Verzettelt und verrannt

Russlands Krieg gegen die Ukraine: Juli 2026

Nikolay Mitrokhin, 30.7.2026

Ein technologischer Durchbruch hatte der Ukraine im Juni die Chance auf einen strategischen Erfolg an der Südfront eröffnet. Diese Chance hat sie im Juli vergeben. Nicht zuletzt der Konflikt zwischen der politischen und der militärischen Führung hat dazu geführt, dass die Drohnenangriffe auf zu viele verschiedene Ziele verteilt wurden. Russland kann die Besatzungstruppen im Süden der Ukraine wieder versorgen. Das Offensivpotential der Okkupationsarmee ist allerdings nahezu erschöpft. Möglicherweise wird Moskau bald neue Reservisten einberufen. Die Ukraine hofft, aus den verbesserten Beziehungen zu den USA Vorteile ziehen zu können.

Die Ukraine hat im Juli die strategische Initiative behalten, die Chance auf einen raschen Sieg an den südlichen Frontabschnitten in den Gebieten Dnipro und Zaporižžja jedoch verpasst. Diese hatte sich eröffnet, nachdem die ukrainische Armee die Besatzungstruppen im Verlaufe des Juni an den Rand eines logistischen Kollaps gebracht hatte. Statt dies zu nutzen, hat sie sich jedoch auf neue Ziele konzentriert. Grund für den taktischen Schwenk war möglicherweise der schwere Konflikt zwischen dem Verteidigungsminister und dem Oberkommandierenden der Armee, der damit endete, dass beide ihren Posten verloren. Zudem gab es weitere Umbildungen in der Regierung, eine Strukturreform der Streifkräfte ist angekündigt.

Woche für Woche nehmen sich die ukrainischen Streitkräfte einen neuen Sektor der russländischen Wirtschaft vor, um diesen mit Luftangriffen lahmzulegen. Auf die Lähmung der gesamten Wirtschaftstätigkeit einschließlich der Energieversorgung auf der Krim folgten systematische Schläge gegen die kommerzielle Schifffahrt auf dem Asowschen und dem Schwarzen Meer, dann Angriffe auf Lager des Online-Händlers Wildberries in mehreren Regionen des europäischen Russland. Gleichzeitig haben die systematischen Luftangriffe es der Ukraine ermöglicht, das Interesse des US-Präsidenten und der MAGA-Bewegung zu wecken. Am Boden ist das Kräfteverhältnis weiter ausgeglichen. Russlands Sommeroffensive ist an nahezu allen Frontabschnitten steckengeblieben. Nur an einem einzigen Frontabschnitt im Gebiet Charkiv haben die Besatzer eine gefährliche Situation für die Ukraine geschaffen.

Ein neuer Blick auf den Krieg in den USA

Als US-Präsident Donald Trump im Januar 2025 seine zweite Amtszeit antrat, hielt er die Sache der Ukraine für verloren und entzog ihr weitgehend die Unterstützung. Die überwältigenden ukrainischen Erfolge der letzten Monate im Luftkrieg, die auf rasche Fortschritte bei der Drohnen- und Raketentechnik zurückzuführen sind, haben – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Erfolglosigkeit der USA im Krieg gegen den Iran – zu einem Stimmungswechsel in Washington geführt. Die Beziehung zwischen Zelens’kyj und Trump, die im Frühjahr 2025 auf einem Tiefpunkt war, hat sich deutlich verbessert. Auch wichtige Sprecher der MAGA-Bewegung, die einst jeden Dollar für die Ukraine als Verschwendung betrachteten und von dem Land wie von einem Feind der USA sprachen, haben ihre Haltung verändert. Russlands massive Luftangriffe mit Raketen und Marschflugkörpern auf das wegen des Mangels an Patriot-Abwehrraketen schlechter als einst geschützte Kiew haben den Stimmungsumschwung nicht verhindert, sondern befördert. Und auch der Tod des US-Senators Lindsey Graham – vormals einer der wichtigsten Fürsprecher der Ukraine in den Reihen der Republikanischen Partei – hat die Verabschiedung der Gesetze, für die er sich zu Gunsten der Ukraine eingesetzt hatte, nicht unwahrscheinlicher, sondern wahrscheinlicher gemacht.

Entscheidend ist, dass die amerikanische Führung nun offenbar die Möglichkeit einer Beendigung des Kriegs durch eine Niederlage Russlands sieht – nicht auf dem Schlachtfeld, aber durch einen Niedergang der Volkswirtschaft infolge der ukrainischen Luftkriegsführung. Der Besuch von Volodymyr Zelens’kyj in Washington am 28.7.2026 – anderthalb Jahre nach dem Eklat Ende Februar 2025 – verlief zur vollen Zufriedenheit des ukrainischen Präsidenten.

Selbst die ukrainischen Drohnenangriffe auf Tanker, die in Kasachstan von US-Firmen gefördertes Öl aus Novorossijsk über das Schwarze Meer transportierten, riefen keine nennenswerte negative Reaktion in den USA hervor. Kasachstans Präsident Kasym-Žomart Tokaev, der sich lange nicht mehr zugunsten der Ukraine geäußert hatte, rief bei einem Treffen mit Putin in Omsk in einem Eröffnungsstatement öffentlich dazu auf, über die Ziele des Kriegs nachzudenken, die in Kasachstan nicht verstanden würden. Zu seiner Beendigung schlug er eine Vermittlung durch US-Präsident Trump vor. Aus Russland kommen dazu „gemischte Signale“. Mitte Juli beschworen Personen aus dem engeren Kreis um Putin, insbesondere Außenminister Sergej Lavrov, erneut mehrfach den „Geist von Anchorage“. Ziel war es, eine Rückkehr zu den Ausgangspositionen der Gespräche in Alaska zwischen Trump und Putin über den Krieg im August 2025 zu beschwören. Doch Lavrovs Treffen mit US-Außenminister Marco Rubio in Manila am 23. Juli endete ergebnislos. Die Vorstellung, die Ukraine solle ihre Armee aus dem noch unter ihrer Kontrolle stehenden Teil des Donbass abziehen, ist tot. In Omsk sprach Tokaev von einem „Istanbul-2.0“. Zu lesen ist die Formel als: „Waffenstillstand entlang der gegenwärtigen Frontlinie“. Doch Putin will sich von dem Kriegsziel einer kompletten Einnahme des Donbass bislang nicht verabschieden. Davon zeugen nicht zuletzt seine aggressiven Äußerungen bei einem Treffen mit Marineoffizieren am 26. Juli.

Der Konflikt in der ukrainischen Militärführung

Am 16. Juli entließ der ukrainische Präsident den seit Januar amtierenden Verteidigungsminister Mychajlo Fedorov. Die Gründe, die Zelens’kyj anführte, überzeugten viele Bürger nicht. Er erklärte die Entlassung zum einen mit dem Scheitern des Umbaus der Regionalen Wehrbehörden. Darüber, dass es hier dringenden Handlungsbedarf gibt, herrscht Konsens zwischen der Militärführung und der politischen Führung des Landes. Einige Parlamentsabgeordnete kritisieren immer wieder die Zwangsrekrutierung durch die Armee, und der Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Ljubinec – der im Frühjahr plötzlich an Statur gewann oder das Recht erhielt, sich zu den Rekrutierungspraktiken zu äußern – veröffentlicht mindestens einmal in der Woche einen neuen Fall massiver Menschenrechtsverletzungen durch Mitarbeiter der Wehrbehörde. Fedorov hat tatsächlich in diesem Bereich nichts erreicht und offenbar auch keine andere Ideen, als die Verantwortung für das Wehrregister und das Versenden der Einberufungsbescheide der Armee zu übertragen und die Suche nach Männern, die sich der Einberufung entziehen, in die Hand des Innenministeriums zu legen – das die Aufgabe sofort ablehnte.

Zum anderen sprach Zelens’kyj von einem Konflikt zwischen Fedorov und Armeechef Oleksandr Syrskyj über die Beschaffung neuer Waffen und – wie der Präsident am 27. Juli nachträglich hinzufügte – über Optionen zur Verbesserung der Luftverteidigung angesichts des empfindlichen Mangels an Patriot-Raketen. Tatsächlich kann man sich gut vorstellen, dass der auf modernste Technologie setzende Fedorov sich dafür einsetzte, vor allem auf Raketenabwehr spezialisierte Drohnen zu entwickeln und Cyber-Truppen aufzubauen. Ihm ist es teilweise gelungen, Lücken bei der Beschaffung zu schließen, die ein „klassischer“ General wie Syrskyj wegen anderer Prioritäten jahrelang ignoriert hatte. So schrieb Fedorov erstmals einen Auftrag für die Beschaffung von Geländewagen aus. Solche hatte die Armee zuvor nur dann erhalten, wenn Tüftler alte Fahrzeuge reparierten oder Spender ihr neue Wagen übergaben. Dies bedeutete im Umkehrschluss aber auch, dass etwa großkalibrige Artilleriegeschütze für Fedorov keine Priorität besaßen, obwohl die Armee solche ebenfalls benötigt.

Auch abweichende Ansichten zu den am dringendsten benötigten Drohnentypen können Ursache eines schweren Konflikts zwischen Fedorov und Syrskyj gewesen sein. Diese Differenzen könnten allerdings auch darin begründet gewesen sein, dass hinter jeder Drohnengattung ein bestimmter Hersteller steht, der einen Anteil an den Dutzenden Milliarden Euro erhält, die für die Beschaffung ausgegeben werden. Dann ginge es nicht nur um strategische Fragen, sondern auch um Geschäftsinteressen und möglicherweise auch um Korruption. Der Skandal um den Zelens’kyj-Vertrauten Timur Mindič im Jahr 2025 hatte gezeigt, dass es sehr wahrscheinlich korruptionsanfällige Verbindungen zwischen dem engsten Kreis um den Präsidenten und dem Unternehmen Firepoint, dem größten ukrainischen Produzenten von Drohnen und Raketen, gibt.

Die Entlassung Fedorovs stieß jedoch auf großen öffentlichen Widerstand, der nicht zuletzt damit zu tun hatte, dass sein Widersacher Syrskyj sehr unbeliebt ist. Ihm wird die Verantwortung für den vermeidbaren Tod zahlreicher Soldaten zugeschrieben und auch die jüngst ans Licht gekommenen schweren Menschenrechtsverletzungen im Sturmregiment „Skelja“ lasten auf Syrskyj. Nach heftigen Protesten in allen großen ukrainischen Städten, bei denen eine Wiedereinsetzung Fedorovs und eine Entlassung Syrskyjs gefordert wurden, sah sich Zelens’kyj gezwungen, den Armeechef und den Chef des Generalstabs Andrij Hnatov ihrer Posten zu entheben. Nach einer Woche intensiver Gespräche mit der Armeevertretern ernannte der Präsident den in Armee und Gesellschaft beliebten 41-jährigen Mychajlo Drapatyj, der zuvor im Generalstab das Kommando der vereinten Kräfte geleitet hatte, zum neuen Armeechef. Drapatyj ist Vertreter einer neuen Generation, deren politische und militärische Sozialisation bereits in die Zeit nach der Auflösung der Sowjetunion fiel. Neuer geschäftsführender Verteidigungsminister ist mit Evhenij Chmara erneut ein Spezialist für den Drohnenkrieg. Vor seiner Ernennung hatte er sechs Monate dem Inlandsgeheimdienst SBU geschäftsführend vorgestanden, davor jahrelang dessen Spezialeinheit A geleitet. Fedorov fordert weiter, wieder in sein Amt eingesetzt zu werden, und demonstriert so, dass er Ambitionen auf das Amt des Präsidenten hat.

Strategischer Vorstoß der Ukraine an der Südfront gescheitert

Der Konflikt in der ukrainischen militärischen und politischen Führung hat zu weitreichenderen Konsequenzen als nur zu einer Personalrochade in der Hauptstadt geführt. Die Vorbereitungen auf eine ukrainische Gegenoffensive im Süden des Landes, die mit einer konzertierten strategischen Luft- und Seekriegsführung ab Mai begonnen wurden und bis Anfang Juli zu erheblichen Erfolgen geführt hatten, werden seit Beginn des Konflikts weit weniger konsequent fortgeführt. Seit Mitte Juli ist kein einheitliches strategisches Vorgehen mehr erkennbar, die Angriffe sind nicht mehr aufeinander abgestimmt und haben sich teils auf andere Kriegsschauplätze verlagert.

Drei Ergebnisse hat der Gesamtplan dennoch gebracht: Die Sommersaison für den Tourismus auf der Krim ist ausgefallen, der Schiffsverkehr im Asowschen Meer und auf dem südlichen Don wurde eine Zeit lang unterbrochen und die Energieinfrastruktur auf der Krim schwer beschädigt. Rund drei Viertel der Umspannwerke wurden Ziel von Angriffen, was zu einem vollständigen Zusammenbruch der Stromversorgung im Norden und Westen der Halbinsel und zu massiven Problemen in allen übrigen Regionen führte.

Das ist nicht wenig – aber jener strategische Sieg der Ukraine an der Südfront, der sich Ende Juni abzuzeichnen schien, ist in weite Ferne gerückt. Wäre es der Ukraine gelungen, die Kontrolle über die wichtigsten Straßen im Süden des besetzten Gebiets aufrecht zu erhalten und weiter alle Lastkraftwagen anzugreifen, hätte sie die Krim sowie die besetzten Teile der Gebiete Cherson und Zaporižžja vollständig von der Versorgung abschneiden können. Die Angriffe mit „Hornet“-Drohnen und ähnlichen unbemannten Systemen wurden jedoch weiter nach Osten verlegt. Ab der ersten Juliwoche wurden zunächst vor allem Schiffe im Asowschen Meer und in der Straße von Kertsch attackiert, dann sogar Schiffe, die aus Häfen im Bezirk Krasnodar ausliefen. Offenbar hat die Ukraine auch einen nicht unerheblichen Teil der Drohnenkommandos in den Norden des Landes verlegt, von wo sie Logistik- und Treibstoffinfrastruktur in den an die Ukraine grenzenden Gebieten Belgorod und Kursk angreifen, die das Aufmarschgebiet für Russlands Angriff auf die ukrainische Gebietshauptstadt Sumy und den im Nordosten des Gebiets Charkiv gelegenen Kreis Velykyj Burluk sind. Möglicherweise war auch der Einsatzort der Drohnenkommandos einer der Streitpunkte zwischen Fedorov und Syrskyj.

Anstelle eines konzertierten Angriffs an einem Kriegsschauplatz werden auf diese Weise wie im Sommer 2023 die erfolgreichsten Einheiten über mehrere Einsatzgebiete verteilt. Dies hat es den russländischen Behörden erlaubt, den Lastwagenverkehr auf den Autobahnen „Novorossija“ und „Tavrida“ wieder freizugeben, da zusätzlich eingesetzte, mit Drohnen-Interzeptoren vom Typ „Elka“ ausgerüstete mobile Trupps den Kampf gegen die in kleinerer Zahl anfliegenden ukrainischen Drohnen mit größerem Erfolg führen. Zwar greift die Ukraine diese Trupps an, doch mittlerweile können in Begleitung solcher Trupps selbst Tankwagen wieder die Fahrt über die beiden Fernstraßen wagen. Selbst die östliche der beiden auf die Krim führenden Landbrücken, wo bei Čonhar LKWs zu Kolonnen zusammengeführt werden, bevor sie Zufahrt auf die Halbinsel erhalten, wird nicht mehr systematisch angegriffen. Zufällige Angriffe führen nicht zur Einstellung des Verkehrs, sondern nur zu Risikoprämien für die Fahrer, die gegen den Zuverdienst nichts einzuwenden haben. Am 20. Juli behauptete der Leiter der Besatzungsverwaltung Evgenij Balackij sogar bei einem Treffen mit Putin, die Autobahn „Tavrida“ stünde wieder „vollständig unter Kontrolle“. Das war selbstverständlich gelogen, die Angriffe gehen weiter. Fest steht aber, dass dort wieder Lastwagen fahren.

Bei Angriffen auf Kraftwerke und Umspannwerke auf der Krim und in den besetzten Gebieten wurden bis zum 27.7. 154 Objekte getroffen, davon rund 90 auf der Krim. Von einer Versorgung der Krim wie vor Beginn der Angriffswelle kann keine Rede sein, doch hin und wieder gibt es an den Tankstellen Kraftstoff zumindest für Einsatzfahrzeuge und Stromgeneratoren. Das Lebensmittelangebot ist stark eingeschränkt, aber das Nötigste findet sich in den Läden. Die Stromversorgung ist weitgehend lahmgelegt, nur in Sevastopol‘ konnte sie wieder hergestellt werden, seit Mitte der vorletzten Juliwoche fahren wieder Oberleitungsbusse.

Nur die unmittelbar am linken Ufer des Dnipro gelegenen Gegenden des besetzten Gebiets sind nahezu komplett abgeschnitten. Dies gilt etwa für die AKW-Stadt Enerhodar südlich von Zaporižžja. Fahrten in die Stadt hinein und aus ihr hinaus sind lebensgefährlich. Nicht anders ist die Lage im weiter südlich gelegenen Olešky.

Am 15. Juli starb etwa der Hauptingenieur des besetzten AKW Zaporižžja, dessen sechs Blöcke seit 2022 heruntergefahren sind, zusammen mit seinem Fahrer bei einem ukrainischen Drohnenangriff. Nach Angaben russländischer Militärblogger würden die in Enerhodar stationierten Moskauer Truppen sich auf dem Gelände des AKW aufhalten und die ihnen verbliebenen Fahrzeuge und Munitionsvorräte in Gebäuden unterbringen, die Drohnenangriffen standhalten. Sie gingen davon aus, dass ukrainische Einheiten sich bereits zwei Kilometer westlich von Enerhodar nahe des Dnipro am Grund des einstigen Kachovka-Stausees befänden und bald im Stadtgebiet von Enerhodar auftauchen würden. Aufklärungstrupps würden bereits jetzt versuchen, in die Stadt vorzudringen.

Weitere ukrainische Luftoperationen

Die ukrainische Armee und Einheiten des Geheimdiensts SBU haben im Juli neben den genannten beiden Luftkampagnen in den besetzten Gebieten sechs weitere große Luftoperationen unterschiedlicher Dauer durchgeführt. Ziele waren:

Daneben griff die Ukraine zahlreiche weitere Ziele an, die nicht in eine der genannten Kategorien fallen. So attackierte sie einzelne Rüstungsunternehmen oder mehrere Handelsschiffe im Kaspischen Meer. Einer der Angriffe galt einem iranischen Schiff, was zu wüsten Drohungen aus Teheran in Richtung der Ukraine führte.

Der russländische Militärkanal Dva majora resümiert die Ergebnisse der ukrainischen Luftoperationen in spezifischer, auch an die Moskauer Führung gerichteter Manier so:

„Die Benzinkrise, die logistischen Probleme in Neurussland und jetzt auch die brennenden Lagerhallen haben die Erfolge von Russlands Armee an der Front aus den Medien und dem Gesichtsfeld der westlichen Geldgeber Kiews verdrängt. Und der Bevölkerung, die kein Benzin mehr für ihr Auto hat, ist es im Großen und Ganzen egal, ob Konstantinovka vollständig eingenommen wurde. Die Voraussetzungen, die der politischen Strategie zugrunde lagen, ein Russland im Krieg und ein Russland im Frieden zu unterscheiden, sind nicht mehr gegeben. Selbst apolitische Bürger, denen der Krieg fern ist, beginnen jetzt die Belastungen und die Entbehrungen der Kriegszeit zu spüren.“

Faktisch muss man jedoch festhalten, dass die Luftoperationen sich für den Augenblick lediglich auf die Einschätzungen der US-Führung zu einem möglichen Ende des Kriegs ausgewirkt haben. Die militärische Lage selbst haben sie nicht wesentlich verändert. Die Ukraine hat das Momentum, als sie im Juni plötzlich technologisch überlegen war, nicht genutzt. Statt sich auf ein erreichbares Ziel zu konzentrieren, hat sie sich mit dem Angriff auf zu viele unterschiedliche Ziele verzettelt.

Die Lage an der Front

Russlands Offensivpotenzial ist seit langem erschöpft. Dies hat sich im Juli bestätigt. Nirgendwo konnte die Besatzungsarmee die ukrainischen Verteidiger in Gefahr bringen. Einzige Ausnahme ist der kleine Frontabschnitt bei Velykyj Burluk im Nordosten des Gebiets Charkiv. Dort rückten die Okkupationstruppen von Vovčans’k kommend in südliche und südöstliche Richtung vor und nahmen mehrere Ortschaften ein. Dies würde für sich genommen noch keine große Gefahr darstellen. Allerdings ist damit der große Korridor zwischen diesen Truppen und den Einheiten der Besatzungsarmee nördlich von Kupjans’k schmaler geworden. Durch diesen nun nur noch rund 50 Kilometer breiten Streifen versorgt die Ukraine ihre Truppen, die den Nordosten des Gebiets Charkiv verteidigen, wo sich rund 200 Ortschaften befinden. Der gesamte Korridor liegt nun in der Reichweite der per Glasfaserkabel gesteuerten FPV-Drohnen der Besatzungsarmee. Dies schränkt die Bewegungsfreiheit sowohl für Zivilisten als auch für die ukrainischen Soldaten ein, darunter auch jene der Teilstreitkräfte Unbemannte Systeme, die bislang diese Gegend im äußersten Nordosten des Landes oft für den Start von Langstreckendrohnen nutzen. Sollten sie die Drohnen nun 50 Kilometer weiter westlich in der östlichen Peripherie von Charkiv starten müssen, würde dies angesichts der immer größeren Reichweite ihrer Waffen für die Angriffe auf Ziele in Russland kein Problem darstellen. Viel ernsthafter ist die Gefahr einer Einkesselung für die Soldaten der Streitkräfte und der Nationalgarde, die diesen Raum verteidigen, sowie für die Menschen in dieser vergleichsweise dicht besiedelten Gegend. Sollte dieses Gebiet tatsächlich im Laufe der kommenden Monate verloren gehen, wäre dies ein großes politisches Problem für die ukrainische Führung. Es ist daher zu erwarten, dass sie in den kommenden Wochen mehr Truppen in diesen Raum verlegen wird, um die Besatzer zurückzudrängen. Bislang hat die ukrainische Armee allerdings nur die Drohnenangriffe auf den Lastverkehr im angrenzenden russländischen Gebiet Belgorod intensiviert.

An allen anderen Frontabschnitten findet keinerlei Bewegung mehr statt – auch nicht bei Lyman, Slovjans’k, Kramators’k und Kostjantynivka, wo die Okkupationstruppen im Mai und Juni kleine, weitgehend unbemerkte Geländegewinne gemacht hatten. Dies ist umso bemerkenswerter, als Russland für Sturmangriffe im Vergleich zum Mai rund 20 Prozent mehr Soldaten einsetzte und bei Dobropillja erstmals seit langem wieder einen Vorstoß mit einer Kolonne gepanzerter Fahrzeuge unternahm, den die Ukraine um den 20. Juli unterband. Besonders deutlich zeigt sich die Erschöpfung des Offensivpotenzials am Beispiel der Ortschaft Roj-Aleksandrivka. Diese hatten die Besatzer nach eigenen Angaben bereits Mitte Mai bei ihrem Vormarsch in Richtung Slovjans’k zur Hälfte eingenommen. Seitdem hat sich nichts geändert. Ebenso stellt sich die Lage in Lyman dar, um das seit drei Monaten gekämpft wird.

Etwas unklarer ist die Situation in Kostjantynivka. Nach ukrainischen Angaben stehen die russländischen Truppen immer noch vor der Stadt, lediglich im Südosten seien sie auf das Stadtgebiet vorgedrungen. Nach russländischen Angaben habe die Armee die Stadt bis auf ein Viertel im Nordwesten und „vereinzelte Trupps in einigen Kellern“ unter Kontrolle. Da keine der beiden Seiten Bilder aus der Stadt vorlegt, die die eigene sichere Präsenz belegen, kann man davon ausgehen, dass die Kämpfe um das Stadtzentrum anhalten.

Ändern könnte sich die Lage an der Front, wenn Russland nach den Duma-Wahlen im September mit einer zweiten Einberufungswelle nach jener vom Herbst 2022 neue Soldaten rekrutiert und dann im Gebiet Černihiv eine neue Front eröffnet. Die ukrainische Führung fürchtet dies seit längerem und die Vermutung liegt auch nahe. Konkrete Hinweise gibt es jedoch bislang nicht.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.