Unter Null
Russlands Krieg gegen die Ukraine: die 195.-198. Kriegswoche
Nikolay Mitrokhin, 20.1.2026
Russland setzt die massiven Luftangriffe auf die Ukraine fort. Die Strom- und Wärmeversorgung bricht bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt immer häufiger zusammen, eine Fluchtbewegung aus den besonders betroffenen Großstädten ist nicht auszuschließen. Der Krieg am Boden geht ebenfalls weiter, die Lage der ukrainischen Armee ist an vielen Frontabschnitten unverändert prekär. Völlig offen sind die Auswirkungen der internationalen Entwicklungen auf den Krieg in der Ukraine. Die USA führen gleichzeitig das Bündnis mit den europäischen NATO-Staaten an den Abgrund und gehen mit härteren Bandagen gegen Russlands Schattenflotte vor.
Die westlichen Partner der Ukraine haben dem angegriffenen Land bei einem Treffen der „Koalition der Willigen“ in Paris am 6. Januar 2026 erneut ihre Unterstützung versichert. Insbesondere erneuerten Frankreich und Großbritannien ihre Zusage, nach einem Ende des Kriegs möglichst unter Beteiligung weiterer Staaten eine „Friedenstruppe“ von 15 000–20 000 Soldaten in der Ukraine zu stationieren. Die Türkei hat logistische Unterstützung zugesagt, Deutschland will in einem Nachbarland der Ukraine eine verstärkte Präsenz aufbauen. Die EU und Großbritannien wollen es der Ukraine mit Finanzhilfen ermöglichen, zwecks Abschreckung eines erneuten Überfalls eine 700 000 Mann starke Armee zu unterhalten.
Diese Ankündigungen tragen jedoch in keiner Weise dazu bei, dass ein Ende des Kriegs näher rückt. Entscheidendes Hindernis bleibt die Territorialfrage im Donbass. Die Ukraine gibt an, sie habe Russland eine andere Version des Trump-Plans vorgelegt, in dem ursprünglich von einer „freien Wirtschaftszone“ in den noch unter ukrainischer Kontrolle stehenden Teilen des Gebiets Donec’k die Rede war. Eine Antwort erwarte sie bis Ende Januar. Einiges spricht dafür, dass US-Präsident Trump nicht mehr daran glaubt, mit Putin „im Guten“ zu einer Einigung zu kommen, Russland als Hindernis auf dem Weg zum Frieden betrachtet und auf andere Weise ein Ende des Kriegs erreichen will.
Der Militäreinsatz zur Ergreifung des venezolanischen Präsidenten Maduro ist in diesem Zusammenhang zumindest ein Signal. Tritt ein, was Trump bereits behauptet, so haben die USA mit Venezuela ein Land unter ihre Kontrolle gebracht, das zuvor ein nicht unerheblicher Verbündeter Russlands war. Hinzu kommt, dass die US-Marine begonnen hat, Öltanker festzusetzen, die der Schattenflotte Russlands zugerechnet werden. Dies ist bereits in sechs Fällen geschehen. In einem Fall folgten Einsatzkräfte der US-Küstenwache und der Marine dem Schiff zwei Wochen von der Karibik bis in den Nordatlantik. Auf dieser Fahrt wurde das zuvor unter venezolanischer Flagge fahrende Schiff unter anderem Namen und nun mit Russland als Flaggenstaat neu registriert. Doch selbst die Begleitung durch russländische Marineschiffe hinderte die amerikanischen Kräfte nicht daran, die Order eines US-Bundesgerichts umzusetzen und den Tanker wegen Verstoßes gegen Iran-Sanktionen der USA zu beschlagnahmen.
Gleichzeitig setzte der ukrainische Geheimdienst SBU nach einer rund dreiwöchigen Unterbrechung am 7. Januar seine Angriffe auf Tanker der russländischen Schattenflotte im Schwarzen Meer fort. Die massiven Vergeltungsschläge Russlands gegen ukrainische Hafenanlagen nach den ersten Attacken im Jahr 2025 haben dazu geführt, dass im Dezember 2025 16 Prozent weniger Getreide verladen werden konnten als im Dezember des Vorjahres. Speziell bei Weizen soll die verladene Menge sogar um 25 Prozent geringer gewesen sein, bei Mais um 13 Prozent.
Anfang Dezember sah es so aus, als würde der SBU sich eigenmächtig nicht mehr an informelle Absprachen mit Russland halten, keine Handelsschiffe mit Kurs auf einen Schwarz-Meer-Hafen des Gegners anzugreifen. Mittlerweile entsteht der Eindruck, dass es eine Absprache zwischen den USA und der Ukraine gibt, Russlands Ölexporte ins Visier zu nehmen. Setzt sich dies fort, werden weniger Tanker der Schattenflotte Öl transportieren können, vor allem aber werden die Versicherungskosten in die Höhe getrieben. Und ohne Versicherung kann kein Schiff die von der Türkei kontrollierten Meerengen zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer durchfahren.
Unabhängig davon hat die EU ihren Import von Flüssiggas aus Russland wegen eines kältebedingt überdurchschnittlich hohen Verbrauchs bei bereits im Herbst unterdurchschnittlichen Füllständen in den Speichern gesteigert. Die EU ist sowohl bei Pipelinegas (35 Prozent) als auch bei Flüssiggas (50 Prozent) weiter der größte Abnehmer von Erdgas aus Russland.
Sollten die Proteste im Iran neu aufflammen und – mit oder ohne militärische Unterstützung der USA – zu einem Umsturz führen, könnte Russland seinen größten und wichtigsten Partner im Nahen Osten verlieren. Würden dann die Sanktionen gegen den – unter einer neuen Regierung zum US-Verbündeten gewordenen – Iran aufgehoben, hätte das großen Einfluss auf den globalen Ölmarkt. Ein starker Rückgang des Ölpreises wegen der Ausweitung des Angebots würde Russlands Volkswirtschaft einen massiven Schlag versetzen. Diese befindet sich bereits jetzt in einer schweren Krise, die sich unter anderem daran zeigt, dass nur noch so wenige Investitionen getätigt werden wie zuletzt Anfang der 2000er Jahre.
Schließlich hat der US-Präsident neben seinen Äußerungen zu Grönland am 11. Januar durchblicken lassen, dass er ein Ende des Regimes in Kuba sehen wolle. Ob er dessen Sturz tatsächlich betreiben wird, ist ebenso offen wie die weitere Entwicklung im Iran. Sollten die Regime in Teheran und Havanna aber fallen, blieben von der über Jahrzehnte aufgebauten antiwestlichen Achse nur noch einige wenige Staaten im Nordosten Eurasiens übrig. Derartige globale Umwälzungen könnten im Verbund mit der Wirtschaftskrise Putin dazu bringen, die Forderung nach Übergabe des bislang unbesetzten Teils des Donbass aufzugeben.
Die ukrainischen Zwangsapparate unter neuer Führung
Die ukrainische Führung hat Ende Dezember bei nahezu allen Gewaltapparaten die Führungsspitze ausgetauscht. Alleine der Oberkommandierende der Armee Oleksandr Syrs’kyj und Innenminister Ihor Klymenko behielten ihre Posten.
Für Aufsehen sorgte die Ernennung des vormaligen Leiters des Militärgeheimdiensts HUR Kyrylo Budanov zum neuen Leiter der Präsidialkanzlei. Er tritt an die Stelle von Andrij Jermak, dem die Korruptionsbekämpfungsbehörden immer mehr auf den Leib rücken, insbesondere seit ans Licht gekommen ist, dass er nach seinem Rücktritt Zelens’kyj weiter täglich traf. Am 11. Januar wurde seine Wohnung bereits zum zweiten Mal durchsucht.
Die Ernennung Budanovs wird fast unweigerlich einen Konflikt zwischen dem alten und dem neuen Amtsinhaber zur Folge haben. Jermak wird nicht einfach in der Bedeutungslosigkeit verschwinden, aber auch nicht über den Kopf seines Nachfolgers hinweg agieren können. Zugleich ist Budanov, der häufig in den Medien auftrat und sich so eine eigene Machtbasis schuf, nun Zelens’kyjs wichtigster Mann und damit bei möglicherweise in naher Zukunft stattfindenden Wahlen kein potenzieller Gegenkandidat mehr.
Budanovs Posten an der Spitze des HUR hat Oleh Ivenščenko übernommen, der seit 2024 die Auslandsaufklärung der Ukraine geleitet hatte. Sein Nachfolger dort wurde Oleksandr Kononenko, der zuvor Vertreter des Menschenrechtsbeauftragten der Verchovna Rada bei den für innere Sicherheit und Verteidigung zuständigen Organen war.
Zu Budanovs Stellvertreter in der Präsidialkanzlei wurde der Karrierediplomat Serhij Kyslycja ernannt, der seit Februar 2025 der zweite Mann im ukrainischen Außenministerium gewesen war. Er wird die Verhandlungen über ein Ende des Kriegs führen, für die zuvor Jermak zuständig war. Mit der Berufung Kyslycjas bleibt Zelens’kyj der Linie treu, entscheidende Funktionen in der ihm direkt unterstellten Behörde zu konzentrieren, während der Einfluss jener Stellen, die der Verfassung nach zuständig wären – etwa das Außenministerium im besonderen oder die Regierung im allgemeinen – beschränkt bleibt.
Überraschend kam die Entlassung des erst Mitte Juli ernannten Verteidigungsministers Denys Šmyhal‘, der zuvor fünf Jahre als Ministerpräsident amtiert hatte. Er soll stellvertretender Ministerpräsident und Energieminister werden. Šmyhal‘ ist nicht von der Korruptionsaffäre im Umfeld Zelens’kyjs betroffen. Er würde seine Arbeit in äußerst schweren Zeiten beginnen, denn Russland zerstört mit massiven Luftangriffen die ukrainische Energieinfrastruktur, die nicht zuletzt wegen der Veruntreuung von Geldern durch seine Vorgänger nicht ausreichend gegen die Attacken geschützt ist.
Neuer Verteidigungsminister wird der vormalige Minister für digitale Entwicklung Michajlo Fedorov. Er kommt aus der IT-Szene und wird voraussichtlich mit der Aufgabe betraut sein, die technische Modernisierung der Armee voranzutreiben. Die Dritte Sturmbrigade hat im Jahr 2025 gezeigt, dass autonome oder aus der Distanz gesteuerte Systeme auch im Bodenkampf zum Einsatz kommen und dort Soldaten ersetzen können. Vielleicht wird die EU bald ihre Pläne ändern und statt die Ukraine beim Unterhalt einer Armee von 700 000 Soldaten zu unterstützen Kiew eine Million solcher Systeme liefern, um eine personelle Verkleinerung der Streitkräfte zu ermöglichen.
Besonders aufsehenerregend war die Entlassung des SBU-Chefs Vasilij Maljukov. Der Leiter des Inlandsgeheimdiensts, der sein Amt im Februar 2023 angetreten hatte, erfreute sich wegen der erfolgreichen Sabotagetätigkeit seines Dienstes in Russland und in den besetzten Gebieten großer Beliebtheit bei Teilen der Bevölkerung sowie vielen Soldaten. Auch der Kampf des SBU gegen Personen und Institutionen, die im Ruf stehen, „prorussisch“ zu sein, stieß in turbopatriotischen ukrainischen Milieus auf viel Zustimmung. In Ungnade fiel Maljukov wohl, weil er sich geweigert hatte, seinen Dienst noch aktiver gegen das Amt für Korruptionsbekämpfung NABU vorgehen zu lassen. Nachdem das NABU Männer aus dem engsten Kreis um den Präsidenten ins Visier genommen hatte, konnte Maljukov sich noch einige Wochen im Amt halten, nun musste er den Posten an der Spitze der Behörde aufgeben, obwohl sich viele Militärs bei Zelens’kyj für ihn stark gemacht hatten. Diese haben zumindest erreicht, dass er den SBU nicht verlassen muss, sondern auf einem anderen Posten weiter mit Sabotage-Operationen in Russland befasst sein wird.
An die Spitze des Inlandsgeheimdiensts rückt zunächst geschäftsführend der höchste Vertreter der bewaffneten Strukturen innerhalb des SBU – der seit Februar 2025 amtierende Chef des für Spezialoperationen zuständigen „Zentrums A“ Evhen Chmara. Neuer stellvertretender SBU-Chef ist der Jermak-Protegé Oleksandr Poklad, der einst für zwei Abgeordnete der 2014 entmachteten Partei der Regionen gearbeitet hatte und zuletzt den Abschirmdienst des SBU leitete. Weitere Stellvertreter sind Andrij Tupikov, der vor Poklad an der Spitze des Abschirmdiensts gestanden hatte und Denys Kylymnyk, der auch an die Spitze des Anti-Terror-Zentrums des SBU berufen wurde. Sein Amt verloren hat ein anderer hochrangiger Repräsentant der Gewaltstrukturen, der Chef des Grenzschutzes (DPSU) Serhij Dejneko, der diesen seit 2019 geleitet hatte und damit der Dienstälteste in der Riege der Männer an der Spitze der ukrainischen Gewaltapparate gewesen war. Den Posten Dejnekos hat kommissarisch sein vormaliger Stellvertreter Valerij Vavrynjuk übernommen.
Die Lage an der Front
Angesichts der Entwicklungen auf der internationalen sowie der innenpolitischen Bühne geriet die Lage an der Front in den letzten zwei Wochen des Jahres 2025 und den ersten zwei Wochen nach dem Jahreswechsel aus dem Blick der Öffentlichkeit. Es scheint, als seien die Kämpfe vollkommen abgeflaut und Russland hätte seine Angriffe eingestellt. Dies wäre eine sensationelle Nachricht, doch ist der Informationslage nicht zu trauen. Vielmehr haben offenbar beide Seiten nach der Propagandaschlacht um die Darstellung der Situation in Kupjans’k eine Pause im medialen Kampf eingelegt. Nur auf den Militärkanälen beider Seiten lief die Berichterstattung unverändert weiter.
Am 27. Dezember gaben die Besatzungstruppen pünktlich zum Jahresende die Einnahme von Myrnohrad, Pokrovs’k und Huljaj Pole bekannt – drei wichtige Knotenpunkte der ukrainischen Verteidigung. Auch seien sie an den Rand von Svjatohirs’k vorgerückt. Zugleich berichteten russländische Militärkanäle, die eigenen Truppen hätten sich aus Kupjans’k zurückziehen müssen und die ukrainische Armee sei sogar nordöstlich der Stadt bei Holubivka drei Kilometer vorgerückt. Auch südöstlich der Stadt hätten die ukrainischen Truppen einen erfolgreichen Angriff auf einen Brückenkopf am Ostufer des Oskil durchgeführt. Nördlich von Huljaj-Pole gelang es den Okkupationstruppen nach eigenen Angaben an mindestens zwei Stellen, einen Brückenkopf am Westufer des Hajčur zu schaffen. Dies könnte ihnen in den kommenden Monaten erlauben, weiter nach Westen vorzudringen. Die ukrainische Armee würde in diesem Fall weitere Gebiete in jener Region verlieren, die nach der Revolution von 1917 das Zentrum der gegen die Weiße Armee kämpfenden ukrainischen Aufstandsbewegung unter dem aus Huljaj-Pole stammenden Nestor Machno war. Bilder oder Videoaufnahmen aus Myrnohrad, Pokrovs’k und Huljaj-Pole, welche die Einnahme bestätigen würden, wurden nicht veröffentlicht.
Die größeren ukrainischen Medien haben in den vergangenen Kriegswochen nahezu auf jegliche Berichterstattung über die Lage an der Front verzichtet. Der für aktuelle Karten zum Frontverlauf bekannte Kanal Deepstate weist die Präsenz von russländischen Truppen westlich von Pokrovs’k, Myrnohrad und Huljaj-Pole aus, zieht die Linie, welche die Einflussgebiete der beiden Armeen darstellen soll, jedoch mitten durch die drei Städte. Für Aufruhr auf ukrainischen Militärkanälen sorgte die Nachricht, dass russländische Sturmtrupps in Huljaj-Pole die Stabsstelle eines Bataillons der 102. Brigade der ukrainischen Armee eingenommen und dabei die gesamte Dokumentation sowohl auf Papier als auch digital in ihre Hände gefallen sei. Etwas Vergleichbares ist in den gesamten vier Jahren seit Russlands Überfall nicht passiert. Aus ukrainischen Angaben lässt sich schließen, dass die Stabsstelle sich im Keller eines mehrstöckigen Hauses befand, das von einem gegnerischen Sturmtrupp eingenommen wurde. Beim dem Versuch, aus der Falle zu entkommen, starb der Brigade-Kommandeur. Die zurückgebliebenen Soldaten hätten es in der Panik versäumt, die Dokumentation zu verbrennen.
Dieser und weitere Berichte lassen darauf schließen, dass Russland die genannten Städte tatsächlich eingenommen hat, sie jedoch nicht sichern kann. Ähnlich war die Lage Anfang 2025 in Torec’k und im Herbst 2025 im westlichen Teil von Kupjans’k. Dort hatten Einheiten der ukrainischen Armee und der Nationalgarde immer wieder erfolgreiche Gegenoffensiven durchgeführt, die es erlaubten, die Kontrolle über Teile der beiden Städte wiederzuerlangen. Doch es gibt auch Gegenbeispiele. So setzte die ukrainische Armee jüngst nördlich von Huljaj-Pole im Schutz dichten Schneefalls eine Fahrzeugkolonne über den Hajčur über, die 15 Kilometer bis zu den Ortschaften Rivnopillja und Solodke vorstieß. Dann gelang es den russländischen Drohnenführern jedoch trotz des Schneefalls, die Kolonne anzugreifen und alle Fahrzeuge zu zerstören.
Insgesamt können die Erfolge der ukrainischen Armee bei Kupjans’k nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Lage an nahezu allen Frontabschnitten prekär ist. Im Gebiet Sumy könnte die gleichnamige Gebietshauptstadt bereits in wenigen Wochen unter täglichen Artilleriebeschuss geraten. Im Gebiet Charkiv erschwert der Vorstoß der russländischen Truppen bei Vovčans’k die Verteidigung der Staatsgrenze auf einer Länge von 60 Kilometern in westliche und östliche Richtung. Im Raum Slovjans’k sind die Besatzungstruppen Richtung Svjatohirs’k vorgestoßen, was die Verteidigung von Lyman erschwert. Der dortige komplizierte Frontverlauf erfordert zudem die Heranführung von Verstärkungstruppen. Solche allerdings aus dem Raum Pokrovs’k abzuziehen, hätte erhebliche Auswirkungen. Denn dort rücken die Okkupanten bereits jetzt – wenn auch langsam – immer weiter vor und stehen bereits im Gebiet Dnipropetrovs’k. Dutzende Dörfer befinden sich bereits in unmittelbarer Frontnähe, die Gebietsverwaltung hat am 30. Dezember die Evakuierung von 40 Siedlungen angeordnet. Zudem wird sich eine neue Lage ergeben, wenn der Winter endet. Da die Bäume kein Laub tragen, sind Vorstöße momentan nur in der Morgen- oder Abenddämmerung oder bei Nebel bzw. dichtem Schneefall möglich. Auch können Einheiten, denen dennoch ein Vorstoß gelungen ist, angesichts der Kälte nur kurze Zeit in vorgelagerten provisorischen Stellungen überleben.
Russlands Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur
Gravierende Auswirkungen haben seit Mitte Dezember Russlands Luftangriffe auf das Energiesystem der Ukraine. Die Reparaturtrupps können angesichts der immer neuen Drohnen- und Raketenattacken auf Kraftwerke – nicht zuletzt auf die Heizkraftwerke 5 und 6 in Kiew – und Umspannwerke das gesamtukrainische Verbundnetz nicht mehr aufrechterhalten. Insbesondere der Stromfluss zwischen dem linken und dem rechten Dnipro-Ufer ist gestört. In zahlreichen Großstädten – u.a. in Dnipro, Kiew, Kryvyj Rih, Odessa – kommt es zu langanhaltenden Stromausfällen. Der Eisenbahnverkehr auf den landesweiten Verbindungen ist massiv gestört. Angesichts der anhaltend tiefen Temperaturen haben die Probleme ein katastrophales Ausmaß angenommen. Der Kiewer Bürgermeister hat alle Menschen in der Stadt, die eine Möglichkeit haben, diese zu verlassen, dazu aufgerufen, diese zu nutzen. Tatsächlich muss man davon ausgehen, dass Hunderttausende Menschen aus den ukrainischen Großstädten in den nächsten Wochen entweder in Kleinstädten und Dörfern unterkommen müssen, wo es eine dezentrale Strom- und Wärmeversorgung über kleine Blockkraftwerke, Holzöfen, Generatoren und Solarpanels gibt, oder das Land in Richtung Westen verlassen.
Am 9. Januar setzte Russland bei einem Angriff im Raum Lemberg zum zweiten Mal die Mittelstreckenrakete „Orešnik“ (SS-X-34) ein. Sowohl bei dem Einsatz im November 2024 als auch bei dem jetzigen Angriff mit dieser Rakete ging es vor allem um eine politische Signalwirkung. 2024 erklärte Putin, der Angriff auf ein Rüstungsunternehmen bei Dnipro sei als Reaktion auf ukrainische Angriffe mit westlichen ATACMS- und Storm-Shadow-Raketen auf Ziele in Russland erfolgt. Nun erklärte der Kreml, die Rakete sei als Reaktion auf einen angeblichen ukrainischen Drohnenangriff auf Putins Residenz bei Valdaj im Gebiet Novgorod eingesetzt worden. Tatsächlich zielten die ukrainischen Drohnen hingegen wohl auf militärische Objekte, nicht zuletzt auf die 39 Kilometer östlich gelegene geschlossene Militärstadt Ozërnyj, wo die 7. Division der Strategischen Raketentruppen Russlands stationiert ist. Das Moskauer Verteidigungsministerium gab bekannt, der Angriff am 9. Januar, bei dem neben der Orešnik-Rakete auch Iskander-Raketen und der seegestützte Marschflugkörper Kalibr eingesetzt worden seien, habe zum einen dem Rüstungsunternehmen LDRAS (L’vivskyj deržavnyj aviacijnno-remontnyj zavod) gegolten, wo F-16 und Mig-29-Kampfjets gewartet und Drohnen produziert würden, zum anderen dem größten ukrainischen Gasspeicher nahe der Stadt Stryj im Gebiet Lemberg gegolten. Sollte Russland die für den Betrieb des Gasspeichers notwendigen Anlagen zerstören, hätte dies katastrophale Folgen für die Energieversorgung in der Ukraine.
Ein Ende des Luftkriegs wäre nur durch ein partielles Abkommen der Kriegsparteien über eine Einstellung der wechselseitigen Angriffe zu erreichen sein. In diesem müsste sich auch die Ukraine verpflichten, ihre – durchaus erfolgreichen – Angriffe auf Raffinerien und Öllager sowie auf einige Umspannwerke in Westrussland einzustellen, die u.a. zu einem vorübergehenden Zusammenbruch der Stromversorgung in Belgorod und zu Unterbrechungen in einigen grenznahen Landkreisen geführt haben. Allerdings zeigen gegenwärtig beide Seiten offenbar kein Interesse an einem solchen Teilabkommen.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.
Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen von Meduza und Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.


