Großbrand nach Drohnenangriff im Hafen von Kerč am 21.6.2026
Großbrand nach Drohnenangriff im Hafen von Kerč am 21.6.2026

Halb schon Insel

Die Lage auf der Krim

Nikolay Mitrokhin, 23.6.2026

Die Ukraine greift mit Drohnen systematisch die auf die besetzte Krim führenden Verkehrswege an. Die Versorgungslage auf der Halbinsel hat sich rapide verschlechtert. Insbesondere mangelt es an Treibstoff. Aber auch die Lebensmittel werden knapp und der Strom muss immer wieder abgeschaltet werden. In ähnlicher Weise attackiert die ukrainische Armee die Nachschublinien der Besatzungsarmee im Küstenvorland des Asowschen Meers. Dahinter steckt ein strategischer Plan: Russlands Truppen zum Rückzug aus den okkupierten Gebieten zu zwingen. Auch wenn dies nicht erreicht werden sollte: Kiews Kriegsziele haben sich in den vergangenen drei Monaten verschoben. Sollte es zu neuen Verhandlungen über einen Waffenstillstand gehen, wird Kiew mehr wollen als eine Feuerpause entlang der gegenwärtigen Frontlinie.

Am 22. Juni 2026 jährte sich der Überfall des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion zum 85. Mal. Die Nachrichten auf den Seiten der russländischen Staatsmedien erinnern an die Chroniken aus dem Sommer 1941. Sie zeugen davon, dass sich die Versorgungslage auf der immer mehr zur Insel werdenden Krim rapide verschlechtert.

Seit dem 23. Juni verkehren Züge von Russland aus über die Krim-Brücke nur noch bis Kerč-Južnaja, die Weiterfahrt ist nur noch mit Bussen möglich. An der Auffahrt für den Straßenverkehr über die Brücke hatten an den Vortagen rund 600 Fahrzeuge gewartet, dann war die Zahl bis zum Abend des 22. Juni trotz mehrfachen Luftalarms auf rund 300 Fahrzeuge gesunken. Doch nach einem weiteren Luftangriff in der Nacht auf den 23. Juni musste die Brücke wegen Schäden geschlossen werden. Als sie nach sieben Stunden wieder geöffnet wurde, warteten auf beiden Seiten 1000 Fahrzeuge. Seit dem 21. Juni ist auf der Krim der Verkauf von Treibstoff aller Sorten an Privatleute verboten. Um einen unkontrollierten Zusammenbruch des Stromnetzes zu verhindern, werden immer wieder Notabschaltungen vorgenommen. In Sevastopol‘ findet kein Linienverkehr mit Booten mehr statt. In den Sommerlagern werden keine neuen Kindergruppen mehr zugelassen.

Diese und ähnliche Nachrichten sind auf den offiziellen Portalen vermischt mit lächerlichen Teilgeständnissen dieser Art: „Der Plan für die Sommersaison wird in diesem Jahr voraussichtlich nicht vollständig erfüllt werden.“ Dazu kommen wilde Spekulationen, die Mut machen sollen: Der Anfang 2023 in Ungnade gefallene Oberbefehlshaber der Heeresgruppen in der Ukraine Sergej Surovikin würde auf seinen Posten zurückkehren und für eine Wende sorgen. In vier Wochen verfüge Russland über eine neue Waffengattung, die gerade getestet werde…

Während das Publikum mit der Frage beschäftigt ist, wie es mit der Sommersaison weitergeht und ob die Touristen auf Staatskosten von der Insel evakuiert werden, stellt sich die Lage für alle, die das Gesamtbild im Blick haben, ganz anders dar. Sie ist – aus Sicht der Behörden und der russländischen Militärblogger – deutlich ernster. Es geht um viel mehr als um die von Drohnen vertriebenen Urlauber.

Folgen einer langfristigen Entwicklung

Auch russländische Militärblogger müssen zugeben, dass es auf der Krim nicht lediglich „Probleme“ gibt, sondern eine kardinale Veränderung der Lage. Sichtbar wurde dies Ende Mai, als die ersten ukrainischen Hornet-Drohnen entlang der zentralen Verkehrsachse von Kerč über Feodossija und Simferopol‘ nach Sevastopol‘ (Autobahn „Tavrida“) sowie der von Norden aus Mariupol‘ kommenden Fernstraße („Novorossija“) zu patrouillieren begannen. Doch mit den Vorbereitungen hatte die Ukraine bereits ein halbes Jahr früher begonnen.

Seit ungefähr Anfang Dezember 2025 verfügt die ukrainische Armee über eine neue Generation von Drohnen, gegen die Russland mit Luftabwehrgeschützen und den Mitteln der elektronischen Kriegsführung bislang nicht ankommt. Mit diesen setzte die Ukraine zunächst systematisch die großen Luftabwehrstellungen auf der Krim sowie in den besetzten Teilen der Gebiete Cherson und Zaporižž’ja außer Gefecht. Jede Woche wurden rund drei Dutzend Radaranlagen und Abschussrampen zerstört oder beschädigt. Bereits im März hatte das Netz der Luftabwehr bereits so große „Löcher“, dass ganze Schwärme ukrainischer Drohnen unbehelligt blieben, als sie bedeutende Ziele an der Schwarzmeer-Küste im Gebiet Krasnodar anflogen. Bereits seit einem solchen Angriff am 20. Januar dürfen auf der Krimbrücke nur noch Transportfahrzeuge mit einer Zuladekapazität von maximal 1,5 Tonnen fahren, im Eisenbahnverkehr sind Kesselwagen verboten. Ende April nahm die Zahl der erfolgreich eingesetzten Drohnen weiter zu. Ihr vorrangiges Ziel waren nun die Flugzeuge, die Russland für die Bekämpfung von Seedrohnen einsetzte, ebenso Öltanks.

Solange die Krim allerdings noch über das Festland auf Straße und Schiene versorgt werden konnte, schien die Lage beherrschbar. Im Mai erreichte die Ukraine dann jedoch mit Hilfe von Drohnen das, was ihr im Sommer und Herbst 2023 wegen des fehlgeschlagenen Vormarsches auf Tokmak nicht gelungen war: Sie kann nun sämtliche Routen, die von den besetzten Gebieten im Küstenvorland des Asowschen Meers auf die Krim führen, jeder Zeit unter Beschuss nehmen. Als erstes nahm sich die ukrainische Armee die Eisenbahnverbindungen vor, dann die Straßen. Im Laufe des Junis konnte sie dann sämtliche Brücken, die auf diesen Routen zu überqueren sind, schwer beschädigen, anschließend die parallel zu den Brücken verlegten Pontonübergänge. Als nächstes kamen die neben den beschädigten Übergängen wartenden LKW an die Reihe. Bei der Drohnenjagd auf bewegliche Ziele im Vorland der Krim und auf der Halbinsel selbst standen zunächst Tanklaster und Militärfahrzeuge im Vordergrund. Heute werden bereits sämtliche Lastkraftwagen und große PKW wie Jeeps und Pick-Ups angegriffen, die potentiell militärisch relevante Güter transportieren könnten.

Kiews Plan

Dies alles sind keine zufälligen Einzelerfolge. Es handelt sich um einen von langer Hand vorbereiteten Plan, ähnlichem jenem, der zum ukrainischen Sieg über Russlands Schwarzmeer-Flotte und deren Vertreibung in die Häfen am Ostufer des Gewässers geführt hat.

Ziel ist es, die Versorgung der Besatzungsarmee und der Bevölkerung in den okkupierten Gebieten vollständig zu unterbrechen. Besonderes Augenmerk gilt der Krim. Diese ist die verletzlichste Stelle des besetzten Gebiets, da die Zugänge schmal sind und Russland eine Bevölkerung von 2,5 Millionen Menschen sowie zahlreiche Armeeeinheiten mit Treibstoff und Lebensmitteln versorgen muss. Mit den entsprechenden Mitteln kann aus dem „unsinkbaren Flugzeugträger im Schwarzen Meer“ ein „Koffer ohne Griff“ werden. Dies hatten auch die sowjetischen Behörden 1941 schmerzhaft feststellen müssen.

Am leichtesten lässt sich der Treibstoffnachschub unterbrechen. Und wenn es keinen Treibstoff mehr gibt, kann auch die sonstige Versorgung der Halbinsel oder der im Gebiet Cherson kämpfenden Armeegruppe „Dnepr“ mit kleinen Fahrzeugen nicht mehr gewährleistet werden. Auf der Krim betrifft dies insbesondere die zahlreichen kleinen Geschäfte, die von großer Bedeutung für die Bevölkerung sind. Wenn ihre Besitzer kein Benzin mehr erhalten, können sie keine Waren mehr transportieren, und wenn regelmäßig der Strom abgeschaltet wird, verdirbt die Kühlware. Um die Kühltruhen in den Läden mit Strom aus Generatoren zu versorgen, bräuchte es Diesel, doch diesen gibt es nicht mehr im freien Verkauf.

Auch die Ernte aus den Gegenden im Inneren der Insel kann ohne Treibstoff nicht eingefahren werden. Das gleiche gilt für die besetzten Teile der Gebiete Cherson und Zaporižž’ja. Dort beginnt bald die Getreideernte, doch über die Frage, wie diese vonstattengehen soll, wird in den offiziellen Medien nicht einmal gesprochen. Selbst wenn vorausschauende Landwirtschaftsunternehmen Treibstoffvorräte für 1-2 Wochen angelegt haben, stellt sich die Frage: Wohin soll das Getreide transportiert werden? Die Silos und Elevatoren in den Häfen an der Küste des Asowschen Meers mögen noch intakt sein. Seit Anfang Juni haben ukrainische Drohnen jedoch dort fast alle Kräne und viele andere Hafenanlagen zerstört. Zudem wird es nach mehreren Angriffen auf vor Anker liegende Schiffe kaum ein Kapitän wagen, in einen dieser Häfen einzufahren.

Auch die Häfen auf der Krim werden permanent angegriffen. Am 21. Juni lief ein Tanker in den Hafen von Kerč ein, das geladene Öl sollte in das dortige Öllager gepumpt werden. Ukrainische Drohnen griffen den Tanker an, was einen 24-stündigen Großbrand auslöste. Bei der gleichen Attacke wurden auch zwei Fähren beschädigt, die zuvor Tankwagen über die Straße von Kerč gebracht hatten. Seitdem ist der Fährbetrieb eingestellt. Gut möglich, dass die russländischen Behörden in den kommenden Tagen auch den Verkehr über die Krim-Brücke einstellen müssen. Damit wäre auch der Transport von Treibstoff in Kanistern per PKW beendet.

Die Aussichten

Ändert sich die Lage nicht kardinal, werden sehr bald auf der Krim die Lebensmittel knapp. Treibstoff erhalten dann allenfalls noch die Armee und verschiedene Einsatzkräfte – falls ein Fährbetrieb von Taman‘ aus aufrecht erhalten werden kann. Auch Strom werden nach den Angriffen auf Gasspeicher Mitte Juni und den zu erwartenden weiteren Attacken auf Umspannwerke wahrscheinlich nur noch Gebäude von ganz besonderer strategischer Bedeutung erhalten.

Man kann davon ausgehen, dass auch im Küstenvorland des Asowschen Meers und in den anderen besetzten Gebieten der Treibstoff bald sehr knapp und der freie Verkauf eingestellt werden wird. Zudem haben ukrainische Drohnen in den vergangenen zwei Wochen in diesem Raum jede Nacht um die vier kleine Trafostationen zerstört, so dass damit zu rechnen ist, dass es dort bald keinen Strom mehr gibt. Auch ist davon auszugehen, dass nördlich und westlich von Melitopol‘ keinerlei LKW-Verkehr und Fahrten von Kleintransportern sowie Bussen nur noch sehr eingeschränkt möglich sein werden. Dies wird massive Auswirkungen auf die Versorgung der Armeegruppen „Dnepr“ im Gebiet Cherson und „Vostok“ im Gebiet Zaporižž’ja haben.

Nachschubprobleme dieser beiden Armeegruppen sind bislang noch nicht deutlich erkennbar, denn Russlands Militärlogistiker haben auf allen Ebenen große und kleine Lager angelegt. Dies war eine Reaktion auf die unstete Versorgung sowie die Zerstörung vieler Dutzender Lager durch ukrainische Drohnen und Raketen. Viele dieser Lager wurden unter Tage verlegt, denn insbesondere in Gegenden entlang des Dnipro werden die russländischen Stellungen seit drei Jahren kontinuierlich angegriffen. Heute befinden sich dort Dutzende Kilometer unterirdischer Autotunnel, unterirdische Lager und Kommandostellungen.

Gleichwohl: Die Armeegruppen „Dnepr“ und „Vostok“ bestehen zusammen aus 100 000 Mann. Diese müssen trinken und essen. Ohne permanenten Nachschub von Wasser und Lebensmitteln gehen die Vorräte in zwei oder drei Monaten zu Ende. Dann kann aus einem großen taktischen Erfolg der Ukraine ein strategischer Sieg werden.

Die Aussichten auf eine strategische Niederlage Russlands

Russlands Staatsführung ist sich selbstverständlich der geschilderten Lage bewusst, lässt dies jedoch mit keiner Silbe erkennen. Entsprechend äußert sie sich nicht dazu, wie sie diese zu ändern gedenkt. Findet Moskau kein Mittel, kann sich die Lage an der Front in den nächsten Monaten kardinal zu Gunsten der Ukraine ändern, ohne dass deren Armee eine große Offensive einleitet.

Schon jetzt gibt es erste Hinweise, dass die Besatzungsarmee Truppen von Frontabschnitten abzieht, die besonders schwierig zu versorgen sind. Dies gilt für die Einheiten auf der Kinburg-Halbinsel, die im Dnipro-Delta vom linken Ufer aus weit in das Schwarze Meer hineinreicht. Von dort können russländische Soldaten bislang alle Schiffe beschießen, die auf dem Weg von den oder in die Häfen Cherson, Mykolajiv und Očakiv sind. Auch die Inseln im Dnipro-Delta muss die Besatzungsarmee wohl bald räumen, sollte der Nachschub weiter ausbleiben. Eine weitere zu erwartende Maßnahme ist die (Teil)Verlagerung des Stabquartiers der Schwarzmeer-Flotte von Sevastopol‘ nach Novorossijsk.

Russlands Armeeführung auf der Krim fürchtet auch ukrainische Landungsoperationen. An den Stränden im Westen der Halbinsel patrouillieren Soldaten und errichten Stellungen. Doch dies sind wohl übertriebene Sorgen. Für solche Operationen fehlen der Ukraine die Mittel. Viel leichter könnten ukrainische Soldaten über das Festland auf die Insel gelangen, nachdem zuvor die Besatzer in ähnlicher Weise zum Abzug gezwungen worden sind, wie dies im Herbst 2022 am linken Ufer des Dnipro im Gebiet Cherson geschehen ist.

Diese Entwicklung hat Folgen für die Kriegsziele der Ukraine. Bei den letzten Gesprächen über eine Feuerpause Anfang Mai, die noch von US-Präsident Trump vermittelt worden waren, dann aber scheiterten, war Kiew noch mit einem Waffenstillstand entlang der aktuellen Frontlinie einverstanden. Mittlerweile stellt sich aber die Frage, ob die Ukraine möglicherweise besetzte Gebiete wiedererlangen kann. Momentan scheint der Kreml der Ukraine nur noch mit zwei großen Luftangriffen pro Monat drohen zu können. Kiew hat hingegen die Aussicht, einen Abzug der Besatzungstruppen und eine Wiedergewinnung der Steppengebiete im Südosten des Landes einschließlich der Krim zu erlangen. Selbst wenn die Kriegsparteien einen Teilwaffenstillstand vereinbaren sollten, in dem sie sich auf die Einstellung der wechselseitigen Luftangriffe auf die Energie- und Eisenbahninfrastruktur einigen, wird die Ukraine weiter mit Drohnen Jagd auf LKW des Gegners in den besetzten Gebieten und in den angrenzenden Regionen Russlands machen. Kommt es zu neuen Verhandlungsrunden, werden diese daher auf ganz anderer Basis stattfinden.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State (https://t.me/DeepStateUA/19452) – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.