Ukrainische Drohnenangriffe auf Militärfahrzeuge nahe Mariupol'. Quelle: Ukr. Nationalgarde
Ukrainische Drohnenangriffe auf Militärfahrzeuge nahe Mariupol'. Quelle: Ukr. Nationalgarde

Eskalation des Luftkriegs

Russlands Krieg gegen die Ukraine: die 217. und 218. Kriegswoche

Nikolay Mitrokhin, 4.6.2026

Russland hat die Ukraine seit Mitte Mai mehrfach mit massiven Luftangriffen überzogen. Als Vorwand für die schwersten Angriffe diente eine ukrainische Drohnenattacke im besetzten Gebiet. In Hintergrund stehen andere Motive. Moskau steht unter Druck. Die Ukraine hat im Drohnenkrieg einen technologischen Vorsprung errungen, nach der Schwächung der russländischen Luftabwehr machen nun permanente Angriffe die Versorgung der Besatzungstruppen immer schwerer. Russland versucht seinerseits, die ukrainische Armee mit Schlägen gegen Versorgungslinien und Rüstungsunternehmen zu schwächen, auch die ukrainische Luftabwehr ist geschwächt. Anfang Mai war noch ein großer Gefangenenaustausch vereinbart worden, eine lokale Feuerpause war greifbar und hochrangige Gespräche über eine Ausweitung kurzer Waffenstillstände schienen möglich. Seitdem ist es auch im persönlichen Verhältnis zwischen Zelens’kyj und Putin zu einer erneuten Eskalation gekommen. Nun haben auch die USA ihre Vermittlungsbemühungen aufgegeben. Ein neuer Vorstoß auf Kiew von belarussischem Territorium ist nicht auszuschließen.

Die Ukraine hat ihre Luftangriffe auf die Infrastruktur in den besetzten Gebieten massiv ausgeweitet. Die Attacken mit Drohnen mittlerer Reichweite (bis 200 km) haben dazu geführt, dass Ende Mai der LKW-Verkehr im besetzten Teil der Gebiete Zaporižž’ja und Cherson vollständig zum Erliegen kam. Im Großraum Donec’k sowie östlich und südlich davon bis Mariupol’ wurde er stark eingeschränkt. Auch kann Russland nahezu kein Benzin mehr auf die Krim liefern. Zudem ist im besetzten Teil des Gebiets Cherson in mehreren Landkreisen die Stromversorgung unterbrochen.

Dies führte unter russländischen Kriegsbloggern zu wachsender Panik, auch einige Vertreter des Regimes in Moskau äußerten sich zunehmend besorgt. Igor‘ Girkin – der politische Guru der russländischen Militärblogger und einstige Anführer der paramilitärischen Infiltrationstrupps im Donbass des Jahres 2014 – warnte am 1. Juni aus dem Straflager, wo er seit Anfang 2024 eine wegen Putin-Kritik verhängte vierjährige Haftstrafe verbüßt, in seinem Telegram-Kanal, die Ukraine würde mit den Attacken eine Bodenoperation am linken Ufer des Dnipro vorbereiten.

Tatsächlich erinnern der Umfang und die Vielgestaltigkeit der ukrainischen Operationen an die Gegenoffensive, die im Jahr 2022 zur Befreiung eines großen Teils der ukrainischen Schwarzmeer-Küste und zu einem Sieg über Russlands Schwarzmeer-Flotte führte. Die Aktivitäten unterscheiden sich zumindest deutlich von dem sonstigen „Löcherstopfen“ mit rasch herangeführten Reserven und den eher nadelstichartigen Luftschlägen.

Bereits im Winter 2025/2026 hatten die ukrainischen Streitkräfte sowie die Geheimdienste SBU und HUR ihre Angriffe auf Luftabwehrstellungen und Anlagen der elektronischen Kriegsführung auf der Krim sowie im Süden der Gebiete Zaporižž’ja und Cherson massiv verstärkt. Binnen kurzer Zeit wurden mehrere Dutzend teure Radaranlagen und Abschussrampen zerstört, ebenso Dutzende Flugzeuge, darunter solche, die zur Bekämpfung von Drohnen eingesetzt worden waren. Bereits dies zeigte, dass die Ukraine eine neue Generation von Drohnen entwickelt hat, mit denen Russlands Flugabwehr nicht zurechtkommt. Im März und April 2026 wurden im Raum Donec’k mehrere Lagerhallen und Startplätze für Drohnen zerstört. Dafür setzte die Ukraine ein neues unbemanntes Flugobjekt des Unternehmens Fire Point ein, das nach Angaben des Chefkonstrukteurs des Unternehmens Denis Štilerman dank einer Modernisierung einen Sprengkopf von 200 Kilogramm über 370 Kilometer tragen kann.

Mitte April legte das 1. Korps der ukrainischen Nationalgarde „Azov“ von Drohnen aufgenommenes Bildmaterial vor, das in hoher Auflösung zerstörte Militärfahrzeuge auf dem Autobahnring um Donec’k zeigt. Ende Mai folgten Bilder abgebrannter Fahrzeuge auf Straßen in den Außenbezirken von Mariupol’. Dies ist eine kleine Sensation: Von der Frontlinie nach Donec’k sind es 50 Kilometer, nach Mariupol‘ jedoch 160 km. In der zweiten Maihälfte hat die Ukraine nun den LKW-Verkehr auf der wichtigsten Verkehrsachse im Besatzungsgebiet lahmgelegt – der vom Gebiet Rostov zur Landbrücke auf die Krim führenden neuen Autobahn „Novorossija“. Gleiches gilt für die Straßen, über die Donec’k und die umliegenden Städte versorgt werden. Dort setzen ukrainische Drohnen mittlerweile Minen ab, die auf die Erschütterung durch herannahende Fahrzeuge reagieren und dann detonieren.

Das Zielgebiet der ukrainischen Middle-Strike-Drohnen – im Unterschied zu den FPV-Drohnen, die eine Reichweite von bis zu 50 Kilometern haben und den „Deepstrike“-Drohnen, mit denen bei einer Reichweite von 200-2000 km Ziele tief im Hinterland des Gegners angegriffen werden – erweitert sich fast täglich. Ende Mai nahm die Ukraine den 160 Kilometer von der Frontlinie entfernten Grenzübergang Izvarino unter Beschuss, wo trotz der Annexion des Gebiets Luhans’k weiterhin Kontrollen stattfinden und sich lange LKW-Schlangen bilden.

Anfang Juni konnte der Verkehr auf der Autobahn „Novorossija“ wieder aufgenommen werden. Unklar ist, ob dies darauf zurückzuführen ist, dass nun Trupps mit mobilen Luftabwehrgeschützen entlang der 200 Kilometer langen Fernstraße patrouillieren und in kurzen Abständen mit Maschinenpistolen ausgestattete Soldaten postiert wurden. Möglich ist auch, dass die Ukraine fürs Erste die Drohnen für Angriffe auf kleine, bewegliche Ziele wie Lastkraftwagen ausgegangen sind. Denn zu solchen Attacken ist sie in erster Linie durch den Erwerb amerikanischer „Hornet“-Drohnen in der Lage. Diese haben nicht nur eine große Reichweite, sondern verfügen vor allem über eine KI-gesteuerte Zielerfassung. Da sie nicht von einem Drohnenführer aus der Ferne gesteuert werden müssen, können sie nicht mit Störsignalen abgewehrt werden. Neben den „Hornet“-Drohnen setzt die Ukraine aber auch modernisierte eigene Drohnen vom Typ „Bulava“ ein sowie FPV-Drohnen, die über ein 50 Kilometer langes, beim Start auf eine Spule aufgewickeltes Glasfaserkabel gelenkt werden. Letztere erlauben es, frontnahe Gebiete zu kontrollieren, ohne zu viele der weitaus teureren Drohnen anderen Typs einzusetzen. Mit diesen können dann weiter entfernte Ziele angegriffen werden.

So wurde etwa in Sevastopol’ das neue Hauptquartier der russländischen Schwarzmeer-Flotte zerstört, in das der Stab eingezogen war, nachdem ein ukrainischer Angriff im September 2023 das vorherige Gebäude in eine Ruine verwandelt hatte. In Taganrog wurden in der Nacht auf den 30. Mai zwei der drei auf dem Rollfeld des dortigen Flugzeugwerks stehenden riesigen, für die U-Boot-Jagd entwickelten bzw. als Kommunikationsplattform dienenden Flugzeuge vom Typ TU-124MK und TU-124MR zerstört. Ebenso gingen eine Startrampe für Iskander-Raketen, ein Tanker und Öltanks der örtlichen Raffinerie in Flammen auf.

Infolge dieser Angriffe wird nicht nur der Treibstoff in den besetzten Gebieten knapp. Den Okkupationstruppen geht langsam auch die Munition aus. Sollten die Moskauer Truppen auf einen Transport mit zivilen LKWs umstellen – wie dies die Ukraine bereits lange tut – würden rasch auch diese zum Ziel der ukrainischen Drohnen. Bereits heute berichten zivile Unterstützer der Besatzungstruppen, dass Fahrten mit Kleinlastern oder Transportern in Frontnähe viel zu riskant seien. Mit anderen Worten: Finden die Besatzungstruppen kein Mittel gegen die neuen Drohnen, werden sie sich im südlichen Frontabschnitt in nicht allzu ferner Zukunft in jener Lage befinden, die im Jahr 2022 in den Gebieten Cherson und Mykolajiv ihren Rückzug vom rechten Ufer des Dnipro erzwungen hatte.

In dieses Bild passt, dass er der Ukraine Mitte Mai gelungen ist, die in das besetzte Enerhodar im Gebiet Zaporižž’ja führenden Straßen zu verminen. Die AKW-Stadt Enerhodar, die einst 50 000 Einwohner hatte, ist das größte urbane Zentrum am Dnipro unter Kontrolle der Besatzer. In einem sehr günstigen Szenario könnte Russland sich ganz ohne eine Bodenoffensive der ukrainischen Armee gezwungen sehen, die Truppen aus allen besetzten Gebieten einschließlich der Krim zurückzuziehen.

Fest steht bislang allerdings nur, dass die Badesaison auf der Krim und am Azovschen Meer ausfallen wird. Seit Russlands Großangriff hat Kiew halboffiziell das Ziel ausgegeben, den Tourismus dort zum Erliegen zu bringen. Luftangriffe, Benzinmangel, Strom- und Internetunterbrechungen sowie gefährliche Staus auf der Krimbrücke, die wegen der Drohnengefahr auf der Novorossija-Autobahn erneut zum Nadelöhr bei der Anreise geworden ist, werden in diesem Jahr selbst jene abschrecken, die bislang die Augen vor der Besatzungsrealität verschlossen hatten.

Militärisch bedeutsamer und zugleich greifbarer als ein vollständiger Abzug ist eine erzwungene Einstellung der russländischen Offensive bei Huljaj-Pole. Dies wäre ein wesentlicher Erfolg für die Ukraine. Kann Russland hingegen den Angriff fortsetzen, droht in den kommenden Monaten eine Einnahme von Orichiv, was den Besatzern mittelfristig den Weg nach Zaporižž’ja öffnen würde.

Ebenso wichtig wäre eine Unterbrechung der Versorgungslinien der Besatzer im Gebiet Donec’k, wo Russlands Armee bereits die Hälfte des Stadtgebiets von Kostjantynivka sowie das bei Slovjans’k gelegenen Raj-Oleksandrivka kontrolliert und an drei weiteren Frontabschnitten langsam vorrückt. Würde es der Ukraine gelingen, die Offensive der Moskauer Truppen hier zum Erliegen zu bringen, könnte sie ihre Truppen im Nordosten des Landes einsetzen, wo Russland in vormals vom Krieg vergleichsweise wenig betroffenen Regionen der Gebiete Charkiv und Sumy jede Woche mit Ausfällen über die Grenze die Front ausweitet.

Erste Hinweise gibt es darauf, dass Russland den jüngst errungenen Technologievorsprung der Ukraine aufholt. In den Gebieten Brjansk und Kursk wurden bereits erfolgreich Antidrohnen-Drohnen vom Typ „Elka“ eingesetzt. Ebenso könnten Truppen der jüngst geschaffenen Drohnenstreitkräfte zusammengezogen werden, die mit FPV-Drohnen unbemannte Flugobjekte in einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern abwehren können. Erfolge bei der Abwehr ukrainischer Drohnen verzeichnet insbesondere der unter dem Namen „Rubikon“ bekannte Verband.

Starobil’sk und die massiven Luftangriffe auf die Ukraine

Am 20. Mai veröffentlichte die ukrainische Nachrichtenagentur UNIAN eine Pressemitteilung der Teilstreitkräfte „Unbemannte Systeme“, in der von einem Angriff auf ein Schulungszentrum für Drohnenpiloten in östlich von Donec’k gelegenen Snižne die Rede ist. Bei diesem seien zahlreiche angehende Drohnenführer getötet worden. Zwei Tage später erfolgte ein Angriff in Starobil’sk im Gebiet Luhans‘k, der ebenfalls einem solchen Schulungszentrum galt. Die Stadt war von 2014 bis 2022 Verwaltungszentrum des unter ukrainischer Kontrolle stehenden Teils des Gebiets. Im März 2022 wurde sie beim Angriff der russländischen Truppen stark zerstört. Die wenigen unversehrt gebliebenen öffentlichen Gebäude werden von der Besatzungsarmee genutzt.

In den beiden Schlaftrakten der Pädagogischen Hochschule, die ukrainische Drohnen in der Nacht auf den 22. Mai angriffen, befanden sich zu diesem Zeitpunkt jedoch keine angehenden Soldaten, sondern 89 Zivilpersonen. Die 16 Drohnen töteten 21 Menschen, 45 weitere wurden teils schwer verletzt. Es handelt sich um angehende Grundschullehrerinnen und Kindergartenerzieher im Alter zwischen 19 und 23 Jahren.

Die moralische Verantwortung für alle Opfer dieses Kriegs liegt uneingeschränkt bei jenen, die ihn begonnen haben. Kiew hätte jedoch zugeben können, dass hier ein schrecklicher Fehler passiert ist, wie er im Zuge eines Verteidigungskampfs unvermeidlich ist. Dies gilt umso mehr, als die Opfer ukrainische Staatsbürger waren. Die Staatsführung schwieg jedoch oder reagierte ausweichend. Präsidentenberater Michajlo Podoljak erklärte gegenüber der Deutschen Welle, es gebe „dort“ mehrere Schulen, in einer sei Erwachsenen das Steuern von Drohnen beigebracht worden, „es“ handele sich folglich um ein Kampfgebiet.

In Moskau hingegen wurde der Angriff propagandistisch ausgeschlachtet. Die getöteten volljährigen Studenten verwandelten sich in „Kinder“, für deren Tod Putin am 24. Mai 2026 Rache in Form von Angriffen auf „die Kommandozentralen des Kiewer Regimes“ ankündigte. Einen Tag später folgte ein massiver Luftangriff auf die Hauptstadt und weitere ukrainische Städte. In Kiew wurden beim Einschlag von Raketen und Drohnen zahlreiche zivile Gebäude getroffen, darunter ein großes Einkaufszentrum am Lukjanivs’ka-Platz, das vollständig ausbrannte. Zu den Zielen gehörten mindestens vier große Rüstungsbetriebe in Kiew sowie in Bila Cerkva. Bei dem Angriff auf die südlich von Kiew gelegene Großstadt setzte Russland zum dritten Mal eine Orešnik-Mittelstreckenrakete ein, die konventionelle und nukleare Mehrfach-Sprengköpfe tragen kann. Die Attacke galt wahrscheinlich – ebenso wie der Angriff mit einer solchen Rakete auf Lemberg Anfang Januar 2026 – einem Betrieb, in dem Kampfflugzeuge gewartet werden. Möglich ist auch, dass eine Drohnenfabrik in einem nahegelegenen Industriegebiet getroffen werden sollte. Zugleich kann davon ausgegangen werden, dass Moskau ein Abschreckungssignal senden wollte, das sich sowohl an die Ukraine als auch an ihre europäischen Unterstützer richtet.

Am Internationalen Kindertag (1. Juni) wiederholte Moskau das Propagandaprogramm. Putin kündigte bei einem Treffen mit dem Oberhaupt der „Volksrepublik Lugansk“ Leonid Pasečnik erneut Rache an und erklärte, die „Bestrafung der Schuldigen“ sei „unabwendbar.“ Bereits in der Nacht auf den 2. Juni folgte der nächste große Luftschlag. Bei diesem setzte Russland 73 Raketen und mehr als 650 Drohnen ein. Die ukrainischen Luftstreitkräfte konnten die meisten Drohnen sowie 40 Marschflugkörper vom Typ Ch-101 abfangen. Rund zwei Dutzend ballistische Kurzstreckenraketen vom Typ Iskander-M sowie acht Hyperschallraketen vom Typ Zirkon erreichten jedoch ihr Ziel. Sechs Menschen starben. Die Schäden sind erheblich, getroffen wurden u.a. Kraftwerke, ein Verladezentrum der ukrainischen Post und große Lager in zahlreichen Stadtvierteln, was jeweils Großbrände auslöste. Auch Dnipro und Zaporižž’ja waren Ziel massiver Angriffe. In Dnipro starben elf Menschen, darunter zwei Kinder, die meisten nach einem Einschlag in einem zweistöckigen Wohnhaus.

Vor dem Angriff war im Kanal Rybar‘, der dem russländischen Militärgeheimdienst GRU zuzuordnen ist, davon die Rede, dass die Brücken über den Dnipro in den beiden Städten zu einem Ziel von Angriffen werden könnten, um die Versorgung der Front zu erschweren.

Diplomatiepflänzchen verwelkt

Russlands massive Luftangriffe, für die der Kreml den Tod der Studenten in Starobil’sk als Vorwand nahm, sind in Zusammenhang mit der Gesamtentwicklung im Mai zu sehen. Noch Anfang des Monats vereinbarten die Kriegsparteien einen Austausch von je 1000 Kriegsgefangenen. Die Ukraine erreichte, dass bei der ersten Übergabe von je 205 Soldaten zwanzig Mitglieder des „Azov“-Korps der Nationalgarde freigelassen wurden, die sich im Jahr 2022 nach der wochenlangen Bombardierung des Stahlwerks in Mariupol’ hatten ergeben müssen. Einige von ihnen waren nicht nur Kriegsgefangene, sondern zudem in Russland verurteilt worden. Solche Gefangene gibt Moskau äußerst selten frei.

Auch liefen Gespräche über eine lokale Feuerpause in der am linken Ufer des Dnipro gegenüber von Cherson gelegenen Stadt Olešky. Diese wird am Boden von Russland kontrolliert, der örtliche Luftraum jedoch von der Ukraine. Seit Monaten kommen kaum noch Lebensmittel in die Stadt. Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinec’ sprach davon, die Delegationen seien bereits dabei, die technischen Details eines Waffenstillstand zu klären, damit die Evakuierung der rund 6000 verbliebenen Bewohner beginnen könne.

Doch weder kam diese Feuerpause zustande, noch wurde der Gefangenenaustausch wie vereinbart fortgesetzt. Nicht ausgeschlossen ist, dass dabei eine persönliche Konfrontation zwischen Putin und Zelens’kyj rund um den 9. Mai eine Rolle spielte. Beide hatten Anfang Mai noch von der Möglichkeit eines persönlichen Treffens gesprochen – was als diplomatischer Erfolg angesehen werden konnte. Sicher war es der Fortsetzung dieses Wegs wenig dienlich, dass Zelens’kyj in einem offiziellen Erlass Russland „erlaubte“, am 9. Mai die jährliche Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau durchzuführen – und durch Angabe der genauen Koordinaten signalisierte, dass das übrige Gebiet der Hauptstadt durchaus Ziel von Angriffen sein könne. Nach dem Ende des zweitägigen Waffenstillstands rund um den 9. Mai folgte eine Wiederaufnahme der Kampfhandlungen einschließlich eines massiven russländischen Luftangriffs. Am 14. Mai erklärte US-Außenminister Rubio, der Impuls der Gespräche sei verloren, die USA wollten dennoch weiter als Vermittler tätig sein. Eine Woche später sagte Rubio dann bereits:

„Wir haben kein Interesse daran, uns in eine endlose Reihe von Gesprächen hineinziehen zu lassen, die keinerlei Resultat bringen.“

Weitere mögliche Gründe für die Ausweitung der russländischen Luftangriffe sind erkennbar. Anfang des Jahres stand der Kreml unter Druck, weil die Einnahmen aus dem Ölgeschäft den Haushalt stark belasteten. Heute muss sich Putin weniger Sorgen um die Finanzierung des Kriegs machen. Die zweimalige befristete Aufhebung der US-Sanktionen, mit denen Russland der Export von Rohöl und Erdölprodukten stark erschwert wurde, hat die Einnahmen zumindest vorübergehend steigen lassen.

Zudem ist Putin von Staatsbesuchen in Kasachstan und China mit Verträgen zurückgekehrt, die eine Ausweitung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit vorsehen.

Auch eine offensichtlich gewordene Schwäche der Ukraine könnte dazu beigetragen haben, dass der Kreml seine Einschätzung zu den Aussichten einer Fortsetzung des Angriffskriegs revidiert hat: Der Ukraine gehen unverkennbar die Patriot-Luftabwehrraketen aus, mit denen Kiew und andere Großstädte geschützt werden. Die US-Bestände sind aufgrund des Kriegs am Golf so reduziert, dass es der Ukraine offenbar nicht einmal mehr gelingt, neue Raketen zu kaufen. Gleichzeitig ist Russland dabei, eine neue Generation von Langstreckendrohnen in Gebrauch zu nehmen. An die Stelle der Geran’-2-Drohnen treten die deutlich schnelleren Geran’-Drohnen der 3., 4. und 5. Generation. Moskau ist dabei, den Startplatz für diese Angriffswaffen – Cymbulovo im Gebiet Orel – auszubauen.

Zelens’kyj hat zwar bei einem Besuch in Stockholm am 28. Mai erreicht, dass Schweden der Ukraine 16 zur Drohnenabwehr einsetzbare Kampfflugzeuge des Typs JAS 39 Gripen übergibt, weitere 22 wird die Ukraine kaufen. Doch die ersten Flugzeuge sollen die Ukraine erst im Frühjahr 2027 erreichen.

Ein neuer Angriff auf Kiew aus Belarus?

Zwischen dem 20. und dem 27. Mai fanden im Dreieck Kiew-Minsk-Moskau schwer durchschaubare hektische Aktivitäten statt. Hintergrund war die gemeinsame Übung der russländischen und belarussischen Nuklearstreitkräfte. Die Aussagen hochrangiger Politiker legten nahe, dass ein neuerlicher russländischer Angriff auf Kiew von belarussischem Territorium aus wahrscheinlich sei. Am 20. Mai erklärte Zelens’kyj, Informationen der Geheimdienste über einen bevorstehenden Angriff hätten ihn veranlasst, eine Verstärkung der nördlich von Kiew stationierten Truppen anzuordnen. Am folgenden Tag gingen die Dienste in allen nördlichen Landesteilen massiv gegen tatsächliche oder vermeintliche Saboteure und Agenten vor. Am 22. Mai reiste Zelens’kyj dann in die zehn Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernte Kleinstadt Slavutyč. Am 25. Mai empfing er dann in Kiew die international anerkannte Führerin der belarussischen Exilopposition Svjatlana Tichanovskaja, die Kiew zuvor weitgehend ignoriert hatte. Die belarussischen Behörden erklärten am 26. Mai, in einer Woche hätten 116 ukrainische Drohnen versucht, in den belarussischen Luftraum einzudringen und sogar versucht, Grenzanlagen zu beschädigen. Nach klärenden Gesprächen der Geheimdienste beider Seiten beruhigte sich die Situation dann jedoch.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.