Das Kinderkrankenhaus Ochmatdyt nach einem russländischen Raketenangriff. ArmiaInform CC-BY-4.0
Das Kinderkrankenhaus Ochmatdyt nach einem russländischen Raketenangriff. ArmiaInform CC-BY-4.0

Kriegsverbrechen Ochmatdyt

Russlands Krieg gegen die Ukraine, die 123. Kriegswoche

Nikolay Mitrokhin, 8.7.2024

Die ukrainischen Truppen müssen sich im Donbass zurückziehen. Russlands Streitkräfte bereiten für den Spätherbst eine große Offensive vor. Bei einem massiven Luftangriff auf Kiew am 8. Juli trifft ein russländischer Marschflugkörper das größte Kinderkrankenhaus der Ukraine Ochmatdyt – ein weiteres Kriegsverbrechen der Aggressoren. Ungeachtet dessen wächst die Kriegsmüdigkeit. Täglich versuchen sich 200 ukrainische Wehrpflichtige der Einziehung durch Flucht zu entziehen.

Die Lage an der Front

In der vergangenen Woche hat sich die Lage an der Front in zweierlei Hinsicht verändert. Am 3. Juli hat sich die ukrainische Armee vom Ostufer des Sivers’kyj-Donez’-Donbas-Kanal bei Časiv Jar zurückzogen und den östlichen Stadtbezirk „Kanal“ und das angrenzende Waldgebiet aufgegeben. Einige Tage vor dem Rückzug wurden die ukrainischen Medien, wie vor jedem Rückzug aus dem Ballungsgebiet, mit Fotos überschwemmt, die völlig zerstörte Häuser des Stadtteils zeigten, in denen es angeblich nicht mehr möglich war, die Verteidigung zu halten. Tatsächlich war der Hauptgrund für den Rückzug, dass die Okkupationstruppen alle Übergänge über den Kanal zerstört hatten und die Versorgung der ukrainischen Verbände mit Nachschub immer schwieriger wurde. Für die letzten Verteidiger war es lebensgefährlich, unter ständigem Beschuss auf diesem kleinen Flecken auszuharren, aber das Beispiel von Krynky, wo die Stellung sieben Monate unter viel schlechteren Bedingungen gehalten wurde, zeigt, dass um einer „politischen“ Aufgabe willen auch so etwas möglich ist.

Insgesamt war der Rückzug zu erwarten. Der „Kanal“ hat seinen Zweck erfüllt: er hat die Offensive der Besatzungstruppen um drei Monate verzögert. Die Ukrainer konnten so ihre Befestigungen am Westufer des Kanals verstärken und zusätzliche anlegen. Nun steht Russlands Armee vor dem Problem, wie sie ihre Truppen an das andere Ufer transportieren und mit Nachschub versorgen soll, wenn sie nicht den ständigen Beschuss durch Drohnen unterbinden kann.

Die zweite Neuigkeit, deren Bedeutung sich erst langsam erschließt, ist der Durchbruch der Besatzungstruppen von Horlivka zum Stadtrand von Torec’k – einst eine Stadt mit 90 000 Einwohnern. Dies ist angeblich „der letzte Abschnitt der Front, der seit Kriegsbeginn unverändert“ war. Seit 2014 hat die ukrainische Armee hier starke Verteidigungsstellungen errichtet. Russlands Streitkräfte wagten nicht, sie anzugreifen. Das mag mit der Ausdehnung des Ballungsraums Torec’k zusammenhängen. Mitte Juni durchbrachen russländische Truppen plötzlich die Front in einer Tiefe und Breite von bis zu fünf Kilometern. Ersten Berichten zufolge wurde das möglich, nachdem sie einen Tunnel entlang des Sivers’kyj-Donez’-Kanal gegraben hatten. Damit konnten sie die ersten Befestigungen umgehen und vom Rest der Verteidigungsstellungen abschneiden. Diese Woche wurde aus Kreisen der ukrainischen Armee bekannt, dass eine missglückte Rotation zweier ukrainischer Brigaden zum Zusammenbruch der Verteidigungsstellungen führte. Das erinnert sehr an Avdijivka. Dort hatte die russländische Armee im Januar und Februar 2024 südlich von Avdijivka ebenfalls einen Tunnel gegraben, aber beim eigentliche Durchbruch der Armee in die Stadt profitierten die Besatzer von einem missglückten Austausch der ukrainischen Verbände.

Der Angriff der russländischen Streitkräfte auf den Großraum Torec’k entwickelt sich langsam, aber erfolgreich genug, um bei Beobachtern ernste Sorgen zu wecken. So berichtet der einflussreiche ukrainische Blog DeepState am 4. Juli über die katastrophale Lage des 206. Bataillons zur Terrorabwehr, das der 41. Selbstständigen mechanisierten Brigade der Landstreitkräfte unterstellt ist und gerade von den russländischen Streitkräften aufgerieben wird: „Die militärische und die politische Führung müssen der Unterstützung der Einheiten, einschließlich des 206. Bataillons Aufmerksamkeit schenken, andernfalls könnte es zum Verlust von N’ju Jork und Torec’k kommen."

N’ju Jork ist eine städtische Siedlung südlich von Torec’k und Teil der Agglomeration. Ihre Verteidigung ist durch den russländischen Durchbruch westlich von Avdijivka bedroht. Die Stadt wurde bereits von Süden her umgangen. Russlands Truppen planen offensichtlich eine Operation, die zur gleichzeitigen Einnahme von Časiv Jar und der Agglomeration Torec’k führen soll. Dazu wollen sie beide Gebiete umgehen, indem sie die Umgehungsstraße durch Očeretino nutzen, die diese Verteidigungsgebiete von der Versorgungsroute durch Pokrovs’k abschneidet, und nordwestlich von Časiv Jar zuschlagen.

Wenn wir den Plan des russländischen Kommandos richtig interpretieren, stehen wir vor der größten Operation der Angreifer seit der zweiten Jahreshälfte 2022. Beim derzeitigen Entwicklungstempo der Operation wird im Spätherbst ein Halbkreis oder eine Abdeckung der mittleren und nördlichen Hälfte der Donec’k-Front zu sehen sein. Bis dahin können verschiedene Faktoren die Lage noch beeinflussen. Höchstwahrscheinlich werden russländische Einheiten in die Siedlungen der Agglomeration Torec’k eindringen, diese nach und nach zerstören und dann die Ruinen einnehmen.

Der Luftkrieg

Im Laufe der Woche wurden Einzelheiten zum ukrainischen Drohnenangriff in der Nacht zum 1. Juli bekannt, der zur Unterbrechung der Strom- und Wasserversorgung in einigen Bezirken der Region Belgorod führte. Beschädigt wurden das Umspannwerk „Staryj Oskol“ nahe dem Dorf Neznamovo und das Umspannwerk „Metallurgičeska“ in der Nähe des Dorfes Volokonovskoe. Es ist eines der größten Umspannwerke Europas. Die Hauptaufgabe dieser beiden Umspannwerke bestand in der Versorgung des Oskoler Elektrometallurgiebetriebs Ugarov (OEMK), der als einziges Werk in Russland über einen vollständigen elektro-metallurgischen Produktionskreislauf verfügt und Teil des Militärisch-Industriellen Komplexes ist.

Am 3. Juli erfolgte ein russländischer Raketeneinschlag am Dnipro. Die Ukraine antwortete noch am selben Tag mit der Beschießung von Belgorod. Sie setzte zwölf Raketen vom Typ Vampire ein, die auf das Wärmekraftwerk und den Flughafen zielten. Berichten aus Russland zufolge wurden sie abgefangen, aber die berüchtigten „Raketentrümmer“ verursachten Brände in der ganzen Stadt. Auch Donec’k wurde getroffen. Dort war eine gewaltige Explosion zu hören, die vermutlich auf den Einschlag in ein Munitionsdepot zurückzuführen ist.

In der Nacht zum 4. Juli antworteten die russländischen Streitkräfte mit dem Abschuss mehrerer Wellen von Angriffsdrohnen auf Kiew. Ersten ukrainischen Berichten zufolge wurden sie zwar alle abgeschossen, aber im Gebiet Černihiv wurde eine „Einrichtung“ getroffen, wodurch etwa sechstausend Verbraucher ohne Licht blieben. Und in der Region Poltava wurden bei einem Angriff auf eine Einrichtung des Gasversorgers UkrGasVydobuvannya die Infrastruktur beschädigt und ein Mitarbeiter getötet. Mindestens zwei Drohnen haben ihre Ziele erreicht.

Am 4. Juli trafen zwei ukrainische Drohnen die Schießpulverfabrik in Tambov und verursachten mindestens eine schwere Explosion, wie Augenzeugen berichteten. In der Nacht zum 5. Juli griff die Ukraine mit einem Dutzend Drohnen die Region Rostov – vor allem die Ölraffinerie zwischen Rostov und Batajsk – an. Dort brachen Brände aus. Zumindest am 5. und 6. Juli kam es in der Region zu Stromausfällen. Darüber hinaus griff die Ukraine mit Drohnen und Raketen den Militärflugplatz in Primorsk-Achtarsk in der Region Krasnodar an, wo das 960. Garde-Luftangriffsregiment stationiert ist, das über Su-25, Su-25UB und Su-25SM3 Kampfflugzeuge verfügt.

In der Nacht zum 6. Juli beschädigten ukrainische Drohnen die Tanks zweier Öllager in den Dörfern Pavlovskaja und Leningradskaja in der Region Krasnodar. Großbrände brachen aus. In der Nacht zum 9. Juli griffen die ukrainischen Streitkräfte mit mehr als vierzig Drohnen Objekte in den russländischen Gebieten Astrachan, Belgorod, Volgograd und Rostov an. Die größten Ziele waren die Ölraffinerie Kalačev sowie drei Umspannwerke in den Regionen Volgograd und Rostov.

Der bedeutendste ukrainische Angriff der Woche war in der Nacht zum 7. Juli die Zerstörung eines großen Munitionslagers im Bezirk Podgorenskij in der Region Voronež durch Drohnen (nach russländischen Angaben durch „Drohnentrümmer“). Das Lager, aus dem die Truppen an der Front mit Raketen und Artilleriegranaten versorgt wurden, brannte zwei Tage. 80 Menschen mussten aus der Umgebung evakuiert werden. In derselben Nacht griff die ukrainische Armee auch in Debalcevo (Region Donec’k) ein Waffen- und Munitionslager an.

Raketenangriffe auf die Ukraine am 3. und 8. Juli

Als Reaktion auf einen ukrainischen Angriff mit Seedrohnen auf den Hafen von Novorossijsk in der Nacht zum 3. Juli, der abgewehrt werden konnte, setzte die russländische Armee noch am selben Nachmittag Raketen gegen Dnipro ein. Vorhersehbar war die Reaktion, nicht vorsehbar der Zeitpunkt des Angriffs. Russlands Streitkräfte greifen ukrainische Ziele nur selten tagsüber mit Raketen an. Der Massivität und Konzentration der Angriffe nach zu urteilen – mindestens vier Raketen trafen ein Unternehmen – hat die ukrainische Armee den Angriff entweder „verschlafen“ oder zuvor die Patriot-Batterie zur Luftabwehr, die dort stationiert war, abgezogen. Die Raketen beschädigten Industriebetriebe, eine traf den Maschinen- und Raketenbaubetrieb Južmaš, drei die unmittelbare Umgebung, ein Einkaufszentrum, Privathäuser und öffentliche Einrichtungen. In der Stadt brachen mehrere Brände aus. Acht Menschen wurden getötet, über fünfzig verletzt.

Am 8. Juli griff Russland in zwei Wellen gegen 9.30 Uhr und 11.00 Uhr massiv Kiew an. Strategische Bomber über dem Kaspischen Meer feuerten 38 Kalibr-Lenkwaffen und Ch-101-Marschflugkörper ab. Der Anflug über ukrainisches Territorium war ein komplexes Manöver. Westlich von Kiew, nahe Žytomyr, gingen die Lenkwaffen und Marschflugkörper auf eine Flughöhe von unter 50 Metern, so dass sie von der ukrainischen Luftverteidigung nicht entdeckt werden konnten, kehrten um, näherten sich Kiew und führten den Überraschungsangriff aus. Nach Angaben des russländischen Verteidigungsministeriums waren die offiziellen Ziele dieses Vergeltungsangriffs für die ukrainischen Attacken auf russländische Energieinfrastruktur die Rüstungsunternehmen Artem (Artillerie und andere schwere Waffen) und Antonov (Herstellung von Drohnen) sowie der Flughafen Žuljany. Dort war eine Patriot-Batterie bei dem Angriff beschädigt.

Die meiste Aufmerksamkeit an diesem massiven Angriff auf Kiew erregten nicht die zahlreichen Brände in der Stadt, sondern der Einschlag eines Ch-101-Marschflugkörpers auf dem Gelände des berühmtesten Kinderkrankenhauses der Ukraine, Ochmatdyt, das 1,5 Kilometer vom Artem-Werk entfernt liegt. Das Gebäude für Toxikologie wurde vollkommen zerstört, das neue, vor vier Jahren in Betrieb genommene Hauptgebäude schwer beschädigt, insbesondere die Intensivstation, die Operationssäle und die Abteilung für Onkologie. Zwei Mitarbeiter des Krankenhauses wurden getötet, darunter die 30-jährige Ärztin für Kinderneurologie, Svetlana Luk‘jančuk. Offenbar wurde auch das Artem-Werk getroffen.

Am linken Ufer des Dnipro wurde das medizinische Zentrum mit der Entbindungsstation getroffen, dort gab es mindestens sieben Tote. Im Solom’jans‘kyj-Bezirk wurden ein Wohnhaus und ein Einkaufszentrum beschädigt, es gab fünf Tote. Ein Bürogebäude in der Nähe der Metrostation Luk’janivka, das Metrogebäude und das benachbarte McDonald’s wurden beschädigt. Im Ševčenko-Bezirk zerstörte eine Rakete den Eingang eines fünfstöckigen Gebäudes. Drei Umspannwerke wurden vollständig zerstört oder beschädigt. Nach Angaben des Katastrophenschutzes waren Rettungsarbeiten in acht der zehn Stadtbezirke im Gange. „Kiew erwacht langsam wieder zum Leben. Rauchsäulen sind aus fast allen Bezirken der Hauptstadt zu sehen“, schrieb die Nachrichtenagentur UNIAN ein paar Stunden später über die Situation in der Stadt. Nach Berichten um 15.00 Uhr waren in der Stadt siebzehn Tote zu beklagen.

Neben Kiew wurden Dnipro, hier vor allem der Flughafen, Kryvyj Rih (mindestens zehn Tote und ein beschädigtes Verwaltungsgebäude), Slov’jans’k, Pokrovs’k und Kramators’k angegriffen. Nach offiziellen Angaben schossen die ukrainischen Luftverteidigungskräfte 30 der 38 russländischen Raketen ab. Das passt allerdings nur bedingt zur Zahl der getroffenen Ziele in den fünf ukrainischen Städten. Denn es gab mindestens acht Treffer in Kiew und mindestens vier in anderen Städten.

Viele westliche Politiker und internationale Organisationen verurteilten die Angriffe auf das Kinderkrankenhaus und andere medizinische Einrichtungen umgehend und stuften sie als Kriegsverbrechen ein. Die Lüge des russländischen Verteidigungsministeriums, eine ukrainische Flugabwehrrakete sei in Ochmatdyt eingeschlagen, ließ sich durch Videoaufnahmen vom Tatort widerlegen. Sie zeigen, wie eine Rakete zielgerichtet in der Klinik einschlägt.

Am 3. Juli veröffentlichte die Ukraine eine Statistik, wonach sie im Juni 2024 64 Prozent der russländischen Raketen und 94 Prozent der Drohnen abgeschossen habe. Schenkt man dem Glauben, so ist die Drohnenabwehr hervorragend, die Raketenabwehr bleibt ein Problem. Dies gilt insbesondere für die Abwehr von ballistischen Raketen vom Typ Iskander und S-300 und S-400, die etwa 250-300 Kilometer hinter die Frontlinie reichen. In diesem Gebiet befinden sich die größten ukrainischen Städte. Hier liegen auch die Zentren des militärisch-industriellen Komplexes des Landes. Und die ukrainische Armee hat praktisch keine Möglichkeit, diese Raketen abzufangen.

In der vergangenen Woche nahm die ukrainische Armee die dritte und die vierte Patriot-Batterie in Betrieb, die von Deutschland und den Niederlanden geliefert wurden. Damit dürften mehr Raketen abgefangen werden. Eine Batterie dürfte nach Charkiv gehen, das besonders stark unter Beschuss und Bombardierung leidet. Kürzlich stellte der Leiter der Regionalverwaltung fest, dass Russland seine Bomben modifiziert habe. Nach dem Abwurf aus dem Flugzeug könnten sie bis zu 80 Kilometer weit fliegen und damit jeden Punkt in Charkiv bedrohen. Patriot ist in der Lage, angreifende Flugzeuge in einer Entfernung von 250–300 Kilometern zu treffen, so dass Russlands Luftüberlegenheit in diesem Gebiet der Vergangenheit angehören könnte. Die andere Batterie dürfte für Odessa bestimmt sein, das regelmäßig von Russland mit Raketen, darunter auch von der Krim aus mit ballistischen Raketen, beschossen wird. Am 4. Juli wurde das Hafengebiet der Stadt mindestens einmal getroffen.

Es stellt sich jedoch die Frage, ob die Ukraine über genügend Raketen für die Patriots verfügt. Möglicherweise ist die hohe Effizienz der jüngsten Angriffe der russländischen Streitkräfte nicht nur auf eine Änderung ihrer Taktik zurückzuführen, sondern es mangelt schlicht an den teuren und keineswegs in ausreichender Stückzahl produzierten Patriot-Luftabwehrraketen.

Der Wiederaufbau der ukrainischen Armee und die Folgen der Masseneinberufung

Nach der gescheiterten Bodenoffensive von 2023, der sechsmonatigen Krise aufgrund der stark gekürzten US-Rüstungslieferungen und der verspäteten Mobilisierung ist die ukrainische Armee nun in eine Phase der Regeneration eingetreten.

Die im April begonnene breite Mobilisierung läuft erfolgreich. So sagte der Sekretär des Verteidigungsausschusses der Verchovna Rada, Roman Kostenko, diese Woche: „Wenn die Mobilisierung […] im derzeitigen Tempo weitergeht, werden bis Ende des Jahres 200 000 Leute mobilisiert sein." Damit ist die Reserve noch lange nicht erschöpft. Nach offiziellen Angaben gibt es in der Ukraine elf Millionen Männer im wehrfähigen Alter. Davon sind weniger als eine Million in der Armee.

Die Einheiten an der Front haben den drastischen Personalmangel aus dem ersten Halbjahr nicht zu spüren bekommen. Laut Präsident Zelens’kyj habe die Ukraine 14 weitere Brigaden, die allerdings noch nicht unter Waffen stehen. Deren Ausstattung sei beschlossene Sache. Doch noch fehle schweres Gerät. Der Präsident stellt diese Brigaden als Kräfte für eine Gegenoffensive dar. Dabei ist offensichtlich, dass beim Zustand der ukrainischen Armee und der Taktik der Okkupationskräfte, eroberte Gebiete sofort zu sichern, nicht mehr von einer ernsthaften Offensive der ukrainischen Seite gesprochen werden kann. Dennoch könnten diese Brigaden mit Kleinwaffen, Panzerabwehrwaffen und Drohnen zur Verteidigung eingesetzt werden, auch in Gebieten, in denen ein Durchbruch der russländischen Streitkräfte droht. Dazu gehört die Region Sumy, die ständig durch Angriffe von der anderen Seite der Grenze bedroht ist.

Die Ausstattung mit schweren Waffen, insbesondere mit gepanzerten Fahrzeugen, ohne die eine Offensive unmöglich ist, dürfte sich nicht so schnell lösen lassen. Um vierzehn Schützen- bzw. Infanteriebrigaden in motorisierte Einheiten umzuwandeln, müssten Hunderte gepanzerte Fahrzeuge irgendwoher kommen; wenn keine Panzer, dann gepanzerte Mannschaftstransportwagen. Aber fast keiner der westlichen Partner der Ukraine verfügt über solche Bestände. Alles, was sie entbehren konnten, haben sie bereits übergeben. Einige gepanzerte Transportwagen werden derzeit repariert und modernisiert und sollen noch vor Jahresende übergeben werden, aber das ist alles, worauf die ukrainische Armee zählen kann. Neue Rüstung wurde bestellt. Im Juni 2024 gab die deutsche Bundesregierung die Produktion von Artilleriemunition in Auftrag. Auch 105 Leopard-Panzer sollen gekauft werden. Aber die Lieferzeit beträgt etwa vier Jahre. Westliche Hersteller eröffnen Produktionsstätten in der Ukraine, doch dieser Prozess hat gerade erst begonnen. Die Priorität liegt auf der Reparatur vorhandener Bestände, nicht auf der Produktion neuer Ausrüstung. Zwei Länder verfügen über große Bestände an veralteten, aber kampftauglichen gepanzerten Fahrzeugen: die USA und Südkorea. Die USA halten sich mit der Lieferung zurück. Die ukrainischen Behörden setzen ihre Hoffnung zunehmend auf Südkorea. Nach Putins Besuch in Nordkorea im Juni 2024 gibt es erste Schritte in diese Richtung.

Der relativ erfolgreiche Widerstand gegen Russlands Offensive im Gebiet Charkiv, erste Erfolge bei der Mobilisierung, neue Rüstungslieferungen aus Deutschland und den USA sowie die Unterzeichnung von bilateralen Sicherheitsverträgen mit einem halben Dutzend Staaten erlauben es Präsident Zelens’kyj, an seiner Absicht festzuhalten, den Krieg bis zum vollständigen Sieg über die Russländische Föderation weiterzuführen, um die in der ukrainischen "Friedensformel" von 2022 festgelegten Ziele zu erreichen.

Insbesondere lehnt Zelens’kyj den sogenannten „Kolokol’cev-Plan ab, den der ukrainische Journalist Dmitrij Gordon diese Woche öffentlich machte. Angeblich habe Russlands Innenminister Vladimir Kolokol’cev einen Friedensplan in den USA ins Gespräch gebracht. Der Plan sehe u.a. vor, dass die Ukraine auf den Donbass verzichte, die Gebiete Cherson und Zaporižžja zurückerhalte, die Krim durch beide Länder gemeinsam kontrolliert werde, die Ukraine ihre Armee drastisch reduzieren und auf einen NATO-Beitritt verzichten müsse sowie die Sanktionen gegen Russland aufgehoben würden. Im Prinzip ist dies das „großzügigste“ Angebot Putins an Zelens’kyj. Dieses Angebot schriebe den Sieg der Russländischen Föderation und Putins im Krieg fest und garantiere Russlands Strategie der Aggression Straffreiheit. Eines ist offensichtlich: Trump und etliche führende Politiker der Welt würden einem solchen Plan nur zu gerne zustimmen, wenn er denn tatsächlich die Einstellung der Feindseligkeiten bedeuten würde. Höchstwahrscheinlich würde selbst ein erheblicher Teil der ukrainischen Bevölkerung zustimmen – auch wenn Zelens’kyj den Plan im „Namen des ukrainischen Volkes" ablehnt. Die „Friedensinitiative“ des prorussländischen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der letzte Woche nach Kiew reiste und anschließend nach Moskau und Peking flog, stieß in Kiew auf Ablehnung.

Obwohl öffentliche Diskussionen über die Bedingungen von Krieg und Frieden in der Ukraine faktisch verboten sind, wenn sie nicht von der Präsidialverwaltung initiiert und moderiert werden, ist das Ausmaß der Unterstützung für die Mobilisierung ein Hinweis darauf, wie die Bevölkerung tatsächlich zum Krieg steht.

Schwierigkeiten bei der Mobilisierung

Nach Angaben des Vorsitzenden des Ausschusses für wirtschaftliche Entwicklung der Verchovna Rada, Dmytro Natalucha, versuchen täglich bis zu 200 Personen im wehrpflichtigen Alter, die Ukraine zu verlassen. Sie lassen sich nicht aufhalten, weder durch den Preis für den Transport, der in den letzten sechs Monaten von 3000–4000 € auf 10 000 bis 12 000 € gestiegen ist, noch durch eine stärkere Überwachung des Grenzgebiets durch den Grenzschutz, den Geheimdienst, den Zoll und die Territorialen Militärkommissionen, die für die Erfassung und Ausbildung der Wehrpflichtigen zuständig sind. Und auch der Stacheldraht, der in aller Eile an der Grenze verlegt wurde, um die Flucht zu unterbinden, schreckt sie nicht ab. Die Gruppen aufgegriffener Flüchtender werden immer größer. Dies gilt insbesondere für die Region Odessa. Hier sind Flüchtige in Kleinbussen und Wohnwagen unterwegs. Die größte Gruppe, die aufgegriffen wurde, bestand aus 47 Personen. Und es kommt vor, dass Flüchtende Angehörige der Militärkommissionen und des Grenzschutzes angreifen, die versuchen, sie aufzuhalten.

Täglich berichten ukrainische Nachrichtenagenturen über Gewalt gegen Beamte der Territorialen Militärbehörden. Am 8. Juli sorgte ein Video aus Vorochta (Region Ivano-Frankivs’k) für Aufsehen, als es zu einem Konflikt zwischen Beamten der Territorialen Militärkommissionen, die an der Autobahn einen Posten zur Überprüfung der Papiere der Fahrer eingerichtet hatten, und den Anwohnern kam. Unter ihnen war eine beträchtliche Anzahl kräftiger Männer im Wehrpflichtalter. Ein wütender, mit Schlagstöcken bewaffneter Mob warf das Auto der Militärbeamten in einen Graben und zertrümmerte es. Offenbar wurde einer von ihnen verletzt.

Obwohl solche Vorfälle in der Regel von den Strafverfolgungsbehörden geahndet werden, zeigen sie, dass die Loyalität der Bevölkerung zu den Behörden selbst in den am stärksten patriotisch gesonnenen Regionen des Landes in Frage steht. So auch in Odessa, wo nach Angaben des ukrainischen Geheimdienstes SBU in den letzten zwei Wochen mindestens vier Gruppen von Einwohnern aufgedeckt wurden, die der russländischen Seite bei der Identifizierung von Zielen für Raketenangriffe oder der Vorbereitung von Anschlägen auf Mitarbeiter der Territorialen Militärkommissionen halfen (26.6., 27.6., 2.7., 5.7.).

Nicht mitgezählt sind die verschiedenen Fälle, in denen Skepsis über die Mobilisierung, den Krieg oder über Veteranen zum Ausdruck kommt. Fast täglich erreichen Fälle, die öffentliche Aufmerksamkeit verdienen, die Nachrichtenagenturen: angefangen von der epischen Schlägerei zwischen Krankenwagenfahrern und Mitarbeitern der Territorialen Militärkommissionen am 11. Juni bis zu den Schlägen von patriotischen Aktivisten am 6. Juli auf einen Fitnesstrainer, der einen Soldaten beleidigt hatte. Der Fitnesstrainer wurde unter Zwang den Mitarbeitern der Territorialen Militärkommissionen übergeben.

Die wichtigste negative Folge der Mobilisierung ist jedoch, wie Natalucha einräumt, die massenhafte Entlassung von Männern im wehrpflichtigen Alter aus ihren offiziellen Arbeitsplätzen. Nun fehlt an allen Ecken Personal, was zu einem weiteren Abschwung der Wirtschaft führen wird.

8.7.2024

Aus dem Russischen von Manfred Sapper, Berlin

Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen von Meduza und Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.

Die Vielzahl der abzugleichenden Quellen wäre ohne Hilfe nicht zu bewältigen. Dem Autor arbeiten drei Beobachter zu, die für Beratung in militärtechnischen Fragen, Faktencheck und Sichtung russisch- und ukrainischsprachiger Publikationen aus dem liberalen Spektrum zuständig sind und dem Autor Hinweise auf Primärquellen zusenden. Die jahrelange wissenschaftliche Arbeit zu den ukrainischen Regionen sowie zahlreiche Reisen in das heutige Kriegsgebiet erlauben dem Autor, den Wahrheitsgehalt und die Relevanz von Meldungen in den sozialen Medien einzuschätzen.