Die Ruhe nach dem Sturm
Russlands Krieg gegen die Ukraine, 213. und 214. Kriegswoche
Nikolay Mitrokhin, 6.5.2026
Der Ukraine ist es gelungen, Russlands Bodenoffensive vollständig zu stoppen. An nahezu allen Frontabschnitten sind die Kämpfe abgeflaut. Im Luftkrieg ist die Ukraine Russland mittlerweile überlegen. Kiew setzt darauf, mit der fortschreitenden Zerstörung der Grundlagen der russländischen Volkswirtschaft, insbesondere der Infrastruktur für den Export von Öl und Gas, Moskau zu einer Einstellung des Angriffskriegs zu bringen. Gleichwohl benötigt die Ukraine dringend neue Soldaten, die die erschöpften Truppen ablösen und die Frontlinie sichern können. Fahnenflucht und Umgehung des Wehrdiensts sind ein Massenphänomen, aber auch Gewalt bei der Zwangsaushebung neuer Soldaten ist Alltag. Neue Ansätze bei der Rekrutierung sollen dem entgegenwirken.
Die Lage der Ukraine ist so gut wie seit dem Frühjahr 2023 nicht mehr. An der Front hat die Armee Russlands Vormarsch endgültig aufgehalten. Ukrainischen Angaben zufolge konnte sie im April 2026 sogar mehr Territorum zurückerobern als sie dem Gegner überlassen musste – bei nur sehr geringfügigen Änderungen. In der Drohnentechnik ist die Ukraine mittlerweile Russland bei allen wichtigen Typen unbemannter Flugkörper überlegen. Mit schweren Kampfdrohnen fügt Kiew Russlands Volkswirtschaft einen sichtbar größeren Schaden zu, als dies umgekehrt der Fall ist. Mehr noch: Die Ukraine setzt Russlands Luftabwehr immer weiter außer Gefecht. Nach Angaben des Kommandos Unbemannte Systeme der ukrainischen Streitkräfte gelang es alleine im April 2026, 48 teure Radaranlagen und Abschussrampen zu zerstören. Die verbleibenden Systeme setzt Russland zum Schutz von Zonen mit erstrangiger Bedeutung ein, entsprechend sind andere Gebiete vollkommen ungeschützt. Zudem hat sich die Reichweite der ukrainischen Drohnen in den vergangenen vier Jahren fast verdreifacht. Heute können sie Entfernungen von bis zu 1800 Kilometern zurücklegen und Ziele etwa in Westsibirien anfliegen. Ende April wurde in Perm‘ die zum Lukojl-Konzern gehörende Raffinerie Permnefteorgsintez getroffen, eine der größten öl- und gasverarbeitenden Anlagen in ganz Russland. Ebenso wurden auf dem Luftwaffenstützpunkt Šagol nahe Čeljabinsk, wo die 21. gemischte Luftdivision stationiert ist, zwei – nach anderen Angaben sogar vier – moderne Kampfflugzeuge getroffen. In Ekaterinburg stürzte eine Drohne beim Anflug auf einen Rüstungsbetrieb in ein Wohnhaus.
Am 5. Mai musste im östlich von Sankt Petersburg gelegenen Kiriši eine weitere Großraffinerie nach einer Drohnenattacke den Betrieb vorübergehend einstellen. Der Ukraine gelingt es auf diese Weise nicht nur, Russlands Infrastruktur für den Export fossiler Energieträger zu zerstören, also insbesondere Ölverladehäfen und Pumpstationen im Landesinnern. Immer häufiger werden auch Betriebe getroffen, die Vorprodukte für Sprengstoff herstellen oder Bauteile, die in Raketen oder Drohnen eingesetzt werden.
Am Schwarzmeerhafen Tuapse zerstörten ukrainische Drohnen in vier Angriffswellen Ende April rund die Hälfte der großen Tanks für Öl und Ölprodukte. In der Folge liefen große Mengen Öl ins Schwarze Meer, von der Umweltkatastrophe ist auch ein Großteil der Badestrände zwischen Tuapse und Soči betroffen. In der zweiten Aprilhälfte wurden in Ostseenähe mindestens fünf Pumpstationen großer Pipelines von ukrainischen Drohnen getroffen, ebenso schlugen mindestens zwei Mal unbemannte Flugkörper auf dem Geländer der beiden großen Ölverladehäfen Primorsk und Ust’-Luga ein. Vieles spricht dafür, dass auch der Rückgang der von Russland eingesetzten Raketen eine Folge dieser Angriffe ist. Schossen die Moskauer Streitkräfte im Jahr 2025 noch durchschnittlich knapp 100 Marschflugkörper und ballistische Raketen pro Monat ab, so waren es im April 2026 44. Anfang Mai entließ Putin den Kommandeur der Luft- und Raumfahrttruppen Viktor Afzalof und hob Generalleutnant Aleksandr Čajko auf diesen Posten. Dieser leitete zuvor den Militärbezirk Ost, Ende der 2010er Jahre hatte er das Kommando über die russländischen Truppen in Syrien.
Auch an der diplomatischen Front hat sich die Lage der Ukraine verbessert. Der abgewählte ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat kurz vor Ende seiner Amtszeit das Veto zurückgezogen, mit dem er den Beginn der Auszahlung eines Kredits der Europäischen Union an die Ukraine in Höhe von 90 Mrd. Euro seit Dezember 2025 blockiert hatte. Zugleich hat die Bundesregierung die Eckwerte für den Bundeshaushalt 2027 sowie die Finanzplanung bis 2030 beschlossen: für die Ukraine sind dort knapp 11,6 Mrd. Euro im Jahr 2027 und jährlich 8,5 Mrd. Euro in den folgenden drei Jahren vorgesehen. Die Ukraine plant u.a. eine Erhöhung des Solds, hofft nun, mehr Vertragssoldaten gewinnen zu können, und will mit den neuen Mitteln die Entwicklung ferngesteuerter Kampfmaschinen für die Infanterie vorantreiben. Neue Mittel zur Entwicklung der Rüstungsindustrie kann die Ukraine auch aus den arabischen Golfstaaten erwarten, denen Präsident Zelens’kyj eine Zusammenarbeit bei der Abwehr iranischer Drohnen angeboten hat. Auch in der westlichen Nachbarschaft hat sich das Klima für Kiew deutlich verbessert. Die Ukraine hat die Reparatur der Družba-Pipeline ermöglicht, der designierte ungarische Ministerpräsident Péter Magyar plant nun eine Reise in die Ukraine. Auf den Kurswechsel Ungarns hat auch der slowakische Ministerpräsident Fico reagiert. Er möchte nun ebenfalls bald nach Kiew reisen und Zelens’kyj in Bratislava empfangen.
Gewaltsame Rekrutierungen und Pläne für neue Ansätze
Unter diesen günstigen Umständen plant Zelens’kyj einen anderen Ansatz bei der Rekrutierung von Soldaten. Dieser soll dazu führen, dass die Armee die dringend benötigten neuen Soldaten erhält. Aktuell sind nach Angaben von Verteidigungsminister Michail Fedorov mindestens 200 000 der 800 000 offiziell registrierten Armeeangehörigen fahnenflüchtig. Weitere rund 1,5 Millionen Männer entziehen sich nach offiziellen Angaben der Einberufung, nicht eingerechnet all jene, die von den Behörden nicht erfasst sind oder mit Erfolg einen der zahlreichen gesetzlichen Zurückstellungsgründe geltend gemacht haben.
Da der Staat versucht, Fahnenflüchtige zu finden und neue Rekruten auszuheben, kommt es fast täglich zu Angriffen auf Beamte der Wehrämter. Am 29. April eröffnete in der Ortschaft Verba westlich von Rivne ein Mann das Feuer, als eine Patrouille seine Papiere kontrollieren wollte. Eine Woche zuvor hatte in der Bukowina ein Mann, den Mitarbeiter des Wehramts zur Wehrerfassung auf die Behörde bringen wollten, mit einem Messer auf diese eingestochen. Oft kommt es bei Ausweiskontrollen auch zu Schlägereien zwischen den Rekrutierungsbeamten und Gruppen junger Männer, so in Odessa am 25. April und in Luc’k im Westen der Ukraine am 11. April.
Gelegentlich sind an solchen Auseinandersetzungen auf offener Straße Dutzende Männer beteiligt. Die Angst, an die Front gebracht zu werden und dort umzukommen oder verstümmelt zu werden, ist offenbar größer als die Angst vor Strafverfolgung. Bereits Mitte April erklärte der Leiter der Präsidialadministration Kirill Budanov:
„Wir haben ein schreckliches Problem. Wer an der Front kämpft, den betrachten wir als Helden. Als Held gelten aber auch jene, die Videos aufnehmen, wie sie dem Wehramt, Verzeihung, in den Arsch treten.“
Spiegelbildlich zur Fahnenflucht und zum Aufstand gegen die Mitarbeiter der Wehrbehörden verhält sich die Gewalt, den diese gegen potentielle Rekruten ausüben. Belegt ist, dass immer wieder Männer geschlagen und gefoltert werden, oder schwere Verletzungen davon tragen. Es sind bereits Verhaftete zu Tode gekommen, in Lemberg überfuhren die Mitarbeiter des örtlichen Wehramts die Mutter eines Rekrutierten, die sich deren Fahrzeug in den Weg stellen wollte.
Hinzu kommt die grassierende Korruption in den Wehrämtern – im Jahr 2025 wurden 130 Leiter von Musterungskommissionen wegen Bestechlichkeit des Amtes enthoben. Diese nimmt oft die Form von Lösegelderpressung an. Möglichkeiten des Freikaufs suchen und finden die aufgegriffenen Männer oder ihre Angehörigen nicht nur bei den lokalen Wehrämtern, sondern entlang der gesamten Kette der Eingliederung des Zwangsrekrutierten in die Armee.
Ergebnis von alledem ist, dass der überwiegende Teil der Zwangsrekrutierten wehruntauglich ist. Viele kommen von den Rändern der Gesellschaft, der Anteil der Drogenabhängigen ist sehr hoch. Diese Männer sind keine Verstärkung für die Armee. Sie belasten diese vielmehr, weil sie in das medizinische und soziale Versorgungssystem aufgenommen werden, Sold erhalten, aber nicht kämpfen können. All dies soll durch einen neuen Ansatz zur Rekrutierung beseitigt werden. Anstelle von physischer Gewalt sollen andere Formen des Zwangs treten. Der Abgeordnete von Zelens’kyjs Partei Diener des Volks Heorhij Mazurašu, der immer wieder Lobbyarbeit für Ansinnen der militärischen Führung betreibt, skizzierte bereits im März einen solchen Plan. Statt Männer auf der Straße in Busse zu zerren und in Kasernen zu verfrachten, sollen sie auf digitalem Wege dazu gebracht werden, sich zur Armee zu melden: durch Sperrung aller Bankkarten und anderer Zugänge zur Gesellschaft.
Ein anderer diskutierter Ansatz ist die Ausweitung der Kompetenzen der Polizei, damit auch diese Fahnenflüchtige und Wehrpflichtige verhaften kann. Bislang geht die Polizei an verschiedenen Orten ganz unterschiedlich vor. Es sind Fälle dokumentiert, in denen die Polizei sich an widerrechtlichen Verhaftungen von Wehrpflichtigen beteiligt hat. Andernorts haben Polizisten nicht eingegriffen, obwohl es vor ihren Augen zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Mitarbeitern von Wehrämtern und einer Gruppe von Personen kam, die einem jungen Mann halfen, sich der Zwangsrekrutierung zu widersetzen. Zugleich hat die Polizei auch schon Mitarbeiter von Wehrämtern verhaftet, etwa jene , die in Lemberg die Mutter eines abzutransportierenden Rekruten überfuhren.
Auf gesetzlicher Ebene soll vor allem dadurch für mehr Soldaten gesorgt werden, dass die Regeln für die Wehrpflicht verschärft werden. So soll eine Immatrikulation an einer Universität, die mit einer Aussetzung der Wehrpflicht einhergeht, nicht mehr in jedem Alter möglich sein. Auch ist geplant, den Anteil der Belegschaft von Rüstungsbetrieben und anderen „strategischen“ Unternehmen, der vom Kriegsdienst freigestellt werden kann, von 50 auf 30 Prozent zu senken. Viele Berufsfelder sollen ganz aus dieser Liste gestrichen werden. Möglicherweise wird eine eigene Behörde geschaffen, die sich eigens mit der Überprüfung solcher Rückstellungen beschäftigt.
Schließlich soll der allgemeine Sold angehoben werden und insbesondere auch die Sonderzahlungen für Fronteinsätze. Der Mindestsold für den frontfernen Dienst in der Armee soll künftig bei 30 000 Hryvnja (ca. 580 Euro) liegen, Zeiten an vorderster Front mit bis zu 400 000 Hryvnja Euro (7700 Euro) im Monat vergütet werden. Voraussetzung dafür ist die Haushaltsstabilisierung durch den EU-Kredit. Auf diese Weise würde die Ukraine jenen Weg einschlagen, den Russland schon lange beschritten hat. Der Versuch, den Armeedienst für die wenig begüterten Teile der Gesellschaft attraktiv zu machen, hat angesichts der aktuell ruhigen Lage an den allermeisten Frontabschnitten keine schlechten Chancen auf Erfolg – vorausgesetzt, die ukrainische Armee startet keine selbstmörderische Gegenoffensive wie jene im Sommer und Herbst 2023.
Doch noch ist der neue Ansatz nicht beschlossen – und der Soldatenmangel akut. Daher fanden Anfang Mai wieder Razzien in Fitness-Centern – solche hatte es seit dem Winter 2023/2024 nicht mehr gegeben – in Unternehmen, auf Baustellen und sogar in landwirtschaftlichen Betrieben statt, die gerade die Bestellung der Felder begonnen haben. Gleichzeitig geht der Staat aber auch gegen jene Mitarbeiter von Wehrämtern vor, die allzu offensichtlich durch Korruption zu Reichtum gekommen sind. Anfang Mai berichtete die Polizei von einer Großrazzia an 44 Einsatzorten in 16 Regionen. Es stellte sich u.a. heraus, dass der Leiter des Wehramts im Kiewer Stadtbezirk Svjatošino über Kryptowährung Ethereum im Wert von zehn Millionen US-Dollar verfügt. Andere haben große Häuser und Wohnungen erworben.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin


