Russkij korabl‘, idi nachuj!

Aus Kiew zum Krieg: ein Zwischenruf

Volodymyr Kulyk , 8.4.2022

Es herrscht Krieg. Keine zwanzig Kilometer von meinem Schreibtisch entfernt toben erbitterte Kämpfe zwischen den russländischen Invasoren und den ukrainischen Verteidigern. Ich bleibe in Kiew, denn ich möchte weder meine 92-jährige Mutter allein lassen, die ich nur schwer evakuieren könnte, noch meinen 29-jährigen Sohn, der als Geistlicher in der Zivilverteidigung Dienst tut. Und genau genommen darf ich auch gar nicht ins Ausland gehen, wo ich in Sicherheit wäre und in Ruhe arbeiten könnte, denn solange der Kriegszustand andauert, dürfen Männer zwischen 18 und 60 Jahren das Land nicht verlassen. Ich bin 59, meine Gesundheit ist nicht mehr die beste, ich habe nicht in der Armee gedient und kann nicht schießen. Deswegen bin ich bei der Verteidigung von Kiew keine wirkliche Hilfe. Jedenfalls hieß es auf der Wehrbehörde, ich solle wieder nach Hause gehen, und das ist vielleicht richtig, denn es fehlt die Zeit, um mich einzuweisen, ausgebildet werden jetzt vor allem die jungen und besser geeigneten Freiwilligen, die sich in den ersten Kriegstagen in ziemlich großer Zahl gemeldet haben. Meine Arbeit besteht vor allem in der Kommunikation: Ich gebe ausländischen Zeitungen und Fernsehsendern Interviews, nehme an Konferenzen und Gesprächsrunden westlicher Einrichtungen teil und spreche mit Kollegen aus verschiedenen Ländern darüber, wie Regierungen und Stiftungen ukrainische Wissenschaftler effektiver unterstützen können oder wie man Ukraine-Studien an den dortigen Universitäten besser verankern kann. Ich höre zwar jeden Tag Detonationen und Luftalarm, dennoch ist das Leben in Kiew fast komfortabel, ich könnte durchaus effizient arbeiten, wenn der Alarm und die Hoffnung mich nicht immer wieder zu Facebook und anderen Nachrichtenseiten treiben würden.

Seit gegen die Ukraine Krieg geführt wird, kristallisieren sich in der ukrainischen Gesellschaft zwei Tendenzen heraus, die ich sowohl in meinem Facebook-Feed als auch in den Ergebnissen soziologischer Umfragen sehe, und zwar die nationale Konsolidierung und der Hass gegenüber Russland. Die Konsolidierung lässt als das klassische rallying around the flag (Scharen um die Fahne) beschreiben, obwohl ein solches Verhalten für die Ukrainer bislang nicht typisch war, nicht einmal in Zeiten der Gefahr. Die allermeisten meiner Landsleute waren bislang fast immer der Ansicht, dass die Dinge in unserem Land schieflaufen, und der Anteil der Skeptiker sinkt immer nur nach einem Machtwechsel, wenn die Menschen glauben, dass der neu gewählte Präsident die Situation zum Besseren wenden kann, aber schon ein paar Monate später gewinnt die skeptische Haltung wieder die Oberhand. Unmittelbar nach Ausbruch des territorial unbegrenzten Krieges ist der Anteil der Kritiker des eingeschlagenen Kurses von 67 auf 15 Prozent gefallen, und der Anteil jener, die die Politik befürworten, sprunghaft von 25 auf 76 Prozent angestiegen.[1] Wobei sich die Befürwortung nicht auf den Krieg mit Tod und Vernichtung bezieht, sondern auf die Aktivitäten, die die Regierung und die Gesellschaft unternehmen, um dieser tödlichen Gefahr zu begegnen.

Das unterstreicht auch die immense Unterstützung für Volodymyr Zelens’kyj, die laut einer Umfrage im März bei 93 Prozent liegt.[2] Die Ukrainer sind beeindruckt, dass sich der Präsident nicht ergibt und die Regierungen im Ausland unermüdlich aufruft, die Ukraine bei der Verteidigung ihrer Souveränität und der gesamten freiheitlichen Welt zu unterstützen. Dabei vergessen sie, dass sie noch bis vor kurzem Zelens’kyj für seine unvernünftige Wirtschaftspolitik, die Ineffizienz der Rechtsorgane und seine Weigerung, die Armee auszubauen, kritisiert haben.[3] Im Dezember 2021 fand seine Politik nur bei 26 Prozent der Befragten Anklang, von 59 Prozent der Umfrageteilnehmer wurde er kritisiert. Die Ukrainer stehen derzeit nahezu einmütig hinter ihrem Präsenten wie auch hinter der Armee, weil sie sich von ihnen beschützt sehen. Mehr noch, ebenso einmütig glauben sie, dass die Armee mit der Unterstützung der Bevölkerung und der westlichen Partner den feindlichen Angriff zurückschlagen kann: Im ersten Kriegsmonat äußerten sich 90 Prozent in dieser Weise.[4] Je länger die ukrainische Armee die Invasoren in Schach hält, desto mehr Menschen glauben an einen Sieg und lehnen weitreichende Kompromisse als Voraussetzung für einen Friedensschluss ab. Sollte sich der Krieg jedoch über einen längeren Zeitraum hinziehen und es zu hohen Opferzahlen, Verheerungen und der Zerstörung von Lebensgrundlagen kommen, kann diese kompromisslose Haltung natürlich erodieren, aber bislang haben die Ukrainer nicht vor, sich zu ergeben. Die überwiegende Mehrzahl der Bewohner in allen Regionen des Landes glaubt nicht, dass der Krieg zu einer Spaltung des Landes führen könnte, diese Gefahr halten die Befragten für wesentlich geringer als einen Preisanstieg, Treibstoffmangel oder sogar Hunger.[5]

Die Kehrseite der nationalen Konsolidierung ist ein in dieser Form nie dagewesener Hass auf Russland und die Russen. Bislang haben sich die Ukrainer untereinander und mit der Regierung auseinandergesetzt und immer eine sehr wohlwollende Haltung gegenüber Russland an den Tag gelegt, viel besser, als die Russen ihnen gegenüber. Nach der Eroberung der Krim und Teilen des Donbass wandten sich die meisten Ukrainer von der russländischen Führung ab, waren der Bevölkerung aber weiterhin wohlgesonnen und sprachen sie weitgehend frei von der Verantwortung für die Taten, die Russlands Machthaber begingen. Lediglich die radikalen Nationalisten äußerten ihren Hass auf Russland unverhohlen, allerdings erschien dieser den meisten Ukrainern als nicht angemessen oder gar schädlich, da sie der Ansicht waren, man solle sich weiterhin um eine Verständigung mit dem großen Nachbarn bemühen. Toleranz und Kompromissbereitschaft gehören nun jedoch der Vergangenheit an. Die Beiträge in meinem Feed sind geprägt von Hass auf die Russen, der durch russische Mutterflüche geäußert wird. Mit einer klaren und lakonischen Formel hat ein Soldat der kleinen Grenztruppe, die die Schlangeninsel im Schwarzen Meer bewachte, diese Haltung am ersten Kriegstag auf den Punkt gebracht. Als er die Forderung der Besatzung eines Schiffes vernahm, sie sollten sich ergeben, antwortete er auf Russisch: „Russisches Kriegsschiff, verpiss dich!“[6] Diesen vulgären Ausdruck, der sich über soziale Medien rasend schnell verbreitete, führen nun selbst renommierte ukrainische Intellektuelle im Mund, ohne sich zu schämen: Er wird nicht nur immer und überall gebraucht, er bringt vielmehr die grundsätzliche Einstellung der Ukrainer zur russländischen Armee und zu ihrem Staat, aber auch zur russländischen Bevölkerung und zu allem Russischen überhaupt zum Ausdruck. Er wird von russischen und ukrainischen Muttersprachlern gleichermaßen gebraucht. „Russkij korabl‘, idi nachuj!“ beschreibt etwas Gemeinsames und Unumstößliches, ist Referenzpunkt und Ritual geworden. Er steht in Profilbildern, auf Trikots, an Werbewänden und an anderen auffallenden Stellen.[7] Zunehmend wird der Ausdruck auch im Ausland gebraucht: Wenige Tage später hatte ich einen Post mit einem Foto aus einer tschechischen Kneipe in meinem Feed, und kurz darauf hörte ich den Spruch aus dem Mund einer polnischen Abgeordneten des EU-Parlaments, die ins Russische gewechselt war, um Putin direkt anzusprechen. Übrigens werden (p)utin und (r)ussland mittlerweile vermehrt kleingeschrieben.

Der Russenhass stützt sich auf die in der ukrainischen Gesellschaft verbreitete Vorstellung, die Russen – und nicht nur ihr Staat – seien für die Entfesselung des Kriegs gegen die Ukraine, für den Tod und das Leiden der unschuldigen Menschen verantwortlich. Soziologische Umfragen zeigen klar, wie weit verbreitet diese Vorstellung ist: Mitte März waren 45 Prozent der Ukrainer der Ansicht, die „einfachen Russen“ seien „in jedem Fall schuld“ an der Invasion in der Ukraine, weitere 30 Prozent waren der Meinung, sie seien „eher schuld“, nur vier Prozent waren der Meinung, sie seien unschuldig.[8] Dabei war der Anteil derjenigen, der die Russen für „in jedem Fall schuld“ hielten, wesentlich größer als noch zehn Tage zuvor. Ausschlaggebend ist dafür nicht allein die Radikalisierung, die aus dem den Ukrainern zugefügten Leid erwächst, sondern auch Umfrageergebnisse aus Russland, die zeigen, dass die meisten Russen den Krieg gegen die Ukraine befürworten, wenngleich die Unterstützung weniger eindeutig ausfällt als nach der Annexion der Krim. Experten geben zu bedenken, dass in einem totalitären System, zu dem Russland immer mehr wird, Meinungsumfragen die Stimmungen in der Bevölkerung nicht so genau wiedergeben wie in einer demokratischen Gesellschaft, aber entweder kennen die Ukrainer diese Einwände nicht oder sie glauben nicht, dass die Umfrageergebnisse von den tatsächlichen Haltungen stark abweichen. Denn auch die wenigen unabhängigen russländischen Medien und die bislang noch unzensierten sozialen Netzwerke belegen, dass die meisten Russen den von ihrer Regierung entfesselten Krieg vielleicht nicht vorbehaltlos unterstützen, ihn aber eben auch nicht ablehnen und schon gar nicht dagegen protestieren. Die Ukrainer wissen um die russländischen Proteste und Verhaftungen, sie wissen aber auch, dass die Zahl der Protestierenden verschwindend klein ist und dass die Demonstrationen bereits wenige Tage nach Kriegsbeginn fast aufgehört hatten.

Die Ukrainer haben jedenfalls guten Grund, in allen Russen passive Beteiligte an den Verbrechen zu sehen, die ein Teil von ihnen an der ukrainischen Armee und Zivilbevölkerung verübt – und sie dafür inbrünstig zu hassen. Die Soldaten der Besatzerarmee, die häufig als „Raschisten“ oder „Orks“ bezeichnet werden, halten die meisten Ukrainer nicht für Menschen und wünschen ihnen den baldigen Tod. Es ist nicht erstaunlich, dass Nachrichten über feindliche Verluste – nicht nur an Panzern und Flugzeugen, sondern auch an „Menschenmaterial“ – auf Facebook oft gelikt werden. Ich muss zugeben, dass auch ich oft den blauen Daumen anklicke. Seit dem Beginn des Krieges am 24. Februar häufen sich die Beweise, dass Russen die Zivilbevölkerung ermorden, ausrauben und vergewaltigen, Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser zerstören, unbeugsame Lokalpolitiker entführen und „antirussische“ Literatur aus Bibliotheken entfernen. Aber wir wünschen nicht nur jenen den Tod, deren Verbrechen wir beweisen können, sondern allen, die gekommen sind, um uns umzubringen und zu unterjochen.

Genauso ablehnend stehen die meisten Ukrainer inzwischen der russischen Kultur gegenüber, und zwar nicht nur der zeitgenössischen, sondern auch der klassischen, die sie aus der Schule kennen, die sie oft mehr gelesen und geschätzt haben als die ukrainische. Dieser Kultur mit ihrem ganzen wundervollen Ballett und den ach so humanistischen Tolstojs und Dostoevskijs geben die Ukrainer jetzt zum Teil die Schuld an der feindlichen oder doch zumindest gleichgültigen Haltung des russischen Volkes und der damit verbundenen Entstehung und Festigung des verbrecherischen Machtapparates. In den Bomben und Raketen, die auf die überwiegend russischsprachigen Städte Charkiv und Mariupol‘ fallen und die Straßen, die häufig nach Vertretern ebendieser Kultur benannt sind, in Trümmer verwandeln, sehen sie den unheilvollen Schatten der russischen Kultur. Deshalb verfluchen nicht selten auch Ukrainer, die nur Russisch sprechen, die russische Kultur in derselben Manier wie das russische Kriegsschiff. Und das tun sie normalerweise auch noch auf Russisch – auch, um damit andere ehemalige Verehrer dieser Kultur aufzurütteln, aber viele russische Muttersprachler beabsichtigen ohnehin, ganz oder teilweise ins Ukrainische zu wechseln. Für einige haben Unterhaltungen mit Menschen aus Galizien den Ausschlag gegeben, die von den Flüchtlingen aus dem Osten Respekt für die Sprache der Städte verlangen, die ihnen Zuflucht gewähren, oder auch mit Polen, von denen sie hin und wieder gefragt werden, warum sie immer noch die Sprache ihrer Mörder sprechen. Die wichtigste Motivation ist jedoch, sich deutlich von den Mördern abgrenzen zu wollen. Bei der Meinungsumfrage im März erklärten jedenfalls 34 Prozent der Befragten, die zu Hause ausschließlich Russisch sprechen, sie hätten die Absicht, in naher Zukunft nur noch Ukrainisch zu sprechen, und unter denen, die sich bislang beider Sprachen bedienten, lag der Anteil bei 60 Prozent.[9]

Natürlich werden nicht alle ihre Vorsätze in die Tat umsetzen: Manch einem wird es schwerfallen, sich die andere Sprache wirklich anzueignen, andere kommen vielleicht irgendwann zu dem Schluss, dass sie ihre Muttersprache oder Alltagssprache doch lieber beibehalten möchten. Die deklarierte Absage an die russische Kultur bedeutet nicht unbedingt eine Hinwendung zur ukrainischen oder ins Ukrainische übersetzten westlichen Kultur. Aber die frühere Zuneigung von Millionen von Ukrainern zur russischen Kultur und die Leidenschaft für die russische Sprache sind mit Sicherheit passé. Das gesteht auch Volodymyr Zelens’kyj ein, der im Alltag weiterhin Russisch spricht und der in der gesamtpostsowjetischen Popkultur Karriere gemacht habt. In einem Interview für russländische oppositionelle Medien, in dem er Ende März versuchte, den Russen die ukrainische Position nahezubringen, erklärte Zelens’kyj, dass „der Hass gegen alles Russische zweifelsohne wachsen wird“, und zwar vor allem deshalb, weil die Städte im Süden, die Russland immer besonders zugetan waren, jetzt am schlimmsten verwüstet werden.[10] Deswegen lehnte Zelens’kyj die Forderung Russlands, Russisch als Staatssprache einzuführen, viel entschiedener ab als die Forderung, auf einen NATO-Beitritt zu verzichten. Er sagte, die Menschen wollten das nicht. Glaubt man den Angaben dieser Umfrage, wollen die Menschen das wirklich nicht, denn 83 Prozent haben sich dafür ausgesprochen, dass Ukrainisch die einzige Staatssprache im Land bleibt.[11]

Diese kategorische Ablehnung alles Russischen unterscheidet und trennt die Ukrainer von den Bürgern in den friedlichen westlichen Ländern, die sich, selbst wenn sie die Ukraine unterstützen, noch immer schwertun, alle Verbindungen zu Russland und den Russen zu kappen. An diesem Krieg sei allein Putin schuld und nicht die Russen, erklärte Bundeskanzler Olaf Scholz, deswegen solle man die Russen nicht verurteilen und schon gar nicht diskriminieren, vor allem dann nicht, wenn sie auf der Suche nach Freiheit in den Westen kämen. Allzu bereitwillig wird im Westen die Idee der „guten Russen“ aufgegriffen: Angefangen von dem in Ungnade gefallenen Oligarchen Michail Chodorkovskij bis zur Fernsehjournalistin Marina Ovsjannikova, die nach der Einblendung eines Anti-Kriegs-Plakats in einer Nachrichtensendung, in der sie zuvor über lange Zeit dem Putinschen Regime genehme Lügen verbreitet hatte, für die naiven westlichen Journalisten zu einer Symbolfigur für den Kampf gegen das Regime avanciert ist. Die westlichen Eliten versuchen, den Ukrainern die „guten Russen“ als angebliche Gefährten im Kampf gegen Putin vorzusetzen, und verurteilen die Verbreitung antirussischer Stimmungen gegen die ach so freiheitsliebende und humanistische russländische Kultur.

Viele westliche Kultur- und Bildungseinrichtungen geben nicht nur ukrainischen Künstlern und Wissenschaftlern, die vor Beschuss und Bombardements fliehen, Stipendien, sondern auch allen anderen, die in irgendeiner Weise „vom Krieg betroffen“ sind, vor allem Russen und Belarussen, die entweder keine Lust mehr haben, weiter unter ihren verrohten Diktatoren zu leben, oder einfach den Moment abpassen, um im Westen ein warmes Plätzchen zu finden. Da die ukrainischen Männer das Land während des Krieges nicht verlassen dürfen oder wollen und die Frauen sich um eine neues Zuhause und die soziale Integration der Kinder kümmern müssen, gibt es in vielen der erwähnten Programme deutlich mehr russländische Bewerber als ukrainische. Letztere kommen deshalb nur dann zum Zuge, wenn ihnen der Vorrang gegeben wird, wozu die westlichen Wohltäter mit ihrem Beharren auf Gleichbehandlung meistens nicht bereit sind. Darüber hinaus brauchen die ukrainischen Wissenschaftler, Künstler und anderen Angehörigen kreativer Berufe nicht nur Stipendien im friedlichen Westen, sondern auch Unterstützung vor Ort, denn die meisten bleiben in der Ukraine, weswegen die bewährten Unterstützungsformen wie etwa Scholars at risk ungeeignet oder zumindest unzureichend sind. Die ukrainischen Künstler und Wissenschaftler streben nicht nur finanzielle Unterstützung an, sondern partnerschaftliche Zusammenarbeit in Form gemeinsamer Forschungen, Ausstellungen und Filme, die das Interesse an der Ukraine allgemein befriedigen und weiter anregen.

Denn der heroische Kampf und die schrecklichen Leiden der Ukrainer im Krieg gegen die russländischen Invasoren haben bei den Bürgern vieler Länder den Wunsch ausgelöst, mehr über die Ukraine und ihre Unterschiede zu Russland zu erfahren, für deren Teil oder zumindest Satelliten sie das Land bislang gehalten hatten. Um diesem Wunsch nachzukommen, schicken Medien aus vielen Ländern ihre Korrespondenten in ukrainische Städte oder geben bei hiesigen Journalisten Beiträge in Auftrag, interviewen Experten und veranstalten in ihren Fernseh- und Radioprogrammen Diskussionen über den Krieg und die Ukraine im Allgemeinen. Ich selbst habe schon bei den verschiedensten internationalen Medienveranstaltungen mitgewirkt und Le Monde ein langes Interview über die ukrainische nationale Identität gegeben, mit der ich mich akademisch beschäftige. Die Fragen der Journalisten spiegeln über weite Strecken ihr begrenztes Wissen und ihre Fokussierung auf Russland wider, aber die Reporter versuchen, neues Wissen zu erwerben und Stereotypen abzubauen. Nach der Beendigung des Krieges und der durch ihn ausgelösten humanitären Katastrophe wird das mediale Interesse an der Ukraine selbstverständlich nachlassen, aber ich hoffe, dass die renommierten Zeitungen und Fernsehkanäle um ihre Rolle wissen und auf Dauer Korrespondenten in die Ukraine entsenden, die Ukrainisch sprechen oder zumindest versuchen, diese Sprache zu erlernen. Das Phänomen der Korrespondenten, die vorübergehend aus Moskau zu Kurzaufenthalten in die Ukraine abkommandiert werden, dürfte wohl der Vergangenheit angehören. Ob sie dann womöglich aus Warschau kommen, ist noch nicht ausgemacht, das muss noch ausgehandelt werden.

Wissenschaft und Kultur reagieren langsamer auf das neu erwachende Interesse an der Ukraine als die Medien, deswegen sehen wir hier nur die ersten Signale. Aktuell finden viele wissenschaftliche und kulturelle Veranstaltungen durchgeführt, die den schrecklichen Krieg und die kaum bekannte Ukraine thematisieren. Auf diesen Veranstaltungen, die online oder in Präsenz stattfinden, sprechen die Fachleute aus den jeweiligen Ländern, und in begrenztem Umfang werden auch Kollegen aus der Ukraine, zuweilen auch aus Russland hinzugezogen. Natürlich müssen russländische militärische und politische Aspekte ebenso in die Analyse einfließen wie ukrainische, dennoch offenbart die Einbeziehung sowohl ukrainischer als auch russländischer Experten zur Wahrung der „symmetrischen“ Ergänzung des westlichen Standpunktes das fehlende Verständnis der Organisatoren, dass eine derartige Zusammenführung und Gleichstellung der Rollen für die Ukrainer überaus problematisch ist. Ebenso problematisch ist es, den ukrainischen Teilnehmern in derartigen Diskussionen die Rolle der „lokalen Stimme“ zuzuweisen, von der in erster Linie engagierte und emotionale Beiträge erwartet werden und denen nicht das profunde Wissen eines Experten zugetraut wird, das man von den westlichen Kollegen erfragt, die in der Rolle des unbeteiligten Sachkundigen auftreten. Außer dem nachvollziehbaren Wunsch, die eigenen Fachleute zu Wort kommen zu lassen, weil das Publikum vor Ort zu ihnen größeres Vertrauen hat, spiegelt eine solche Asymmetrie auch eine exotisierende und in gewisser Hinsicht imperiale Voreingenommenheit in Bezug auf das Wissen von Experten in einem wenig bekannten postkolonialen Land wider.

Es bleibt zu hoffen, dass die Scientific Community in verschiedenen Ländern mit der Organisation zahlreicher Kurse über die Ukraine als souveräner Staat und als Teil des postkommunistischen Raums dem gestiegenen Interesse an dem Land nachkommen und damit zugleich die beschriebenen Asymmetrien zumindest teilweise überwinden kann. Da es in vielen westlichen erwähnten Ländern nur eine geringe Zahl an Fachleuten für ukrainische Sprache, Geschichte, Politik, Wirtschaft und andere für das Verständnis der ukrainischen Gesellschaft relevanten Fachbereiche gibt, können diese Kurse nur angeboten werden, wenn man ukrainische Wissenschaftler einbindet, und zwar sowohl jene, die während des Krieges oder auch davor in den Westen übergesiedelt sind, als auch jene, die noch in der Ukraine leben, denn sie können online unterrichten. Für diejenigen, die ihr Haus und / oder ihre Arbeit verloren haben, wäre das eine Möglichkeit, ein bisschen Geld zu verdienen und Kontakte zu westlichen Einrichtungen zu knüpfen. Für diese Institutionen wiederum würde sich so die Chance eröffnen, Kurse über kaum bekannte Dinge in guter Qualität anbieten zu können. Damit ausländisches Lehrpersonal – vor allem online – in größerem Umfang eingebunden werden kann, müssen nicht nur die Zweifel an ihrer fachlichen Eignung, sondern auch bürokratische Hürden im Personalwesen beseitigt werden, aber ich habe bereits von westlichen Kollegen gehört, dass sie sich der Relevanz dieser Aufgabe bewusst sind und sich nach Kräften um Lösungen bemühen.

Die Ukrainer werden jedoch nicht nur gebraucht, damit kurzfristig Kurse angeboten werden können, die das aktuelle Interesse befriedigen, sondern auch, um langfristig Änderungen im Bildungsbereich herbeizuführen, mit denen die langjährige Ignoranz der westlichen Wissenschaftslandschaft gegenüber der Ukraine und die dominante Ausrichtung auf Russland in den Forschungen zum postsowjetischen Raum überwunden werden können.[12] An den führenden westlichen Universitäten, insbesondere in Deutschland, wo es bislang nur einen einzigen Lehrstuhl gibt, der „Ukraine“ im Namen trägt, müssen Lehrstühle für Ukrainistik und Forschungszentren mit einem Schwerpunkt auf Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft der Ukraine eingerichtet werden, Publikationen zur Veröffentlichung von Forschungsergebnissen gegründet, Stipendien an Studierende der Ukrainistik und Preise für wissenschaftliche Arbeiten vergeben werden. Aber diese neue und aktive Ukrainistik kann nicht im luftleeren Raum agieren, sie sollte ein wichtiger Bestandteil der Forschungen zum postsowjetischen Raum, zu Ostmitteleuropa und Europa sein. Es bedarf eines radikalen Neufassung der Lehrprogramme und eines Wandels der Forschungsparadigmen, im Rahmen dessen die russlandzentrierten Forschungsansätze aufgehoben und die Vielgestaltigkeit der Region und die Verflechtungen der einzelnen Teile angemessen berücksichtigt werden; mit dem die Kiewer Rus’ nicht länger als Teil der russländischen Geschichte betrachtet, der Anfang der ukrainischen Geschichte nicht im Kosakentum und schon gar nicht in der Unabhängigkeitserklärung 1991 verortet, die ukrainische Kultur nicht auf ukrainischsprachige Werke reduziert und das Land nicht länger in einen nationalistischen Westen und einen prorussischen Osten unterteilt wird. Ein Wandel, der von Verständnis zeugt und der Öffentlichkeit in den jeweiligen Ländern erklärt, dass die gegenwärtige Einigkeit der Ukraine das Ergebnis komplizierter politischer und kultureller Prozesse im Laufe von drei Jahrzehnten Unabhängigkeit ist und dass sich der entschlossene Widerstand gegen die russländische Aggression nicht nur aus dem Ausbau der Armee in den letzten acht Jahren nach der Annexion der Krim speist, sondern dass auch die Stärkung der Bürgergesellschaft seit den Majdan-Protesten und die von Menschen mit unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit geteilte Erinnerung an den Holodomor und den Kampf der UPA dafür verantwortlich sind. Ein Wandel, der schließlich und endlich in der russischen Kultur – in Puškin, Lermontov, Tolstoj und den anderen Klassikern – weniger den Humanismus, als vielmehr dem Imperialismus sieht und deshalb verdeutlicht, dass die heutige aggressive Haltung der meisten Russen gegenüber der Ukraine und dem Westen, die das grausame Vorgehen in Mariupol', Charkiv und Irpin' möglich gemacht haben, sich nicht trotz der herausragenden Werke ihrer Nationalkultur, sondern wohl eher unter ihrem massiven Einfluss herausgebildet hat.

Für dieses Programm einer verspäteten Dekolonialisierung der (Ost-)Europaforschung trete ich auch in meinen Artikeln und Onlinevorträgen ein und führe Diskussionen mit meinen Kollegen aus dem Westen, von denen viele ehrlich betroffen sind über das, was in der Ukraine passiert, aber dennoch nicht bereit sind, die Ukraine politisch und kulturell in ihre „erste Welt“ aufzunehmen. Ich verfasse Schreiben an einzelne Kollegen und wissenschaftliche Vereinigungen, unterschreibe Petitionen an Regierungen und die Öffentlichkeit, plane wissenschaftliche Veranstaltungen und Forschungsprojekte, die zur Umsetzung der vorgeschlagenen Änderungen führen können. Ich versuche, bereits jetzt etwas zu tun, obwohl ich ganz genau weiß, dass ich erst nach dem Krieg, der hoffentlich siegreich für uns enden wird, auch wenn es möglicherweise noch eine Zeitlang dauert, mit voller Kraft an diesen Projekten arbeiten und die Einladungen von westlichen Universitäten, dort zu lehren, annehmen kann. Im Moment höre ich Sirenen und lerne die Geräusche der verschiedenen Waffen zu unterscheiden. Menschen mit mehr Erfahrung sagen mir, dass das, was ich in meiner Wohnung in Kiew höre, die Waffen der ukrainischen Verteidiger seien, denn die Invasoren stünden etwas weiter weg, und ihre Artillerie sei nicht bis hierher zu hören. Trotzdem schlagen manchmal feindliche Raketen ein, und dann bricht binnen Sekunden alles zusammen. Kiew hat bislang mehr oder weniger Glück gehabt, denn unsere Luftabwehr hat fast alle Raketen abgeschossen, aber schon allein die Trümmer haben jedes Mal mehrere Personen getötet und etlichen hundert die Wohnungen zerstört. Eine dieser abgeschossenen Raketen ist gerade einen Kilometer von meinem Haus entfernt abgestürzt. Das ist Krieg.

Manuskript abgeschlossen am 31.3.2022

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Jena


[1] <https://ratinggroup.ua/research/ukraine/pyatyy_obschenacionalnyy_opros_ukraina_v_usloviyah_voyny_18_marta_2022.html>

[2] <https://ratinggroup.ua/research/ukraine/obschenacionalnyy_opros_ukraina_v_usloviyah_voyny_1_marta_2022.html>

[3] Siehe dazu den Beitrag von André Härtel in: Osteuropa, 1–3/2022 (im Erscheinen).

[4] <www.dw.com/uk/ponad-polovyna-ukraintsiv-ne-skhvaliuie-dii-zelenskoho/a-60193961>

[5] <https://ratinggroup.ua/research/ukraine/pyatyy_obschenacionalnyy_opros_ukraina_v_usloviyah_voyny_18_marta_2022.html>

[6] Wörtlich: „Russkij voennyj korabl‘, idi nachuj!“

[7] <https://24tv.ua/russkiy-voennyiy-korabl-idi-hy-pidbirka-bilbordiv-vidomoyu-frazoyu_n1883147>

[8] <www.facebook.com/InfoSapiensLLC/photos/pcb.5570332726315576/5570301359652046/>

[9] <https://ratinggroup.ua/en/research/ukraine/language_issue_in_ukraine_march_19th_2022.htm>

[10] <www.pravda.com.ua/news/2022/03/27/7335065/>

[11] <https://ratinggroup.ua/research/ukraine/language_issue_in_ukraine_march_19th_2022.html>

[12] Siehe dazu den Beitrag von Fabian Baumann: Von Krieg zu Krieg. Historische Ukraineforschung seit 2014, in: OE, 1-3-2022 (im Erscheinen).

Volodymyr Kulyk, (1963), Dr. phil., Politikwissenschaftler, Institut für politische und ethnische Studien der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine, Kiew