Stellungskrieg und Luftterror

Nikolay Mitrokhin, 11.12.2022

Russlands Krieg gegen die Ukraine in der 41. Woche

Nach den erfolgreichen Offensiven der ukrainischen Streitkräfte im September und Oktober sowie der Befreiung von Cherson im November hat Russlands Armee zunächst einen weiteren Vormarsch der Ukraine gestoppt und rückt sogar an bestimmten Frontabschnitten im Donbass selbst vor. Die ukrainischen Streitkräfte halten sich an ihre Taktik und suchen nach Schwachstellen in der russländischen Verteidigung, die sie relativ leicht durchbrechen können, in der Hoffnung, nach einem solchen Durchbruch weit vorstoßen zu können.

Russlands Streitkräfte haben ihre Reihen mit Soldaten aufgefüllt, die im Zuge der Mobilmachung ab Ende September eingezogen wurden. Putin gab jüngst bekannt, 87 Tausend der Eingezogenen seien mittelweile an der Front, ebenso viele im rückwärtigen Gebiet und weitere 150 Tausend in Kasernen in Russland. Die Verstärkung erlaubt es der russländischen Armee, unter Einsatz der von Dmitrij Prigožin rekrutierten Strafgefangenen als Kanonenfutter, an ihr als besonders wichtig vorgegebenen Stellen in die Offensive zu gehen.

Seit Anfang Dezember zeichnet sich daher immer deutlicher ab, dass die ukrainische Armee die schwer umkämpfte Stadt Bachmut im Donbass aufgeben muss. Seit mehr als einem Monat greifen hier ununterbrochen Einheiten von Prigožins Söldnerarmee Gruppe Wagner an. Zwar ist die Stadt nicht eingeschlossen, doch die beiden der ukrainischen Armee verbliebenen Straßen in die Stadt stehen unter permanentem Beschuss. Mehrere Versuche der ukrainischen Truppen, diesen Beschuss durch Gegenangriffe zu beenden, sind gescheitert. In der Stadt selbst explodieren ständig Artilleriegranaten. Ähnliche Bilder konnte man aus Severodonec’k und Lysyčans’k sehen, bevor die ukrainische Armee diese beiden Städte Anfang Oktober aufgeben musste. Die Unterlegenheit der ukrainischen Truppen im Artilleriegefecht führt unweigerlich dazu, dass die Infanterie ihre Deckung verliert und selbst in den mehrstöckigen Häusern, in deren Mauern sie sich zu verschanzen versucht, keinen ausreichenden Schutz mehr findet. Russländische Militärblogger behaupten, die Ukraine habe ihre schweren Waffen bereits abgezogen und unterstütze die Infanteristen in der Stadt nur noch mit Artilleriefeuer vom Stadtrand.

Auch bei Svatove hat sich die Lage für die ukrainische Armee verschlechtert. Russländische Einheiten führen an einigen Orten lokale Gegenangriffe durch. Dies ermöglicht ihnen das entlang der Straße von Svatove nach Kreminna errichtete Befestigungssystem. Luftaufnahmen zeigen, dass von Svatove bis zur 60 Kilometer entfernten Staatsgrenze zwischen Russland und der Ukraine mittlerweile ebenfalls Grabensysteme ausgehoben sind. Hierher wurden Einheiten der 1. Panzerarmee verlegt, die mit frischen Kräften aus der Mobilmachung im Herbst verstärkt wurde. Es sieht danach aus, dass die russländischen Streitkräfte in den nächsten Wochen mit einem massiven Angriff versuchen werden, die im äußersten Norden des Gebiets Donec’k gelegene Stadt Lyman, die die Ukraine im September befreit hatte, erneut zu erobern.

Stoppen konnten die ukrainischen Streitkräfte hingegen den russländischen Vormarsch auf Vuhledar südwestlich von Donec’k. Die Kämpfe im zentralen Donbass zwischen Vuhledar und dem 50 Kilometer nördlichen gelegenen Soledar waren in den vergangenen Wochen so heftig und wurden unter so massivem Einsatz schweren Geräts geführt, dass erstmals seit März beide Seiten wieder Kampfjets einsetzen. Der Ukraine gelang bereits der zweite Abschuss eines Flugzeugs der Luftwaffen-Division der Gruppe Wagner. Am 4. Dezember wurde zudem ein russländischer Ka-52-Hubschrauber von einer ukrainischen Buk-Rakete getroffen. Geflogen wurde dieser von „Boroda“ – dem mit drei Tapferkeitsorden für Einsätze in Syrien und der Ukraine ausgezeichneten Hubschrauberpilot Aleksej Borovikov. Die gesamte Mannschaft kam ums Leben. Auch die Ukraine hat in diesem Zeitraum zwei Flugzeuge verloren.

Auch wenn die aktuelle Entwicklung ungünstig für die Ukraine aussieht, so ist doch offensichtlich, dass diese nicht alle zur Verfügung stehenden Kräfte sofort einsetzt. Insbesondere Einheiten, die über ausreichend gepanzerte Fahrzeuge verfügen und im Westen ausgebildet wurden, werden aktuell nicht im Donbass eingesetzt, sondern für eine größere Operation, wahrscheinlich an einem weiter südlich gelegenen Frontabschnitt, vorbereitet. Es ist durchaus möglich, dass im Zuge von Kämpfen die zentralen und nördlichen Teile des Gebiets Donec‘k gegen den Süden der Gebiete Zaporižžja oder den Osten des Gebiets Cherson „getauscht“ werden, wo es Russland nicht gelungen ist, sich festzusetzen.

Das AKW Zaporižžja

Ein wichtiges Thema ist in diesem Zusammenhang das AKW Zaporižžja. Unter Vermittlung der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA) führen die Ukraine und Russland hinter den Kulissen intensive Verhandlungen über die Zukunft der Anlage. Die ukrainischen Streitkräfte haben mittels Beschuss vom rechten Dnjepr-Ufer aus verhindert, dass die Anlage für die Stromversorgung der besetzten Teile der Gebiete Zaporižžja und Cherson genutzt werden können. Die wichtigsten Leitungen und Umspannwerke sind zerstört.

Außerdem können die russländischen Truppen das Gelände des Werks und der nahegelegenen Stadt Enerhodar offenbar nicht mehr dazu nutzen, um dort ihre Waffen zu verstecken. Die Zahl der ukrainischen Patrioten unter den Mitarbeitern des AKW und den Einwohnern der Stadt Enerhodar ist groß. Immer wieder werden versteckte Geschütze oder Fahrzeuge entdeckt und zerstört. Zudem ist es schwierig, eine solch riesige Anlage zu unterhalten, die eine ständige externe Zufuhr von Energie benötigt. Dies gilt umso mehr, wenn man Besatzer ist. Vieles deutet darauf hin, dass die dort stationierten Truppen, die von der nördlichen Dnipro-Seite aus westlicher und östlicher Richtung unter Beschuss genommen werden, sich gerne aus der Stadt am Ufer des Flusses zurückziehen würden. Doch das würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es ukrainischen Truppen gelingt, über den Fluss zu setzen und am anderen Ufer Fuß zu fassen.

Diese spezifischen Umstände bedingen es, dass die IAEA als einzige internationale Organisation Zugang zu besetztem Gebiet in der Ukraine erhalten hat. Offenbar will Russland das „Objekt“ vollständig unter die Aufsicht der IAEA stellen, erhält jedoch bislang keine Garantien von der Ukraine, dass diese die Situation nicht nutzen würde, um einen Brückenkopf am linken Ufer des Dnipro zu errichten.

Luftterror und Beschuss an der Front

Russland hat die Kriegsführung gegen die ukrainische Zivilbevölkerung in den ersten Dezembertagen unverhohlen fortgesetzt. Die Beladung der strategischen Bomber mit der Fracht, die das ukrainische Strom- und Fernwärmenetz zerstören soll, ist auf Satellitenbildern fixiert.

Die Angriffswelle vom 5. Dezember hatte vor allem für die Gebiete Sumy und Odessa schwere Auswirkungen, in den übrigen Landesteilen waren sie weniger gravierend als erwartet. Katastrophale Auswirkungen hatte jedoch der nächste Angriff auf das Gebiet Odessa am 9. Dezember. Obwohl die Ukraine schon lange einen Großteil der iranischen Drohnen abschießen kann, versagte die Luftabwehr hier und viele dieser Terrorwaffen erreichten ihr Ziel. Der Schaden ist enorm. In Odessa gibt es keinen Strom mehr und die Wasserversorgung ist unterbrochen. Die Betreibergesellschaft des Stromnetzes geht davon aus, dass diese Reparaturen bis zu zwei Monate dauern werden, und empfiehlt die Evakuierung vulnerabler Bevölkerungsgruppen. Die örtlichen Behörden rufen jedoch dringend dazu auf, keine Panik zu verbreiten.

Odessa wird nicht nur deshalb beschossen, weil es nicht allzu weit von der Krim und der Kinburn-Halbinsel an der Dnipro-Mündung bei Cherson liegt, von wo die iranischen Drohnen gestartet werden. Auch politische Gründe spielen offensichtlich eine Rolle. Es scheint, dass die russländische Führung glaubt, dort einen besonderen Schwachpunkt gefunden zu haben und mit den Terrorangriffen Proteste auslösen zu können, in denen die Bevölkerung von der ukrainischen Staatsführung eine Einstellung des Verteidigungskriegs fordert. Tatsächlich hat es kleinere lokale Demonstrationen dieser Art gegeben, und die Zahl der Menschen in Odessa, die der russländischen Sicht auf den Krieg anhängen, ist nicht gering.

Neben der Bombardierung der ukrainischen Energieinfrastruktur und den Angriffen auf russländische Militärflugplätze im Hinterland setzten beide Armeen auch die Angriffe auf Kasernen und Munitionsdepots im frontnahen Gebiet fort. Die ukrainischen Streitkräfte beschossen eine Kaserne in Melitopol’, in der eine Einheit aus Nordossetien stationiert war, und töteten dort nach eigenen Angaben 200 Soldaten. Ebenso zielten sie auf einen Verladepunkt für Raketen des Systems S-300 in Berdjans’k, wo es 30 Tote gegeben haben soll. Darüber hinaus nahm die ukrainische Armee den Stadtteil Vorošilov von Donec’k mit Artilleriegranaten unter Dauerbeschuss. Ein Richter des „Obersten Gerichts der Volksrepublik Doneck“ und ein Mitglied des „Parlaments der Volksrepublik“ starben. Ebenso beschoss Russland weiter ukrainische Städte und Dörfer, zu den Folgen dieser Angriffe gibt es jedoch keine Informationen.

Ukrainischer Angriff auf Militärflugplätze in Russland

In der Nacht vor einer weiteren Angriffswelle am 5. Dezember beschossen die ukrainischen Streitkräfte das Flugfeld der strategischen Luftstreitkräfte Russlands in Ėngel’s im Gebiet Saratov. Von dort starten die Flugzeuge, die während ihres Flugs über das Kaspische Meer Raketen auf die Ukraine abschießen. Ebenso beschoss die Ukraine einen Flugplatz in Djagilevo nahe Rjazan’, wo sich neben einer Reparaturwerkstatt auch ein Flugfeld befindet, auf dem ein Flugzeug bereitstand, das die für die Ukraine bestimmten Bomben bereits geladen hatte und zum Start bereit war.

Zum Beschuss der Flugplätze setzte die Ukraine jeweils eine modernisierte sowjetische Langstrecken-Raketendrohne vom Typ TU-141 „Striž“ (Mauersegler) ein, die zum Transport von Sprengstoff umgebaut wurde. In Ėngel’s wurden mindestens zwei Flugzeuge beschädigt, in Djagilev wurde ein Flugzeug beschädigt, ein Wartungsfahrzeug zerstört und zwei bis fünf Personen getötet.

Es stellt sich die Frage: Warum gab es keine Flugabwehrsysteme an solch wichtigen Flugplätzen? Wahrscheinlich ist dies darauf zurückzuführen, dass bereits im Sommer viele Flugabwehrgeschütze in die Nähe des Kriegsgebiets verlegt wurden, etwa nach Belgorod, Voronež, Novočerkassk oder auf die Krim.

Angriffe wie diese hatte es in diesem Krieg zuvor nicht gegeben. Erstmals ist es den ukrainischen Streitkräften gelungen, Ziele tief im Inneren Russlands zu treffen. Vom Gebiet Charkiv sind es nach Ėngel’s in gerader Linie 650 km. Zudem wurden Flugzeuge aus sowjetischer Zeit ins Visier genommen, die nicht mehr hergestellt werden und für die es kaum noch Ersatzteile gibt. Aus sowjetischer Produktion stammte auch die zum Angriff verwendete Waffe. Die Striž ist eine strategische Aufklärungsdrohne, die bereits 1989 aus der Produktion genommen wurde. So wurde ein Erzeugnis der sowjetischen Luftfahrtindustrie, das bereits vor 30 Jahren als veraltet galt, gegen ein ebensolches Erzeugnis eingesetzt und beide dabei zerstört.

Die Folgen des Angriffs sind jedoch gravierend. Die „Striž“-Drohnen wurden zu Sowjetzeiten im Flugzeugwerk Charkiv hergestellt. Im selben Werk wurden sie offenbar in den letzten Monaten modernisiert. Zu Sowjetzeiten wurden nur wenige Drohnen hergestellt und die Ukraine verfügte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nur noch über einige Dutzend einsatzbereiter Systeme. Unklar ist jedoch, ob die Ukraine, die über eine recht vielseitige und leistungsfähige Rüstungsindustrie verfügt, die Produktion wieder aufgenommen hat. Auch wenn dies nicht gelungen ist, befindet sich nach ukrainischen Angaben eine neue, moderne Drohne mit einer Reichweite von bis zu 1000 km und einem Sprengkopf von 75 kg in der Testphase.

Das würde bedeuten, dass die Ukraine über eigene Waffen mit einer Reichweite von mindestens 1000 km verfügt, mit denen sie Ziele in Zentralrussland, an der unteren Wolga und im Nordkaukasus, ganz zu schweigen von der Krim und der Schwarzerde-Region, beschießen kann. Die Waffen sind stark und präzise genug, um erheblichen Schaden anzurichten, etwa in Russlands petrochemischer Industrie.

Putin hat nach den Angriffen bereits eine Sitzung abgehalten, nach der verkündet wurde, dass das Konzept der Luft- und Raketenabwehr vollständig überarbeitet wird. Dies wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Die Bewohner der genannten Gebiete, einschließlich der Einwohner Moskaus, sollten sich im Klaren sein, dass die Vorstellung, Raketen könnten nur in weit entfernten ukrainischen Städten einschlagen, nicht mehr den Tatsachen entspricht. Nicht umsonst werden in Russland seit zwei Monaten Luftschutzräume in Stand gesetzt.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Dieser Lagebericht stützt sich auf die vergleichende Auswertung Dutzender Quellen zu jedem der dargestellten Ereignisse. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter die des Kriegsberichterstatters der Komsomol’skaja Pravda Aleksandr Koc (https://t.me/sashakots) sowie des Novorossija-Bloggers „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonelcassad.livejournal.com/) sowie des Beobachters Igor’ Girkin Strelkov (https://t.me/strelkovii).

Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen von Meduza und Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.

Die Vielzahl der abzugleichenden Quellen wäre ohne Hilfe nicht zu bewältigen. Dem Autor arbeiten drei Beobachter des Kriegsgeschehens zu, die für Beratung in militärtechnischen Fragen, Faktencheck und Sichtung russisch- und ukrainischsprachiger Publikationen aus dem liberalen Spektrum zuständig sind und dem Autor Hinweise auf Primärquellen zusenden.

Die jahrelange wissenschaftliche Arbeit zu den ukrainischen Regionen sowie zahlreiche Reisen in das heutige Kriegsgebiet erlauben dem Autor, auf der Basis von Erfahrungen und Ortskenntnissen den Wahrheitsgehalt und die Relevanz von Meldungen in den sozialen Medien einzuschätzen.