Schadensmaximierung
Russlands Krieg gegen die Ukraine: die 201. bis 202. Kriegswoche
Nikolay Mitrokhin, 11.2.2026
Russland setzt die Angriffe auf Kraftwerke und Umspannstationen in der Ukraine fort. Bei den Waffenstillstandsverhandlungen rückt es nicht von seinen Territorialforderungen ab. An der Front steht die Ukraine insbesondere im Gebiet Sumy unter Druck. Die Abschaltung der Starlink-Terminals für Russlands Truppen ist eine erhebliche Schwächung. Moskau ist erneut seine technologische Rückständigkeit vor Augen geführt worden. Auch das Vorgehen gegen Russlands Ölexporte zeigt immer größere ökonomische Wirkung. Doch stellt sich in diesem Abnutzungskrieg weiter die Frage, welches Land zuerst in die Knie geht.
Russland hat auch in der ersten Februarwoche die gezielte Zerstörung der ukrainischen Energieinfrastruktur fortgesetzt. Die immer neuen Drohnen- und Raketenattacken seit der Eskalation des Luftkriegs mit wechselseitigen Luftangriffen auf Infrastruktur des Gegners und ukrainischen Angriffen auf Tanker der Schattenflotte im Spätsommer 2025 haben so viele Kraftwerke, Umspannstationen und Übertragungsleitungen in der Ukraine stark beschädigt oder zerstört, dass erneut die Strom- und Wärmeversorgung in zahlreichen Städten großflächig für viele Stunden oder mehrere Tage ausfiel.
Nach Angaben offizieller ukrainischer Stellen können in Kiew mehrere hundert große Wohnblocks am linken Ufer des Dnipro im gesamten Winter nicht mehr an die Wärmeversorgung angeschlossen werden.
Nach einer starken Frostperiode mit Tagesdurchschnittstemperaturen in Kiew von unter -10 C° Celsius zwischen dem 10. und dem 21. Januar und einer kurzen Phase mit Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt am 28. und 29. Januar, prognostizierten die Meteorologen für die ersten Februartage Tagesdurchschnittstemperaturen von unter -15 C° mit Tiefstwerten von bis zu -25 C°. Kurz vor Beginn dieser schlimmsten Kältephase und einer anstehenden weiteren Verhandlungsrunde erklärte US-Präsident Donald Trump am 29. Januar, Putin habe auf seine Bitte hin versprochen, die Angriffe für „eine Woche“ einzustellen. Der ukrainische Präsident bestätigte lediglich, dass die USA versuchten, eine vorübergehende Einstellung des Luftkriegs zu erreichen, und dass es Gespräche darüber gebe.
Tatsächlich stellte Russland die Angriffe auf Kraftwerke und Umspannstationen kurzfristig ein – und attackierte stattdessen u.a. ukrainische Eisenbahninfrastruktur. Während sich bei erneuten Gesprächen in Abu Dhabi abzeichnete, dass es bei der Territorialfrage weiter keine Einigung gibt, erfolgte bereits in der Nacht auf den 3. Februar der schwerste Luftschlag gegen die Energieinfrastruktur seit Jahresbeginn.
Noch am gleichen Tag begann Elon Musks Unternehmen SpaceX damit, von der russländischen Armee genutzte Starlink-Terminals abzuschalten. Nach Russlands Angriff vom 3. Februar attackierte auch die Ukraine erneut Wärme- und Strominfrastruktur im Gebiet Belgorod. Die Kraftwerke und Umspannanlagen wurden u.a. mit Himars-Raketen beschossen. Die Behörden des Gebiets ordneten in einigen Gegenden eine Evakuierung an. In der Gebietshauptstadt fiel in rund 250 großen Wohnblocks über einen längeren Zeitraum die Heizung aus, auch kam es zu längeren Stromausfällen. Im Vergleich zu der Situation in Charkiv und anderen frontnahen ukrainischen Städten sowie in Cherson, Mykolajiv und Odessa sind die Folgen der ukrainischen Angriffe auf Belgorod jedoch harmlos.
Die USA versuchen vor allem mit ökonomischen Mitteln, Russland zu einem Waffenstillstand unter Verzicht auf eine Übergabe des gesamten Donbass zu bringen. Das Bemühen, die Einnahmen aus dem Export von Öl zu verringern, zeigt sichtbare Erfolge. Diese sind nicht den seltenen Fällen zu verdanken, in denen die Behörden eines europäischen Staats Tanker der Schattenflotte aufgebracht haben. Denn diese können nach einer Durchsuchung ihre Fahrt fortsetzen, weil die EU-Staaten nicht gegen die Seerechts-Konvention verstoßen wollen. Große Bedeutung hat hingegen, dass Indien den Bezug von Erdöl aus Russland zwecks Verarbeitung und Weiterverkauf nach Europa zurückfährt. Diese Entscheidung ist nicht zuletzt in Zusammenhang mit der Unterzeichnung eines lange von Lobbygruppen blockierten Handelsabkommens mit der EU und Fortschritten bei den Verhandlungen über ein ähnliches Abkommen zwischen Indien und den USA zu sehen. Russland gehen immer mehr Käufer seines Erdöls verloren, auch chinesische Raffinerien fürchten, unter die Sekundärsanktionen der USA zu fallen. Auch die Umgehung der Sanktionen, indem Tanker immer wieder aufs Neue umregistriert werden oder das Erdöl von einem Tanker auf andere umgeladen wird, die keinen Sanktionen unterliegen, senkt die Einnahmen stark. Russland machte alleine im Januar Haushaltsschulden in einer Höhe, die nach ursprünglicher Planung für das gesamte erste Halbjahr 2026 vorgesehen waren. Um eine noch größere Schuldenaufnahme zu verhindern, verkaufte die Nationalbank zwischen dem 16. Januar und dem 5. Februar Gold und Yuan im Wert von 192 Mrd. Rubel (2,1 Mrd. Euro) aus dem Nationalen Wohlstandsfonds. Trumps Politik, Putins intransingente Haltung bei den Gesprächen über eine Waffenruhe mit der Wirtschaftsknute zu bestrafen, zeigt Wirkung; allerdings noch keine politische: Die jüngste Verhandlungsrunde in Abu Dhabi brachte als einziges Ergebnis den Austausch von je 175 Kriegsgefangenen – und eine bereits vor Beginn der Gespräche abgewickelte Übergabe getöteter Soldaten, bei der Russland 1000 Leichen überstellte und 37 erhielt. Moskau hat nun die Leichen von insgesamt 23 000 Soldaten überstellt. Präsident Zelens’kyj sprach in Zusammenhang mit der Überstellung von 55 000 getöteten Verteidigern des Vaterlands. Die tatsächliche Zahl liegt eher bei 150 000.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie lange es noch dauert, bis Russland in eine echte Finanzkrise gerät – und ob die Ukraine bis dahin weiter den Luftangriffen sowie dem Druck an der Front standhalten kann.
Die ukrainische Luftabwehr
Am 4. Februar erklärte Volodymyr Zelens’kyj, der ukrainischen Luftabwehr würden zu viele Drohnen und Raketen entgehen. Diese Aussage ist vor dem Hintergrund der Schäden und der massiven Folgen für die Zivilbevölkerung zu betrachten. Die objektiven Zahlen sprechen einer andere Sprache.
Russlands Luftwaffe setzte im Januar knapp 4500 Kampfdrohnen ein, rund 500 weniger als im Dezember und weniger als in allen Vormonaten seit August 2025. Die Abfangrate nahm leicht zu und betrug 83 Prozent. Daneben setzte Russland im Januar 76 ballistische Raketen ein – knapp ein Drittel mehr als im Vormonat, die Abfangrate blieb nahezu gleich, liegt allerdings bei nur 40 Prozent. Beschoss Russland die Ukraine im Dezember 2025 mit 120 Marschflugkörpern, so waren es im Januar 60. Bei diesen Flugkörpern sank die Abfangrate tatsächlich von 80 auf 60 Prozent. Insgesamt konnte die ukrainische Luftabwehr im Januar 820 Flugkörper nicht abfangen (davon 750 Drohnen), im Dezember waren es 1052 (davon 987 Drohnen).
Gleichbleibende Abfangraten bedeuten angesichts der massiven Zunahme insbesondere der von Russland eingesetzten Drohnen allerdings, dass mehr dieser Tod und Zerstörung bringenden Waffen ihr Ziel erreichen. Noch bis August 2024 hatte Russland nie mehr als 500 Langstrecken-Drohnen pro Monat eingesetzt, bis November 2024 wuchs die Zahl auf fast 2500 pro Monat. Im Jahr 2025 waren es bereits im Februar und März erstmals über 4000 und im Juli über 6000, seitdem ist die Anzahl zurückgegangen, aber mit 4500 weiter sehr hoch.
Fraglich ist allerdings, welche Aussagekraft diese auf das gesamte Land bezogene Statistik hat. Denn die Abfangrate ist nicht in allen Landesteilen gleich hoch. In unmittelbarer Frontnähe und im frontnahen Hinterland, wo Russland mit Drohnen Kasernen, Stabsquartiere und andere militärische Ziele angreift – sowie in jüngerer Zeit vermehrt auch Busse, Autos und Züge – fehlt es der ukrainischen Armee an Flugabwehr. Die vorhandenen System schützen überwiegend Städte und militärische Einrichtungen weitab der Front.
Probleme bereitet der Ukraine, dass Russlands Luftaufklärung größere Erfolge bei der Aufspürung des Mehrfachraketenwerfers HIMARS hat. Nach russländischen Angaben, die mit Videobelegen bestätigt wurden, hat die Armee alleine im Januar und der ersten Februarwoche vier dieser Systeme aufgefunden und sie u.a. mit Shahed-Drohnen zerstört oder schwer beschädigt. Zuvor hatte die Ukraine in zwei Jahren vier dieser Systeme verloren. In einigen grenznahen Regionen setzt Russland Shahed-Drohnen mittlerweile ein, um wichtige Straßen durch Angriffe auf militärische und zivile Fahrzeuge unbenutzbar zu machen. Am 1. Februar attackierten zwei Langstreckendrohnen nahe Pavlohrad im Gebiet Dnipropetrovs’k einen Bus, der Bergarbeiter zur Schicht brachte. Mindestens 16 Menschen starben.
Gleichzeitig fragt sich, weshalb es der Ukraine nicht gelingt, Langstreckendrohnen, die Ziele in der Zentralukraine oder im Westen des Landes angreifen, mit einer noch höheren Rate abzuschießen. Dies ist nicht alleine auf die höhere Gesamtzahl der von Russland eingesetzten Drohnen zurückzuführen, denn die Ukraine hat auch immer mehr aus dem Westen gelieferte Kampfflugzeuge zur Verfügung – nach manchen Angaben sollen es bis zu 100 sein –, die die Drohnen auf dem langen Weg von Ost nach West abfangen können, ohne in die Reichweite der russländischen S-400 Flugabwehr zu gelangen. Einer der Gründe ist, dass Shahed-Drohnen mit deutlich höherer Geschwindigkeit fliegen als noch zu Beginn des Krieges; ein weiterer, dass Russland die Flugkörper seit einiger Zeit in sehr geringer Höhe fliegen lässt. Mehrfach gab es in den vergangenen Monaten Berichte darüber, dass solche Drohnen in Hochspannungsleitungen hängengeblieben sind. Diese neue Einsatztaktik ist eine Reaktion auf die Auflösung der mit Maschinengewehren ausgerüsteten mobilen Drohnenabwehreinheiten, deren Soldaten die Ukraine an die Front verlegt hatte, nachdem Russland die Drohnen in sehr großer, für diese Einheiten nicht erreichbarer Höhe hatte fliegen lassen. Ein dritter möglicher Grund ist, dass die ukrainische Luftwaffe vorsichtig agiert, weil sie fürchtet, dass Kampfjets, insbesondere aber langsame Helikopter sowie die im Raum Odessa eingesetzten maschinengewehrbestückten Kleinflugzeuge ein leichtes Ziel von Luft-Luft-Raketen werden, die Russland seit November 2025 auf manchen Langstreckendrohnen montiert. Mindestens ein Flugzeug und ein Helikopter der ukrainischen Luftwaffe sind seitdem auf diese Weise abgeschossen worden.
Neu sind auch die russländischen Langstreckendrohnen vom Typ „Molnija“ und „Gerbera“, die kleine FPV-Drohnen weit hinter die Front tragen können und deren Signal zurück an den Drohnenführer übertragen. Diese Echtzeit-Zielerfassung für Kampfdrohnen macht gezieltere Attacken auf Schwachpunkte der Energie- und Eisenbahninfrastruktur und sogar Angriffe auf mobile Ziele möglich.
Die Lage an der Front
Trotz strengen Frosts und Schneefalls, die vor allem Offensivoperationen erschweren, haben die Truppen der Besatzungsarmee die Angriffe in der letzten Januar- und der ersten Februarwoche nicht eingestellt. Die Ukraine konnte die russländischen Truppen jedoch an allen Frontabschnitten stoppen, an denen diese noch in der ersten Januarhälfte vorgerückt waren: in Kostjantynivka, Sivers’k und Huljaj-Polje sowie in der einstigen Uferzone des entwässerten Kachovka-Stausees südlich von Zaporižžja und am Nordufer des Lyman. Russlands Generalstab verfolgt jedoch weiter die Taktik, den Schwerpunkt der Angriffe an immer neue Frontabschnitte zu verschieben.
Ein Zentrum der Angriffe in der 201. und 202. Kriegswoche war der Raum Dobropil‘e südwestlich des Gürtels, der sich von Kostjantynivka nach Kramators’k zieht. Dort hatten die ukrainischen Streitkräfte im Sommer und Herbst einen Frontdurchbruch des Gegners beseitigt. Russländische Stellen meldeten nun einen neuen Vorstoß, doch dies mag mehr einem Wunsch als der Realität entsprechen. Etwas weiter nördlich scheint es der Besatzungsarmee jedoch tatsächlich zu gelingen, Kostjantynivka von Süden zu umgehen und die ukrainischen Verteidiger der Stadt einzuschließen. Der Vormarsch geht allerdings so langsam, dass bis zu einer vollständigen Umstellung der Stadt noch viele Monate vergehen können.
Aufmerksamkeit verdienen die Ereignisse nördlich von Huljaj-Pole im Gebiet Zaporižžja. Dort war es ukrainischen Truppen bereits in der zweiten Januarhälfte gelungen, am Ostufer des Hajčur im Rücken der am gegenüberliegenden Ufer stehenden Einheiten des Gegners einen Brückenkopf zu errichten. Die dort operierenden ukrainischen Truppen bedrohten nicht nur die Nachschublinien der russländischen Truppen am Westufer des Hajčur, sondern auch jene der weiter nördlich stehenden russländischen Einheiten – dort, wo die Front einen scharfen Knick nach Osten macht und die Besatzungstruppen in Richtung einer Agglomeration großer ländlicher Siedlungen, darunter Pokrovs’ke und Velykomichajlivka, vorzustoßen drohen.
Um den 5. Februar nutzten die ukrainischen Einheiten die Einschränkung der Kommunikation entlang der Kommandokette des Gegners – Folge einer von SpaceX-Chef Elon Musk verfügten Unterbindung der unautorisierten Nutzung seines Satellitennetzwerks Starlink durch Russlands Armee – und griffen die am Westufer des Hajčur stehenden Truppen an. Am 8. Februar wurde nach ukrainischen Angaben die große Ortschaft Ternuvate befreit. Russländische Quellen bestätigen dies im Wesentlichen, sprechen aber von großen Materialverlusten der ukrainischen Seite.
Bereits am 9. Februar sind ukrainische Verbände in diesem Raum offenbar von Ternuvate in Richtung Osten sowie aus den nördlich gelegenen Siedlungen Pokrovs’ke und Velykomichajlivka nach Süden vorgestoßen. Diese Offensive zielt ganz auf die Einkesselung der Einheiten der 5., 29. und 36. Armee Russlands, die im Raum der dortigen Frontausbuchtung operieren. Wahrscheinlich gelingt es den ukrainischen Truppen, die gegnerischen Einheiten hinter den Hajčur zurückzudrängen und den Fluss als Frontlinie zu befestigen. Dies wäre ein wichtiger Erfolg: Die Besatzungstruppen würden einstweilen der Möglichkeit beraubt, die Versorgungslinien der im Raum Orichiv stehenden ukrainischen Einheiten mit Drohnen zu unterbrechen und so die Voraussetzungen für einen Angriff auf Zaporižžja zu schaffen.
Schlecht sieht jedoch die Lage der Ukraine im Gebiet Sumy aus. Dort erobern die Moskauer Truppen in einer seit Dezember laufenden breiten Offensive immer weitere Ortschaften. Den ukrainischen Grenztruppen und der Armee fehlt es ganz offensichtlich an Soldaten, um dies zu verhindern. Und jeder Durchbruch an der Grenze bedeutet, dass noch mehr Kräfte benötigt werden, um einen weiteres Vorstoßen zu verhindern. Dienten die Angriffe zunächst nur der Unterstützung jener Einheiten der Okkupationstruppen, die in Richtung der Gebietshauptstadt Sumy vorzudringen versuchen, so fallen die Besatzer seit Anfang Februar auch an ganz anderen Stellen ein, etwa nahe der rund 150 Kilometer nordwestlich von Sumy gelegenen Stadt Šostka.
Russlands technologische Rückständigkeit
Ende Januar 2026 teilte der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorov mit, auf abgestürzten Shahed-Langstreckendrohnen seien Starlink-Terminals gefunden worden, Russland nutze das Satellitennetz des Unternehmens SpaceX zur Navigation der Angriffswaffen. Nachdem die Ukraine schon seit Februar 2024 versucht hatte, Elon Musk dazu zu bewegen, die Nutzung von Starlink durch Russlands Armee zu unterbinden, kam nun das ukrainische Verteidigungsministerium tatsächlich mit SpaceX überein, eine Positivliste zu erstellen. Alle Terminals, die nicht auf dieser Liste stehen, können vom Territorium der Ukraine und Russlands aus keinen Kontakt mehr zu den Satelliten aufnehmen. Die Abschaltung begann am 3. Februar, als in Abu Dhabi die Waffenstillstandsgespräche liefen, möglicherweise war bereits klar geworden, dass Russland sich erneut nicht bewegt.
Der Darstellung mehrerer russländischer Militärkanäle zufolge lief in den vergangenen zwei Jahren ein erheblicher Teil der operativen Kommunikation der russländischen Truppen auf dem Schlachtfeld über Starlink – sowohl die Drohnensteuerung als auch die Befehlsweitergabe an einzelne Soldaten. Alternativen gab es keine, die wenigen geostationären Satelliten von Gazprom, bei denen es aufgrund ihrer Entfernung zur Erde zu einer Verzögerung von knapp einer Sekunde kommt (erdnahe Starlink-Satelliten: unter 20–50 Millisekunden), eignen sich nur für weit hinter der Front gelegene Befehlsstände.
Russlands Armee versucht nun, neue Kommunikationswege zu errichten. Eine Möglichkeit besteht darin, ukrainische Staatsbürger zu finden, die einen Antrag auf Registrierung ihres Terminals stellen, so dass dieses auf die Whitelist aufgenommen wird – und es anschließend verkaufen. Solche Angebote tauchten in entsprechenden Internetforen bereits wenige Stunden nach der Abschaltung der unregistrierten Geräte auf. Zunächst befürchteten Russlands Militärs, es könne sich um Provokationen handeln und die von diesen Geräten gesendeten Daten könnten direkt der ukrainischen Armee übersandt werden. Tatsächlich ist der ukrainische Geheimdienst SBU für die Registrierung der Terminals verantwortlich. Dieser warnte am 7. Februar die Bevölkerung, die Weitergabe eines registrierten Geräts werde als Landesverrat gewertet.
Eine andere Methode ist der Einsatz von Glasfaserkabeln. Mit entsprechenden Netzen waren zuvor nur Befehlsstände im rückwärtigen Raum ausgestattet, nun wurden sie näher an die Front verlegt und mit Routern ausgestattet, die das Signal an die kämpfenden Einheiten weiterleiten. Da bereits jetzt Glasfaserkabel in großem Stil zur Steuerung von FPV-Drohnen eingesetzt werden, ist die Schaffung eines solchen Kommunikationsnetzes technisch nicht schwierig, vorausgesetzt, die benötigten Apparate stehen zur Verfügung.
Fest steht, dass Russlands Armee ein schwerer Schlag versetzt wurde. Dem Oberbefehlshaber und seinen Generälen wurde erneut vor Augen geführt, wie abhängig Russland selbst im militärischen Bereich von anderen Staaten ist. Zu Beginn des Kriegs waren die Befürworter und Propagandisten des Kriegs in Russland der Ansicht, man sei in Sachen Militärtechnik mindestens gleichauf mit dem Westen, diesem in einigen Bereichen sogar überlegen. Mittlerweile ist ihnen klar geworden, dass es von wenigen Feldern wie den strategischen Raketen abgesehen eine riesige technologische Kluft gibt, die sich selbst bei Erfüllung der optimistischsten Annahmen nicht schließen lässt. Nehmen sie diese Erkenntnis ernst, kann die Schlussfolgerung nur lauten: Russland muss rasch zu einem Friedensschluss mit der Ukraine kommen.
Einen Denkanstoß könnte ein ukrainischer Luftschlag mit mehreren Marschflugkörpern des neuentwickelten Typs Flamingo am 5. Februar geben. Er zielte auf das Militärgelände Kapustin Jar im Gebiet Astrachan‘, wo offenbar gerade Mittelstreckenraketen des neuen Typs Orešnik für den Einsatz vorbereitet wurden. Satellitenbildern zufolge, welche die ukrainische Armee veröffentlicht hat, wurden die Raketen stark beschädigt.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.
Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen von Meduza und Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.


