärte Zelens’kyj, es werde eine trilaterale Verhandlungsgruppe eingesetzt – ohne Beteiligung der europäischen Staaten, die die Hauptlast der finanziellen und militärischen Unterstützung der Ukraine tragen. Am gleichen Tag ließ der ukrainische Präsident auch verlautbaren, er sei bereit, mit Russland einen Kompromiss bei den Themen Getreideexporte und Angriffe auf Energieinfrastruktur zu finden. Einstweilen ist unklar, welche Ergebnisse Verhandlungen zu diesen beiden Themen bringen werden.
Fest steht nur, dass Zelens’kyj massiv unter Druck steht. Die New York Times veröffentlichte interne Audits der ukrainischen Armee zu Waffenkäufen im Jahr 2024, die zeigen, dass die Ukraine mindestens 1,2 Mrd. US-Dollar für den Kauf von Munition ausgab, die entweder überhaupt nicht oder in untauglichem Zustand geliefert wurde – und dass nach Bekanntwerden des Problems weiter Waffen bei denselben Herstellern oder Vermittlern bestellt wurde.
Ein weiterer Schlag gegen Zelens’kyj kam aus Richtung der Nationalen Behörde für den Kampf gegen Korruption (NABU). Diese deckte auf, dass hochrangige Mitarbeiter der Generalstaatsanwaltschaft betrügerische Call-Center deckten. Am 7. September trat Generalstaatsanwalt Ruslan Kravčenko zurück, am 14. verließ er mitten in der Nacht das Land in Richtung Litauen, unmittelbar darauf ordnete Zelens’kyj seine Entlassung an.
Vier Wochen zuvor hatte Zelens’kyj nach Korruptionsermittlungen ein weiteres Mitglied seines „engsten Kreises“ fallen lassen müssen. Am 25.8. erließ das Oberste Gericht für Korruptionsbekämpfung Haftbefehl gegen Iryna Mudra, stellvertretende Leiterin der Präsidialadministration mit dem Portfolio Gesetzgebung und Rechtssystem. Das Gericht wirft Mudra sowie einigen ihr nahestehenden Bankiers vor, in den großen Korruptionsfall Mindič-Gate und in die illegale Umverteilung von Immobilien verstrickt zu sein. Zelens’kyj entließ Mudra umgehend. Doch die Frage, wie sehr sich der Präsident von seinem korrupten Umfeld befreit hat, steht weiter im Raum – zumal die zentrale Figur, der bis Ende 2025 amtierende Leiter der Präsidialadministration Andrii Ermak Mitte Mai gegen Kaution mit Bewegungsauflagen (Fußfessel) aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, bevor zwei Monate später diese Auflagen gelockert wurden, so dass er sich nun in einem größeren Gebiet bewegen darf.
Auch militärisch muss man von einem schwarzen Monat für Zelens’kyj sprechen. Er hat seine Trümpfe auf den Tisch gelegt, Raffinerien in Russland mit Drohnen lahmgelegt, Russlands zivile Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer unterbrochen – aber kein wesentliches Ergebnis erzielt. Die ukrainische Armee kann an der Front im Osten des Landes kleinere Erfolge verzeichnen, doch diese sind eher lokaler Natur. Insgesamt rücken die Besatzungstruppen weiter langsam vor und nehmen dabei die Ruinen weiterer zerstörter Städte ein, während die Ukraine vor allem Felder und Wälder zurückerobert.
Zelens’kyjs Versuch, den Einsatz zu erhöhen, indem er „warnte“, Russlands Luftraum sei für den zivilen Verkehr nicht mehr sicher, gehört klar erkennbar nicht zu jenem Typ von Argumenten, auf die der Kreml mit Zurückweichen reagiert. Dass die – durchaus messbare – Unzufriedenheit der Bevölkerung Russlands von außen zu einer politischen Krise gesteigert werden kann, ist eine theoretische Annahme. Die Ukraine hingegen kämpft mit den immer massiveren Folgen der russländischen Luftangriffe. Diesen kann sie immer weniger entgegensetzen, weil ihr für die Abwehr ballistischer Raketen kaum noch die benötigten Abfangmittel zur Verfügung stehen und Russland immer mehr Drohnen mit Düsentriebwerken einsetzt, die mit höherer Geschwindigkeit fliegen und daher deutlich schwerer abzufangen sind.
Der Luftkrieg
Die ukrainische Kampagne
Die ukrainische Luftwaffe hat in der ersten Septemberhälfte ihre Überlegenheit im Luftraum über den küstennahen Gebieten des Schwarzen Meers aufrechterhalten und diese Zone weiter nach Norden ausgedehnt. Seit sie Ende Juli die wichtigsten Luftabwehrstellungen Russlands im Raum Rostov-am-Don zerstört hat, kann sie dieses wichtige Kommando- und Logistikzentrum der Okkupationstruppen immer häufiger angreifen. Am 2. und 4. September führte sie einen massiven Schlag gegen Soči, der vergleichbar mit dem großen Angriff auf Novorossijsk am 12. August war. Getroffen wurden zudem Anlagen des Luftverteidigungssystems S-400 sowie Öllager. Sehr erfolgreich war offenbar ein Angriff auf Novorossijsk und Anapa am 8. und 9. September, bei dem nach ukrainischen Angaben Ölverladeterminals, Raketenboote, ein Militärflugzeug und ein Hubschrauber getroffen wurden. Seit der Entlassung von Verteidigungsminister Fedorov greift die Ukraine häufiger Militärflugplätze in Russland an, insbesondere in Ejsk im Gebiet Krasnodar, an der unteren Wolga, vor allem den Stützpunkt für strategische Bomber bei Engel’s.
Anderswo in Russland werden vor allem große Raffinerien angegriffen, um die Benzinkrise in Russland auszuweiten. 50 Prozent der Raffineriekapazitäten sind in der Tat lahmgelegt. Allerdings hat Moskau Treibstoff aus den staatlichen Reserven freigegeben und der Import von Benzin über Russlands Häfen an der Ostsee, am Nordpolarmeer und am Pazifik ist angelaufen.
Kann die Ukraine die Frequenz der Angriffe aufrechterhalten, werden die Reserven jedoch gegen Ende des Herbstes zur Neige gehen und die Reparatur zerstörter Raffinerieanlagen verläuft nur sehr langsam. Doch dies wird jedoch nicht zu einem „vollständigen Kollaps“ führen, sondern lediglich zu einem Rückgang nicht dringend benötigter Wirtschaftstätigkeiten und gewissen Einschränkungen beim Waren- und Dienstleistungsangebot. Gelingt es der Ukraine, die Treibstoffproduktion so stark einzuschränken, dass einschließlich Importen nur noch 40-50 Prozent des üblichen Bedarfs gedeckt werden können, wird Moskau der Bevölkerung Benzinkarten für monatliche 40-50 Liter ausgeben und so den Verbrauch drosseln.
Die Ukraine setzt ihre Drohnen weiter nur in sehr geringem Maße für Angriffe auf Russlands Rüstungsschmieden ein. Die Schäden, die sie mit den wenigen Angriffen ausrichten kann, werden zudem immer geringer. Die Zeit, als die Betriebe noch völlig ungeschützt waren, weil in Russland niemand mit dem technologischen Sprung bei den ukrainischen Drohnen gerechnet hatte, ist ungenutzt verstrichen. Jetzt werden gerade in Regionen mit zahlreichen Rüstungsunternehmen Umspannwerke immer häufiger gegen Drohnen geschützt. Dies gilt etwa für die 60 Kilometer östlich von Moskau gelegene Kreisstadt Pavlovskij Posad, wo das Unternehmen Ėksiton Mikroprozessoren baut, die Russland in Raketen einsetzt. Die Ukraine hat den Betrieb seit Mitte August drei Mal mit Drohnen angegriffen, aber nicht mehr erreicht als die Zerstörung einer Trafostation. Vieles deutet darauf hin, dass die Ukraine nur im Süden Russlands und an der unteren Wolga bis auf die Höhe von Saratov bei Angriffen auf militärische Anlagen und Betriebe der Rüstungsindustrie relevante Schäden anrichten konnte. Nicht-militärische Ziele hingegen wurden seit Anfang August überall in Zentralrussland beschädigt oder zerstört – einschließlich Jaroslavl‘ und Perm, ausgenommen aber das Gebiet Moskau, wo keine Einschläge mit größerer Auswirkung mehr zu verzeichnen waren. Östlich des Urals schlugen etwa in Ekaterinburg nur einzelne Drohnen ein, die keine größeren Schäden anrichteten. Das bislang am weitesten von einem Startplatz in der Ukraine entfernte Ziel erreichten Drohnen, die nach einem Flug von rund 3000 Kilometern am 9. September in Russlands „Erdgashauptstadt“ Novyj Urengoj auf der Jamal-Halbinsel einschlugen.
Russlands massive Schläge
Die Ukraine hat als Opfer der russländischen Aggression das moralische Recht zu jeder Form der Verteidigung. Auf einem anderen Blatt steht, ob jede Entscheidung klug ist.
Zwischen Februar 2022 und Juli 2026 wurden bei russländischen Luftangriffen in der Ukraine insgesamt 25 Lager, Terminals, Logistikzentren und Hallen von Handelsketten getroffen – drei solcher Objekte wurden im Jahr 2022 angegriffen, zwei 2023, jeweils drei in den Jahren 2024 und 2025 und acht im Jahr 2026 bis Mitte Juli. Sieben Mal wurden Baumärkte der Kette „Ėpicentr“ angegriffen, meist in frontnahen Städten. Die übrigen Angriffe galten fast alle Verteilungszentren des Logistikunternehmens Nova pošta, das von ukrainischen Medien und Bloggern als beste Möglichkeit zur Versendung von militärischer Ausrüstung gepriesen wurde.
Am 18. Juli begannen die ukrainischen Angriffe auf Lagerhallen von Online-Händlern in zahlreichen Regionen Russlands. In den folgenden drei Wochen waren mehrere Dutzend russländische Drohnenangriffe auf Objekte des genannten Typs zu verzeichnen, insbesondere im Gebiet Kiew und in frontnahen Städten. Mittlerweile greift Russland Tag und Nacht Kiew und Städte im Gebiet Kiew mit Drohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen an. Der permanente Luftalarm wird nur selten aufgehoben, meist, wenn ausländischer Staatsbesuch in der Hauptstadt ist.
In zahlreichen Geschäften in Kiew und anderen Großstädten wurden kurzfristig die Lebensmittel knapp. Dieses Problem könnte durch Umstellung der Lieferketten auf kleinere Lager relativ rasch behoben werden. Ähnlich ist die Lage bei Baumärkten, Apotheken und den Filialen anderer Einzelhandelsketten. Bei Attacken auf Verteilungszentren von Nova pošta, die Russland systematisch unter Beschuss nimmt, wurden mindestens 100 000 Sendungen zerstört. Bei Angriffen am 19. Juli und 1. August gingen 1,2 Millionen Schulbücher in Flammen auf, ein Zehntel der im Jahr 2026 gedruckten Auflage, die turnusgemäß Lehrmaterialien der vierten und neunten Klasse ersetzen soll. Setzt Russland die Angriffe in dieser Weise fort und findet die Ukraine keine neuen Gegenmittel, so dürfen bis Ende November in Kiew und Umland sowie in den Gebieten Dnipropetrovs’k, Zaporižžja und Černihiv keine einzige große Lagerhalle in der typischen, kaum Schutz gegen Drohnen bietenden Stahlblechbauweise mehr stehen.
Die Ukraine hofft auf neue Systeme, die die zuletzt wegen des Einsatzes der düsengetriebenen Drohnen vom Typ Geran’-4 und Geran’-5 sowie des kleinen Marschflugkörpers Banderol’ deutlich gesunkene Abfangrate wieder erhöhen. Ebenso versucht die politische Führung, mehr Patriot-Raketen oder andere Luftabwehrsysteme aus den westlichen Staaten zu erhalten. Auf einer Rüstungsmesse im polnischen Kielce präsentierte das ukrainische Konstruktionsbüro Luč in der zweiten Septemberwoche ein Koral genanntes Abfangsystem, das in der Lage sein soll, anfliegende ballistische Raketen zu zerstören. Doch all diese Hoffnungen sind vage. Gegenwärtig stellt sich die Lage anders dar: Nachdem sich die Ausweitung des Luftkriegs im Juni aus ukrainischer Sicht sehr erfolgreich ausnahm, hat sich das Blatt gewendet. Russland hat das größere Zerstörungspotential und die größeren Ressourcen.
Russland greift zudem weiter permanent Hafenanlagen an der gesamten ukrainischen Schwarzmeerküste an und legt damit den ukrainischen Seehandel lahm. Einige Schiffe haben es zwar gewagt, mit ausgeschaltetem Transponder den einen oder anderen Hafen im Großraum Odessa anzulaufen. Doch nicht nur haben sich die Kosten für die Schiffsversicherung vervielfacht, die Beladung ist aufgrund der ständigen Luftangriffe sehr riskant. Zudem greift Russland auch ukrainische Zoll- und Grenzabfertigungsanlagen an der Grenze zu Rumänien an und legt so den grenzüberschreitenden LKW-Verkehr lahm. Auch Lastwagenkolonnen, die auf die Abfertigung warteten, wurden bereits zum Ziel von Drohnen.
All dies hat dazu geführt, dass in der Ukraine erste Kritik an der Entscheidung der politischen Führung aufgekommen ist, mit Angriffen auf nichtmilitärische Ziele in Russland die Bevölkerung zu einem möglichen Widerstand gegen die Kriegspolitik des Kreml zu bringen. Der Leiter des Investigativ-Teams der Ukrains’ka Pravda, Michaklo Tkač, fragte etwa:
„Als wir die Entscheidung getroffen haben, Wildberries und andere Unternehmen auf russischem Gebiet auszuschalten, haben wir da mit unserer Wirtschaft darüber gesprochen, dass es eine symmetrische Antwort geben wird? Man hätte die großen Lager irgendwie aufteilen, Sicherheitsmaßnahmen und andere Vorbereitungen treffen müssen, denn dass eine solche Reaktion kommen würde, war absehbar.“
Daraufhin wurde Tkač der Täter-Opfer-Umkehr beschuldigt, was den Chefredakteur der ukrainischen Forbes Boris Davidenko veranlasste, Tkač zu verteidigen. Auch Davidenko kritisierte nicht die Entscheidung zum Angriff als solche, aber ihre schlechte Vorbereitung.
Mobilmachung in Russland
In der Ukraine und mittlerweile auch in Russland wird weiter darüber spekuliert, ob der Kreml nach den Duma-„Wahlen“ (18.-20. September) eine zweite Einberufungswelle verkünden wird. Putin und seine Untergebenen bestreiten dies und behaupten, es gebe gar keinen Bedarf an neuen Soldaten. Wahrscheinlich wurde noch keine Anordnung erteilt. Gleichwohl laufen in mehreren Regionen des Landes Vorbereitungen, um gegebenenfalls eine Ankündigung in den kommenden Wochen rasch umsetzen zu können. In einigen Regionen wie etwa im Gebiet Penza hat die Aufnahme neuer „Freiwilliger“ in die Armee bereits den Charakter einer Zwangsmobilisierung. So holen die Wehrbehörden etwa auf Hinweis der Zivilbehörden Männer aus schwierigen sozialen Verhältnissen ab. Ihnen bleibt keine andere Wahl, als den Vertrag mit der Armee zu unterschreiben.
Beim Militärkanal Rybar‘ taucht der Hinweis, dass es Russlands Armee an Soldaten mangelt, im Zusammenhang mit einer Kritik an den flammenden „Patrioten“ auf, die immer wieder wenn nicht eine Atombombe auf Kiew, dann wenigstens den Einsatz eines taktischen Nuklearsprengkopfs an der Front fordern:
„Aber wer rückt dann in die entstandene Lücke vor. Es ist kein Geheimnis, dass es Russlands Streitkräften schon lange an Männern fehlt, vollausgestattete Einheiten mit der regulären Ausrüstung, werden, um es mal so auszudrücken, nicht allzu häufig bereitgehalten. So entsteht eine Situation, in der niemand in den operativen Raum vorstoßen kann, von einer zweiten Reihe erst gar nicht zu reden. Immer wieder dringen Einheiten in irgendein „Neumoskau“ ein, um dann festzustellen, dass eine Nachführung von Verstärkung nicht vorgesehen ist und sie sich mitten im Feindesland befinden, umgeben von ukrainischen Drohnenpiloten.“
Zuvor war dort bereits von den großen Verlusten zu lesen, die Russlands Armee durch die Angriffe mit kleinen Gruppen erleidet.
Diese Hinweise bestätigen die ukrainischen Angaben, dass Russlands Armee monatlich mehr Soldaten durch Tod und Verwundung verliert, als ihr durch die Rekrutierung von Freiwilligen neu zugeführt werden können. Die Differenz betrage 8000–12 000 Mann pro Monat. Den größten Bedarf an neuen Soldaten haben zweifellos die Sturmbrigaden und andere an vorderster Front eingesetzte Einheiten.
Hinzu kommt, dass Russland immer mehr Soldaten braucht, weil es die Front mit Angriffen an immer neuen Stellen entlang der Staatsgrenze immer mehr in die Länge zieht. Ziel ist es, die ukrainischen Reserven zu erschöpfen, zugleich belastet das Vorgehen natürlich die eigenen Reserven. Das Ergebnis ist, dass Russland nur an engen Frontabschnitten zu Offensivoperationen in der Lage ist und sich dabei gegenwärtig auf Slovjans’k, Dobropillja und Orichiv konzentriert.
Die Lage an der Front
Die Gesamtsituation an der Front hat sich in der ersten Septemberhälfte gegenüber den vorherigen Monaten nur wenig verändert. An einzelnen Abschnitten gab es jedoch durchaus Dynamik. Die ukrainische Armee hat bei Lyman einen großen Erfolg erzielt, die Besatzungstruppen rücken jedoch nördlich von Sumy, nördlich von Charkiv, bei Dobropillja und Orichiv vor.
Unmittelbar nördlich von Sumy ist es der ukrainischen Armee gelungen, das Vordringen des Gegners elf Kilometer vor der Stadtgrenze aufzuhalten. Nordöstlich der Stadt rücken die russländischen Truppen jedoch weiter in südlicher Richtung vor und bedrängen nun die vordersten ukrainischen Einheiten von zwei Seiten. Gelingt es nicht, den Vormarsch zu stoppen, werden die Besatzungstruppen bereits Ende September auf breiterer Front zehn Kilometer vor der Gebietshauptstadt stehen, deren Verteidigung immer schwieriger wird.
Schwere Kämpfe finden erstmals nördlich von Charkiv bei Kozača Lopan‘ statt. Nach russländischen Angaben wurde diese 20 Kilometer von den nördlichen Ausläufern der ukrainischen Gebietshauptstadt entfernte Ortschaft in den ersten Septembertagen eingenommen. Zwar rückten die Besatzungstruppen im Rahmen der Operation zur Schaffung einer „Pufferzone“ auf ukrainischem Gebiet vor, doch damit an dieser Stelle keine Einfallschneise für einen Angriff auf Charkiv entsteht, muss die ukrainische Armee rasch handeln.
Weiter östlich haben die russländischen Truppen nach Angaben einiger ihnen nahestehender Militärblogger die im Nordosten des Gebiets in einem Raum von 350 km² stehenden ukrainischen Truppen eingekesselt. Der Ring ist jedoch im Süden allenfalls schwach geschlossen, ukrainische Quellen bestreiten, dass dies überhaupt der Fall sei. Die Lage der Verteidiger ist schwierig, doch mit der rechtzeitigen Verlegung von Truppen an die kritischen Stellen scheint sie gegenwärtig noch lösbar zu sein.
Im Raum Kupjans’k sind ukrainische Einheiten 15 Kilometer nördlich der Stadt bei Dvorična vorgerückt. Ziel ist es offenbar, bis zum Fluss Oskil zu gelangen und eine von den Besatzungstruppen verwendete Furt unter Beschuss nehmen zu können.
Im südöstlichen Teil des Gebiets Charkiv und im Nordosten des Gebiets Donec’k hat die ukrainische Armee nach eigenen Angaben nach einer umfassenden zweimonatigen Operation einen großen Erfolg erzielt und eine „Zunge“ der Besatzungstruppen abgeschnitten, die vom Fluss Žerebec bis zu den östlichen Vororten von Svjatohirs’k am Sivers’kyj Donec reichte. Diesen 20 Kilometer langen und bis zu 25 Kilometer breiten Raum hatte Russland nach dem Überfall im Februar 2022 besetzt, in den Folgemonaten befreite die Ukraine diese Gebiete, bevor die Okkupationstruppen sie im Verlaufe des Winters 2025/2026 erneut einnahmen. Die seit Juli laufende ukrainische Operation hatte nun offenbar Erfolg. Der russländische Militärkanal Rybar‘ bestätigt dies zwar nicht direkt, gab jedoch am 7. September zwischen den Zeilen zu, dass sich in der Siedlung Šandrynholove im Zentrum des vormals okkupierten Gebiets möglicherweise keine russländischen Truppen mehr aufhalten. Am gleichen Tag postete der Chef des Dritten Armeekorps der ukrainischen Streitkräfte Andrii Bilec’kyj ein Video, auf dem er sich – auf der Brücke über den Sivers’kyj Donec zum Kloster Svjatohirs’k stehend – abfällig über Putin äußerte, der drei Tage zuvor die Einnahme der Stadt verkündet hatte. Wenn Bilec’kyj nicht lebensmüde ist, so bedeutet sein Auftritt ohne Helm am hellichten Tag an diesem Ort, wo es keinerlei Deckung gibt, dass Russland nicht nur in und um Svjatohirs’k keine Truppen mehr hat, sondern in einem größeren Raum auch keine Drohnenpiloten, deren Angriffswerkzeuge an bis zu 30 Kilometer langen Glasfaserkabeln hängen. Dies bestätigt, dass sich die Truppen, in die sie eingebettet sind, hinter den Žerebec zurückgezogen haben.
Damit ist auch die Gefahr für die Stadt Lyman beseitigt, die Ende Juli noch kurz vor dem Fall stand. Dies bedeutet auch, dass die Situation der ukrainischen Truppen, die Slovjans’k verteidigen, sich im nördlichen Bereich dieses Frontabschnitts etwas verbessert hat. Zu dem ukrainischen Erfolg hat möglicherweise ein Raketenangriff auf drei Gebäude des Stabs der russländischen Armeegruppe Mitte in Donec’k am 27. August beigetragen. Getroffen wurde der Stab selbst sowie die Kommandostellen der 2. und der 51. Armee. Nach ukrainischen Angaben wurden 27 Militärs getötet, darunter zwei Generäle, ein Oberst und zwei Oberstleutnante, 58 wurden verletzt. Nachrufe bestätigen die Angaben.
Gleichzeitig ist die Lage der ukrainischen Armee bei Slovjans’k und Kramators’k weiter sehr kritisch, ohne dass es in den ersten zwei Septemberwochen zu dramatischen Veränderungen gekommen wäre. Es sind jedoch bereits erste russländische Soldaten nach Mykolajivka eingedrungen, der letzten Ortschaft vor der Stadt, die die Ukraine noch hält. Den seltenen ukrainischen Angaben zur Lage dort nach zu urteilen, ist es den Besatzungstruppen an zwei Stellen gelungen, die erste der drei Verteidigungslinien zu durchbrechen, die Slovjans’k und Kramators’k noch schützen.
Südlich von Kramators’k haben die russländischen Truppen in den vergangenen Wochen nach eigenen Angaben im Raum zwischen Kostjantynivka und Druživka ukrainische Stellungen und kleinere Dörfer eingenommen und legen langsam von Süden einen Ring um Druživka. Größere Veränderungen gibt es jedoch nicht, das Zentrum von Kostjantynivka und das in ein Ruinenfeld verwandelte Areal nördlich davon sind umkämpft, stehen aber weiter unter ukrainischer Kontrolle.
Wesentlich schlechter stellt sich die Situation der ukrainischen Truppen – zumindest nach russländischen Angaben, ukrainische Kanäle schweigen dazu – bei Dobropillja dar. Nach Einnahme einer nahen Siedlung haben die Besatzer den Sturmangriff auf die Kleinstadt begonnen. Neue Informationen zur Lage bei Huljaj-Pole gibt es nicht. Das 40 Kilometer westlich gelegene Orichiv steht hingegen offenbar unter schwerem Druck. Stimmen die russländischen Angaben, denen zufolge die Moskauer Truppen im Osten und Süden nah an die Kleinstadt herangerückt sind, muss davon ausgegangen werden, dass sie bis Ende Oktober verloren geht.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.
Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.


