Friktionen
Russlands Krieg gegen die Ukraine: die 209. und 210. Kriegswoche
Nikolay Mitrokhin, 8.4.2026
Anfang des Jahres 2026 schien Russland das Geld für den Krieg auszugehen. Dann kam der Krieg am Persischen Golf. Nun fließen wieder Milliarden US-Dollar aus dem Ölexport in den Staatshaushalt. Die Ukraine versucht, dem mit Luftangriffen auf die Ölinfrastruktur entgegenzuwirken. Dies bringt Kiew jedoch in Konflikt mit den USA. Reibungen gibt es auch mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall, der durch die Drohnenrevolution seine Investitionen gefährdet sieht. An der Front hat die Massenproduktion unbemannter Flugobjekte zu einem Stellungskrieg geführt. Gleichzeitig kann die Ukraine mit immer mehr Drohnen, die immer schwerere Sprengsätze tragen, Russlands Kriegslogistik mittlerweile empfindlich stören.
Der Krieg am Persischen Golf und die Luftschläge der ukrainischen Armee gegen Russlands Öl- und Gasinfrastruktur haben die Position der Ukraine im internationalen Gefüge geschwächt. Die Schließung der Straße von Hormus durch den Iran hat zu einer starken Verknappung der auf dem Weltmarkt verfügbaren Mengen an Erdöl, Erdgas und Erdölprodukten geführt. Dies kommt Russland zu Gute: Die USA haben die Sanktionen gegen die Schiffe der russländischen „Schattenflotte“ aufgehoben und die angedrohten Sekundärsanktionen gegen indische Raffinerien, die Öl aus Russland beziehen, für einen befristeten Zeitraum zurückgezogen. Konnte Russland vor der Schließung der Straße von Hormus Öl nur mit starken Preisabschlägen verkaufen, so erzielen russländische Ölsorten mittlerweile wieder nahezu die gleichen Preise wie andere Sorten. Zudem ist der allgemeine Ölpreis stark gestiegen. Dies spült jede Woche Dutzende Milliarden US-Dollar in Russlands Staatshaushalt. Noch vor wenigen Wochen drohte Moskau wegen des rasant gewachsenen Haushaltsdefizits eine veritable Finanzkrise. Damit ist es zunächst vorbei.
Die ukrainische Führung versucht dieser Entwicklung mit Angriffen auf Russlands Infrastruktur für den Öl- und Gasexport entgegenzuwirken. Vorrangiges Ziel sind die Verladeterminals Ust’ Luga und Primorsk an der Ostseeküste. In Ust’ Luga gibt es praktisch keine funktionsfähige Flugabwehr, so dass seit Mitte März bei mehreren Angriffswellen 40 Prozent der dortigen Lagerkapazitäten für Erdöl in Flammen aufgegangen sind. Auch Verladesysteme wurden zerstört und zwei Tanker stark beschädigt. Die Ölverladung wurde mehrfach eingestellt und Tanker suchten Schutz auf dem offenen Meer. Dies hat auch Rückwirkungen auf die ölverarbeitende Industrie im Landesinnern, die ihre Produktion drosseln muss, da sie nicht über ausreichende eigene Lagerkapazitäten verfügt. Russlands Exportkapazitäten werden wegen der zerstörten Öllager auch dann noch für längere Zeit beschränkt bleiben, wenn die beiden Verladeterminals wieder in vollem Umfang genutzt werden können. Danach sieht es jedoch gegenwärtig nicht aus. Am 5. April wurde der Betrieb einer zum Hafen Primorsk führenden Ölpipeline eingestellt, nachdem „Trümmer“, wie es in den Meldungen stets heißt, einer ukrainischen Drohne die Rohrleitung getroffen hätten.
Zudem geht die Ukraine auf dem Schwarzen Meer gegen Tanker vor, die Öl aus Russland transportieren. Am 27. April griffen rund 25 Kilometer vor der Einfahrt in den Bosporus eine Seedrohne und ein unbemanntes Flugobjekt den aus Novorossijsk kommenden, von der türkischen Gesellschaft Pergamon Shipping betriebenen und unter der Flagge Senegals fahrenden Tanker Altura an, der auf der Sanktionsliste der Europäischen Union steht. Er hatte 140 000 Tonnen Rohöl geladen, die 27 Mann der Schiffsbesatzung waren türkische Staatsbürger. Der Tanker erlitt Schäden an Deck sowie im Maschinenraum. Der Angriff fand in der ausschließlichen Wirtschaftszone der Türkei statt, kurz bevor das Schiff in türkische Hoheitsgewässer einfuhr. Das türkische Außenministerium sprach von einem Völkerrechtsbruch und warnte vor einer Umweltkatastrophe.
Anfang April griff die Ukraine im Asowschen Meer zwei weitere aus Russland kommende Schiffe an, eines sank. In der Nacht auf den 6. April folgte eine massive Attacke auf den Hafen Novorossijsk, wo neben Ölverladeinfrastruktur auch die Fregatte Admiral Grigorovič stark beschädigt wurde.
All dies wirkt sich auf die europäischen Staaten aus, die weiterhin gewisse Mengen an Öl und Gas aus Russland beziehen und zugleich möchten, dass der Druck auf Russland aufrecht erhalten wird. Sie verfügen jedoch über keine Möglichkeit, die USA dazu zu bringen, eine Wiederherstellung der freien Schifffahrt durch die Straße von Hormus zu ihrer obersten Priorität zu erklären und die Sanktionen gegen Russland aufrecht zu erhalten.
Washington übt stattdessen Druck auf Kiew aus, damit die Ukraine die Angriffe auf Russlands Ölverladeinfrastruktur einstellt. An die Öffentlichkeit gelangten die Spannungen nur indirekt – in Gestalt eines öffentlichen Schlagabtauschs zwischen dem ukrainischen Präsidenten Zelens’kyj und US-Außenminister Marco Rubio über Sicherheitsgarantien der USA. Rubio bezichtigte Zelens’kyj Ende April der Lüge. Anders als Zelens‘kyj behaupte, würden die USA Sicherheitsgarantien nicht an einen vorherigen Abzug der ukrainischen Armee aus dem Donbass knüpfen.
Zelens’kyj vermied eine Eskalation des Konflikts, der seit seinem missratenen Treffen mit US-Präsident Trump im Frühjahr 2025 nicht mehr so deutlich an die Öffentlichkeit gelangt war. Gleichwohl erklärte er, dass die Formulierung „nach einer Einstellung der Kampfhandlungen“ – also dem Zeitpunkt, ab dem die USA Sicherheitsgarantien geben wollen – faktisch bedeute: nach einem Rückzug der Ukraine aus dem Donbass.
Im Hintergrund des Schlagabtauschs steht wohl zugleich auch die abgesagte Lieferung neuer Patriot-Luftabwehrsysteme aus den USA an die Ukraine.
Diese haben die USA abgesagt oder verschoben, weil sie die Systeme am Persischen Golf benötigen. In Kiew schaut man verärgert, aber hilflos zu, wie die USA und ihre arabischen Verbündeten zur Abwehr iranischer Drohnen teure und knappe Raketen diesen Typs einsetzen, während in der Ukraine zu diesem Zweck längst Abfangdrohnen entwickelt wurden, so dass die Abfangraketen gegen Marschflugkörper und ballistische Raketen eingesetzt werden können.
Zelens’kyj hat vor und nach dem Schlagabtausch mit Rubio zum Thema Sicherheitsgarantien und Abzug aus dem Donbass mehrfach geäußert, dass in der Frage der Angriffe auf Russlands Öl- und Gasinfrastruktur Druck auf die Ukraine ausgeübt werde. Am 30. März machte er ein Ende der Angriffe davon abhängig, dass Russland die Luftangriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur einstellt. Die Zahl der Raketenattacken auf Kraftwerke ist zwar deutlich zurückgegangen, russländische Drohnen sorgen aber weiter regelmäßig für Stromausfälle in verschiedenen Regionen der Ukraine und immer wieder werden bei kombinierten Angriffen mit Drohnen und Raketen auch Kraftwerke beschädigt. Da Russland Zelens’kyjs Forderung unbeantwortet ließ, stellt auch die Ukraine ihre Luftangriffe nicht ein. Diese zielen nicht nur auf die Infrastruktur für den Öl- und Gastransport, sondern auch auf die Stromversorgung. Nach Attacken am 5. April hatten in den besetzten Teilen des Donbass mehr als 500 000 Menschen vorübergehend keinen Strom, am 6. April geschah gleiches im besetzten Teil des Gebiets Zaporižžja. Auch auf der besetzten Krim sowie in den russländischen Gebieten Belgorod und Kursk sind Stromausfälle nach ukrainischen Luftangriffen Alltag.
Angesichts der neuen Entwicklung, die Russland in die Karten spielt, gibt sich Moskau demonstrativ gelassen. Kiew hingegen versucht mit Nachdruck, die europäischen Partner dazu zu bringen, einen Weg zu finden, wie Ungarn zu einer Aufgabe des Vetos gebracht werden kann, mit dem die Regierung von Viktor Orbán den zugesagten Kredit der EU an die Ukraine in Höhe von 90 Milliarden Euro blockiert. Sollte das Geld nicht fließen, steht die Ukraine im Juni – nach manchen Einschätzungen sogar noch früher – vor der Zahlungsunfähigkeit.
Auch die Suche nach neuen Partnern im Nahen Osten hat die Ukraine intensiviert. Zunächst reisten Drohnenspezialisten in die arabischen Golfstaaten, um ukrainische Abfangdrohnen vorzustellen. Anfang April reiste Präsident Zelens’kyj nach Saudi-Arabien, Jordanien, Katar und in die Vereinigten Arabischen Emirate, von wo er mit Verträgen über arabische Investitionen in die Entwicklung und den Bau von Drohnen sowie über die Lieferung von Dieselkraftstoff an die Ukraine zurückkam. Auch wollen diese Staaten in Zukunft den Import landwirtschaftlicher Güter aus der Ukraine erhöhen.
Auch nach Syrien fuhr Zelens’kyj, wo er mit Präsident Ahmed al-Scharaa die Gespräche über eine Zusammenarbeit fortsetzte, die die Ukraine bereits nach dem Machtwechsel in Damaskus aufgenommen hatte. Man kann davon ausgehen, dass Kiew Interesse daran hat, die Waffen aus sowjetischer Produktion – insbesondere Flugabwehrraketen, gepanzerte Fahrzeuge und Artilleriemunition – aufzukaufen, die die neue Regierung von dem gestürzten Assad-Regime geerbt hat und die noch nicht durch israelische Luftangriffe zerstört worden sind. Im Angebot hat die Ukraine auch hier vor allem Drohnen und andere Rüstungsgüter.
Empörung über Rheinmetall
Der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall baut in der Ukraine Fabriken und hat sich zahlreiche weitere Aufträge und Projekte gesichert, darunter die Schaffung eines integrierten Systems zur Koordinierung verschiedener Drohnentypen. Aus scheinbar heiterem Himmel ließ der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens Armin Papperger in einem Ende März in der Zeitschrift The Atlantic veröffentlichten Interview die herablassende Bemerkung fallen, die Ukraine produziere Drohnen so, „wie man Legosteine zusammensteckt“. Die Bauteile würden „von Hausfrauen auf 3D-Druckern“ hergestellt. Die Äußerung führte zu einem Sturm der Entrüstung in der Ukraine.
Unabhängig davon, wie man die Bemerkung in eine sachliche Sprache übersetzen könnte und ob sie dann den Fakten standhält, zeugt sie davon, dass es erhebliche Differenzen zwischen dem Unternehmen und der ukrainischen Führung gibt. Der Konflikt erinnert an die Spannungen zwischen Kiew und dem türkischen Rüstungskonzern Baykar im Jahr 2023. Der Hersteller der Überwachungs- und Angriffsdrohne „Bayraktar“ beklagte damals öffentlich, ukrainische Beamte würden aus eigennützigen Motiven den Bau einer Produktionshalle bei Kiew verhindern. Doch zeichnete sich bereits damals ab, dass die Zeit der Bayraktar-Drohnen bald um ist. Die langsamen und leicht zu entdeckenden Drohnen werden von modernen Flugabwehrsystemen leicht erfasst; sie eignen sich für Überwachungsflüge oder zum Einsatz gegen Partisanen oder gegen ungeschützte Militärkolonnen. Seit der Niederlage der russländischen Truppen vor Kiew im Frühjahr 2022 gibt es solche Kolonnen jedoch nicht mehr. Die Errichtung des Werks ist bis heute nicht abgeschlossen, Russland nimmt die Baustelle immer wieder bei Luftangriffen ins Visier. Doch auch wenn das Werk eines Tages fertiggestellt ist, werden dort nicht mehr als 100 Bayraktar-Drohnen pro Jahr produziert werden.
Ähnlich ist der Fall Rheinmetall gelagert. Das Unternehmen errichtet in der Ukraine ein Werk für die Produktion von 155mm-Granaten. Als der Vertrag 2024 geschlossen wurde, gab es einen großen Bedarf an dieser Munition. Bekannt war, dass es Verzögerungen beim Bau dieses Werks gibt, von dem es bereits Mitte 2024 hieß, dass dort bald die Produktion beginnen werde. Im August 2025 hieß es, die Fabrik würde 2026 fertiggestellt, so dass Rheinmetall statt 150 000 dann 300 000 dieser Artilleriegranaten für die Ukraine produzieren könne. Mittlerweile können allerdings die Mengen, die die Ukraine benötigt, von Rüstungsbetrieben in Ostmittel- und Südosteuropa gedeckt werden. Aus ukrainischer Sicht ist es wenig sinnvoll, dem deutschen Unternehmen pro Granate 4000-5000 € zu bezahlen, während diese für 2500 € in Tschechien, der Slowakei oder Bulgarien beschafft oder sogar durch eine Drohne mit einem Stückpreis von 300 € ersetzt werden können.
Geplant war im Jahr 2024 auch, ein Werk in der Westukraine, in dem Panzer der Typen Leopard-1 und Leopard-2 sowie gepanzerte Fahrzeuge des Typs Marder repariert werden, für die Produktion von gepanzerten Kettenfahrzeugen mit Flugabwehrkanonen auszubauen. Was aus diesen Plänen geworden ist, ist unklar. Anfang Oktober 2025 gab Rheinmetall bekannt, die Ukraine habe auf der Karosserie des Panzers Leopard-1 aufsetzende Flugabwehrgeschütze vom Typ Skyranger-35 bestellt, die von Rheinmetall Italia SpA in Rom produziert würden. Auch der Sinn dieses Auftrags steht in Frage, da die Ukraine mittlerweile Abfangdrohnen entwickelt hat, die auf die Abwehr russländischer Geran‘-Angriffsdrohnen spezialisiert sind und nur 4000 Euro das Stück kosten, während alleine die Kanone des Skyranger-35 12 Millionen Euro kostet. Auch der Bedarf an weiteren deutschen Panzern und gepanzerten Transportwagen sowie an der Reparatur bereits gelieferter Fahrzeuge geht wegen der Dominanz der Drohnen zurück.
Vieles spricht also dafür, dass hinter den abschätzigen Bemerkungen des Rheinmetall-Chefs ein struktureller Konflikt steht: Das Unternehmen hat in Produktionsstätten investiert, die Rüstungsgüter, die dort produziert werden oder werden sollen, verlieren jedoch bereits jetzt durch den rasanten technologischen Wandel an Bedeutung. Je länger der Bau entsprechender Betriebe dauert, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht mehr benötigt werden. Die Ukraine trägt zu dieser Entwicklung möglicherweise durch Verzögerungen und ganz gewiss durch ihre Drohnenproduktion bei. Für Rheinmetall geht es dabei nicht nur um den ukrainischen Markt, sondern auch darum, ob die Rüstungsgüter des Unternehmens auf vielen anderen Märkten an Bedeutung verlieren, weil sie durch billige Drohnen abgelöst werden.
Die Lage an der Front
Die russländischen Truppen haben an den meisten Frontabschnitten ukrainische Gegenoffensiven zurückgeschlagen und sind stellenweise ihrerseits erneut zum Angriff übergegangen. Die Okkupationstruppen warten, bis das neue Laub an den Bäumen ihnen bei einer neuen Offensive Deckung verschafft; die ukrainische Armee häuft FPV-Drohnen an, um die bevorstehenden Angriffswellen abzuwehren. Die Moskauer Truppen haben einen Ersatz für die abgeschalteten Starlink-Terminals gefunden. Die neuen Stationen mit dem Namen Spirit-030 sind mit einem geostationären Satelliten verbunden und haben es ermöglicht, die operative Kommunikation an der vordersten Front wiederherzustellen. Mit ihren kleinen Antennen von nur 30cm Länge können die neuen Terminals besser vor Drohnen versteckt werden, als dies bei dem zwischenzeitlich als Ersatz für die Starlink-Terminals eingesetzten Vorgängermodell der Fall war.
Im Gebiet Sumy haben die Besatzungstruppen seit März zwei weitere grenznahe Dörfer eingenommen. Im Gebiet Charkiv sind sie an einigen wenigen Stellen entlang der Grenze minimal vorgerückt. Bei Kupjans’k gehen am nördlichen Stadtrand die schweren Gefechte weiter.
Im Gebiet Donec’k finden weiter zu beiden Seiten des Sivers’kyj Donec heftige Kämpfe statt. Westlich von Lyman ist es den ukrainischen Truppen gelungen, die Besatzer 2-4 Kilometer zurückzudrängen. Auch deren Vormarsch auf Slovjans‘k steckt weiter bei Gaj-Aleksandrivka fest. In Kostjantynivka sind nach Angaben russländischer Militärkanäle mehrere kleine Trupps in den Südteil der Stadt eingedrungen.
Nordwestlich von Pokrovs’k hat die ukrainische Armee im Schutze dichten Nebels versucht, den Gegner zurückzudrängen. Am 1. April näherte sich eine Kolonne gepanzerter Fahrzeuge der Sondereinsatztruppen des ukrainischen Generalstabs über Hryšyno dem westlichen Stadtrand von Pokrovs’k. Sie verlor dabei jedoch sechs Fahrzeuge, darunter ein Abrams-Panzer und zwei gepanzerte Truppentransporter. Ein ähnlicher Versuch der gleichen Einheit ist bereits vor einigen Monaten gescheitert. Etwas weiter nordöstlich ist es den ukrainischen Truppen aber offenbar bei Rodyns’ke gelungen, die Okkupationsarmee ein wenig zurückzudrängen.
Nordöstlich von Huljaj-Pole ist die ukrainische Offensive im Übergangsbereich der Gebiete Zaporižžja und Donec’k versackt. Die Besatzungsarmee hat die Kiewer Truppen von Uspenivka nach Norden zurückgedrängt. Weiter östlich haben die ukrainischen Verbände mehr Erfolg, dort haben sie drei Siedlungen im Gebiet Dnipropetrovs’k befreit. Westlich von Huljaj-Pole rücken die Okkupationstruppen jedoch Tag für Tag um rund 400 Meter vor. Auch südöstlich von Orechiv ist es der russländischen Armee gelungen, eine Siedlung einzunehmen. Westlich der Kleinstadt hat die Ukraine hingegen die Ruinen der einstigen Arbeitersiedlung Stepnohirs’k am früheren Ufer des Kachovka-Stausees nahezu vollständig zurückerobert.
Der Drohnenkrieg an der Front
Die sorgenvollen Meldungen russländischer Militärblogger, die Mitte März über eine starke Zunahme der von der Ukraine an der Front und für Angriffe im Hinterland eingesetzten Drohnen berichteten, sind zu offener Panik angeschwollen. Tatsächlich hat sich die Zahl der von Russlands Flugabwehr abgeschossenen schweren Angriffsdrohnen in nur einem Monat fast verdoppelt. Sie lag nach Angaben der russländischen Nachrichtenagentur RIA Novosti im März 2026 bei 11 211.
Auch Russland hat im März so viele Angriffsdrohnen wie nie zuvor gegen die Ukraine eingesetzt. Nach Berechnungen von AFP waren dies 6462 und damit kaum mehr als die Hälfte der von der Ukraine eingesetzten großen unbemannten Flugobjekte. Zwar startet Russland in manchen Nächten, so zuletzt am 24. März, mehr als 1000 Angriffsdrohnen. Die Ukraine attackiert den Gegner jedoch Tag für Tag mit 250-400 unbemannten Flugobjekten. Am 25. März wurden nach Angaben des Moskauer Verteidigungsministeriums alleine im Gebiet Leningrad 389 flugzeugartige Drohnen abgeschossen, die in Richtung der Häfen in Primorsk und Ust‘-Luga flogen. Zwei Dutzend erreichten ihr Ziel.
Schon lange war klar, dass Russlands Luftabwehr bei einer solchen Zunahme der eingesetzten Drohnen rasch die Abfangraketen ausgehen werden. Am 5. April war dies dann auch erstmals in russischen Militärkanälen zu lesen, darunter in den reichweitenstarken Kanälen „Rybar‘“ und „Sladkov“. Bei weiter hohen Abfangraten zerstört oder beschädigt die Ukraine mittlerweile daher pro Nacht nicht mehr nur ein bedeutendes Ziel, sondern mindestens vier. Dies ist nicht nur auf die größere Zahl eingesetzter Drohnen zurückzuführen, sondern auch darauf, dass Russland weniger Abfangraketen einsetzen kann. Im Februar waren es noch 288, im März nur noch 138.
Nach ukrainischen Angaben ist die höhere Trefferrate bei unbemannten Flugobjekten mit mittlerer Reichweite, die etwa Ziele in den besetzten Gebieten einschließlich der Krim angreifen, auch auf eine neue Technologie zurückzuführen. Die neue, aus Sperrholz gefertigte FP-2 Drohne des Unternehmens Firepoint kann schlechter von Radarsystemen detektiert werden. Sie ist zudem in der Lage, bei einer Reichweitenverkürzung auf 200 Kilometer einen Sprengkopf mit einem Gewicht von 105 Kilogramm zu tragen. Mit dieser Drohne gelingt es der Ukraine mittlerweile fast täglich, früher unerreichbare Ziele – etwa auf der Krim – zu beschädigen oder zu zerstören.
Ähnlich ist die Entwicklung bei den im Nahbereich der Front eingesetzten Drohnen. Ein russländischer Militärblogger, den das Portal Ež zitiert, schildert die Lage so:
„An der Front hat eine Drohnen-Revolution stattgefunden. Die Ukraine hat eine neue Generation in Dienst genommen, was zu ernsthaften Problemen bei der Versorgung der Truppen führt. Die Drohnen sind Tag und Nacht im Einsatz, sie sind kaum zu hören, erst in den letzten Sekunden. Gewöhnliche Radarsysteme erkennen sie nicht und sie sind immun gegen elektronische Kriegsführung. Die Qualität der Bauteile ist sehr hoch und es handelt sich um Serienfertigung. Es gibt Versionen, die nicht von einem Drohnenführer, sondern von KI gesteuert werden. Wenn sie von einer Transportdrohne gestartet werden, die mittels Starlink gesteuert wird, haben sie eine sehr große Reichweite.“
Eines der erklärten Ziele der russländischen Offensiven der Jahre 2024 und 2025 war, die Front so weit nach Westen zu verschieben, dass die besetzte Stadt Donec’k im sicheren Hinterland liegt. Tatsächlich verläuft die Front nun 50 Kilometer von der Stadt entfernt. Doch die Entwicklung der Drohnentechnik hat dazu geführt, dass nun entlang der Umgehungsstraßen um die Stadt genau jene der Drohnenabwehr dienenden Netztunnel errichtet werden, die vor einiger Zeit in frontnahen Gebieten erstmals zu sehen waren.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.
Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.


