Fragile Parität
Russlands Krieg gegen die Ukraine: die 215. und 216. Kriegswoche
Nikolay Mitrokhin, 19.5.2026
Nach einem Abflauen der Gefechte im April sind in der ersten Maihälfte die Kämpfe an allen wichtigen Frontabschnitten wiederaufgeflammt. Wesentliche Veränderungen gibt es keine, es herrscht eine fragile Parität. Die ukrainischen Truppen widersetzen sich weiter erfolgreich den Angriffen der Besatzungsarmee. Gleichwohl rücken die russländischen Truppen an einigen Abschnitten langsam vor. Besonders im Raum Slovjans’k ist die Lage kritisch. Umgekehrt ist es der ukrainischen Armee gelungen, die Gefahr eines baldigen Vorrückens der Okkupanten auf die Großstadt Zaporižžja zu bannen. Mit neuartigen Drohnen macht sie es der russländischen Armee im gesamten besetzten Süden des Gebiets Zaporižžja schwer.
Der Verlauf der Front hat sich in der ersten Maihälfte kaum verändert. Im Gebiet Sumy ist die russländische Armee mittlerweile an 25 Stellen über die Staatsgrenze vorgedrungen. Mit Ausnahme des Vorstoßes auf Junakivka ganz im Norden des Gebiets steht sie jedoch nirgends tiefer als drei Kilometer auf ukrainischem Territorium. Der Angriff auf die Gebietshauptstadt Sumy wird von drei Seiten geführt. Im Norden gelingt es den ukrainischen Truppen seit einem halben Jahr, die Besatzer unter minimalen Rückzügen am Eindringen in ein riesiges Waldgebiet zu hindern, das sich bis zu einem Höhenzug erstreckt, von dem aus das 30 Kilometer entfernte Sumy unter Artilleriefeuer genommen werden könnte. Auch von Osten und Südosten versuchen die Moskauer Truppen auf die Stadt vorzurücken, jedoch ohne Erfolg. Der Militärkanal Rybar‘ stellte unlängst den Sinn der offiziell der Errichtung eines cordon sanitaire dienenden Angriffe in Frage. Angesichts der Entwicklung der Drohnentechnik sei die Sicherheit der Ortschaften auf russländischem Territorium keine Frage des Grenzverlaufs mehr. Die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte auf Čeboksary an der Wolga und die Raketengefahr jenseits des Urals würden dies nur allzu deutlich zeigen.
Im Gebiet Charkiv wird weiter an drei Stellen gekämpft. Südlich von Vovčans’k dringen die russländischen Truppen in einem schmalen Keil vor, jedoch maximal um einen Kilometer pro Woche. Weiter östlich setzen sich die Gefechte im Nordosten von Kupjans’k sowie im Südosten der Stadt fort, wo die Besatzer in einem kleinen Abschnitt am Ostufer des Oskil stehen. Dort sind die Okkupationstruppen in den vergangenen zwei Jahren mehrfach nahe an die Arbeitersiedlung Kupjans’k-Uzlovyj herangerückt, später drängte sie die ukrainische Armee wieder um bis zu 15 Kilometer zurück. Seit Mitte April stehen die Moskauer Truppen erneut am Rand der Siedlung. Die schwierige Lage der ukrainischen Truppen am Ostufer des Oskil hat vor allem damit zu tun, dass diese kaum mehr versorgt werden können. Die Besatzer haben im Verlauf des Winters mit Drohnen und Artillerie alle Übergänge über den Fluss zerstört. Bereits im April waren Bilder völlig abgemagerter ukrainischer Soldaten an die Öffentlichkeit gelangt. Eine Ablösung des Brigadeführers hat die Lage nicht verändert. Ähnlich ist die Situation einer ukrainischen Einheit, die etwas weiter südlich ebenfalls am Ostufer des Oskil einen Brückenkopf hält. Nach der Befreiung von Kupjans’k im Februar 2026 hatten viele ukrainische Beobachter gehofft, dass es den Kiewer Truppen gelingen würde, den Keil aufzulösen, den die Besatzungsarmee zwischen die beiden ukrainischen Brückenköpfe getrieben hatte. Diese Hoffnung ist zerstoben. Der ukrainischen Einheit am südlichen Brückenkopf droht die Einkesselung, da die Besatzungstruppen aus dem genannten Keil entlang des Oskil-Ufers nach Süden vorstoßen.
Angespannt ist die Lage auch weiter südlich an beiden Ufern des Sivers’kyj Donec, wo die Besatzungstruppen von Nordosten und Norden in Richtung Slovjans’k drängen. Im Raum Lyman konnten ukrainische Einheiten die Okkupanten vom nördlichen und nordöstlichen Stadtrand verdrängen. Die Kleinstadt ist stark befestigt, die ukrainische Armee hat dort große Munitions- und Lebensmittelvorräte angelegt. Einige russländische Einheiten haben jedoch Lyman in einem dichten Waldgebiet umgangen und sind westlich der Stadt – ohne Svjatohirs’k einnehmen zu können – auf einem Raum von rund drei Kilometer Breite über den Sivers’kyj Donec vorgestoßen. Dort sind sie nach vier Jahren erstmals wieder nahe an Slovjans’k herangerückt. Ob sie sich dort halten können oder ob die ukrainische Armee sie wieder über den Fluss zurückwerfen kann, ist offen. Bereits im Mai 2022 hatte die Ukraine am Sivers’kyj Donec ein ganzes Bataillon der Besatzer aufgerieben, weil dieses sich wegen der starken Strömung nicht über den Fluss zurückziehen konnte.
Östlich von Slovjans’k haben die Moskauer Truppen nach eigener Darstellung Mitte Mai am Südufer des Sivers’kyj Donec die Ortschaft Kryva Luka erobert, die sich auf einem Kreidefelsen hoch über dem Fluss befindet. Von dort hatte die ukrainische Armee seit Dezember alle Versuche des Gegners unterbunden, entlang des Flusses vorzurücken. Nach der Einnahme von Kryva Luka konnten die Besatzer an Rajhorodok heranrücken, die letzte Siedlung, die ihnen auf dem Weg nach Slovjans’k noch im Weg steht. Sie könnte bis Anfang Juni eingenommen werden. Dann würden nur noch drei ukrainische Verteidigungslinien die Besatzer am Eindringen in die Stadt Slovjans’k hindern. Um zu verhindern, dass gegen Ende des Sommers die Erstürmung der Stadt beginnt, muss die Ukraine einige neue Brigaden in diesen Raum verlegen.
Weiter südlich gehen die schweren Kämpfe bei Kostjantynivka und dem nahegelegenen Časiv Jar weiter – ebenso 50 Kilometer südwestlich davon im Raum Pokrovs’k. Dort rücken die russländischen Truppen sehr langsam nach Westen und Nordwesten in Richtung Dobropillja vor. Die Besatzer haben nach mehrmonatigen Kämpfen die Kontrolle über die vollkommen zerstörte Siedlung Hryšyno übernommen und rücken bei der Bergarbeitersiedlung Rodyns’ke nach Westen vor. Vor einem Jahr hatte die ukrainische Armee die Besatzer nordöstlich von Dobropillja zurückgeworfen, nun nähern sich diese der Kleinstadt jedoch auch von Süden.
Časiv Jar ist seit mehr als einem Jahr von Russland besetzt, den ukrainischen Streitkräften ist es in jüngster Zeit jedoch gelungen, die südwestlichen Außenbezirke der Stadt zurückzuerobern. Auf diese Weise hindern sie die Besatzungstruppen daran, von Nordosten auf Kostjantynivka vorzurücken. Allerdings agieren nach russländischen Angaben kleine Trupps der Moskauer Armee bereits auf rund der Hälfte des Stadtgebiets, zudem seien solche Einheiten in einem schmalen Korridor entlang der nordöstlichen Stadtgrenze vorgerückt. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass die vorgeschobenen Einheiten der Besatzer diese Erfolge lediglich behaupten. Es gibt keine Videoaufnahmen aus der Stadt, die nach den Worten ihrer „Befreier“ mit schweren gelenkten Gleitbomben dem Erdboden gleichgemacht wird.
Ende April behaupteten russländische Militärquellen, man sei nun in der Lage, sechs solcher Gleitbomben an einem Kampfflugzeug anzubringen. Es reiche nun ein einziger Start einer mit dieser Fracht beladenen Maschine, um ein mehrstöckiges Haus oder einen ganzen Wohnblock zu „rasieren“. Ziel ist es zum einen, das Risiko eines Abschusses zu senken, das mit jedem Start eines Kampfflugzeugs verbunden ist. Zum anderen zerstört eine einzelne solche Gleitbombe, selbst wenn sie ein Sprenggewicht von 500kg hat, nur die oberen Stockwerke von Wohnblöcken, während sich die ukrainischen Soldaten in den Kellern verbergen.
Auch die Ukraine hat solche schweren Bomben erworben. Anfang Mai teilte das US-Außenministerium mit, Washington habe den Verkauf von Nachrüstsätzen mit Tragflächen für präzisionsgelenkte Bomben an die Ukraine genehmigt, mit denen diese zu Gleitbomben werden und eine Reichweite von 70 Kilometern erhalten. Kiew erwerbe für rund 374 Millionen US-Dollar solche JDAM Extended Range-Rüstsätze, eingeschlossen die technischen Serviceleistungen. Mitte Mai erklärte der ukrainische Verteidigungsminister Michajlo Fedorov zudem, die Streitkräfte hätten nun eine erste Charge der in der Ukraine hergestellten KAB-Gleitbomben erhalten. Bislang können diese nur eine Sprengladung von 250 Kilogramm transportieren, doch dies reicht, um Unterstände, Artilleriegeschütze oder einen Drohnenleitstand auf dem Dach eines Hochhauses zu zerstören. Da die Ukraine immer wieder Kampfflugzeuge verliert, die den Sicherheitsabstand zur Front von 100 Kilometern unterschreiten und von Abfangraketen getroffen werden, galt der Einsatz von Gleitbomben lange als wenig sinnvoll. Offenbar gibt es aber Frontabschnitte, in denen die Bomber ihre Mission ohne allzu großes Risiko erfüllen können.
Dies gilt etwa für das Ostufer des ehemaligen Kachovka-Stausees – den am weitesten westlich gelegenen Abschnitt der gesamten Front. Die Ukraine versucht dort, die Front nach Süden zu verschieben. Die Siedlung Stepnohirs’k hat sie zurückerobert, ebenso einige nahegelegene Ortschaften. Die Gefahr einer Einkesselung der Kreisstadt Orevchiv und eines Vorrückens der Besatzungstruppen in Richtung Zaporižžja ist damit aufs erste gebannt. In diesem Raum kann die ukrainische Armee gegenwärtig die größten Erfolge aufweisen.
Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass insbesondere das dort agierende 1. Korps der ukrainischen Nationalgarde „Azov“ Anfang Mai neue Drohnen vom Typ „Hornet“ erhalten hat. Diese haben eine Reichweite von 150 Kilometern, verfügen über KI-Anwendungen, sind über Starlink steuerbar und gut gegen die elektronische Kampfführung der russländischen Truppen gesichert. Sie ermöglichen der Ukraine, nicht nur mehr einzelne Schläge gegen Ziele im Hinterland des Gegners zu führen, sondern etwa die neugebaute Straße, die von Taganrog über das besetzte Mariupol’ und weiter entlang der Schwarzmeerküste nach Džankoj auf der Krim führt, kontinuierlich unter Beschuss zu nehmen. Die ukrainische Armee hat am 8. Mai glaubwürdige Videos vorgelegt, die zeigen, dass solche Drohnen über Mariupol’ kreisen und Militärtransporter im Stadtgebiet und auf den Ausfallstraßen angreifen. Dies wird die Versorgung der russländischen Truppen am südlichen Frontabschnitt sowie auf der Krim erheblich erschweren.
In den vergangenen zwei Jahren haben die ukrainische Armee sowie der Geheimdienst SBU bereits nahezu alle Fähren zerstört, die zwischen dem Festland und der Krim verkehren, und immer wieder den Verkehr auf der Krim-Brücke unterbrochen. Seit Mitte 2025 gelten die Angriffe auch der Eisenbahnverbindung von Mariupol’ auf die Krim. Nun sind auch die Fernstraßen und Häfen an der Reihe, über die Waren und Soldaten in den besetzten Süden des Gebiets Zaporižžja gebracht werden. Am 17. Mai veröffentlichten die ukrainischen Drohnenstreitkräfte ein glaubwürdiges Video, das die Zerstörung von Kränen im Hafen von Berdjans’k zeigt.
Schon bald werden sich daher die russländischen Truppen im Gebiet Zaporižžja nicht nur im frontnahen Hinterland in einer Tiefe von 20–30 Kilometern kaum mehr ungestört bewegen können, sondern nahezu auf dem gesamten besetzen Territorium. Die relativ sichere Zone beginnt nun erst bei Taganrog auf der russländischen Seite der Grenze und bei Armjans’k im Nordwesten der Krim.
Es gibt auch schlechte Nachrichten für die Ukraine aus dem Gebiet Zaporižžja. Bei Huljaj-Pole rücken die Besatzungstruppen trotz ukrainischer Gegenangriffe auf breiter Front nach Westen vor. Der Vormarsch ist langsam. Doch Mitte April standen einzelne ukrainische Trupps noch am westlichen Stadtrand von Huljaj-Pole, heute aber mindestens sieben Kilometer und vielerorts 15 Kilometer westlich davon. Dort, am Oberlauf der Verchnja Tersa, wechselt die Kontrolle über einzelne Siedlungen immer wieder, doch insgesamt werden die ukrainischen Truppen zurückgedrängt. Eine der nach Orechiv führenden Straßen wird bereits von Drohnen des Gegners kontrolliert. Angesichts der Rückeroberung des Raums westlich der Kreisstadt stellt dies keine existentielle Gefahr dar. Die für die Versorgung der Stadt zentrale Straße aus Zaporižžja kann ohne größere Einschränkungen befahren werden. Gleichwohl droht der Stadt von Osten Unheil.
Im Zuge ihres Vormarsches könnten die Besatzer bald auch die Ruinen der Örtchens Mala Tokmačka und die dortigen ukrainischen Stellungen im Norden umgehen. Der Ort ist jüngst in russisch- und ukrainischsprachigen sozialen Medien zu einem Meme geworden, nachdem sich herausgestellt hatte, dass es 1500 Tage her ist, seit kremltreue Blogger erstmals behaupteten, die Siedlung sei eingenommen worden. Die Schlacht um Mala Tokmačka dauert damit schon länger als alle anderen bekannten Belagerungen in der langen Globalgeschichte des Kriegs.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.
Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.


