Zermürbung durch Kälte
Russlands Krieg gegen die Ukraine: die 199. bis 200. Kriegswoche
Nikolay Mitrokhin, 28.1.2026
Russland setzt die Luftangriffe auf Kraftwerke und Umspannstationen in der gesamten Ukraine fort. Die ukrainische Industrie soll lahmgelegt, die Bevölkerung zur Flucht nach Westen oder zu Protesten gegen die politische Führung getrieben werden. Diese setzt darauf, dass die Armee den von Russland mit neuer Intensität aufgenommenen Angriffen an der Front standhalten kann und Moskau in den kommenden Monaten die Mittel zur Fortsetzung des Kriegs ausgehen. Dann könnte der Kreml das Kriegsziel aufgeben, die weiter von der Ukraine gehaltenen Teile des Donbass einzunehmen oder deren Übergabe im Zuge einer Waffenstillstandsvereinbarung zu erzwingen. Tatsächlich ist Russlands Armee durch hohe Verluste geschwächt. Doch auch ca. 200 00 ukrainische Soldaten haben in vier Kriegsjahren ihr Leben verloren.
Der Krieg in der Ukraine ist im Januar auf der politischen Agenda der europäischen Staaten und der USA in den Hintergrund gerückt. Alle Aufmerksamkeit galt den Grönland-Plänen des US-Präsidenten und der Krise der NATO, die er mit seinem Ansinnen verursachte. Gleichwohl zeichnen sich Veränderungen ab. Der US-Präsident hat den Druck auf Russland erhöht, indem er Tanker der Schattenflotte beschlagnahmen lässt, Frankreich hat sich angeschlossen. Öl der aus Russland stammenden Sorte Urals wird mit immer größeren Abschlägen verkauft. Der Preis pro Barrel lag zuletzt nur noch bei 39 US-Dollar. Für den Staatshaushalt sind jedoch Einnahmen aus dem Verkauf von Öl zu einem Preis von 59 US-Dollar pro Barrel vorgesehen. Die heraufziehende Haushaltskrise ist der Grund, warum die Regierung seit Mitte Januar in großen Mengen Gold und Devisen (Yuan) verkauft. Bis Anfang Februar sollen auf diese Weise 192 Milliarden Rubel (2 Milliarden Euro) frei werden.
Vor diesem Hintergrund fanden von 23.-24. Januar in Abu Dhabi auf Vermittlung der USA erneut direkte Gespräche zwischen der Ukraine und Russland statt. Die vorwiegend mit Militärs besetzten Delegationen einigten sich auf zahlreiche Aspekte im Zusammenhang mit einer Entflechtung der Armeen, der Überwachung eines Waffenstillstands und der Bewertung möglicher Verletzungen der Vereinbarungen. Nach den Gesprächen habe sogar ein gemeinsames Essen stattgefunden. Die zentrale politische Frage – die Zukunft des von der Ukraine gehaltenen Teils des Gebiets Donec’k – blieb jedoch ungelöst. Ukrainische und US-amerikanische Politiker der zweiten Reihe sprachen denn auch vor wie nach den Gesprächen in Abu Dhabi davon, dass der Krieg noch bis zum Herbst 2026 dauern werde.
Tatsächlich sieht es so aus, als wollten die Ukraine und die USA bis zu einer erhofften Erschöpfung der menschlichen oder finanziellen Ressourcen Russlands durchhalten. Die Europäische Union unterstützt dies. Am 26. Januar haben die Mitgliedstaaten endgültig beschlossen, den Import von Flüssiggas aus Russland zum Jahresende 2026 zu verbieten, den Kauf von Pipelinegas zum Herbst 2027.
„Holodomor“ – Russlands Angriffe auf das ukrainische Energiesystem
Russland setzt die gezielte Zerstörung von Kraftwerken und Umspannstationen in der Zentralukraine sowie in einigen Städten im Osten des Landes fort. Sie zielen vor allem auf Kiew sowie das zur Versorgung der Hauptstadt benötigte Stromnetz, auf Charkiv, Kryvyj Rih. Die ukrainischen Medien sprechen von einem „Holodomor“.[1]
Millionen Menschen sind bei starkem Dauerfrost ohne Strom und Heizung. Bis vor wenigen Wochen war es den ukrainischen Stromunternehmen stets gelungen, beschädigte Kraftwerke und Leitungen recht rasch wieder in Betrieb zu nehmen. Heute erfolgt unmittelbar nach der Reparatur ein neuer Luftschlag. Am 26. Januar waren in der Hauptstadt 800 000 Menschen ohne Strom. In einigen Vierteln – betroffen sind rund 400 große Wohnblocks – gibt es seit zwei Wochen keinen Strom mehr. Ein klein wenig besser ist die Lage bei der Wärmeversorgung. Zwei der drei durch Luftangriffe stark beschädigten Kiewer Kraftwerke produzieren noch Wärme. Daher kann selbst in vielen Häusern, die keine Stromversorgung mehr haben, bei starkem Frost von bis zu -20 Grad die Raumtemperatur bei rund 10 Grad gehalten werden.
In fast allen Großstädten des Landes kommt es mittlerweile zu langanhaltenden Stromausfällen. Dies gilt auch für die weit im Westen gelegenen Städte, etwa Černivci oder Chmelnic’kyj. Besonders kritisch ist die Lage im frontnahen Cherson und in Odessa – beide Städte werden permanent von der Krim aus angegriffen. Ebenfalls sehr kritisch ist die Situation in den Städten im Nordosten des Landes, insbesondere in Černihiv und Sumy, die stark von der Stromversorgung aus dem rechts des Dnipro gelegenen Teil der Ukraine abhängen. Die Zerstörung der Strombrücken über den Dnipro und damit des integrierten Stromsystems der Ukraine ist eine der zentralen Ziele der aktuellen Angriffe Russlands.
Moskau verfolgt unverkennbar eine dreifache Absicht: Die ukrainische Industrie soll lahmgelegt werden, insbesondere die große Strommengen verschlingende Metallurgie sowie die chemische Industrie. Die Bevölkerung soll zur Flucht nach Westen getrieben werden. Die Stimmung im Land soll sich gegen die politische Führung wenden.
Der Druck auf die Bevölkerung hat bislang keinen Erfolg. In den sozialen Medien ist die Stimmung von einem starken Durchhaltewillen geprägt, eine Fluchtbewegung gibt es nicht. Die Menschen hoffen auf ein baldiges Ende des Frosts und einen frühen Frühlingsbeginn. Die Probleme der Industrie sind angesichts der anhaltenden Luftangriffe aber nicht zu übersehen. Am 22. Januar hat das Energieministerium die Bürger des Landes aufgefordert, sich auf eine Katastrophensituation vorzubereiten und Vorräte für mehrere Tage anzulegen. Zelens’kyj hat einen Teilwaffenstillstand für den Luftkrieg vorgeschlagen, doch Russland hat dies in Abu Dhabi offenbar abgelehnt. Die ukrainische Armee greift zwar in den grenznahen Regionen Russlands, den besetzten Gebieten und in einigen Regionen Zentral- und Südrusslands (Orlov, Krasnodar) in ähnlicher Weise Kraftwerke und Umspannstationen an. Im Gebiet Belgorod hat dies zum Ausfall der Strom- und Wärmeversorgung geführt. Die Auswirkungen für die Gesamtgesellschaft und die Wirtschaft Russlands sind jedoch minimal.
Die Lage an der Front
In den letzten beiden Wochen des Jahres 2025 hatte Russlands Armee ihre Angriffe auf breiter Front intensiviert, im neuen Jahr dann deutlich verringert. Dies hat sich am 25. Januar geändert. Offenbar sind die Kremlführung und die nach ihrer Pfeife tanzenden Offiziere aus den Weihnachtsferien zurück und fordern nun Ergebnisse. Während der Ruhephase hat die Armee Munitionsvorräte angelegt, Truppen umgruppiert und neue Drohnen ausprobiert. Daher ist sie nun in der Lage, die Kämpfe mit doppelter Intensität wieder aufzunehmen.
Dem Anschein nach hat der Generalstab der Okkupationstruppen eine neue Hauptstoßrichtung vorgegeben. Bis November konzentrierten sich die Angriffe auf Pokrovs’k, dann auf Sivers’k und Huljaj Pole. Seit Mitte Januar liegt der Schwerpunkt der Attacken nun im zentralen Frontabschnitt bei Kostjantynivka. Diese Industriestadt am südöstlichen Rand der Agglomeration von Kramators‘k hatte 1987 115 000 Einwohner, im Februar 2022 lebten dort noch ca. 68 000 Menschen. Sie wurde im Verlauf des Jahres 2025 immer wieder von Osten aus Richtung Časiv Jar und von Nordosten aus Richtung Torec’k angegriffen, die ukrainische Verteidigung konnte jedoch alle Attacken abwehren. Als im Oktober ein Trupp der Besatzungsarmee von Torec’k kommend in einen Außenbezirk eindrang, wurde dieser dort gestoppt. Im Verlauf der vorletzten Januarwoche sind jedoch Sturmtrupps der Okkupationsarmee tief in den nordöstlichen Teil der Stadt eingedrungen. Zudem haben sie den Kleban-Byk-Stausee von Südosten umgangen und befinden sich dort bereits zwei Kilometer vor der Stadt, so dass dieser auch von dort ein Angriff droht.
Die dahinterstehenden Überlegungen der russländischen Militärführung sind leicht zu erkennen. Jeder Vorstoß über offenes Feld geht bei den gegenwärtigen winterlichen Bedingungen mit hohen Verlusten einher. Sturmtrupps können nur kurze Zeit in vorgelagerten Stellungen gehalten werden. Daher erfolgt der Angriff auf das Hauptziel Kramators‘k nun über Kostjantynivka, wo die Bebauung den Besatzern Deckung vor ukrainischen Drohnen gibt. Gleiches gilt für die Kette von Kleinstädten zwischen Kostjantynivka und Kramators’k. Ist eine solche eingenommen, erleichtert dies zudem den Vormarsch der Besatzungstruppen über die angrenzenden offenen Felder, da die ukrainische Armee nicht mehr von den höchsten Gebäuden der Siedlung das Umland überwachen kann.
Von entscheidender Bedeutung wird sein, ob es der Ukraine gelingt, im Zentrum von Kostjantynivka ausreichend Soldaten für eine systematische Verteidigung zusammenzuziehen. In Pokrovs’k und Kupjans’k, die beide als Festungen der ukrainischen Armee galten, war dies nicht der Fall, so dass zunächst kleine Sturmtrupps in die beiden Städte vordringen konnten. Kupjans’k hat allerdings auch gezeigt, dass die Soldaten der Okkupationsarmee rasch wieder vertrieben werden können, wenn der Ukraine Truppen für einen Gegenangriff zur Verfügung stehen.
Die Ukraine benötigt allerdings auch an anderer Stelle Reserven. Denn Russland greift an zwei weiteren Stellen im zentralen Frontabschnitt an. Zum einen am Südufer des Sivers’kyj Donec westlich von Sivers’k. Dort sind die Okkupationstruppen seit Mitte Januar trotz ukrainischer Gegenattacken fünf Kilometer in Richtung Slovjans’k vorgerückt; zum anderen im Raum Lyman. Dort sind russländische Truppen am Nordufer der Sivers’kyj Donec von Südosten zum Stadtrand von Lyman vorgerückt. Ein anderer, von Osten angreifender Verband steht bereits tief in der Stadt. Ein dritter schneidet sie von Nordwesten vom ukrainischen Hinterland ab und ist dabei bereits bis zum östlichen Stadtrand des benachbarten Svjatohirs’k vorgerückt.
Dies alles spricht dafür, dass die Besatzungsarmee nach der Einnahme von Pokrovs’k ihre Kräfte nicht darauf konzentriert, von dort in Richtung Nordwesten über Dobropillja und unter Umgehung von Kostjantynivka und Druživka auf Kramators’k vorzurücken (wenngleich sie versucht, die nordwestlich von Pokrovs’k gelegene große Siedlung Hryšine einzunehmen). Stattdessen sollen Kramators’k und Slovjans’k nun wohl entweder frontal von Osten oder von Norden aus Richtung Svjatohirs’k angegriffen werden.
An anderen Frontabschnitten muss der Ukraine vor allem ein Brückenkopf Sorge bereiten, den die Besatzungsarmee im Nordosten des Gebiets Zaporižžja und im Südosten des Gebiets Dnipropetrovs’k am Westufer des Flusses Hajčur errichten konnte. Dies eröffnet der russländischen Armee – insbesondere nachdem sie Ende 2025 das nahegelegene Huljaj Pole eingenommen hat – die Möglichkeit, nach Ende des scharfen Frosts auf breiter Front vorzurücken. Allerdings melden russländische Militärkanäle, die Ukraine habe die Zeit genutzt und in der Tiefe eine neue Verteidigungslinie errichtet, nachdem es zuvor an diesem Frontabschnitt keine systematisch angelegten Stellungen gegeben hatte.
Beunruhigend ist auch die Entwicklung ganz im Westen der im Gebiet Zaporižžja verlaufenden Front. Am einstigen Ufer des abgelaufenen Kachovka-Stausees haben die Okkupationstruppen nach eigenen Angaben nicht nur die große Siedlung Stepnohirs’k erobert, sondern sind von dort in östlicher Richtung den halben Weg bis nach Orechiv vorgerückt. Diese Siedlung steht bislang einem Vorstoß auf Zaporižžja im Weg. Die Besatzungsarmee greift die Großstadt bereits seit anderthalb Jahren von Süden her an, nun könnte eine neue Attacke von Südwesten erfolgen.
Verluste
Die Veröffentlichung von Opferzahlen ist ein Mittel der Kriegspropaganda. Eigene Verluste werden kleingeschrieben, die des Gegners übertrieben. Die Bevölkerung des Gegners soll glauben gemacht werden, dass eine Fortsetzung des Krieges sinnlos sei, vor allem aber der eigenen Bevölkerung, dass ein Sieg oder eine bessere Ausgangslage für Verhandlungen nahe sei, wenn man nur noch eine Weile durchhalte.
Neben den offiziellen Zahlen der Kriegsparteien gibt es auch unabhängige Versuche, die Zahl der getöteten Soldaten zu ermitteln. Dies geschieht u.a. auf der Basis von Todesanzeigen oder im Falls Russlands auch durch Auswertung von Angaben zu Erbangelegenheiten. Das Portal Mediazona sprach im Januar 2026 von 171 000 namentlich bekannten russländischen Soldaten, die in der Ukraine umgekommen seien. Auf der Basis der Erbfälle sei eine Zahl von 219 000 Getöteten ermittelt worden.
Es ist durchaus möglich, dass die Leichen von weiteren rund 50 000-70 000 getöteten russländischen Soldaten auf den ostukrainischen Feldern liegen – und ein Teil von ihnen weiter in den Armeeverzeichnissen geführt wird, da Kommandeure des unteren Glieds den Tod von Soldaten nicht melden, um mit den ihren Untergebenen abgepressten Bankkarten an deren weiter gezahlten Sold zu gelangen. Weitere 20 000–25 000 Leichen liegen möglicherweise in Kühlhäusern der Armee. Ebenfalls zu berücksichtigen sind Männer, die entweder in Militärlazaretten oder nach dem Ausscheiden aus der Armee an ihren Verwundungen gestorben sind. Insgesamt kommt man auf eine Zahl von mindestens 300 000 und höchstens 400 000 Getöteten. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) spricht – unter Verweis auf eine nicht näher erläuterte Kalkulation auf der Basis von „eigenen Quellen, Angaben des Britischen Verteidigungsministeriums, Berechnungen von Mediazona und Interviews mit Regierungsvertretern aus den USA, Europa, der Ukraine und andern Staaten“ – von 325 000 Toten, fügt diesen allerdings eine ebenfalls nicht näher erläuterte Zahl von 900 000 Verwundeten und Vermissten hinzu, und kommt so auf eine Gesamtzahl der Verluste (casualities) von 1,2 Millionen.
Zahlen zu den auf ukrainischer Seite getöteten Soldaten werden viel seltener genannt. Eine Zählung versucht die Seite Ukraine's losses in the war
Dort heißt es, seit dem 24. Februar 2022 habe die Ukraine 172 135 Soldaten verloren, in der Hälfte der Fälle sei der Tod offiziell bestätigt, die andere Hälfte sei als „verschollen“ registriert. Das Medienportal Meduza hat auf der Basis von Angaben zu getöteten Offizieren eine Zahl von 290 000 getöteten ukrainischen Soldaten extrapoliert. Doch diese Rechnung ist nicht überzeugend, da sie mit dem gleichen Verhältnis zwischen Offizieren und einfachen Soldaten operiert wie im Falle Russlands. Die ukrainische Armee ist jedoch im Feld ganz anders aufgebaut, so dass insbesondere in den ersten Kriegswochen bei einigen Waffengattungen wie der Luftwaffe, den Sondereinsatztruppen und Einheiten der Geheimdienste zahlreiche Offiziere ihr Leben verloren.
Die Angaben von Ukraine's losses in the war lassen sich jedoch auf der Basis kommunaler und regionaler Daten überprüfen. Wenn der Tod von 86 000 Soldaten offiziell bestätigt ist, dann sind dies bei einer Bevölkerung von 41 Millionen Menschen im Jahre 2022 in vier Kriegsjahren 2000 Soldaten auf 1 Million Menschen (Vorkriegsbevölkerung) getötet worden. In Žytomir sprach der Militärgouverneur Vitalij Bunečko bei der Eröffnung eines Denkmals für die an der Front gestorbenen Bürger der Stadt im Dezember 2025 von 860 Getöteten. Die Stadt, in der es zahlreiche Kasernen und Militärschulen gibt, hatte vor dem Krieg 260 000 Einwohner. Auf der Basis der von Bunečko genannten Zahl kommt man zu 3400 getöteten Soldaten auf 1 Million Menschen.
Die Stadt Berdičev im Gebiet Žytomir hatte vor dem Krieg 73 000 Einwohner. Der Stadtrat nennt auf der Seite „Helden der Gemeinde Berdičev“ die Namen von 274 getöteten Soldaten.[2] Sie wird seit März 2025 nicht mehr aktualisiert. Extrapoliert man die Angaben, kommt man auf 350 Tote bis Januar 2026 oder 4800 Gefallene auf 1 Million Menschen. Die hohe Zahl könnte darauf zurückzuführen sein, dass in der Stadt zwei Verbände ihren Stützpunkt haben, von denen einer – eine gegen Panzer eingesetzte Artilleriebrigade – hohe Verluste hatte. Dieselbe Rechnung führt jedoch auch bei anderen Städten zu ähnlichen Zahlen. Die Stadt Malyn im Gebiet Žytomir (39 000 Einwohner) spricht von 176 Getöteten, dies ergibt 4512 Tote auf eine Million. Der Bürgermeister von Ivano-Frankivs’k im Südwesten der Ukraine sprach im März 2025 von 642 an der Front gestorbenen Bürgern der Stadt, dies ergibt für Januar 2026 3700 Gefallene auf 1 Million Menschen. Die Verschollenen sind hier nicht eingerechnet, der Bürgermeister sprach von 300 Menschen; sind sie nicht mehr am Leben, wären dies weitere 3000 Opfer auf 1 Million Menschen.
Im Gebiet Rivne, wo es vergleichsweise wenige Armeestützpunkte gibt, gibt die Nachrichtenseite Dein Rivne die Beerdigungen von Soldaten aus dem Gebiet an. In den ersten drei Wochen des Jahres 2026 waren es 75, im Dezember 2025 106, im November 115. Geht man von 100 Getöteten in jedem Kriegsmonat aus, sind dies seit Februar 2022 4700 Beerdigungen auf 1 Million Menschen im Gebiet Rivne. Nach den Zahlen von Ukraine's losses in the war für das Gebiet Rivne sind es in der Hochrechnung auf eine Million Menschen 3824 Getötete und 3335 Vermisste.
Zu einer gewissen Schwankungsbreite kommt man mit entsprechenden Zahlen aus Stryj im Gebiet Lemberg (2370 auf 1 Million), aus Vinnycja (4166 auf 1 Million), aus der Gemeinde Iršava im Gebiet Transkarpathien (1820 auf 1 Million), aus Kamenec-Podol’sk im Gebiet Chmel’nyc’kyj (1582 auf 1 Million), aus Kremenčuk im Gebiet Poltava (1674 auf 1 Million), und aus Mohyliv-Podil’s’kyj im Gebiet Vinnycja (4333 auf 1 Million).
Recht klar zeigt sich, dass der Anteil der Gefallenen in kleinen und eher armen Landgemeinden an der Gesamtbevölkerung doppelt so hoch ist wie in vergleichswiese wohlhabenden Städten wie Kremenčuk.
Rechnet man leicht erklärbare Abweichungen heraus, kommt man landesweit auf eine Zahl von 3400-4700 beerdigten Soldaten auf 1 Million Einwohner, also eine Gesamtzahl von 139 000 bis 193 000. Zur Zahl der als „verschollen“ Gemeldeten – und insbesondere dazu, wie viele der von Ukraine's losses in the war genannten Verschollenen hier als Getötete erfasst wurden – lassen sich keine Angaben machen. Auf der Basis der Berechnungen muss man aber wohl davon ausgehen, dass einschließlich der als „vermisst“ Gemeldeten 200 000 bis 220 000 ukrainische Soldaten ihr Leben verloren haben.[3]
Opfer von Russlands Angriffskrieg sind zudem rund 15 000 Zivilisten, 13 438 bis Mitte 2025 und 1250 in der zweiten Hälfte des Jahres 2025, in dem die Zahl der getöteten Zivilisten höher war als in den drei vorhergehenden Kriegsjahren.
Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin
Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.
Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen von Meduza und Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.
[1] Der Begriff bezieht sich auf die gezielte Vernichtung ukrainischer Bauern durch Hunger in den Jahren 1932-1933. Das ukrainische Wort für Hunger (holod/голод) hat eine nahezu identische Lautung wie das Wort für Kälte (cholod/xолод) – Red.
[2] http://berdychiv-rada.gov.ua/місто/герої-бердичівської-громади/
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[3] Ob und in welchem Maße Soldaten, die nach der Erlassung aus dem Lazarett infolge von im Krieg erlittenen Verwundungen starben, in dieser Statistik erfasst sind, ist unklar. Die Durchsicht von rund 200 Biographien gefallener Soldaten auf den Seiten ukrainischer Stadtverwaltungen hat nur einen solchen Fall ergeben.


