Frontverlauf im Gebiet Donec'k am 10.3.2026, Quelle: Deepstate
Frontverlauf im Gebiet Donec'k am 10.3.2026, Quelle: Deepstate

Grenzen der Entgrenzung

Russlands Krieg gegen die Ukraine: die 205. und 206. Kriegswoche

Nikolay Mitrokhin, 10.3.2026

Der Krieg im Nahen Osten hat zu einer Unterbrechung der Verhandlungen über einen Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine geführt. Zugleich wertet er die Ukraine als Lieferant von Abfangdrohnen auf, welche die USA und die arabischen Golf-Anrainer benötigen. Der Konflikt zwischen Kiew und den Nachbarstaaten Ungarn und Slowakei ist nach einer Unterbrechung der aus Russland kommenden Ölpipeline eskaliert. An der Front wird gegenwärtig nur an wenigen Stellen intensiv gekämpft. Russland versucht, den noch unter ukrainischer Kontrolle stehenden Nordwesten des Gebiets Donec’k zu erobern. Eine ukrainische Gegenoffensive weiter südlich zielt mit Blick auf zukünftige Verhandlungen darauf, die Besatzungstruppen aus dem Gebiet Dnipropetrovs’k zu vertreiben. Im Luftkrieg vertreibt die Ukraine Russlands Schwarzmeer-Flotte nun auch von der Ostküste des Schwarzen Meers. Ein Tabu besteht trotz des unerbittlichen Kriegs weiter: Weder Kiew noch Moskau versuchen, die politische und militärische Führung des Gegners mit gezielten Luftangriffen zu töten.

Die Verhandlungen über einen Waffenstillstand in der Ukraine sind aufgrund des Kriegs im Nahen Osten ausgesetzt. Noch im Februar hatten die Kriegsparteien in Genf eine Übergabe getöteter Soldaten und einen Gefangenenaustausch vereinbart. Am 6. und 7. März kehrten je 1000 Kriegsgefangene beider Seiten in ihre Heimat zurück. Dies war der größte Austausch seit einer im Mai 2025 in Istanbul vereinbarten Übergabe. Die nächste Verhandlungsrunde, die in Abu Dhabi stattfinden sollen, wurde wegen der Angriffe der USA und Israels auf den Iran und der iranischen Attacken auf die arabischen Golfstaaten abgesetzt.

Die Drohnenangriffe des Iran auf US-Militärstützpunkte haben dazu geführt, dass sich die Position der Ukraine im Kreis ihrer strategischen Partner unerwartet verbessert hat. Weder die USA noch die arabischen Staaten waren darauf vorbereitet, Hunderte billiger Kamikaze-Drohnen abzuwehren. So bot Kiew umgehend die Entsendung von Spezialisten für die Bekämpfung von Shahed-Drohnen sowie die Lieferung ukrainischer Abfangdrohnen an, die seit einiger Zeit in großer Stückzahl hergestellt werden. Das Angebot stieß auf Zustimmung, so dass die Ukraine erstmals jenseits des Kriegsschauplatzes im eigenen Land zu einem vollwertigen Partner der westlichen Kriegskoalition geworden ist. In der ersten Märzwoche gab die Ukraine zudem bekannt, dass die Testphase für eine neue Form der Drohnenabwehr beginne: unbemannte Kleinboote als Trägersystem für Abfangdrohnen, die gegen Langstreckendrohnen eingesetzt werden.

Eskalation im Westen – der Streit mit Ungarn und der Slowakei

Der Krieg gegen den Iran hat die Versorgung Europas mit Erdöl und Erdgas erneut auf die politische Agenda gebracht.

Bereits im Jahr 2022 haben die EU-Staaten erklärt, den Bezug von Öl und Gas aus Russland mittelfristig beenden zu wollen. In den folgenden Jahren haben sie dies immer weiter umgesetzt. Entsprechend ist die Abhängigkeit von den Golf-Staaten und den USA gestiegen. Nun hat die Schließung der Straße von Hormuz zu einer Explosion des Ölpreises geführt, die sich für die Verbraucher zunächst vor allem durch die stark gestiegenen Benzinpreise bemerkbar macht.

Für die Binnenstaaten Mitteleuropas ist die Lage zusätzlich dadurch erschwert, dass sie keine eigenen Häfen haben. Sie müssen Öl und Gas über Pipelines oder per Eisenbahn aus den Nachbarländern beziehen. Ungarn und die Tschechoslowakei haben in den 1970er und 1980er Jahren große Raffinerien zur Verarbeitung von aus der Sowjetunion importiertem Rohöl gebaut. Der slowakische Raffineriekonzern Slovnaft ist seit dem Jahr 2000 Tochtergesellschaft des ungarischen Konzerns MOL.

Tschechien hat bereits in den 1990er Jahren eine Anbindung an das westeuropäische Pipelinenetz geschaffen und bezieht seit April 2025 kein Öl aus Russland mehr. Anders Ungarn und die Slowakei. Beide Staaten erhielten bis Ende Januar Erdöl über die aus Russland kommende Družba-Pipeline. Nach Darstellung der Regierungen in Budapest und Bratislava genügten die Kapazitäten der Adria-Pipeline, über die Öl vom kroatischen Terminal Omišalj auf der Insel Krk in die beiden Staaten gepumpt werden könnte, nicht. Die Behauptung wurde mehrfach zurückgewiesen, wahrscheinlicher ist es, dass die beiden Staaten an Lieferungen aus Russland über die Pipeline festhielten, weil sie dieses Öl zu einem deutlich geringeren Preis erhalten.

Seit einem russländischen Drohnenangriff am 27. Januar fließt jedoch kein Erdöl mehr durch diese Pipeline. Nach Kiewer Darstellung sei bei dem Angriff nahe der westukrainischen Stadt Brody eine Pumpstation der Pipeline zerstört worden und könne nicht kurzfristig repariert werden. Ungarn und die Slowakei weisen diese Darstellung zurück und sehen einen Erpressungsversuch Kiews.

Dies hat dazu geführt, dass ausgerechnet diese beiden Staaten, die eine wichtige Rolle für die Lieferung von Strom und Diesel in die Ukraine spielen, einen heftigen Konflikt mit der Ukraine über Rohöllieferungen aus Russland austragen. Die ukrainische Führung will Russland die Einnahmen aus dem Ölgeschäft nehmen, Ungarn und die Slowakei fürchten um die Konkurrenzfähigkeit nicht nur ihrer Raffinerien, sondern weiterer Industriezweige.

Ungarn und die Slowakei fordern eine umgehende unabhängige Überprüfung der Pumpstation, dem hat sich die Europäische Kommission angeschlossen. Kiew behauptet, dies sei aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Ungarn belegte daraufhin die Auszahlung eines im Dezember 2025 beschlossenen 90 Milliarden-Kredits der Europäischen Union an die Ukraine mit einem Veto. Der ungarische Ministerpräsident Orbán erklärte am 5. März, er werde mit politischen und wirtschaftlichen Mitteln die Wiederinbetriebnahme der Pipeline erzwingen. Daraufhin erklärte der ukrainische Präsident Zelens’kyj am Folgetag, Orbán solle den Kredit freigeben, andernfalls werde er der ukrainischen Armee dessen Adresse mitteilen – und diese hätte ihre eigenen Methoden der Gesprächsführung. Nicht nur Orbán protestierte gegen die Äußerung, auch sein Konkurrent im aktuellen ungarischen Wahlkampf sowie hochrangige Vertreter der Europäischen Union mahnten Zelens’kyj, er solle seinen Ton mäßigen.

Orbán protestierte jedoch nicht nur, sondern schritt zur Tat. Kurz nach dem Auftritt Zelens’kyjs wurden in Ungarn sieben Männer, darunter ein ehemaliger General des Geheimdiensts SBU, festgenommen. Sie transportierten im Auftrag der ukrainischen staatseigenen adbank Dollar- und Euro-Banknoten im Wert von 70 Millionen Euro sowie neun Kilogramm Gold. Die ungarischen Behörden sprachen von möglicher Geldwäsche durch eine „ukrainische Kriegsmafia“, die Ošadbank von einem regulären Transport zwischen der Wiener Raiffeisenbank und der Zentrale der ukrainischen Bank in Kiew. Die Frage nach der Herkunft der Banknoten ist vor dem Hintergrund des Mindič-Skandals in der Tat berechtigt: Als das ukrainische Amt für Korruptionsbekämpfung im November 2025 in diesem Zusammenhang mehrere Hausdurchsuchungen durchführte, fanden die Beamten US-Banknoten im Wert von vier Millionen, die sich in Originalverpackungen der amerikanischen Notenbank befanden.

Ungarn hat die sieben Männer freigelassen, hält das Geld und ihre Fahrzeuge jedoch weiterhin unter Beschlag.

Während dies die diplomatischen Unstimmigkeiten verschärft, hat eine andere Entscheidung der Regierungen in Budapest und Bratislava viel gravierendere Auswirkungen: Die Slowakei und Ungarn haben die Weiterleitung von Benzin, Diesel und Strom über ihr Staatsgebiet in die Ukraine gedrosselt. Die Treibstoffpreise an den ukrainischen Tankstellen sind in der ersten Märzwoche stark gestiegen. Die ukrainischen Behörden erklären zwar, es gebe ausreichend Möglichkeiten für den Import von Ölprodukten – zentral ist die Verbindung über Polen. Tatsächlich könnte der Anstieg zumindest bislang auf die Schließung der Straße von Hormuz infolge des Kriegs im Nahen Osten zurückzuführen sein, die weltweit zu höheren Preisen für Benzin und Diesel geführt hat.

Allerdings könnte sich diese Krise mit Auswirkungen nicht nur auf die Ukraine weiter verschärfen. Nach der Versenkung des mit EU-Sanktionen belegten russländischen Flüssiggastransporters Arctic Metagaz vor der Küste Libyens am 3. März sprach Putin von Terrorismus. Er wies der Ukraine die Täterschaft zu. Kiew beiße die Hand, die sie füttere. Gleichzeitig beschuldigte er die EU der Beihilfe und kündigte an, Russland werde den Flüssiggasexport in die EU einstellen. Vieles spricht dafür, dass die EU ihre Versuche, Russland vom Ölmarkt zu drängen, ebenso wie die USA zurückstellen wird, solange die Lieferung aus dem Nahen Osten unterbrochen ist. Entsprechend würde sie darauf hinwirken, dass die Ukraine rasch für eine Wiederaufnahme der Öllieferungen nach Mitteleuropa über die Družba-Pipeline sorgt. Andernfalls könnten Ungarn und die Slowakei ihre Grenze zur Ukraine bald vollständig schließen – und es ist keineswegs gesagt, dass Ungarns Oppositionsführer Magyar nach einem möglichen Wahlsieg in dieser Frage eine andere Haltung einnehmen wird als Orbán. Gleichwohl würde ein Machtwechsel in Ungarn das Verhältnis zwischen Budapest und Kiew zweifellos verbessern, hat das vergiftete Klima doch auch mit einer seit Jahren von Orbán und Zelens’kyj gehegten wechselseitigen persönlichen Antipathie zu tun.

Die Lage an der Front

Die Situation an der Front blieb in der zweiten Februarhälfte und der ersten Märzwoche stabil. In einigen russländischen Quellen ist von einer „strategischen Pause“ die Rede. Konkret heißt das: Solange die Bäume kein Laub tragen, das den Soldaten Deckung gewährt, und eisige Winde über den gefrorenen Boden der Steppe ziehen, ist keine der beiden Seiten allzu bestrebt, größere Trupps in die 20 Kilometer breite Todeszone zu schicken, die zwischen den Stellungen der russländischen und der ukrainischen Armee liegt. Seit Anfang März liegen die Temperaturen im Süden der Ukraine über dem Gefrierpunkt. Doch das bedeutet nur, dass tiefer Schlamm jede Bewegung mit schweren Fahrzeugen für anderthalb Monate nahezu unmöglich macht. Bis in den Mai hinein wird es daher keine großen Operationen geben.

Örtliche Gefechte finden jedoch durchaus statt. Die ukrainische Armee konzentriert sich gegenwärtig auf die Nordseite der Frontausbuchtung im Übergangsbereich der Gebiete Donec’k, Zaporižžja und Dnipropetrovs’k. Dort ist den ukrainischen Truppen in den vergangenen zwei Wochen ein zweiter Frontdurchbruch gelungen. Dieser erlaubte es ihnen, von der Ortschaft Haj im Gebiet Dnipropetrovs’k auf einer Breite von fünf Kilometern in südliche Richtung 15 Kilometer bis kurz vor Krasnohirs’ke im Gebiet Zaporižžja vorzustoßen. Alle drei Vorstöße von Oleksandrivka nach Süden, die zur halbseitigen Einkesselung von mindestens zwei russländischen Einheiten geführt haben, sowie eine kleinere Operation weiter nördlich bei Novomykolajivka zeigen, welches das Ziel der Offensive ist: die Besatzungstruppen aus dem Gebiet Dnipropetrovs’k zu vertreiben und die Frontlinie am Übergang zwischen den Gebieten Donec’k und Zaporižžja zu stabilisieren. Zu diesem Zweck scheut die ukrainische Armee keine Verluste. Dahinter steckt zweifellos die Absicht, Russland bei neuen Gesprächen Verhandlungsmasse zu nehmen.

An anderen Frontabschnitten ist die Ukraine hingegen vor allem darauf bedacht, Soldaten und Material zu schonen. Davon zeugt etwa, dass die Besatzungstruppen westlich von Huljaj Pole weiter vorrücken, wenn auch sehr langsam. Dort haben sie in mindestens zwei Operationsräumen weitere Ortschaften erobert, so etwa die an der Verchnja Tersa gelegene Siedlung Hirke. Am Westufer dieses Flusses verläuft die Hauptlinie der ukrainischen Verteidigung im Großraum Orichiv.

Auch westlich von Pokrovs’k hat sich die Situation nicht zugunsten der ukrainischen Truppen entwickelt. Dort sind die russländischen Truppen in drei Richtungen vorgestoßen: nach Westen bis zur Grenze des Gebiets Dnipropetrovs’k, nach Nordwesten bis ins Zentrum der großen Siedlung Hryšyne, an deren Ostrand zuvor drei Monate gekämpft worden war; sowie weiter nördlich, wo sie bis auf drei Kilometer an die Ortschaft Dobropil’je heranrückten und so die Erfolge der ukrainischen Gegenoffensive zwischen August und Oktober 2025 zunichtemachten.

Weiter östlich sind nach Moskauer Angaben russländische Infanterietrupps von Südwesten in die Stadt Kostjantynivka eingedrungen. Zuvor waren solche Einheiten nur in den Südosten der Stadt gelangt. Im Militärkanal „Dva majora“ hieß es dazu, der Vorstoß habe nur taktische Bedeutung, die Stadt werde vor dem eigentlichen Angriff zunächst mit schweren Gleitbomben dem Erdboden gleichgemacht.

Auch den Zangenangriff auf Raj-Oleksandrivka, den letzten großen Knotenpunkt der ukrainischen Verteidigung östlich von Slovjans’k, setzen die Besatzungstruppen fort – von Norden entlang des Sivers’kyj Donec, von Osten aus Richtung Sivers’k und von Süden entlang der Überlandstraße Bachmut-Slovjans’k.

An den übrigen Frontabschnitten, an denen in den vergangenen Monaten gekämpft wurde – bei Lyman, Svjatohirs’k, Izjum und Kupjans’k – gab es keine nennenswerte Bewegung. In den Gebieten Charkiv und Sumy, wo entlang der Staatsgrenze nur wenige Kämpfe stattfinden, nimmt die Besatzungsarmee weiter ungefähr jede Woche ein Dorf ein. Die Bewohner, die explizit eine Evakuierung durch ukrainische Helfer abgelehnt hatten – meist hochbetagte Menschen –, werden umgehend nach Russland deportiert. Alleine in der ersten März-Woche wurde der Abtransport von 70 Menschen gemeldet. Auf diese Weise errichtet Russland in diesen beiden Gebieten – bislang jedoch nicht im Gebiet Černyhiv – tatsächlich eine „Pufferzone“. Allerdings nicht durchgehend und in einer Tiefe von 30 Kilometern, wie Putin nach dem Einmarsch ukrainischer Truppen in das Gebiet Kursk gedroht hatte, sondern unzusammenhängend und in einer Tiefe von rund drei Kilometern.

Von den Sitten des Kriegs

Die Angriffe der USA und Israels auf den Iran demonstrieren, welchen Zielen strategisch geplante Luftschläge gelten und in welcher Reihenfolge diese angegriffen werden: die politische Führung; Radaranlagen, Antennen und andere leicht zu zerstörende Komponenten der Luftverteidigung wie die militärische Kommunikation; Kommandozentren der Armee, Gebäude der Aufklärungsdienste, Kriegsschiffe, Raketenabschussrampen, Munitionslager.

Viele dieser Ziele nehmen auch die Raketen und Drohnen ins Visier, mit denen Russland und seit längerer Zeit auch die Ukraine Nacht für Nacht den Gegner angreifen. In der Nacht auf den 9. März setzte die Ukraine erstmals mehr als 800 Langstreckendrohnen ein. Russland brachte in der ersten März-Woche erstmals den neuen luftgestützten Marschflugkörper „Izdelie-30“ zum Einsatz – eine Weiterentwicklung des Lenkflugkörpers CH-101 mit größerem Gefechtskopf, aber geringerer Reichweite.

Viele dieser Flugkörper setzen lediglich einige Öltanks in Brand, durchschlagen in einem Rüstungsbetrieb das Dach einer Werkhalle oder zerstören eine Umspannstation. Ungefähr einmal pro Woche werden auch bedeutendere Ziele getroffen. Die Ukraine zerstörte etwa in der ersten Märzwoche zwei Lager für Shahed-Drohnen im besetzten Gebiet Donec’k, was zu heftigen Sekundärdetonationen nahe dem Flughafen der Gebietshauptstadt sowie auf dem Gelände eines örtlichen Unternehmens führte. Die seit vier Jahren anhaltenden Angriffe der Ukraine auf die Schwarzmeer-Flotte sind zweifellos ein großer Erfolg.

Ein Ziel sparen beide Seiten jedoch aus: hochrangige Personen der politischen und militärischen Führung des Gegners. Putins Freunde und Komplizen, die Generäle und die Leiter der regionalen Geheimdienststrukturen, die Direktoren und Besitzer der Rüstungsunternehmen – sie alle bleiben unbehelligt. Ebenso ist kein einziger ukrainischer Minister, Abgeordneter oder Leiter einer Regionalverwaltung von einer russländischen Drohne getötet worden. Ein einziger ukrainischer Großunternehmer, der Gründer des Agrarlogistik-Konzerns Nibulon Oleksyj Vadaturskyj, starb bei einem Raketenangriff in Mykolajiv im Juli 2022. Auch die ukrainischen Geheimdienste SBU und HUR verüben ihre Anschläge auf russländische Militärs ausschließlich unter freiem Himmel.

Der Grund kann nicht sein, dass sich die Häuser all dieser Personen in Städten und Orten befinden, die vollkommen von der Flugabwehr geschützt sind. Vielmehr gibt es eine unausgesprochene Übereinkunft zwischen Kiew und Moskau, von solchen Attacken abzusehen. Solange dieses Tabu bestehen bleibt und die Kriegsgegner nicht versuchen, die Eliten des Feinds und deren Familien zu töten, bleibt die „ewige Feindschaft“, von der in der Ukraine viel die Rede ist, eine Ankündigung auf Widerruf.

Das Ende der Schwarzmeer-Flotte

Russlands Führung begründete die Aggression gegen die Ukraine im Jahr 2014 nicht zuletzt mit der Sorge um die Schwarzmeer-Flotte. Heute ist von dieser öffentlich fast keine Rede mehr. Als das Ende September 2023 von britischen Storm-Shadow-Raketen getroffene Stabsquartier der Flotte in Sevastopol‘ am 26. Februar 2026 abgerissen wurde, löste dies keine größere Aufregung mehr aus.

Tatsächlich aber setzt die Ukraine die systematische Zerstörung der Schiffe fort.

Längere Zeit hatten die Schiffe im Hafen von Sevastopol‘ gelegen, wo sie Ziel immer neuer Drohnen- und Raketenangriffe wurden. Ein Einsatz war nicht möglich, da sie beim Verlassen des Hafens von Seedrohnen attackiert wurden. Schon als die Schiffe von der Krim in die Häfen im östlichen Bereich des Schwarzen Meers verlegt wurden, war klar, dass sie eines Tages auch dort Ziel ukrainischer Luftangriffe werden würden.

Im Verlaufe des Jahres 2025 hatte die Schwarzmeer-Flotte zwar kaum Verluste zu erleiden, allerdings nur, weil praktisch keines der Schiffe auslief. Die Ukraine schaltete jedoch systematisch immer mehr Anlagen der Luftabwehr auf der Krim aus und attackierte die auf den dortigen Militärflugplätzen stationierten, auf Seeaufklärung und Drohnenabwehr spezialisierten Flugzeuge und Helikopter. Am 21. September verübte etwa der HUR in Evpatorija auf der Krim einen Anschlag auf zwei Amphibienflugboote des Typs Beriev BE-12 Čajka und einen Hubschrauber des Typs MI-8.

Ein Angriff auf Novorossijsk, bei dem am 13. November eines der beiden S-400 Luftabwehr-Systeme zerstört wurde, die den dortige Hafen schützten, kündigte eine neue Etappe an. Kurz darauf griff die Ukraine mit Seedrohnen den Ölverladehafen Šes:charis an. Am 15. Dezember beschädigten ukrainische Unterwasserdrohnen ein U-Boot der Varšavjanka-Klasse.

Seit Ende Februar greifen die ukrainische Armee und der Geheimdienst SBU nun systematisch Russlands Schwarzmeer-Flotte in deren wichtigsten Hafen Novorossijsk an. Am 2. und 5. März 2026 wurden bei zwei großen Drohnenangriffen sechs Schiffe der Schwarzmeer-Flotte beschädigt: die Korvetten Ejsk und Kasimov, das Minenabwehrfahrzeug Valentin Pikul‘, die 2016 vom Stapel gelaufene Fregatte Admiral Essen sowie die Fregatte Admiral Makarov. Keines der Schiffe sank, doch die Radaranlagen sowie die Kommandotürme wurden zerstört. Allem Anschein flogen die Drohnen über den besetzten Teil des Gebiets Zaporižžja, wo zuvor mehrere taktische Kurzstrecken-Flugabwehrraketensysteme vom Typ TOR (SA-15 Gauntlet) zerstört worden waren und während des Angriffs weitere solche Systeme vom Typ Pancyr‘ (SA-22 Greyhound) ausgeschaltet wurden.

Ein Drittel der Schiffe der Schwarzmeer-Flotte hat die Ukraine versenkt oder schwer beschädigt. Doch auch von den übrigen Schiffen sind viele nach Angriffen nicht einsatzfähig. Und die Ukraine produziert immer mehr Drohnen, deren Zielgenauigkeit und Zerstörungskraft zunimmt. Die Löcher in Russlands Luftabwehr über der Krim und an der Küste des Asowschen Meers werden immer größer und entsprechend die Angriffe auf den Bezirk Krasnodar und damit auf Novorossijsk immer effektiver.

Vor allem aber können die in Novorossijsk und im abchasischen Očamčyre vor Anker liegenden Schiffe nicht mehr zu ihrem Schutz verlegt werden. Selbst jene, deren Tiefgang einen Rückzug über den Don und den Volgodon-Kanal in das Kaspische Meer erlaubt, wären dort nicht mehr sicher. Russlands Luftabwehr ist entlang der Linie Borissoglebsk-Rostov-am-Don-Armavir deutlich schwächer aufgestellt als auf der Krim, und ukrainische Drohnen greifen bereits jetzt permanent Ziele auf dem Kaspischen Meer oder an dessen Küste an. Mindestens drei Kriegsschiffe wurden dort beschädigt. Der einzige geschützte Bereich im Raum der unteren und mittleren Wolga ist die Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan. Dort steht die Fabrik, in der Russland Shahed-Drohnen baut und diese wird von einem guten Dutzend Pancyr'-Systemen abgedeckt.

Für die Schiffe der Schwarzmeer-Flotte verbleiben nur wenige Alternativen. Sie können am Wolga-Bogen bei Elabuga unter den genannten Luftabwehrschirm kriechen oder im Bereich der oberen Wolga, der Oka oder der Moskva unter jenen, der die Hauptstadt abdeckt. Obwohl die Wolga in den letzten Jahrzehnten stellenweise deutlich an Wassertiefe verloren hat, könnten einige Schiffe und U-Boote auch über Russlands inneres Wasserstraßensystem das Weiße Meer erreichen und von dort entweder in die Häfen der Nordmeer- und der Baltischen Flotte oder – sei es über den Nördlichen Seeweg oder über die Nordsee und den Atlantik – in den Hafen der Pazifikflotte bei Vladivostok verlegt werden. Jene Schiffe, deren Tiefgang eine Verlegung nicht erlaubt, können nur auf die eigene Flugabwehr hoffen – oder darauf, dass der Krieg endet, bevor ihnen mit Drohnenangriffen auf die Radarsysteme das „Augenlicht" genommen wird, sie durch Zerstörung der Schiffsschrauben gelähmt oder gar versenkt werden.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen von Meduza und Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.