Schutzlose Städte. Lichtblick an der Front

Russlands Krieg gegen die Ukraine: 23. September – 7. Oktober 2026

Nikolay Mitrokhin, 12.10.2026

Russland weitet die Angriffe auf Kiew aus: Ziele sind Rechenzentren, Brücken und die Energieinfrastruktur. Gleichzeitig fährt Moskau die Produktion düsengetriebener Drohnen massiv hoch. An der Front ist die Lage der ukrainischen Armee so gut wie seit Sommer 2023 nicht mehr. Die Herbstoffensive der Besatzer auf Slovjans'k und Kramators'k ist abgewehrt.

Russland hat den Luftkrieg erneut ausgeweitet. Er rückt immer näher an die osteuropäischen NATO-Staaten heran. So ließ Moskau in der ersten Oktoberwoche erstmals Schiffe auf dem Weg zu ukrainischen Häfen im Donaudelta angreifen, die sich zum Zeitpunkt der Attacken in der Ausschließlichen Wirtschaftszone (200 Seemeilen, 370 km) Bulgariens und Rumäniens befanden.

Am 5. Oktober sank nach einem Drohnenangriff der in der rumänischen 200-Meilenzone fahrende Frachter Royad Mammadov. Zwei Mitglieder der Schiffsbesatzung starben. Am 6. Oktober wurden 80 Seemeilen vor der bulgarischen Küstenstadt Vjala zwei weitere Frachter angegriffen, von denen einer sank. Die Besatzung ist wahrscheinlich ertrunken. Drei Tage zuvor waren im Osten Moldovas drei russländische Raketen und zwei Drohnen niedergegangen. Zum wiederholten Mal stiegen NATO-Flugzeuge auf, um russländische Drohnen abzufangen, die in den rumänischen Luftraum eingedrungen waren.

Gleichzeitig weitet Russland die Angriffe auf Kiew weiter aus und nimmt immer neue Ziele ins Visier, denen bislang keine Angriffe gegolten hatten. So begann am 20. September eine systematische Luftkampagne zur Zerstörung von Rechenzentren. Innerhalb von zwei Wochen wurden 27 Angriffe geflogen, nahezu alle auf Ziele in der ukrainischen Hauptstadt.

Darüber hinaus hat Putin den Befehl gegeben, Dnipro-Brücken in Kiew und Zaporižžja anzugreifen. In Kiew haben Einschläge von Jet-Drohnen auf der Pivdenny Mist (Südbrücke) und der Pivnynyj Mist (Nordbrücke) zu einer zeitweiligen Einstellung des gesamten Verkehrs zwischen den links und rechts des Dnipro gelegenen Stadtteilen geführt. Der Verkehr über den Fluss ist essentiell für die Stadt, ein Drittel der Einwohner wohnt in den Schlafvierteln links des Dnipro und fährt täglich über den Fluss zur Arbeit. Auch fiel in einer Reihe von Stadtteilen die Warmwasserversorgung aus, da die von Heizkraftwerken kommenden Rohre unterhalb der Brücken geführt werden.

Zudem hat Russland die Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur wieder aufgenommen. In der Hauptstadt sowie in zahlreichen Landesteilen sind zur Verhinderung eines Netzzusammenbruchs wieder Stromabschaltpläne eingeführt worden – mit teils stundenlangen Abschaltzeiten. Dennoch kommt es auch zu Notabschaltungen.

Die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt gibt einen Hinweis darauf, dass viele Menschen die besonders unter Beschuss genommenen Städte verlassen wollen. In Kiew ist die Anzahl der Offerten für Mietwohnungen zwischen Anfang August und Anfang Oktober um über 60 Prozent gestiegen, in Odessa hat sie sich verdreifacht. Im Westen der Ukraine hingegen ist etwa in Ivano-Frankivs’k die Zahl der angebotenen Wohnungen um 60 Prozent zurückgegangen.

Russland hat nicht nur die Produktion düsengetriebener Drohnen stark hochgefahren, sondern stellt seit September nun auch die zuvor aus China gelieferten Triebwerke dieser Waffen selbst her. Es steht zu befürchten, dass die Fluggeschwindigkeit der Jet-Drohnen bald von gegenwärtig 600 km/h auf 800-900 km/h steigen wird. Tritt dies ein, dürften die neuen Abfangdrohnen, welche die Ukraine aktuell entwickelt, rasch wieder an ihre Grenze kommen.

Gegenwärtig gelingt offenbar weder den westlichen Staaten noch der in tödlicher Gefahr schwebenden Ukraine ein qualitativer Technologie-Sprung in der Luftverteidigung. Dies wirft die sehr grundlegende Frage auf, in welchem Maße die große wirtschaftliche und technische Überlegenheit des Westens diesem im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Staaten wie Russland, dem Iran oder Nordkorea tatsächlich Sicherheit garantiert. Und in welchem Ausmaß der Westen mit Sanktionen die technologische Entwicklung dieser Länder bremsen kann, indem er sie von Wissen, Maschinen und Rohstoffen anschneidet. Warum scheint das kleine Israel das einzige Land zu sein, das eine Antwort auf diese Fragen findet?

Die Ukraine hat unterdessen die vorübergehend reduzierten Luftangriffe auf Ziele in Russland wieder intensiviert. Am 6. Oktober schlugen Drohnen in dem südöstlich von Moskau unweit des Flughafens Domodedovo gelegenen Lager für Erdöl und Erdölprodukte „Volodarskaja“ ein. Der Angriff verursachte Schäden an dem größten Öllager im Großraum Moskau. Ein Erfolg dieser Strategie der ukrainischen Führung lässt jedoch weiter auf sich warten – im Unterschied zur sehr erfolgreichen Zerstörung und Lähmung der russländischen Schwarzmeer-Flotte.

Positiv ist zu vermerken, dass die Ukraine die systematischen Angriffe auf LKW und Militärfahrzeuge in den besetzten Gebieten einschließlich der Krim wieder aufgenommen hat. Videoaufnahmen von den dortigen Fernstraßen zeigen, dass sich der Verkehr streckenweise durch eine Gasse zwischen zerstörten oder beschädigten Fahrzeugen zwängt. Nachdem der Verkehr im August für kurze Zeit aufgrund der Angriffe fast vollständig zum Erliegen gekommen war, Anfang September aber wieder stark zunahm, scheint er jetzt aufgrund der erneuten Intensivierung der Angriffe wieder zurückzugehen. Eine Fokussierung der Drohnenkapazitäten auf dieses Ziel scheint deutlich erfolgversprechender als die Angriffe auf Raffinerien.

Die Situation an der Front

Die Lage der ukrainischen Armee stellt sich Anfang Oktober so gut dar wie mindestens seit Sommer 2023 nicht mehr. Damals war es ihr gelungen, an zwei Frontabschnitten größere Gebiete zurückzuerobern und an weiteren Orten Druck auf die Besatzungstruppen auszuüben.

Allerdings ist es in den letzten Monaten noch einmal schwieriger geworden, sich ein genaues Bild von der Lage zu verschaffen. Die Angaben in den Frontberichten der durchgängig mit einer der beiden Kriegsparteien verbundenen Lageberichte widersprechen sich stärker denn je. Dies hat u.a. damit zu tun, dass die „Grauzone“ immer größer geworden ist. Heute können sich in einem 25-40 Kilometer breiten Streifen kleine Trupps beider Seiten aufhalten, die selbst dann nichts voneinander wissen, wenn sie in benachbarten Straßenzügen oder Waldstücken liegen und dort ohne Kontakt zu ihrer Einheit an Hunger, Durst oder infolge nicht versorgter Wunden sterben. Auf russländischer Seite werden zudem entlang der gesamten Befehlskette falsche Angaben nach oben gegeben und sowohl von Militärbloggern als auch von der Armee- und Staatsführung wiederholt. Auf ukrainischer Seite werden Informationen eher verschwiegen oder erst mit großer Verzögerung bekannt gegeben. Als einigermaßen zuverlässig kann man daher nur jene Angaben betrachten, die Frontbeobachter beider Seiten machen.

Besonders unklar ist die Lage im Nordosten des Gebiets Charkiv. Mehrere russländische Militärkanäle behaupten seit Mitte September, größere ukrainische Verbände – die 159. sowie die 22. mechanisierte Brigade sowie Grenzschutztruppen – seien dort eingekesselt und permanenten Angriffen ausgesetzt. Ukrainischen Quellen zufolge geschehe in diesem Raum wenig, es gebe keine Einkesselung, die gegnerischen Truppen seien lediglich an einer Stelle geringfügig vorgerückt, ohne die Versorgung der ukrainischen Truppen zu gefährden. Die russländische Darstellung wird als Propagandalüge bezeichnet – was unwahrscheinlich ist – , allerdings auch nicht konkret widerlegt ist. Auf russländischer Seite ist der Militärkanal Rybar', der zunächst die Einkesselung behauptete, dazu übergegangen, Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Informationen des Moskauer Verteidigungsministeriums zu äußern. Es gebe immer noch kaum Bilder, die ein Vorrücken der Armeegruppe „Nord“ bestätigten. Am 6. Oktober meldeten ukrainische Quellen die Rückeroberung eines zehn Quadratkilometer großen Waldstücks nordöstlich von Vovčans'k, wo sich nach Moskauer Karten schon lange keine ukrainischen Soldaten mehr hätten befinden sollen.

Umgekehrt läuft unmittelbar südlich und nördlich von Kupjans'k seit zwei Monaten in einem Raum von drei auf drei Quadratkilometern eine ukrainische Offensive, ohne dass die Truppen bis zum Fluss Oskil gelangt oder in die Stadt selbst eingedrungen wären. Hinweise auf ein Vorrücken der ukrainischen Truppen zum Westufer des Oskil im Raum zwischen Kupjans'k und dem 20 km nördlich gelegenen Dvorična gibt es zahlreiche. In den veröffentlichten Karten spiegelt sich dies jedoch nicht.

Im Raum Lyman haben die entscheidenden Kämpfe offenbar im August und den ersten Septembertagen stattgefunden, als die ukrainischen Truppen eine größere Zahl eingekesselter Soldaten des Gegners gefangen nehmen konnte. Das Dritte Armeekorps sprach von 250 Kriegsgefangenen, auf dem Video, das durch die sozialen Medien ging, sind jedoch nur 110 Mann zu sehen. Viele von ihnen zeigen Anzeichen totaler Erschöpfung und Unterernährung. Einer der Gefangenen berichtet, er sei schwer verwundet und von ukrainischen Ärzten operiert worden. Andere berichten, dass sie gut ernährt werden. Die Szenen auf dem Video sind eindeutig inszeniert, um sie zu verbreiten. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass die Aussagen falsch oder erzwungen wären. Es bestätigt, dass die Besatzungstruppen bei Lyman eine Niederlage erlitten haben, weil in einem schmalen Streifen weit hinter die ukrainischen Linien vorgerückte Trupps nicht über drei Flüsse hinweg versorgt werden konnten. Offenbar kamen der ukrainischen Armee auch Koordinierungsschwierigkeiten im Übergangsbereich zwischen der Armeegruppe West am Nordufer des Sivers'kyj Donec und der Armeegruppe Süd am Südufer des Flusses zugute. Die am hohen Flussufer stehenden Truppen der Gruppe Süd konnten die erschöpften Einheiten der Gruppe Nord nicht unterstützen, da die Geschehnisse sich außerhalb ihres Operationsraums abspielten.

Die starke Schwächung der Armeegruppe Süd der Okkupationstruppen hat Auswirkungen auf den gesamten zentralen Frontabschnitt zwischen Lyman im Norden und Pokrovs'k im Süden. Auf ukrainischer Seite findet die Verteidigung im gesamten Großraum von Slovjans'k und Pokrovs'k unter dem Kommando des 3. Armeekorps statt. Das Korps beschießt den Gegner mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln, um ihn von der direkten Vorstoßlinie auf die beiden Städte entlang des Südufers des Sivers'kyj Donec zu vertreiben. Insbesondere geht es den ukrainischen Einheiten darum, die im Sommer verlorene Anhöhe nahe der Ortschaft Kryva Luka zurückzuerobern und damit das Eindringen russländischer Sturmtrupps in die fünf Kilometer westlich gelegene Kleinstadt Mykolajivka zu beenden, die bereits ein Vorort von Slovjans'k ist. Ein weiteres Ziel ist die leicht südlich davon gelegene große Siedlung Roj Oleksandrivka, die ebenfalls Slovjans'k von Osten her abdeckt. Dort wie in weiteren Abschnitten östlich von Slovjans'k und nordöstlich von Kramators'k sind die Besatzungstruppen gegenwärtig auf dem Rückzug.

Die Probleme der Okkupanten in diesem Raum haben Folgen für deren Operationen weiter südlich. Bei Kostjantynivka haben sie die Angriffe fast eingestellt, ähnlich ist die Lage bei Dobropillja und in dem Abschnitt zwischen dieser Kleinstadt und dem nördlich gelegenen Druživka. Dort spielen sich gegenwärtig die heftigsten Kämpfe ab. Denn sollte es den Besatzern gelingen, an dieser Stelle die ukrainischen Verteidigungslinien zu durchbrechen, dann könnten sie rasch in den Rücken der ukrainischen Truppen im Großraum Kramators'k-Slovjans'k vorstoßen. Nach bislang kaum bestätigten Angaben ist das 1. Armeekorps der Ukraine jedoch in diesem Bereich seit Ende September auf dem Vormarsch.

Vollkommen undurchsichtig ist die Lage rund um Dopropillja selbst. In der Mitte des folgenden, bis nach Orechiv reichenden Frontabschnitts scheinen jedoch ukrainische Einheiten in der Nähe der Siedlung Komar auf dem Vormarsch zu sein. Was gegenwärtig in und um Orechiv geschieht, liegt hingegen im Dunkeln.

Insgesamt steht damit fest, dass die Ukraine die Sommer- und Herbstoffensive der Besatzungsarmee auf Slovjans'k und Kramators'k abgewehrt hat. Jetzt fällt das Laub an den Bäumen und die Angreifer verlieren damit ihre Deckung. Erst Mitte April werden sie im fünften Kriegsjahr erneut im Schutze des Blätterdachs neue Angriffe auf die Ruinen der Ortschaften und Städte dieses Raums unternehmen können.

Sollte im Westen jemand gehofft haben, dass sich Putin im Falle einer Eroberung des gesamten Donbass durch die Russländische Armee mit dem Erreichten zufriedengeben würde, so dass es danach zu einem Waffenstillstand kommen könnte, so ist die Voraussetzung für ein solches Szenario nicht erfüllt. Ausgehend von den „Tatsachen am Boden“, wie es im Kreml oft heißt, wird Russland den Krieg mindestens noch das gesamte Jahr 2027 fortsetzen müssen, um dieses Minimalziel zu erreichen.

Ändern würde sich die Situation allerdings, wenn Putin zu dem Ergebnis kommt, dass sich die Dinge so ungünstig entwickeln, dass eine erneute Mobilmachung notwendig ist. Dann könnten in kurzer Zeit zwischen 300 000 und 500 000 Mann eingezogen werden, was die Lage rasch ändern würde. Dem könnte die Ukraine nur etwas entgegenhalten, wenn sie die gesamte Logistik der Besatzungstruppen in den besetzten Gebieten mit Drohnen lahmlegt. Ob sie dazu jedoch in der Lage sein wird, kann niemand vorhersagen.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.