Vor dem Wirtschaftskollaps?

Russland Krieg gegen die Ukraine: 15.–23. September 2026

Nikolay Mitrokhin, 23.9.2026

Die Ukraine steht mit dem Rücken zur Wand. Im massiv ausgeweiteten Luftkrieg fügt sie Russland schwere Schäden zu. Doch die eigenen Verluste sind ungleich höher. Russland zerstört mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes. Die ukrainische Führung versucht, Gespräche über einen Teilwaffenstillstand für den Luftkrieg aus einer Position der Stärke zu führen, hat damit jedoch keinen Erfolg. An der Front steht dem mit modernster Kriegstechnik errungenen ukrainischen Erfolg bei Lyman eine deutlich verschlechterte Lage südwestlich von Zaporižžja gegenüber.

Die wirtschaftliche und finanzielle Lage der Ukraine hat sich im September rapide verschlechtert. Es droht ein baldiger ökonomischer Kollaps.

Russland ist im Zuge der wechselseitigen Luftangriffe auf die Exportinfrastruktur dazu übergegangen, die ukrainischen Häfen nicht nur zu blockieren, sondern systematisch alle dortigen Anlagen zu zerstören. Auch andere für den Außenhandel wichtige Infrastruktur ist von Luftangriffen betroffen: Zollabfertigungsanlagen – mittlerweile nicht nur an der Grenze zu Rumänien und Moldova, sondern auch an der Grenze zu Polen –, Lokomotiven – nach ukrainischen Angaben wurde über 500 Triebfahrzeuge beschädigt – und Logistikzentren. Mitte September waren bereits über 40 Prozent der modernen Lagerhäuser zerstört und die Angriffe gehen täglich weiter.

Besonders betroffen sind hafennahe Speicher für Getreide und andere Agrargüter. Zudem stehen seit Anfang September alle drei großen Stahlkombinate still, auf die 90 Prozent der überwiegend in den Export gehenden ukrainischen Stahlherstellung entfallen. Auch die Filialen westlicher Unternehmen werden angegriffen, insbesondere jene, die Baumaterialien und Sanitärgeräte produzieren. Zudem zerstören russländische Drohnen die letzten verbliebenen Anlagen der Öl- und Gasförderung, der ölverarbeitenden Industrie. Mehrere hundert Tankstellen sind landesweit nach Angriffen in Flammen aufgegangen.

Mit großer Sorge schaut die Ukraine auf die im Herbst mit großer Sicherheit bevorstehenden Angriffe auf die Energieinfrastruktur. Viele Beobachter gehen davon aus, dass die Wiederinstandsetzung sich noch schwieriger als in den Vorjahren gestalten wird und den Bewohnern der Großstädte lange Ausfälle der Strom- und Wärmeversorgung bevorstehen. Zudem wurden nach Worten des Verbraucherschutzverbands Kommunale Dienstleistungen Oleh Popenko in der Hauptstadt zwar 23 Millionen Euro für die Stationierung kleiner mobiler Blockheizkraftwerke bereitgestellt, die kommunale Wohnungsbaugesellschaft habe jedoch kein einziges tatsächlich installiert. Ausgebliebene Steuerzahlungen sowie Ausgaben für die Drohnenbeschaffung, die eigentlich für andere Haushaltstitel vorgesehen waren, haben dazu geführt, dass der ukrainische Staat kurz vor der Zahlungsunfähigkeit steht.

Die Vorsitzende des Haushaltsausschusses in der Verchovna Rada Roksolana Pidlas erklärte, Ausgaben für die Errichtung von Schutzräumen in Schulen und Krankenhäusern sowie für den „Winterresilienzplan“ seien in den Dezember verschoben und würden möglicherweise gar nicht mehr im Jahr 2026 getätigt. Damit ist auch die Frage ungeklärt, wie die Fortsetzung des Kriegs weiterfinanziert werden soll.

Gleichzeitig hat sich die von der ukrainischen Führung geäußerte Hoffnung nicht erfüllt, dass die Angriffe auf Raffinerien in Russland und der dadurch hervorgerufene Treibstoffmangel in Russland eine Protestwelle auslösen könnten und Putin daraufhin seinen Kriegskurs überdenken würde. Nimmt man die Stimmung in den sozialen Medien als Indikator, ist die Zahl der Unzufriedenen in Russland zwar gewachsen. Doch dies hat nicht einmal dazu geführt, dass die Wahlbeteiligung bei den als Legitimitätstest für das Regime angelegten „Wahlen“ zur Staatsduma vom 18.-20. September signifikant zurückgegangen wäre oder dass Russlands Führung sich zu einer über die übliche Manipulation hinausgehenden Fälschung der Ergebnisse veranlasst gesehen hätte. Die Erwartung, es könne sich eine Protestbewegung formieren, entbehrt jeglicher Grundlage. Es hat sich vielmehr gezeigt, dass Putin über die materiellen, politischen, polizeistaatlichen Mittel verfügt, um die Unruhe, die sich in Teilen der Bevölkerung ausgebreitet hat, unter Kontrolle zu halten. Bereits der Benzinmangel konnte – zumindest für zwei Monate – durch die Einspeisung strategischer Reserven sowie den Zukauf aus dem Ausland verringert werden.

So kommt es nicht von ungefähr, dass Volodymyr Zelens’kyj seit Anfang August mehrfach erklärt hat, er sei bereit, sich mit Putin persönlich für Verhandlungen zu treffen, bei denen er auf US-Präsident Trump als Vermittler hofft. Diesen Äußerungen steht jedoch das reale Vorgehen entgegen. Die Ukraine setzt weiter darauf, mit Langstreckendrohnen und Raketen vom Typ Flamingo – deren Produktion trotz der russländischen Angriffe auf die Rüstungsindustrie offenbar langsam wächst –, wirtschaftlich relevante Ziele in Russland anzugreifen.

Auf jede Erfolgsmeldung bei eigenen Angriffen folgt jedoch ein Gegenschlag, der die Bedeutung des Erfolgs in Frage stellt. Am 9. September gelang etwa ein Angriff auf Anlagen zur Produktion von Gaskondensat im nordwestsibirischen Novyj Urengoj, Russlands „Gashauptstadt“. Die Drohnen haben hierfür eine Strecke von rund 3000 Kilometern zurückgelegt. Es fehlt nicht mehr viel, dann können sie auch das rund 800 Kilometer weiter nördlich gelegene Ölverladeterminal „Buchta Sever“ an der Mündung des Enissej erreichen, das im September in Betrieb gegangen ist. Von dort wird nun Öl aus den Feldern des Vankor-Clusters verschifft, mit dem Beginn und dem Ausbau der Förderung auf dem weiter nördlich gelegenen Pajacha-Feld soll der Anteil des Terminals am Erdölexport Russlands auf 20 Prozent gesteigert werden.

Nur drei Tage nach der Attacke auf die Anlagen in Novyj Urengoj sollte ein massiver Drohnenangriff auf den Nordwesten der Ukraine folgen. Er galt der Eisenbahninfrastruktur, Tankstellen und Anlagen an der Grenze zu Polen. Technische Voraussetzung für diesen Angriff war die Wiederinbetriebnahme von Relais-Stationen in Belarus, die das Regime in Minsk nach einem Ultimatum Zelens’kyjs im Juni abgeschaltet hatte. Seit Mitte September wird – von den Gebieten Zakarpattja, Ivano-Frankivs’k, Ternopil’ und Černivci sowie Teilen der Gebiete Chmel’nyc’kyj und L’viv abgesehen – nahezu das gesamte Land mit immer neuen Drohnenangriffen überzogen. Zuvor hatten nur Raketen, nicht aber die in viel größerer Stückzahl produzierten schweren Angriffsdrohnen diese Gebiete im Westen der Ukraine erreicht.

Den Angriffen mit Raketen und Marschflugkörpern hat die Ukraine wegen des Mangels an Abwehrraketen aus westlicher Produktion nur noch wenig entgegenzusetzen. Die Attacken mit den besonders schwer abzufangenden ballistischen Raketen haben seit Anfang September nachgelassen. Man muss allerdings davon ausgehen, dass Russland Vorräte für besonders schwere Angriffe auf die Energieinfrastruktur in den nächsten Wochen anlegt. Und auch die immer häufiger mit Düsenantrieb ausgestatteten russländischen Drohnen sowie die neuen Marschflugkörper vom Typ Banderol‘ und Dan‘ bereiten der ukrainischen Luftabwehr immer größere Probleme. Erfolgreich ist vor allem die Abwehr mit Kampfjets, die den rückwärtigen Raum westlich des Dnipro schützen. Doch die von ihnen verschossenen Luft-Luft-Abfangraketen gehen ebenfalls zur Neige. Eine gute Nachricht ist vielleicht, dass die Ukraine gerade eine Abfangdrohne vorgestellt hat, die auch die deutlich schnelleren Angriffsdrohnen mit Strahltriebwerk zum Absturz bringen kann. Andererseits baut Russland die Drohnenfabrik Alabuga in Tatarstan aus und verlegt die Produktionsstätten unter Tage.

Es gibt wenig Hoffnung, dass die Ukraine den Folgen der asymmetrischen Luftschlagkapazität durch einen ausgehandelten Teilwaffenstillstand wird entgehen können. Die Gespräche, die Zelens’kyj zu diesem Thema mit US-Präsident Trump am 22. September führte, blieben ohne Ergebnis. Zwar kam es nicht zu einem vor laufender Kamera inszenierten Skandal wie bei dem Treffen Ende Februar 2025. Doch eine gemeinsame Pressekonferenz nach dem nur 40minütigen Gespräch gab es nicht. Zelens’kyj erklärte der Presse lediglich erneut, dass er zu einem Teilwaffenstillstand bereit sei und Trump die Details seines Angebots an Putin übergeben solle.

Das Treffen blieb sicher auch deswegen ohne konkretes Ergebnis, weil Zelens’kyj einer offenbar bereits mehrfach wiederholten Aufforderung Trumps nicht nachkommt. Dieser möchte, dass die Ukraine die Angriffe auf Raffinerien in Russland einstellt, weil diese angesichts der Treibstoffknappheit auf dem Weltmarkt in Folge der Krise um die Straße von Hormus die Benzin- und Dieselpreise weiter in die Höhe treiben – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und in der Ukraine selbst, die von Lieferungen aus der EU abhängig ist. Doch unmittelbar vor Zelens’kyjs Reise nach New York attackierten ukrainische Drohnen Großraffinerien in Moskau, Samara und Ufa. Bereits zuvor hatten in der ersten Septemberhälfte Attacken auf die übrigen Großraffinerien im europäischen Teil Russlands – in Kiriši bei Sankt Petersburg, Jaroslavl‘, Rjazan‘ und Slavjansk bei Krasnodar – deren Produktion zum Erliegen gebracht.

Die europäischen Staaten spielten bei den Gesprächen über einen Teilwaffenstillstand erneut keine Rolle. Sie können der Ukraine finanziell helfen und einige Waffen liefern. Echte Mittel, um Druck auf Russland auszuüben, haben sie kaum, zumal auch sie daran interessiert sind, dass das Ölangebot auf dem Weltmarkt nicht noch weiter sinkt. Vor diesem Hintergrund hat Zelens’kyj nach eigener Aussage Trump darum gebeten, China in die Koalition der Staaten einzubinden, die Druck auf Russland ausüben. Dies ist ein äußerst unrealistisches Unterfangen, profitiert doch China in mehrfacher Hinsicht von dem Krieg. Zum einen ermöglicht dieser es Peking, zu Niedrigstpreisen Öl und Gas aus Russland zu kaufen, zum anderen verdient China von Waffenverkäufen an beide Kriegsparteien.

Die Lage an der Front

Noch immer ist unklar, welche Bedeutung der als „Operation Vivaldi“ bezeichnete ukrainische Erfolg am Frontabschnitt nördlich von Lyman hat und wie er erreicht wurde. Fest steht, dass es der ukrainischen Armee gelungen ist, die Frontausbuchtung nördlich von Lyman zu beseitigen, die noch im Sommer bis fast nach Svjatohirs’k reichte. Ukrainische Einheiten haben sogar den Žerebec‘ überschritten und weitere Gebiete am Ostufer des Flusses befreit. Unmittelbar östlich von Lyman sowie im Süden der Stadt stehen allerdings immer noch Einheiten der Besatzungsarmee. Die ukrainischen Truppen versuchen, mit einem Vorstoß entlang des Žerebec‘ deren Nachschublinien abzuschneiden.

Der Erfolg des Dritten Korps der ukrainischen Streitkräfte ging, wie mittlerweile klar geworden ist, nicht nur auf die Versorgungsprobleme der drei Armeen der russländischen Armeegruppe „West“ zurück, deren Nachschublinien über zwei Flüsse verliefen. Eine Rolle spielte auch, dass das Dritte Korps die am besten ausgestattete Einheit der ukrainischen Armee ist und über modernste Kampfmittel verfügt. Insbesondere scheint es ihr gelungen zu sein, im Zuge der Operation zur Unterbrechung der Nachschublinien der Besatzungstruppen mit schweren Drohnen zehn Kilometer hinter der Frontlinie unbemannte Landfahrzeuge abzusetzen. Hinzu kam aber, dass offenbar ein Teil der ohnehin nicht sehr umfangreichen Besatzungstruppen in diesem Raum an andere Frontabschnitte verlegt worden war.

Dem Kommandeur des Dritten Korps, Andrii Bilec’kij, zufolge sei es mit der Operation gelungen, den Zangenangriff auf die Städte Slovjans’k, Kramators’k und Druživka mit einer geplanten Schließung des Rings bei Barenkovo zu unterbinden. Allerdings greift die Besatzungsarmee die drei Städte auch frontal an und Russlands Militärführung misst dieser Stoßrichtung möglicherweise größere Bedeutung bei. Die Okkupationstruppen stellten zwar in der dritten Septemberwoche ihre in Richtung Slovjans’k und Kramators’k geführten Angriffe ein. In den Frontabschnitten bei Druživka und Dobropillja rückten sie jedoch im Zuge schwerer Gefechte vor. Nun bereiten sie die Erstürmung von Dobropillja und eine südwestliche Umgehung von Druživka vor.

Wenig Klarheit herrscht auch über die Lage im Nordosten des Gebiets Charkiv. Nach russländischen Angaben sind die ukrainischen Truppen in einem Raum von 400 km² eingeschlossen, nach Angaben des ukrainischen Dienstes Deepstate ist dies mitnichten der Fall. Im Südosten des Gebiets Charkiv versuchen die ukrainischen Truppen nördlich von Kupjans’k nach übereinstimmenden Angaben nicht ohne Erfolg, den Gegner vom Westufer der Oskil zu vertreiben.

Erheblich verschlechtert hat sich dagegen die Situation der ukrainischen Armee bei Orichiv im Gebiet Zaporižžja. Die Besatzungstruppen sind an allen Frontabschnitten vorgerückt und haben mit Mala Tokmačka einen wichtigen Pfeiler der ukrainischen Verteidigung in diesem Raum erobert. Nun rücken sie von Süden auf Orichiv zu und haben zudem, was noch gefährlicher ist, alle in die Stadt führenden Straßen unter ihre Kontrolle gebracht und diese damit faktisch eingekreist. Auch den Ruinen des 40 Kilometer westlich gelegenen Stepnohirs’k, von wo sie sich unter dem Druck der ukrainischen Streitkräfte in der ersten Jahreshälfte hatten zurückziehen müssen, sind sie wieder deutlich näher gekommen. Möglicherweise hat die ukrainische Armeeführung Mitte September Verstärkungstruppen an diesen Frontabschnitt verlegt, doch selbst dann bleibt die Situation kritisch. Am 20. September erklärte der Kommandeur des 1. Sturmregiments der ukrainischen Streitkräfte, Dmytro Filatov, man müsse damit rechnen, dass im Winter 2026/2027 erste Sturmtrupps des Gegners am Stadtrand der Großstadt Zaporižžja auftauchen.

Aus den Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.