Tod im Schatten
Die Tragödie im ukrainisch-russländischen Grenzland
Nikolay Mitrokhin, 24.7.2026
In der Berichterstattung der internationalen Medien über Russlands Krieg gegen die Ukraine geht es um die Angriffe auf ukrainische Großstädte und russländische Raffinerien. Die Tragödie, die sich auf beiden Seiten der Grenze abspielt, bleibt im Schatten. Durch Drohnen, Gleitbomben und Artilleriebeschuss sterben in den ukrainischen Gebieten Charkiv, Sumy und Černihiv fast täglich Menschen, Dutzende werden verletzt. Ähnliches gilt für die Gebiete Belgorod, Kursk und Brjansk auf russländischer Seite. Der ukrainische Staat ist um eine Evakuierung der betroffenen Ortschaften bemüht, Moskau lässt die Menschen meist im Stich.
Am 3. Juli 2026 beschloss die Militärverwaltung des Gebiets Charkiv die Evakuierung von 52 Ortschaften. 41 davon gehören zur rund vierzig Kilometer westlich der von Russland angegriffenen Stadt Kupjans’k gelegenen Verbandsgemeinde Ševčenko, elf liegen im Landkreis Bohoduchiv nordwestlich der Gebietshauptstadt Charkiv.
Auch in anderen ukrainischen Gebieten wurden jüngst Evakuierungen angeordnet. Im Gebiet Černihiv begann am 1. Juli die Räumung von zwölf grenznahen Ortschaften aus vier Gemeinden, vier weiteren steht dies ebenfalls bevor. Bereits in den Jahren 2023 und 2024 wurden ukrainische Siedlungen in unmittelbarer Grenznähe evakuiert. Bei den Menschen in den Ortschaften, die nun geräumt werden, handelt es sich nahezu ausschließlich um betagte Bauern, die ihre Gehöfte und ihr Vieh nicht aufgeben wollen. Doch die Regierung muss auf die zunehmende Bedrohung durch Drohnen reagieren. Zudem rechnet sie damit, dass Russland in nächster Zeit in diesem Raum eine Offensive startet.
Drohnenkrieg
Die großen ukrainischen Nachrichtenplattformen berichten ebenso wie die westlichen Medien nahezu ausschließlich über Russlands Angriffe mit den schweren Langstreckendrohnen von Typ Geran‘-2 oder Geran‘-5. In lokalen Telegram-Kanälen aus den grenznahen Gebieten spielen diese eine geringere Rolle. Bei Attacken auf diese Gebiete setzt Russland Drohnen mittlerer Reichweite mit Namen wie „Banderol‘“, „Gerbera“, „Molnija“, „Lancet“ und seit einiger Zeit auch das unbemannte Flugobjekt „Italmas“ ein.
„Banderol‘“ (S8000) ist ein kleiner, vom Rüstungsunternehmen Kronštadt in Moskau und Dubno hergestellter Marschflugkörper, der von Hubschraubern oder von „Orion“-Drohnen gestartet wird. Er ist mit einem 50-Kilogramm-Sprengkopf ausgerüstet, der kleine Gebäude wie ein Geschäft oder eine Tankstelle verwüsten kann.
Ebenfalls von Kronštadt kommt die sehr kleine und billige Molnija-Drohne. Sie gilt als besonders gefährlich, weil sie wegen ihrer geringen Größe vom Radar der ukrainischen Drohnenabwehreinheiten kaum erfasst wird. Die russländischen Truppen hängen meist eine Panzermine an das Flugobjekt und setzen es in einem Raum von bis zu 80 Kilometern hinter der Front für Angriffe auf Busse oder Lokomotiven ein.
„Gerbera“ wird eine kleine, äußerst billige Drohne genannt, die in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan produziert wird. Sie wurde zunächst eingesetzt, um die ukrainische Luftabwehr auf sich zu ziehen und so von den mit Sprengköpfen bestückten Geran‘-Drohnen abzulenken. Auch für Aufklärungszwecke kamen sie zum Einsatz. Mittlerweile wird sie für Angriffe im mittleren rückwärtigen Raum eingesetzt und dazu mit zwei begleitenden kleinen FPV-Drohnen ausgerüstet. Die „Gerbera“-Drohne fungiert dann entweder als Signalverstärker für die FPV-Drohnen oder trägt selbst einen Sprengkopf.
Die „Lancet“-Drohne des Unternehmens Kalašnikov zählt zur Kategorie der „lauernden Waffen“ (loitering weapon). Sie wurde bereits 2019 erstmals präsentiert. Sie kann einen Gefechtskopf mit bis zu drei Kilogramm Gewicht tragen und wird zum Angriff auf Artilleriestellungen und Raketenwerfern eingesetzt, ebenso aber auch zu Attacken auf Fahrzeuge aller Art und landwirtschaftliche Maschinen.
Kalašnikov stellt auch die „Italmas“-Drohne her, eine billigere Variante der „Geran‘-2“. Beladen mit einem 25-Kilogramm-Sprengsatz hat sie eine Reichweite von 200 Kilometern und wurde erstmals im Sommer 2025 im Gebiet Sumy eingesetzt, seitdem auch mehrfach bei Angriffen auf Charkiv.
Immer tiefer dringen auch FPV-Drohnen an Glasfaserkabeln in den ukrainischen Luftraum ein. Mitte 2025 war die Reichweite rund 20 Kilometer, heute werden meist Spulen mit 25- oder 30-Kilometer-Kabeln verwendet. Gelegentlich sind die Kabel sogar länger als 50 Kilometer. Solche Drohnen können also in den mittleren rückwärtigen Raum eindringen und dort geschützte Objekte attackieren, darunter auch zivile. Auf einem kürzlich veröffentlichten Video ist zu sehen, wie ein kleiner Schwarm solcher Drohnen ein lokales Umspannwerk angreift und dabei Spalten zwischen den schützenden Betonplatten nutzt, die zur Kühlung der Transformatoren freigelassen wurden.
Schließlich werden in den grenznahen Gebieten auch die schweren Gleitbomben KAB eingesetzt, die eine Sprengladung von bis zu 500 Kilogramm tragen können. Ein Volltreffer kann einen ganzen Flügel eines großen Wohnblocks oder ein 3-4 stöckiges öffentliches Gebäude zum Einsturz bringen. Russland setzt sie meist an der Front ein, es vergeht jedoch keine Woche, in der nicht einige dieser Gleitbomben auch auf eine Großstadt niedergehen.
In den lokalen Kanälen werden all diese Waffen mit großer Selbstverständlichkeit und ohne weitere Erläuterung erwähnt. Man kann daher davon ausgehen, dass die örtliche Bevölkerung bereits seit langem die Unterschiede kennt und weiß, auf welches anfliegende Objekt wie zu reagieren ist. Die Zivilbevölkerung in einem Streifen von 60 Kilometer hinter der Front ist tagein, tagaus damit konfrontiert, dass Angriffsdrohnen über ihnen lauern oder ein großes Geschoss in ein Haus einschlagen und dieses vollkommen zerstören kann, in dem gerade Menschen einen Geburtstag feiern, einen Verstorbenen verabschieden, humanitäre Hilfe ausgeben oder sich Fingernägel lackieren lassen.
Häufigstes Ziel von Angriffen sind mittlerweile große Fahrzeuge – LKWs, Einsatzwagen, Busse und Kleinbusse –, Baumaschinen, landwirtschaftliche Maschinen, Lokomotiven und Eisenbahnwaggons. Sehr oft werden auch Umspannwerke, Tankstellen, Gebäude landwirtschaftlicher Genossenschaften, Werk- und Lagerhallen aller Art und insbesondere Verteilungszentren der Post angegriffen. Schließlich auch alle Orte, an denen sich Soldaten befinden oder befinden könnten, worauf parkende Pick-Ups oder Jeeps einen Hinweis geben.
Über den Ausfallstraßen der Gebietshauptstädte und allen zur Front führenden Straßen wurden schon vor mehr als einem Jahr Netze aufgehängt. Diese Korridore werden immer länger, im Gebiet Sumy hängen bereits über 450 Kilometer Straße Schutznetze.
Doch sie scheinen nicht viel zu nutzen. Das Gebiet, in dem Soldaten, Sanitäter, Freiwillige, die Menschen evakuieren oder humanitäre Hilfe transportieren, oder Journalisten sich nur noch in gepanzerten Fahrzeugen fortbewegen, wird immer größer. Mittlerweile ist die Todeszone über 40 Kilometer breit.
Selbstverständlich unterscheidet sich die Lage lokal sehr stark. Im Gebiet Černihiv finden kaum Kampfhandlungen am Boden statt, nur selten dringen russländische Sabotagetrupps über die Grenze. Im Gebiet Sumy hingegen hat die Besatzungsarmee an mehr als 20 Stellen die Grenze überschritten. Im Raum der Gebietshauptstadt ist sie 15 Kilometer tief vorgedrungen, der Stadtrand ist knapp 20 Kilometer von der Front entfernt. Dort wird schwer gekämpft, die Frontlinie ist jedoch recht stabil. Daher lassen die ukrainischen Behörden bislang Sumy, wo fast täglich schwere Gleitbomben und Drohnen einschlagen, nicht evakuieren. Der öffentliche Nahverkehr fährt, die Behörden arbeiten und südlich der Stadt beginnt eine fast sichere Zone, in der Busse und LKW fahren und nur selten von Drohnen angegriffen werden.
Auf der russländischen Seite
Nicht wesentlich anders ist die Lage auf der russländischen Seite. Die dort lebenden Menschen sind Staatsbürger Russlands und sprechen örtliche Dialekte, die ukrainische Sprachwissenschaftler meist entweder als Varietäten des Ukrainischen oder des Suržyk einordnen. Das gilt insbesondere für das Polessische, die Sprache der Bewohner Polesiens (Poleschuken), jenes Waldgebiets, das sich vom Bug im Westen über das gesamte belarussisch-ukrainische Grenzgebiet bis in das russländische Gebiet Brjansk erstreckt.
Das Memorandum, das die Delegation der Ukrainischen Volksrepublik 1919 bei den Friedensverhandlungen in Paris vorlegte, um die Anerkennung eines unabhängigen ukrainischen Staats zu erreichen, enthielt eine Karte, mit der die ukrainischen Vertreter das gesamte heutige Grenzgebiet auf russländischer Seite – darunter vollumfänglich das heutige Gebiet Belgorod, der Südwesten des Gebiets Kursk und ein beachtliches Territorium im Westen des Gebiets Brjansk – für die Ukraine beanspruchten. Belgorod war nach dem militärischen Sieg der Bolschewiki im Dezember 1918 auch kurzfristig Sitz der Arbeiter- und Bauernregierung der Ukraine, da sie im Gebiet des Ostrogoschsker Kosakenregiments der Sloboda-Ukraine lag. Nach der Eingliederung in die Russländische Sowjetrepublik verloren die dortigen Bauern im Laufe des 20. Jahrhunderts ihre Sprache und ihre Traditionen. Sie wurden nicht zu einem Teil der ukrainischen politischen Nation und unterstützten im Jahr 2022 mehrheitlich Russlands Überfall auf die Ukraine. Heute ist ihre Heimat mehr als jede andere Region Russlands von dem Krieg betroffen, den Moskau gegen die Ukraine führt.
Über Hunderten, überwiegend von älteren Menschen bewohnten Dörfern, schwirren täglich Drohnen und von Zeit zu Zeit kommt es zu Explosionen. Die ukrainische Armee setzt bis in eine Tiefe von 20 Kilometern FPV-Drohnen ein, auf größere Distanzen und gegen große Ziele auch schwere Drohnen verschiedener Typen in immer neuen Varianten. Die Ziele sind mit denen der russländischen Armee identisch: alle großen und wertvollen Fahrzeuge, Tankstellen, Werk- und Lagerhallen. Wie auf der ukrainischen Seite schlagen Drohnen immer wieder auch in Wohnhäuser ein. Auf russländischer Seite ist diese Drohnen-Zone allerdings nur ungefähr 15 Kilometer tief, auf ukrainischer Seite hingegen 30-40 Kilometer.
Opferzahlen
Die Lage in den grenznahen Gebieten findet auf den großen Nachrichtenseiten kaum Beachtung. Als ukrainische Medien etwa den Monatsbericht der Vereinten Nationen über die im Juni 2026 getöteten Menschen vorstellten, gingen sie bei der regionalen Aufschlüsselung ausschließlich auf die großen Städte am Dnipro ein. Die Opfer im Gebiet Sumy – wo doppelt so viele Menschen starben wie in den erwähnten Großstädten – blieben unerwähnt. Dort kamen 32 der insgesamt 293 bei Luftangriffen im Juni getöteten Menschen ums Leben und 15 Prozent der Verletzten (325 von 1990) waren dort unter Beschuss geraten. Die Gebietsverwaltungen veröffentlichen jedoch eine täglich aktualisierte Chronik der Angriffe. Der äußerst interessante oppositionelle Telegram-Kanal „Pepel“ aus Belgorod informiert parallel über die täglichen Attacken auf Charkiv und Belgorod.
Fest steht, dass nirgendwo in der gesamten Ukraine so viele Zivilisten bei russländischen Angriffen sterben oder verletzt werden wie in den Gebieten Charkiv und Sumy. Nahezu jeden Tag stirbt irgendwo in den beiden Gebieten ein Mensch bei einer Drohnenattacke oder einem Artillerieangriff und rund zehn werden teils schwer verletzt. Unter den Opfern sind viele Kinder.
So wurden im Gebiet Sumy im Juni 32 Menschen getötet, darunter ein Kind; 325 wurden verletzt, darunter 34 Kinder. Im Juli verschlimmerte sich die Situation. Am 3. Juli starben bei einem russländischen Drohnenangriff in der 80 Kilometer von der Grenze entfernt liegenden Gemeinde Romny vier Menschen, darunter eine 26jährige Mutter und ihr einjähriges Kind. Am 4. Juli fielen vier schwere Gleitbomben auf die Gebietshauptstadt Sumy, darunter auf ein mehrstöckiges Wohnhaus. Eine Mutter und ihr vierjähriges Kind, eine 39jährige Frau und ein 76 Jahre alter Mann wurden getötet.
Im Gebiet Charkiv, durch das im Osten und Nordosten die Front verläuft, wurden im Juni 26 Zivilisten getötet, 12 davon in der Gebietshauptstadt; mindestens 220 wurden verletzt, davon 122 in Charkiv.
Etwas weniger schlimm ist die Lage im Gebiet Černihiv. Dort finden am Boden keine Kampfhandlungen statt. Dennoch wurden auch dort im Juni drei Menschen getötet und 26 verletzt. Und auch dort verschlimmerte sich die Situation im Juli:
Am 14. Juli wurden bei Drohnenattacken drei Menschen verletzt, am 15. zwei, einer davon tödlich. Am 17. Juli waren es fünf, am 18. sechs – darunter in der Gemeinde Novhorod-Sivers’kyj drei Kinder. Auch auf russländischer Seite steigt die Zahl der zivilen Opfer immer weiter. Im Gebiet Brjansk starben im Juni durch Artilleriebeschuss und Drohnenattacken 18 Menschen, darunter der Direktor des bekannten Biosphärenreservats „Brjansker Wald“ Aleksandr Nikitenkov.
Die Tagesberichte der Gouverneure der Gebiete Kursk und Belgorod zeigen, dass auch dort im Juni jeweils rund ein Dutzend Menschen starben und Dutzende (Kursk) bzw. deutlich mehr als 100 (Belgorod) bei ukrainischen Drohnen- und Artillerieangriffen verletzt wurden.
Es ist offensichtlich, dass die meisten Zivilisten getötet werden oder Verletzungen erleiden, weil die Armeen beider Kriegsparteien auf der Suche nach militärischen Zielen sind. Dabei werden beispielsweise auch Fahrzeuge angegriffen, in denen Soldaten vermutet werden; oder Drohnen – nachdem kein militärisches Ziel ausgemacht werden konnte – in ein beliebiges Gebäude gelenkt werden. Auch Angriffe auf Ziele wie Tankstellen, die zivil genutzt werden, aber auch militärische Bedeutung haben, führen zu zivilen Opfern. Seit Anfang Juni hat Russlands Armee 150 Tankstellen in der Ukraine zerstört, überwiegend im grenznahen Gebiet. Auch die ukrainische Armee greift Tankstellen in Russland an, bislang aber ausschließlich in unmittelbarer Grenznähe. So starb am 17. Juni in Obojan‘ der frühere Bürgermeister und ehemalige Abgeordnete des Regionalparlaments des Gebiets Kursk bei einem ukrainischen Drohnenangriff auf eine Tankstelle.
Evakuierung
Wenn Zivilisten unmittelbare Gefahr droht, sollten sie evakuiert werden. Die ukrainischen Behörden beachten diese Regel, die russländischen nicht. Beschließen die Kiewer Behörden oder die Regionalverwaltung eine verpflichtende Evakuierung von Kindern mit Familien, ist der Anordnung Folge zu leisten. Videoaufnahmen aus Dörfern und Kleinstädten, die gerade von der Okkupationsarmee eingenommen wurden, zeigen jedoch, dass es immer wieder Menschen mit Kindern gibt, die sich der Aufforderung erfolgreich widersetzen.
Sind keine Kinder betroffen, können sich erwachsene Personen einer verpflichtenden Evakuierung mit einem schriftlichen Antrag entziehen. Im Dezember 2025 eroberte zum Beispiel Russlands Armee im Gebiet Sumy die grenznahe Ortschaft Hrabovs’ke und stieß auf rund 50 betagte Menschen, die der Evakuierungsaufforderung der ukrainischen Behörden nicht gefolgt waren. Nun deportierten die russländischen Soldaten sie in ein Evakuierungszentrum.
Eine ähnliche Situation zeichnet sich im Nordwesten des Gebiets Černihiv ab. Die ukrainische Führung rechnet damit, dass Russland dort bald einen Angriff startet und hat am 1. Juli die Räumung von 19 Dörfern angeordnet. Bislang sind dem lediglich 62 gefolgt, 300 haben hingegen die Verzichtserklärung unterzeichnet. Neben der staatlichen Räumung bieten zahlreiche Freiwilligendienste Hilfe beim Verlassen bedrohter Ortschaften an.
Während in der Ukraine der Staat die Räumung organisiert oder die Kosten für die verpflichtende Evakuierung zahlt, werden die Menschen in Russland im Stich gelassen. Im Gebiet Kursk gibt es kein Evakuierungsprogramm – aber sehr wohl mehrere Zehntausend Flüchtlinge aus dem Landkreis Sudža, in den die ukrainische Armee im Jahr 2024 eingedrungen war, der aber trotz der Rückeroberung im Jahr 2025 weiter als „Zone der Militäroperation“ ausgewiesen ist. Die Menschen dürfen nicht in das militärische Sperrgebiet, viele Häuser wurden und werden von Soldaten der russländischen Armee geplündert oder willkürlich verwüstet. Die Geflohenen kämpfen um ihre Anerkennung als Binnenflüchtlinge und versuchen, eine Kompensation für verlorenes Eigentum zu erlangen. Dazu müssen sie sich an die Regionalbehörden wenden, denen Moskau die Verantwortung zugeschoben hat.
Im Gebiet Belgorod haben die Behörden bereits im Jahr 2023 nach Angriffen des Russischen Freiwilligenkorps auf Ortschaften in unmittelbarer Nähe zur Grenze mit der Räumung einiger Siedlungen begonnen. Gegenwärtig sind 49 Ortschaften in sieben der 21 Verbandsgemeinden als Sperrgebiet ausgewiesen, darunter sämtliche zur Kommune Krasnaja Jaruga gehörenden Siedlungen. Die Umgesiedelten leben meist in nahegelegenen Gemeinden und kämpfen um den Erhalt von Unterstützungsleistungen.
Wäre Moskau und den Regionalbehörden das Schicksal der Bürger nicht gleichgültig, müssten sämtliche Ortschaften von mindestens weiteren fünf Verbandsgemeinden sowie der gesamte Landkreis Belgorod geräumt werden.
Doch der Kreml hält weiter an dem Plan fest, eine „Pufferzone“ zu schaffen. Diese soll 30 Kilometer oder auch deutlich mehr in das ukrainische Gebiet hineinreichen und ukrainische Angriffe auf russländisches Staatsgebiet verhindern. Selbst kremlnahe Militärspezialisten weisen darauf hin, dass angesichts der Weiterentwicklung der Drohnentechnik solche Pufferzonen ihren Sinn verloren haben. Doch Putin hält an diesem Plan fest. Dies führt dazu, dass die russländische Armee weiter unter hohen Verlusten entlang der Staatsgrenze neue Angriffe startet. Gut möglich, dass die im Herbst erwartete Einberufungswelle diesem Zweck dienen wird. Dann werden Zehntausende neue Rekruten erfahren, wie es sich in den winterlichen Wäldern und Sümpfen Polessiens stirbt. Der Zivilbevölkerung auf beiden Seiten der Grenze kann man nur wünschen, dass sie sich rechtzeitig zum Verlassen der Dörfer entscheidet und eine sichere Unterkunft findet, bevor es zu spät ist, weil bereits in unmittelbarer Nähe ihrer Häuser gekämpft wird.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.
Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.


