Neujahrsgruß von Volodymyr Zelens’kyj

Video: https://www.youtube.com/watch?v=ANaVkRxDPCI

31. Dezember 2022

Liebe Ukrainer!

Dieses Jahr begann am 24. Februar. Ohne Vorwort und Präludium. Abrupt. Um 4 Uhr in der Frühe. Es war dunkel. Es war laut. Viele hatten schwere Stunden, manche Angst. 311 Tage sind vergangen. Noch immer kann es dunkel, laut und schwer für uns sein. Aber wir werden uns gewiss nie mehr fürchten. Und nie mehr schämen.

Das war unser Jahr. Das Jahr der Ukraine. Das Jahr der Ukrainer.

Am 24. Februar sind wir aufgewacht. Ein anderes Wir. Ein anderes Volk. Andere Ukrainer. Die ersten Raketen haben den Irrgarten der Illusionen endgültig zerstört. Wir haben gesehen, wer wer ist. Wozu unsere Freunde fähig sind, wozu unsere Feinde, und vor allem – wozu wir selbst fähig sind.

Am 24. Februar haben Millionen von uns eine Wahl getroffen. Nicht weiße Fahne, sondern blau-gelbe Flagge. Nicht Flucht, sondern Begegnung. Begegnung mit dem Feind. Widerstand und Kampf.

Die Detonationen vom 24. Februar haben uns taub gemacht. Seither hören wir nicht mehr alles. Und hören wir nicht mehr auf alle. Man hat uns gesagt: Euch bleibt nichts, als euch zu ergeben. Wir sagen: Uns bleibt nichts als zu siegen.

Am 24. Februar haben wir begonnen, an unserem Sieg zu bauen. Mit vielen Ziegelsteinen, aus Hunderten verschiedener Siege.

Wir haben die Panik besiegt. Sind nicht auseinander gerannt, sondern haben zusammengefunden. Wir haben Zweifel, Kleinmut und Angst besiegt. Wir haben an uns und unsere Kräfte geglaubt. An die Streitkräfte der Ukraine. Die Aufklärung. Die Nationalgarde. Den Inlandsgeheimdienst. Die Spezialkräfte. Den Grenzschutz. Die Territorialverteidigung. Die Luftabwehr. Die Polizei. Den Staatlichen Rettungsdienst. An alle, die für Verteidigung und Sicherheit sorgen. Ich bin stolz auf euch alle, unsere Krieger!

Man könnte dieses Jahr als ein Jahr der Verluste bezeichnen, für die Ukraine, für Europa, für die ganze Welt. Aber das stimmt so nicht. Wir sollten das so nicht sagen.

Wir haben nichts verloren. Uns wurde etwas genommen. Die Ukraine hat ihre Töchter und Söhne nicht verloren – Mörder haben sie uns genommen. Die Ukrainer haben ihre Häuser und Wohnungen nicht verloren – Terroristen haben sie verwüstet. Wir haben unsere Gebiete nicht verloren – Invasoren haben sie besetzt. Die Welt hat den Frieden nicht verloren – Russland hat ihn zerstört.

Dieses Jahr hat uns ins Herz getroffen. Wir haben alle Tränen geweint. Alle Gebete herausgeschrien. 311 Tage. Zu jedem Augenblick hätten wir etwas zu sagen. Doch die allermeisten Worte sind überflüssig. Keiner braucht sie. Keiner braucht Erklärungen und Ausschmückungen. Gebraucht wird Stille. Um hinzuhören. Gebraucht werden Pausen. Um zu begreifen.

Der Morgen des 24. Februar.

Hostomel. Buča. Irpin’. Borodjanka. Charkiv.

Die „Mrija“.[1]

Kramators’k. Der Bahnhof. Das Stofftier.

Černihiv.

Mariupol’. Das Theater. Der Schriftzug „Kinder“.

Olenivka.

Odessa. Das Hochhaus. Das kleine Mädchen. Drei Monate alt.

Vil’njans’k. Die Geburtsstation. Der Säugling. Zwei Tage alt.

„Azovstal’“.

Das kann man nicht vergessen. Das kann man nicht verzeihen. Aber man kann es besiegen.

Wir haben standgehalten, denn wir hatten etwas, das uns aufrechthielt. Unseren Geist.

Die Verteidigung von Kiew.

Charkiv.

Mykolajiv.

Čornobajivka.

Die Schlangeninsel.

HIMARS.

Die Antonivkabrücke.

„Baumwolle“.[2]

Die Krimbrücke.

„Neptun“.[3]

Der Raketenkreuzer „Moskva“.

Russisches Kriegsschiff.

Izjum, Balaklija und Kup’jans’k.

Cherson.

Und wir beten, dass Kreminna und Svatove, Melitopol’, der gesamte Donbass und die Krim hinzukommen werden.

Wir werden weiterkämpfen. Für das wichtigste: den Sieg.

Er kommt ganz gewiss. Seit 311 Tagen gehen wir auf ihn zu.

Wir haben viel Kraft investiert. Und wenn es Dir mal scheint, dass es nicht weitergehen, dann denkt daran, was wir gemeinsam bereits durchgestanden haben.

Ich möchte euch allen sagen: Ukrainer, ihr seid unglaublich! Seht euch doch nur an, was wir geleistet haben und es immer noch tun!

Wie unsere Soldaten seit dem ersten Tag die „zweitstärkste Armee der Welt“ zerlegen.

Wie sich unsere Leute den Militärkolonnen in den Weg gestellt haben.

Wie der alte Mann mit bloßen Händen den Panzer angehalten hat.

Wie die Frau mit einem Glas eingeweckter Tomaten eine Drohne vom Himmel geholt hat.

Wie die Leute im Besatzungsgebiet dem Feind Panzer, Transporter, Hubschrauber und Granaten gestohlen haben.

Wie innerhalb von Stunden genug für den „Shahed-Hunter“, Marinedrohnen, gepanzerte Fahrzeuge, Krankenwagen und „Bayraktar“-Drohnen zusammenkam.

Wie wir allen Drohungen, jedem Beschuss mit Clustermunition und Marschflugkörpern, Dunkelheit und Kälte getrotzt haben.

Wie wir einander und den Staat unterstützt haben.

Im Krieg ist jeder wichtig.

Ob er in den Händen eine Waffe hält, ein Lenkrad, das Ruder eines Schiffs oder den Steuerknüppel eines Flugzeugs, ein Skalpell oder einen Zeigestock. Ob er am Laptop sitzt, eine Erntemaschine oder einen Zug fährt.

Ob er an einem Checkpoint steht oder in einem Kraftwerk arbeitet.

Journalisten und Diplomaten, Arbeiter bei den kommunalen Diensten und Rettungskräfte.

Alle. Die arbeiten. In der Schule oder an der Uni lernen. Und sogar die, die gerade erst laufen lernen.

All dies tun wir für sie. Für unsere Kinder. Unsere Menschen. Unser Land.

In einem großen Krieg gibt es keine kleinen Dinge. Keinen, der nicht gebraucht wird. Jeder von uns ist ein Kämpfer. Jeder von uns steht an der Front. Jeder von uns bildet das Fundament der Verteidigung.

Wir kämpfen als ein Team, das ganze Land, alle unsere Regionen. Ich bewundere euch alle. Ich möchte den unbezwingbaren Regionen der Ukraine allesamt danken.

Charkiv. Verstümmelt, aber unbesiegt. Ihr habt dem Feind gezeigt, dass geographische Nähe nicht geistige Nähe bedeutet. Charkiv ist eine ukrainische Stadt. Eine Heldenstadt.

Das unbezwingbare Mykolajiv. Heldenhaft trotzt es allen Angriffen. Stets auf dem Scheitel der Welle übersteht diese Stadt alle Stürme.

Sumy und seine Umland. Ihr wart unter den Ersten, die den großen Angriff des Feindes zu spüren bekamen. Die Gegend blieb ihnen wie ein Knochen im Halse stecken. Gewöhnliche Menschen haben Molotowcocktails gebastelt, feindliche Kolonnen in Brand gesteckt, die ersten Gefangenen genommen. Die Region Sumy ist eine Kraft.

Dnipro. Rückendeckung und verlässliches Hinterland unserer Front. Ihr habt Menschen aufgenommen, verletzten Soldaten das Leben zurückgegeben. Trotz ständiger Angriffe lebt Dnipro.

Odessa. Sonnig und offen – jetzt eine Festung. Eine Festung für die Welt. Die uns verteidigt und die Welt verteidigt. Sie ernährt. Die Tag für Tag Rettung über das Meer schickt – Millionen Tonnen. Mutter Odessa.

Cherson! Ihr seid heldenhaft. Acht Monate habt ihr unter Besatzung gelebt. Ohne Nachrichten. Ohne Verbindung. Abgeschnitten von der Ukraine.

Tausende von euch sind gegen die Raschisten auf die Straße gegangen. Ihr wusstet nicht, ob man das in der Ukraine sieht oder davon weiß. Die Besatzer haben euch angelogen, die Ukraine hätte euch fallen gelassen und würde nicht für euch kämpfen. Aber ihr habt vertraut und gewartet. Granaten haben das Gesicht von Cherson entstellt, aber das Wichtigste ist, dass wir das neue Jahr frei und gemeinsam unter blau-gelben Fahnen begrüßen. Wir werden alles wieder instandsetzen, alles wieder aufbauen. Wie auch in Černihiv und Zaporižžja und Kramators’k und Bachmut.

Alle, die Zufluchtsort für Millionen von Ukrainern wurden: Rivne, Ivano-Frankivs’k, Ternopil’, Vinnycja. Ich danke euch! Alle, die Millionen Tonnen Hilfsgüter aus Europa und der ganzen Welt entgegennehmen und verteilen: L’viv, Užhorod, Černivci, Luc’k. Ich danke euch! Alle, die evakuierte Firmen, Betriebe und Universitäten aufgenommen haben: Chmel’nic’kyj, Žytomyr, Kropyvnyc’kyj, Poltava, Čerkasy. Ich danke euch!

Und die, die auf die Ukraine warten. Bis sie kommt. Der Donbass. Die Region Luhans’k. Die Krim. Dank sei euch, unsere Soldaten!

Und natürlich Kiew und sein Umland – unser Herz, das immer schlägt, dank euch allen, Ukrainern!

Wir sind alle eine Familie. Eine Ukraine.

In diesem Jahr hat die Ukraine die Welt verändert. Und die Welt die Ukraine entdeckt. Sie sagten uns: kapituliert! Wir setzten auf Gegenangriff! Wir sollten uns auf Zugeständnisse und Kompromisse einlassen. Wir lassen uns auf die Europäische Union und die NATO ein.

Die Welt hat die Ukraine gehört. Das Europaparlament, der Bundestag, das britischen Parlament, die Knesset, der US-amerikanischer Kongress.

Die Welt hat die Ukraine gespürt. Die Ukraine ist in den Medien. In den Herzen der Menschen. Ganz oben bei Google.

Die Welt hat die Ukraine gesehen. Auf den zentralen Plätzen von Toronto, New York, London, Warschau, Florenz, Sydney und anderswo.

Die Ukrainer verblüffen. Den Ukrainern wird zugejubelt. Die Ukrainer inspirieren.

Kann uns irgendetwas schrecken? Nein. Kann uns irgendwer aufhalten? Nein.

Weil wir zusammenstehen.

Dafür kämpfen wir. Jeder für jeden.

Unser schönstes Feuerwerk knallt in den Munitionslagern der Besatzer. Unser schönstes Geschenk sind die Zahlen im Bericht des Generalstabs.

Wir wissen nicht wirklich, was uns das neue Jahr 2023 bringt. Aber wir sind auf alles gefasst.

Neue Erfolge? Dann freuen wir uns. Neue Angriffe? Dann sind wir standhaft. Die Fortsetzung des Kampfs? Dann werden wir kämpfen. Und wenn wir gewinnen – umarmen wir uns.

Liebe Ukrainer!

Nur wenige Minuten sind es noch bis zum neuen Jahr. Uns allen möchte ich jetzt eines wünschen – den Sieg. Das ist die Hauptsache. Ein Wunsch für alle Ukrainer.

Möge dieses Jahr zum Jahr der Rückkehr werden. Der Rückkehr unserer Menschen.

Der Soldaten in ihre Familien. Der Gefangenen in ihr Zuhause.

Der Ausgereisten in ihre Ukraine.

Der Rückkehr unserer Gebiete. Auch die vorübergehend besetzten werden für immer frei sein.[4]

Der Rückkehr zum normalen Leben. Zu glücklichen Momenten ohne Sperrstunde. Zu Freude auf Erden ohne Raketen in der Luft.

Der Rückkehr dessen, was uns gestohlen wurde. Die Kindheit unserer Kinder, Ruhe im Alter für unsere Eltern.

Auf dass Enkel in den Ferien wieder zu den Großeltern fahren. Zum Melonenessen nach Cherson. Zum Kirschenessen nach Melitopol’.

Auf dass unsere Städte frei werden. Und unsere Freunde treu bleiben.

Auf dass in den Militärberichten nicht nur von 100 000 vernichteten Feinden und Tausenden vernichteten russländischen Fahrzeugen und Geschützen die Rede ist, sondern dass dort auch unsere wichtigste Zahl und unser größter Erfolg steht – 603 628 Quadratkilometer. Die Fläche der unabhängigen Ukraine, wie im Jahr 1991. Und wie auf ewig.

Möge das neue Jahr all dies bringen. Wir sind bereit, dafür zu kämpfen. Darum ist jeder von uns hier. Ich bin hier. Wir sind hier. Ihr seid hier. Alle sind hier. Wir zusammen sind die Ukraine.

Slava Ukrajini!

Ein gutes neues Jahr!

Aus dem Ukrainischen von Beatrix Kersten, Amsterdam & Annahütte


[1] Die „Mrija“ (dt.: Traum) war ein Flugzeug vom Typ Antonov An-225, das größte Flugzeug der Welt. Das einzige flugfähige Exemplar wurde am 27. Februar 2022 auf dem Flugplatz Hostomel nahe Kiew bei einem russischen Luftangriff zerstört.

[2] Als es der ukrainischen Armee im Sommer 2022 erstmals gelang, militärische Objekte der russländischen Armee weit hinter der Front anzugreifen, sprachen die Moskauer Medien davon, an diesen Orten hätte es einen „Knall“ (russ.: chlopok) gegeben. „Chlopok“ bedeutet zugleich „Baumwolle“. Seitdem freuen sich ukrainische Medien über die „Baumwolle“ (ukr.: bavovna), die überall in Russland „wachse“.

[3] „Neptun“ ist ein Seezielflugkörper, mit dem die Ukraine vermutlich den Lenkwaffenkreuzer „Moskva“ Mitte April 2022 versenkt hat.[4] Vorübergehende Gebiete ist ein ukrainischer Rechtsbegriff für die seit 2014 besetzten Gebiete im Donbass.