Flamingo statt Alaska
Russlands Krieg gegen die Ukraine: die 178. Kriegswoche
Nikolay Mitrokhin, 26.8.2025
Die Verhandlungen über ein Ende des Kriegs sind praktisch gescheitert. Russlands Sommeroffensive ist versandet und die Moskauer Forderungen entsprechen nicht dem tatsächlichen Potential seiner Armee. Die Ukraine hofft, Russland dank Fortschritten in der Rüstungsindustrie stärker unter Druck setzen zu können. Eine Einigung, von der sich beide Seiten mehr versprechen als von einer Fortsetzung des Waffengangs, ist einstweilen nicht in Sicht.
Nach dem von den USA initiierten diplomatischen Aktivismus in den ersten beiden Augustwochen sind die Verhandlungen über ein Ende des Kriegs in der Ukraine zum Stillstand gekommen. Mehr noch: das scheinbar Vereinbarte gilt bereits nicht mehr. Statt des in Alaska angekündigten Treffens zwischen den Präsidenten der Kriegsparteien stehen die Zeichen verbal und faktisch auf Fortführung des Kriegs.
Während der Westen über Sicherheitsgarantien für die Ukraine diskutiert, entzog Russlands Außenminister Sergej Lavrov dieser Debatte den Boden. Er legte dar, dass Sicherheitsgarantien, wie die westlichen Staaten sie denken, eine Sicherheitsbedrohung für Russland seien.
Mehr noch als mit Worten hat Russland mit Taten gezeigt, was es von den Friedensverhandlungen hält. Am 21. August führte Moskau einen kombinierten Luftschlag mit 574 Kampfdrohnen und 39 Raketen, die vor allem in der Westukraine einschlugen. Getroffen wurde nicht zuletzt ein Standort des US-Unternehmens Flex Ltd. (früher: Flextronics) in Mukačevo im Gebiet Transkarpatien. Der Brand konnte erst nach vier Tagen gelöscht werden, offenbar wurde die Fabrik vollkommen zerstört. Drei Tage später wurde bekannt, dass US-Präsident Trump die Übergabe einer großen Zahl moderner Raketen an die Ukraine genehmigt habe.
Auf ukrainischer Seite stellte Präsident Zelens’kyj am 24. August fest, es werde kein Treffen mit Putin geben. Zuvor hatte er stets betont, er sei jederzeit und an jedem Ort zu einem solchen Treffen bereit. Nun sagte er, Russland habe immer wieder direkte Gespräche abgelehnt. Die Ukraine demonstrierte ihren Willen, Verhandlungen von einer Position der Stärke aus zu führen. Mehrfach griff die Armee Raffinerien und Ölinfrastruktur in Russland an. Nach der Attacke auf die Raffinerie in Novokujbyševsk im Gebiet Samara am 2. August folgte ein Angriff auf die Anlage in Novošachtinsk im Gebiet Rostov am 20. August. Dort konnte der Brand erst nach fünf Tagen gelöscht werden. Zudem zerstörte die Ukraine Pumpstationen der Pipeline Družba, über die bis heute Ungarn und die Slowakei Erdöl aus Russland beziehen und deren durch Belarus und Polen verlaufender nördlicher Zweig dem Transport von Rohöl aus Kasachstan zur Raffinerie im brandenburgischen Schwedt dient. Am 18.8. wurde eine Pumpstation in Nikol‘skoe im Gebiet Tambov getroffen, am 24.8. in Uneča im Gebiet Brjansk. Ebenfalls am 24.8. wurde der zweitgrößte Öl- und Gasverladehafen Russlands im 100 Kilometer westlich von Sankt Petersburg nahe der Grenze zu Estland gelegenen Ust‘-Luga erneut zum Ziel eines ukrainischen Drohnenangriffs. Die Ziele und der Zeitpunkt der ukrainischen Angriffe auf Russlands Ölinfrastruktur sind gut gewählt.
Zwar sind die Schäden nicht groß genug, um Russlands Kriegsführung unmittelbar zu beeinträchtigen oder auch nur Schwierigkeiten in der Industrie oder der Landwirtschaft hervorzurufen. Aber die Angriffe auf die Raffinerien im Volga-Bogen von Rjazan‘ bis Volgograd haben dazu geführt, dass in der Wolgaregion sowie teils im Südural und in manchen Gegenden Südrusslands das Benzin an Tankstellen knapp wird und die Preise stark gestiegen sind. Mit gezielten Zweitschlägen kann Kiew mittlerweile auch die Reparaturarbeiten behindern und so die rasche Wiederaufnahme der Produktion verhindern. Angriffe auf die Eisenbahninfrastruktur haben auch dazu geführt, dass in den besetzten Teilen des Gebiets Zaporižžja sowie im Norden der Krim das Benzin ausgeht.
Wichtigstes Mittel der ukrainischen Machtdemonstration sind allerdings die neuen Mittelstreckenraketen vom Typ Flamingo mit einer Reichweite von bis zu 3000 km und Neptun (bis zu 1000 km), die Mitte August der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Die ukrainische Rüstungsindustrie sei zudem nach Angaben von Defence Express in der Lage, jeden Monat 3000 Drohnen des Typs FP-1 herzustellen – und habe damit bei der Produktion dieses Waffentyps in Bezug auf die Stückzahl zu Russland aufgeschlossen, dessen Shahed-Drohnen teurer in der Herstellung seien und eine geringe Sprengladung aufnehmen könnten. Auch teilten die USA mit, sie würden der Ukraine 3350 Raketen vom Typ ERAM (Extanded Range Attack Munition) übergeben, die von Flugzeugen aus gestartet werden.
Es geht darum, Moskau zu demonstrieren, dass Ziele auf dem gesamten Territorium Russlands bis in eine Tiefe von 3000 Kilometer zu von der Ukraine kontrolliertem Gebiet angegriffen werden können. In diesem Raum liegt der Schwerpunkt von Russlands Rüstungsindustrie, u.a. die Raketen- und Drohnenproduktion, sowie erhebliche Teile der militärischen sowie der für den Warenexport benötigten zivilen Infrastruktur. Russland hat in den vergangenen drei Jahren vor allem die Rüstungsindustrie in den Städten entlang der mittleren Volga ausgebaut, symbolisch steht hierfür die Drohnenfabrik im Industriepark Alabuga in Tatarstan. Sie alle liegen heute innerhalb der Reichweite ukrainischer Raketen, die einen Gefechtskopf tragen können, der mit einem einzigen Treffer eine gesamte Werkshalle zerstören kann.
Doch Russlands Führung scheint noch der Überzeugung von der eigenen Überlegenheit anzuhängen. Diese hatte sich vor allem nach den Erfolgen der Monate Juni und Juli gefestigt, als den Besatzern einige seit längerem belagerte Städte in die Hände fielen und die Luftwaffe mit Drohnen die ukrainische Luftabwehr an ihre Grenzen brachte.
In der Ukraine wächst mittlerweile wieder die Hoffnung, dass sich das Blatt wendet. Russlands Sommeroffensive ist steckengeblieben, die ukrainischen Verluste sind überschaubar. Von Torec’k und Časiv Jar abgesehen hat die Besatzungsarmee keine einzige größere Stadt eingenommen. Russland hat für die Eroberung der beiden Städte mehr als ein Jahr gebraucht und sie dabei vollständig zerstört. Jüngst hat die Ukraine kleinere Territorien in den Gebieten Sumy und Donec’k zurückerobert. Im Raum des Durchbruchs bei Dobropillja, der Anfang August große Sorge auslöste, sind mindestens 1000 russländische Soldaten eingekesselt, wie sogar russländische Militärquellen zugeben. Nach ukrainischen Angaben wurden bis zum 24. August in diesem Raum sechs zuvor in die Hände Russlands gefallene Ortschaften zurückerobert. Am 23. August gelang der ukrainischen Armee ein Vorstoß bei Novoėkonomične in der Agglomeration von Pokrovs’k. Keine der beiden Seiten legt genauer da, wie diese Operation verläuft, doch möglicherweise ist die Ukraine dabei, eine größere Gruppierung russländischer Soldaten einzuschließen. Geringfügige Erfolge konnte die Ukraine auch bei Lyman erzielen. Dort hat sie im Raum des russländischen Durchbruchs in Richtung Svjatohirs’k die Ortschaft Novomichajlivka befreit. Russland konnte hingegen in der vorletzten Augustwoche die ukrainische Armee lediglich westlich von Kreminna aus einigen früheren Waldstücken verdrängen und sie in Richtung des Flusses Sever’skyj Donec‘ treiben. Dort wird seit Oktober 2023 gekämpft, von den Wäldern sind nur aus dem Boden ragende Baumstümpfe geblieben.
Somit ist die „Sommersaison“ für Russland im Jahr 2025 erheblich schlechter ausgefallen als die des Vorjahres. 2024 war die Besatzungsarmee von Avdijivka auf Pokrovs’k vorgerückt und hatte den gesamten Zentralbereich des Gebiets Donec’k erobert, was später auch eine Einnahme des südlichen Teils ermöglichte. Zudem bereiten die ukrainischen Fortschritte bei der Drohnen- und Raketenproduktion Russland mittlerweile ernste Sorgen.
Diese Situation ist der Hauptgrund, warum die Ukraine sich nicht auf die von Moskau im Zusammenhang mit den von den USA initiierten Gesprächen formulierte Einschränkung der Territorialforderungen einlässt. Moskau behauptete, sich mit den Gebieten Donec’k und Luhans’k sowie den von Russland kontrollierten Teilen der Gebiete Cherson und Zaporižžja zufriedenzugeben und im Gegenzug für eine Räumung der unter ukrainischer Kontrolle stehenden Städte im Norden des Gebiets Donec’k auf eine Übergabe der nichtokkupierten Teile der Gebiete Cherson und Zaporižžja zu verzichten. Die Ukraine ist zu einem solchen Abkommen jedoch in keiner Weise bereit. Sie geht davon aus, dass Russland noch zwei Jahre bräuchte, um das geforderte Gebiet militärisch zu erobern – und dass es völlig unklar ist, ob Russland die Ressourcen hat, den Krieg wie bisher weiterzuführen.
Somit steht fest, dass ein Treffen zwischen Zelens’kyj und Putin ohnehin ergebnislos bliebe. Offen ist allerdings, ob es jenseits des öffentlichen Sprechens geheime Verhandlungen gibt, bei denen realistischere Positionen für eine Einigung gesucht werden, oder ob es ausschließlich darum geht, Trump zu demonstrieren, dass man selbst einen Frieden wolle, allerdings die Gegenseite …
Für Verhandlungen, die der Öffentlichkeit verborgen bleiben, spricht, dass der belarussische Machthaber Aljaksandr Lukašenka plötzlich diplomatische Aktivität an den Tag legt. Ebenso ein Gefangenenaustausch am 24. August, bei dem je 152 Personen freikamen, darunter je acht Zivilisten, was selten vorkommt. Abzuwarten bleibt, was der US-Präsident tut, nachdem die von ihm gesetzte Frist für eine Einigung zwischen Russland und der Ukraine bis Ende August abgelaufen ist. Bliebe er bei der Logik der Lieferung von Waffen als Reaktion auf die Zerstörung des Werks in Muchačevo müsste er die von ihm angekündigten „harten Sanktionen“ gegen Russland nun umsetzen.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.
Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen von Meduza und Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.