8.3.2013: 100 Jahre DGO, Rita Süssmuth und Władysław Bartoszewski. Foto: David Oliveira
8.3.2013: 100 Jahre DGO, Rita Süssmuth und Władysław Bartoszewski. Foto: David Oliveira8.3.2013: Rita Süssmuth und Władysław Bartoszewski, links Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Eichwede. Foto: David Oliveira
8.3.2013: Rita Süssmuth und Władysław Bartoszewski, links Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Eichwede. Foto: David Oliveira7.3.2013: Auftakt der Festveranstaltung 100 Jahre DGO im Weltsaal des AA, Rita Süssmuth und Karl Schlögel, Foto: David Oliveira
7.3.2013: Auftakt der Festveranstaltung 100 Jahre DGO im Weltsaal des AA, Rita Süssmuth und Karl Schlögel, Foto: David Oliveira17.4.2012: Präsidentin Rita Süssmuth und DGO-Geschäftsführerin Heike Dörrenbächer. Die Männer v.l.n.r.: DGO-Vizepräsident Wolfgang Eichwede, Maurice Gourdault-Montagne (frz. Botschafter in Berlin), Martin Koopmann (Stiftung Genshagen) und Dieter Bingen (Deutsches Polen-Institut)
17.4.2012: Präsidentin Rita Süssmuth und DGO-Geschäftsführerin Heike Dörrenbächer. Die Männer v.l.n.r.: DGO-Vizepräsident Wolfgang Eichwede, Maurice Gourdault-Montagne (frz. Botschafter in Berlin), Martin Koopmann (Stiftung Genshagen) und Dieter Bingen (Deutsches Polen-Institut)17.4.2012: zum 75. Geburtstag, Rita Süssmuth und Wolfgang Eichwede
17.4.2012: zum 75. Geburtstag, Rita Süssmuth und Wolfgang Eichwede

Rita Süssmuth (1937-2026)

Rita Süssmuth war von 1999–2013 Präsidentin der DGO und hat die Arbeit mit politischem Verstand, persönlichem Einsatz und kluger Zurückhaltung nachhaltig geprägt. Gemeinsam mit dem polnischen Präsidenten Aleksander Kwaśniewski eröffnete sie im Jahr 2005 den VII. Weltkongress der Osteuropaforschung in Berlin, 2007 die Jahrestagung der DGO in Warschau. Zu ihrem Ausscheiden aus dem Amt hat die Zeitschrift Osteuropa mit ihr über ihren wissenschaftlichen und politischen Blick auf die östlichen Nachbarn gesprochen. Das Interview ist in dem Band „Zeit im Spiegel. Das Jahrhundert der Osteuropaforschung“, Osteuropa, 2–3/2013, erschienen. Rita Süssmuth ist der DGO und der Zeitschrift Osteuropa bis zu ihrem Tod am 1.2.2026 verbunden geblieben.

"Von Polen können wir lernen"

Wissenschaft und Politik als Beruf

„Wissenschaft als Beruf“ und „Politik als Beruf“ waren für Max Weber getrennte Sphären. Bis heute gelten wissenschaftliche Erkenntnis und die Umsetzung in der Politik als inkompatibel. Rita Süssmuth, ehemalige Bundesministerin, Bundestagspräsidentin und Präsidentin der DGO, hält dies für falsch. Trotz Beschleunigung und wachsender Komplexität der Welt habe die Politik keineswegs ihre Steuerungsfähigkeit verloren. Sie benötige nur andere Formen des Wissenstransfers und der Entscheidungsfindung sowie eine größere Freiheit des Denkens und mehr Offenheit für den Anderen. Das ist auch eine Lehre aus der Annäherung, Verständigung und Versöhnung zwischen Deutschland und Polen. Von Polen ist zu lernen, wie man sich streitet, ohne das Tischtuch zu zerschneiden. Das zeigt der Dialog mit Russland über schwierige historische Fragen. Polen sollte auch Partner in der Vertrauensbildung zur Türkei sein.

Osteuropa: Frau Süssmuth, als Sie 1985 Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit wurden, waren Sie als Erziehungswissenschaftlerin eine der wenigen Seiteneinsteigerinnen in der Politik. Bis heute sind nur wenige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Bundestag. Woran liegt das?

Rita Süssmuth: Weil sie in den Parteien und Fraktionen als Außenseiter gelten, die keinen Blick für die politische Praxis haben. Das ist aber ein Irrtum.

Osteuropa: Inwiefern?

Süssmuth: Als ich Ministerin wurde, war das eine neue Welt, die mich ins Schwitzen brachte. Bei meiner ersten Rede im Parlament dachte ich, dass ich sie nicht zu Ende bringen werde, obwohl ich gewöhnt war, in großen Hörsälen zu sprechen. Aber die wichtigere Erfahrung war zunächst: Die wissenschaftliche Erkenntnis und die Umsetzung in der Politik sind nicht kompatibel. Belastet hat mich in der Politik die mangelnde Freiheit des Denkens. Doch die Erfahrung aus der Wissenschaft hat mich immer wieder befähigt, Fragen zu stellen und andere politische Lösungen zu entwickeln.

Osteuropa: Stellte dieses wissenschaftliche Streben nach Erkenntnis und Wahrheit einen Ausgleich zur fehlenden Hausmacht in Ihrer Partei oder der Fraktion dar?

Süssmuth: Nein, soweit geht’s natürlich nicht. Aber wissenschaftliches Denken war unverzichtbar, um politisch das zu verfolgen, was ich als richtig erkannt hatte. Das löste mitunter heftige Diskussionen aus.

Osteuropa: Warum?

Süssmuth: In der Politik werden verfestigte Positionen nur ungern aufgrund neuer Erkenntnisse aus der Wissenschaft aufgegeben. Das bedarf immer eines langen Prozesses. Ob wir über den Umgang mit AIDS-Kranken, die Anerkennung von Erziehungszeiten für die Rente, die Betreuung von Kindern im Vorschulalter sprechen, bei all dem hatte es ideologisch verfestigte Diskussionen gegeben. In meiner Partei galt in den 1970er und 1980er Jahren bei vielen die frühkindliche Förderung außerhalb der Familie als „sozialistische Erziehung“.

Osteuropa: Verfestigtes ideologisches Denken gab es auch in der Außenpolitik. Denken wir an die heftige Debatte über die Ostpolitik. Was war Ihre Position?

Süssmuth: Offen gesagt, habe ich sehr stark die Politik von Willy Brandt unterstützt. Für die gab es auch aus der CDU Zuspruch. Ich war damals allerdings noch nicht Mitglied. An der Universität Bochum, wo ich tätig war, und in der wissenschaftlichen Debatte spielte die Überlegung, ob Wandel durch Annäherung möglich ist, eine zen­trale Rolle. Allerdings warnten Wissenschaftler, dass Entspannungspolitik nie Anbiederungspolitik sein dürfe. Im Rückblick zeigt sich, dass die Ostpolitik eine wichtige Grundlage für das „Wunder von 1989“ war.

Osteuropa: Woher kommt Ihr Interesse an Polen und Frankreich?

Süssmuth: Das ist natürlich biographisch bedingt. Ich bin 1937 geboren, habe den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebt. Während meines Studiums der Romanistik und Geschichte in den 1950er Jahren interessierte mich besonders: Wie kann aus Feindschaft wieder Freundschaft werden? Vielen Menschen aus meiner Generation war es ein ganz wichtiges Anliegen, die Verbrechen, die das nationalsozialistische Deutschland begangen hatte, durch neues Denken und Handeln auszugleichen. Diese Annäherung habe ich zuerst in Frankreich erlebt.

Osteuropa: Und Ihr Interesse an Polen, an Osteuropa?

Süssmuth: Das kam auch im Studium. Allerdings setzte ich mich zuerst mit Russland auseinander. In Münster habe ich bei Manfred Hellmann und in Tübingen bei Werner Markert studiert, vor dem Staatsexamen hatte ich Osteuropäische Geschichte als Schwerpunkt. Professor Hellmann bot mir an, eine Dissertation zu bearbeiten. Das Thema hieß: „Der Einfluss der deutschen Geschichtsschreibung auf die russische Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert“. Darüber habe ich nachgedacht und am Thema gearbeitet, aber mich letztlich anders entschieden. Promoviert wurde ich mit einer erziehungswissenschaftlichen Arbeit. Aber mein Interesse an Osteuropa war geweckt und ist geblieben.

Osteuropa: Das heißt, auch Polen und Russland interessierten Sie als Partner der Annäherung und der Versöhnung, denn die slawischen Völker hatten ja unter dem deutschen Vernichtungskrieg in Europas Osten am stärksten zu leiden.

Süssmuth: Russland und Polen waren für mich zwei getrennte Bereiche. Ich habe Polen immer als ein eigenes Feld der Verständigung und Annäherung verstanden.

Osteuropa: Warum?

Süssmuth: Weil ich in den 1960er und 1970er Jahren erlebt habe, wie einseitig unser Verhältnis zu Polen war. Es war überwiegend bestimmt durch die Vertriebenenpolitik und durch den Verlust der deutschen Ostgebiete. Kaum jemand hatte einen intellektuellen Zugang zu Polen. Was wussten wir damals von der polnischen Geschichte? Nichts! Was stand in den Schulbüchern, was wurde an den Universitäten gelehrt? Was wussten wir von der Vertreibung der Polen aus dem Osten? Was wussten wir von den polnischen Erfahrungen, den niedergebrannten Dörfern beim Rückzug der Wehrmacht aus Polen? Was wussten wir über die „Sonderaktion Krakau“, die Verschleppung von Professoren und Intellektuellen? Viel zu wenig! Das zu ändern, war mir ein wichtiges Anliegen. Hier sind wir ein Stück weitergekommen. Nur wenn wir lernen, Polen zu verstehen, kann es diese Annäherung geben.

Osteuropa: In der deutschen Osteuropaforschung, aber auch in der deutschen Politik hat es traditionell die Spaltung in eine auf Polen und eine auf Russland zentrierte Strömung gegeben. Ist Ihre Haltung hier nicht anachronistisch?

Süssmuth: Nur teilweise. Die Spaltung in der akademischen Beschäftigung mit diesen Ländern mag anachronistisch sein. Doch die historischen und soziokulturellen Differenzen haben sich nicht aufgelöst. Während des Ost-West-Konflikts schien es, als gäbe es einen „Ostblock“, der in seiner Uniformität von der Sowjetunion geprägt ist. Als ich während des Kriegsrechts zum ersten Mal in Polen war, habe ich erlebt: Da herrscht eine andere Atmosphäre als in den anderen sozialistischen Staaten. In Polen ist die Befreiung von der Diktatur von unten erfolgt, in Russland nicht.

Osteuropa: Hatten Sie in den 1980er Jahren Kontakt zur polnischen Regierung?

Süssmuth: Selbstverständlich. 1986 kam Alexander Kwaśniewski als damaliger Jugendminister der Volksrepublik Polen zu einem Besuch zu mir ins Ministerium. Wir haben uns furchtbar gestritten!

Osteuropa: Worüber?

Süssmuth: Ich hatte ein Papier entwickelt über Jugendaustausch, darin kamen die Begriffe „Annäherung und Versöhnung“ vor. Das Wort „Versöhnung“ wollte er auf keinen Fall drin haben. Da sagte ich: „Dann brauchen wir gar nicht anzufangen!“ Denn was sollte sonst Ziel des Jugendaustauschs sein? Stundenlang ging der Streit, er wollte das Wort raus haben. Es ist drin geblieben, und wir haben dann zusammen einen Wodka getrunken. Aus diesem Streit sind politische Gemeinsamkeiten entstanden: zum Beispiel die Aufarbeitung der Judenverfolgung in Polen oder die Bekämpfung von Antisemitismus. Und wir haben eine persönliche Beziehung aufgebaut.

Osteuropa: Auch als Bundestagspräsidentin sind Sie oft nach Polen gereist …

Süssmuth: … Ja, morgens bin ich gewählt worden und nachmittags zur Parlamentarierversammlung nach Warschau in den Sejm gereist. Als Bundestagspräsidentin ging es mir sehr darum, die alten Belastungen in unserem Verhältnis zu Polen zu überwinden. Wenn wieder mal eine Erklärung aus unseren Reihen in Polen Entsetzen auslöste, bin ich hingefahren.

Osteuropa: Was dachten Sie, als Otto Wolff von Amerongen Sie Anfang 1999 fragte, ob Sie bereit wären, ihn abzulösen und ehrenamtlich Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde zu werden?

Süssmuth: Meine erste Frage war: Bin ich in der Lage, etwas zu bewirken? Denn ich war ja nicht mehr mit der Osteuropaforschung verbunden. Mein Interesse an diesem Feld war spontan wieder da. Außerdem hat diese Zeit des politischen Umbruchs in Ostmitteleuropa und Osteuropa mich sehr gereizt. Was kann die Osteuropagesellschaft da bewirken? Wie kann ich helfen, Fragestellungen zu verfolgen und in die Öffentlichkeit, vor allem die politische Öffentlichkeit, zu bringen?

Osteuropa: Welches Fazit ziehen Sie nach vierzehn Jahren?

Süssmuth: Die Unterstützung der Osteuropagesellschaft hat sich zu einer faszinierenden Tätigkeit entwickelt. Am Anfang standen Krisen, denn auch in der DGO gab es noch altes Denken.

Osteuropa: Inwiefern?

Süssmuth: Es hieß: Wir bearbeiten die Themen so, wie wir sie immer bearbeitet haben. Diese Arbeit war stark vom Antagonismus zwischen Ost und West bestimmt. Viele waren sehr auf staatliche Institutionen fixiert, die gesellschaftliche Dimension des Wandels in Osteuropa war dem untergeordnet. Russland stand immer im Vordergrund. Das ist vorbei. Heute genießen die anderen Länder mehr Aufmerksamkeit als in den 1990er Jahren. Und andere Fragestellungen, etwa die, welche Bedeutung die zivilgesellschaftliche Entwicklung für den politischen Wandel hat oder wie wir mit solchen hybriden politischen Ordnungen und Gesellschaften umgehen, die zwischen Demokratie und Autokratie hin- und herschwanken, sind in den Vordergrund gerückt. Da hat sich eine Zeitenwende vollzogen.

Osteuropa: Wie beurteilen Sie die Russland-Entschließung vom November 2012, mit der der Bundestag seine Sorge über die Einschränkung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Russland ausgedrückt hat?

Süssmuth: Alle deutschen Regierungen der letzten drei Jahrzehnte haben die Russlandpolitik zu einem Schwerpunkt gemacht. Denken Sie an die Aufmerksamkeit, die die Regierung unter Helmut Kohl der Sowjetunion unter Michail Gorbačev schenkte. Das hat nicht nur außenwirtschaftliche Gründe. Was immer in Russland passiert, es geht uns etwas an. Wir müssen deshalb mit Russland im Gespräch bleiben. Mit dem Entschließungsantrag hat der Bundestag nicht nur die Pflege der Beziehung betrieben, sondern auch zum Ausdruck gebracht, dass wir die Entwicklung in Russland kritisch sehen. Da besteht die Gefahr, dass Einiges zusammenbricht. Das ist ein Seiltanz.

Osteuropa: Dieser Seiltanz ist aber keine deutsche Besonderheit. Polen muss ihn auch beherrschen.

Süssmuth: Von Polen können wir lernen, wie man sich mit Russland streitet, ohne das Tischtuch zu zerschneiden. Die Arbeit der „Kommission für schwierige Fragen“ unter Co-Vorsitz des polnischen Ex-Außenministers Adam Rotfeld ist vorbildlich; ebenso der Dialog der polnischen Bischöfe und der Orthodoxen Kirche. Sie zeigen, wie sich tiefe Gräben überbrücken lassen.

Osteuropa: Das mag sein, aber ein funktionierender Dialog erfordert Offenheit auf beiden Seiten. Sonst handelt es sich um eine Simulation wie beim „Petersburger Dialog“. Wenn Wissenschaftler auf Konferenzen der DGO oder auf den Seiten von Osteuropa den Finger in die Wunde legen und empirisch fundiert etwa rechtsstaatliche Mängel in Russland ansprechen, die Verpflichtungen des Landes aus der Mitgliedschaft in der OSZE oder dem Europarat verletzen, wird ihnen vorgeworfen, sie zeichneten ein einseitiges oder verzerrtes Russlandbild.

Süssmuth: Das ist Teil des Seiltanzes. Als ich 1998–2002 Vize-Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung der OSZE war, hatten wir immer wieder das Problem, dass Russland bestimmte Themen zu Tabus erklärte, etwa die Beschäftigung mit Belarus oder die Frage der weiteren Demokratisierung in Russland. Jeweils kam die Drohung: Dann tritt Russland eben aus. Was haben wir getan? Wir sind mit einer gemischten Delegation nach Russland gefahren und haben das Problem im kleineren Kreis erörtert. Die Botschaft war: Wir wollen Russland nicht verlieren. Aber wir lassen uns auch nicht die Themen vorschreiben. Wichtig ist, der anderen Seite zu zeigen, was sie selbst davon hat, wenn man gemeinsam eine Lösung sucht. Wir brauchen immer Beides: Öffentliche Debatte, also auch eine parlamentarische Erklärung wie die Russland-Entschließung, und stille Diplomatie.

Osteuropa: In den deutsch-russischen Beziehungen mangelt es an vielem, aber nicht an Kommunikationskanälen. Das Problem ist doch die mangelnde Substanz des Dialogs, der zum bloßen Ritual zu werden droht.

Süssmuth: Sie brauchen immer Persönlichkeiten, die Vertrauen auf der anderen Seite genießen. Und im offenen Konflikt brauchen wir zugleich vertrauensbildende Maßnahmen. Vielleicht sollten wir nach Partnern suchen, die uns helfen können, den Dialog wieder in Schwung zu bringen. Polen ist ein solcher Partner, auch für die Beziehung zur Türkei, weil es eine andere Haltung einbringt als wir.

Osteuropa: Das gilt sicherlich auch für die Beziehungen mit einer Diktatur wie Belarus oder autoritären Regimen wie Aserbaidschan oder der Ukraine. Wie soll der Umgang mit solchen Regimen aussehen, die alle Mitglied der OSZE oder gar des Europarats sind?

Süssmuth: Ich habe kein Patentrezept. Der Europarat hat in all den Jahren die Kombination aus kritischen Stellungnahmen, Dialog und Unterstützung am besten wahrgenommen. Denken Sie an die öffentliche Unterstützung für den Bürgerrechtler Sergej Kovalev oder für Memorial. Einfache Ratschläge sind falsch. Die einen sagen, „Wandel durch Handel“. Das reicht nicht zur Aufklärung der Bürger. Andere sagen: Wir brechen den Dialog oder gar die Beziehungen ab. Das ist auch keine Antwort. Der Fall Belarus zeigt das deutlich. Ehrlich gesagt sind wir alle auf der Suche, in der EU, im Europarat, in Deutschland, in Polen.

Osteuropa: Liegt das nicht auch daran, dass der EU das strategische Ziel abhanden gekommen ist? Nach 1989 gab es für die Ostmitteleuropäer die Perspektive, Teil des vereinigten Europa zu werden.

Süssmuth: Mit Russland oder der Ukraine in der heutigen Verfassung geht das nicht. Dennoch müssen wir sagen: Wir halten an dem Ziel fest. Dazu gibt es keine Alternative, es sei denn ein Rückfall in eine alte Konfrontationspolitik.

Osteuropa: Nach vierzehn Jahren legen Sie nun Ihr Ehrenamt als Präsidentin der DGO nieder.

Süssmuth: Das ist wie mein Ausscheiden aus dem Parlament. Ich gebe eine Funktion auf, aber nicht das Interesse an der Sache.

Osteuropa: Was wünschen Sie der DGO, die ihren 100. Geburtstag begeht?

Süssmuth: Eine ganz entscheidende Qualität der DGO ist ihre Interdisziplinarität. Deren Wert muss sie viel offensiver öffentlich vertreten! Ich stelle immer wieder fest, dass die Interdisziplinarität entgegen unserer Annahme, sie sei längst selbstverständlich, eben keine Selbstverständlichkeit ist. An den Universitäten dominiert die Logik der einzelnen Disziplinen. Aber viele der politischen und gesellschaftlichen Probleme, vor denen wir heute stehen, sind nur interdisziplinär zu lösen. Denken Sie an die Bildungspolitik, die Gesundheitspolitik oder die Energiepolitik.

Osteuropa: In unserer publizistischen Praxis sehen wir uns immer wieder mit dem Problem konfrontiert, dass Fachwissenschaftler in der Regel nicht über Länderexpertise und Länderexperten nicht über das Fachwissen verfügen. Die Altenpolitik ist ein schönes Beispiel.

Süssmuth: Halt. Wieso?

Osteuropa: Altenpolitik als gesellschaftliches Thema, bei dem es nicht nur um Versorgung und Pflege, sondern um Stadtplanung, Wohnformen, Mobilität und gesellschaftliche Teilhabe geht, ist ein europäisches Problem: Es stellt sich buchstäblich von Portugal bis an die Ostküste Russlands. Diejenigen, die sich in Deutschland mit Altenpolitik und sozialen Sicherungssystemen beschäftigen, wissen so gut wie nichts, wie es darum in Russland, der Ukraine, Belarus oder auch in Polen steht. Und unsere Russland- und Polenexperten widmen sich primär der Geschichte oder sogenannten „harten“ Feldern wie Machtfragen oder Energiepolitik.

Süssmuth: Ja, das stimmt. Fragen der Demographie sind nur interdisziplinär zu bearbeiten. Wann hat die Bundesrepublik das als politisches Problem erkannt? 2009! Im November 2009 hat sie die demographische Entwicklung zu einem interdisziplinären und ressortübergreifenden Problem ernannt. Interdisziplinarität entsteht nicht primär aus der Wissenschaft, sondern durch Wissenschaftsorganisationen wie die DFG. Sie regelt, dass Forschungsanträge möglichst interdisziplinär anzulegen sind. Da brauchen wir im Einzelfall übrigens mehr disziplinäre Expertise, kleinere und größere Think Tanks, die sagen, wie man das in Politik operativ umsetzt.

Osteuropa: Kann Politik eine solche Expertise verarbeiten? In der Zeitschrift Internationale Politik hat der Politikwissenschaftler Klaus Segbers jüngst behauptet: Angesichts der Dynamik und Komplexität der internationalen Beziehungen seien wir am Ende der Politik angelangt. Politik sei nicht mehr steuerungsfähig.

Süssmuth: Das verneine ich. Klar ist die Welt komplexer geworden. Es stimmt auch, dass die Politik keine Zeit hat, sich gründlich in eine Sache zu vertiefen, weil täglich neuen Anforderungen kommen. Das ist aber nicht das Ende der Politik oder der Steuerungsfähigkeit. Die Politik muss sich eben anders organisieren. Wenn wir ein Pro­blem haben, müssen wir überlegen, wer einen wissenschaftlichen Vorstoß machen kann, um der Politik operative Hilfen zu bieten. Das Metropolis Project on Migration in Kanada ist vorbildlich. Da kommen jährlich Wissenschaftler, Politiker und Praktiker zusammen. Die verantwortlichen Politiker sind verpflichtet, persönlich teilzunehmen, sie dürfen sich nicht vertreten lassen. Das Metropolis Project on Migration ist ein Tool, der die Politik in die Lage versetzt zu handeln. Wir brauchen mehr solcher Modelle. Und die Wissenschaft muss ihre Erkenntnisse so formulieren, dass sie die Politik erreichen. Ansonsten ist wissenschaftliche Politikberatung zum Scheitern verurteilt.

Osteuropa: Frau Süssmuth, vor Jahren haben Sie in einem Gespräch bekannt, dass Sie gern wieder Klavier spielen würden. Haben Sie das geschafft?

Süssmuth: Nein, leider noch nicht.

Osteuropa: Was wünschen Sie sich nun?

Süssmuth: Ich möchte Sprachen lernen, zum Beispiel Polnisch.

Osteuropa: Das nächste Projekt von Rita Süssmuth ist also ein Sprachkurs in Polen?

Süssmuth: Das behaupte ich nicht. Den muss ich schon in Deutschland machen, so schnell kann ich nicht weg. Die Türkisch-Deutsche Universität und auch die Mi­granten brauchen weiterhin mein Engagement.

Osteuropa: Wir werden es sehen. Herzlichen Dank!

Mit Rita Süssmuth sprach Manfred Sapper, Berlin.

Rita Süssmuth (1937-2026), Prof. Dr. phil., Erziehungswissenschaftlerin, seit 1981 Mitglied der CDU, 1985–1988 Bundesministerin für Familie, Jugend und Gesundheit, 1988–1998 Präsidentin des Deutschen Bundestags, 1999–2013 Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, Berlin