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Z-niks und Militärblogger

Russlands unzivile Netzgesellschaft

Nikolay Mitrokhin, 15.6.2026

Im Frühjahr 2026 rollte eine Welle der Kremlkritik durch Russlands unzivile Netzgesellschaft. Viele der zuvor scheinbar eindeutig kremltreuen sogenannten Z-Blogger, deren Kanäle oft mehr als Hunderttausend, in einigen Fällen mehr als eine Million Abonnenten haben, taten sich mit scharfer Kritik an der Lage in Russland hervor. Betätigten sie sich einst als Verstärker aller Äußerungen der politischen Führung, so forderten nun viele, dass der Krieg gegen die Ukraine nicht in seiner gegenwärtigen Form weitergeführt werden dürfe. Das Regime reagierte zunächst mit einigen Zugeständnissen, um dann in üblicher Weise mit Repressionen gegen einige Wortführer des Internet-Aufstands vorzugehen. Dies hat die Anti-Putin-Aktivitäten dieses Milieus vorerst stark verringert. Doch der Konflikt schwelt weiter.

Die Z-Blogosphäre

Die Pro-Putin-Aktivisten in den sozialen Medien erscheinen von außen betrachtet häufig als eine homogene Masse, die aus dem Kreml oder der Lubjanka, dem Sitz des Geheimdienstes FSB gesteuert wird. Tatsächlich verteilt die Präsidialadministration großzügig Geld an verschiedene Betreiber von Propagandakanälen. So erhalten viele Linientreue monatlich feste Zuwendungen, um die Loyalität zum Kreml zu festigen. Für spezielle Kampagnen gibt es Extrazahlungen. Betrachtet man die Kanäle jedoch genauer und fragt nach der thematischen Ausrichtung und dem politischen Werdegang der Z-Blogger, so zeigt sich, dass mindestens vier große Gruppen zu unterscheiden sind.

„Patrioten“

Diese Blogger pflegen eine putintreue politische Symbolik. Sie sind seit vielen Jahren Anhänger des Kults um den „großen Sieg“ im Großen Vaterländischen Krieg, unterstützen „unsere Jungs“ an der Front, empören sich über ukrainische Angriffe auf Belgorod, sammeln „humanitäre Hilfe“ für russländische Soldaten und Zivilisten in frontnahen besetzten Gebieten und treten bei Konzerten auf der Krim oder sogar im Donbass auf.

Gleichwohl sind dies nicht ihre zentralen Themen. Dergleichen taucht nur hin und wieder zwischen Lifestyle-, Kosmetik- oder Finanztipps auf. Der Patriotismus dieser Patrioten ist oft so ungelenk, dass „echte Patrioten“ sich darüber lustig machen.

Ein typisches Beispiel sind die zahlreichen Schlagersänger und Sternchen des Showbusiness, die sich früher im Orbit des Superstars Alla Pugačeva bewegten und sich heute um ihren Ex-Mann scharen – den „König“ der russischen Pop- und Queerszene Filipp Kirjukov sowie dessen Protegée, die Sängerin Ol’ga Buzova, der auf Instagram 23,3 Millionen Menschen folgen. Sie waren die Ausrichter jener apolitischen, de facto aber dem Neopuritanismus der Machthaber zuwiderlaufenden Nacktparty im Moskauer Club Mutabor im Dezember 2023, für die sie sich scharfe Kritik von Seiten der echten Z-Blogger einhandelten. Der Club wurde geschlossen, einige Teilnehmer erhielten ein Konzertverbot, manche verließen das Land. Die Kampagne gegen jene, die, wie es Kirjukov bei einem öffentlichen Reuebekenntnis ausdrückte „durch die falsche Tür gegangen sind“, hat neue Standards für das öffentliche Verhalten der Moskauer Bohème gesetzt. Selbst „Megastars“ sehen sich seitdem gezwungen, für „Verfehlungen“ öffentlich Abbitte zu leisten und demonstrativ die Rituale des Kriegskults zu befolgen und die Besatzungspolitik gutzuheißen. Doch obwohl diese Bohème nun „Flagge zeigt“, gelingt es ihr weiterhin nicht, sich reibungslos in das neue ideologische Paradigma einzufügen. Am 9. Mai nahmen Kirjukov und ein Teil seiner Entourage an einer Siegesparty teil, wurden daraufhin jedoch wegen ihrer lächerlichen Kriegskostüme scharf kritisiert.

Z-Blogger

Bei diesen „wahren Patrioten“ handelt es sich um professionelle Propagandisten. Ihre Themen sind der Krieg, die Schmähung der Ukraine, des „kollektiven Westens“ sowie kritischer Stimmen in Russland und in der Emigration. Häufig haben sie feste Stellen bei staatlichen oder staatsnahen Medien, staatsfinanzierten gesellschaftlichen Organisationen oder staatlichen Behörden. Sie sind in hohem Maße von staatlicher Finanzierung oder dem Zugang zu staatlichen Medien abhängig, fürchten daher Fehler und warten daher erst ab, welche Linie der Kreml ausgibt, bevor sie auf aktuelle Ereignisse reagieren. Dies führt dazu, dass ihre Reichweite begrenzt ist. Das Publikum erwartet letzten Endes doch mehr als das bloße Skandieren patriotischer Parolen. Daher lavieren diese echten Z-Blogger stets zwischen dem Versuch, ihr Publikum zu wahren und dem Bemühen, alles zu vermeiden, womit sie sich Ärger einhandeln könnten.

Viele dieser Z-Blogger arbeiteten in den 2000er Jahren für liberale Medien. Sie können daher stets verdächtigt werden, unaufrichtig zu sein oder, falls sie einmal Kritik an der politischen Führung äußern, eine „Rückkehr in die 1990er Jahre“ zu planen. Ein Beispiel ist Sergej Markov, ein bekannter Fernseh-Kommentator und aktiver Blogger, der häufig von Internetmedien zitiert wird. Er arbeitete in den 1990er Jahren bei einem Institut der US-amerikanischen National Endowment for Democracy und bei Carnegie Moskau. Im August 2025 erklärte ihn das russländische Justizministerium wegen seiner Kontakte zur Führung Aserbaidschans zum „ausländischen Agenten“.

Die einflussreichsten Personen dieser Gruppe sind Putins Lieblingspropagandist, der Fernsehmoderator Vladimir Solov’ev, die Chefredakteurin des staatlichen Medienunternehmens Russia Today Margarita Simonjan und der stellvertretende Vorsitzende der staatlichen Rundfunkgesellschaft VGTRK Evgenij Poddubnyj, ein Fernsehjournalist mit Erfahrung als Kriegsberichterstatter, der im August 2024 bei einem Aufenthalt an der Front verletzt wurde und seitdem mit Auszeichnungen überhäuft wird.

Vladimir Solov'ev ist faktisch Leiter einer Holding aus Sendeformaten und Internetmedien, die alle den Krieg propagieren. Seine wichtigste Sendung ist der auf Rossija-1, einem Kanal der Gesellschaft VGTRK, ausgestrahlte „Abend mit Vladimir Solov’ev“. Dazu kommt sein eigener Fernsehsender „Solov’ev LIVE“, der staatlich finanziert wird und kurz nach dem Überfall auf die Ukraine auf der vormaligen Frequenz des aus Russland herausgedrängten Senders Euronews zu senden begann.

Im Umfeld dieses Sender ist in den letzten fünf Jahren eine eigene„Schule“ von Moderatoren, Bloggern und Helfern entstanden, die mit höchster Aggressivität gegenüber „Feinden“ bei gleichzeitiger Hyperloyalität gegenüber dem Kreml agiert und gerne als „Wachhunde“ (ochranota) bezeichnet wird.

Sie reden tagein tagaus mit Schaum vor dem Mund über den Krieg, drohen der Ukraine und dem Westen. Sie agieren als eigenmächtige Zensoren, die faktisch im Namen der Kremladministration entscheiden, welche anderen Z-Blogger weiter in der Gunst stehen und welche an den Pranger gestellt werden. Diese „wahren Patrioten“ stehen in Konflikt sowohl mit den einfachen „Patrioten“ als auch mit den „Militärbloggern“ (voenkory, s.u.).

In einer etwas anderen Rolle tritt Margarita Simonjan auf. Sie gibt sich als verständige und verantwortungsvolle „sanfte Kraft“ des Kreml und tritt im Ausland quasi in dessen Namen auf. Für das russische Publikum gibt sie vor, Humanität zu verkörpern, etwa wenn sie sich gelegentlich für kleine Leute einsetzt, die von regionalen Behörden bedrängt werden. Gleichzeitig tritt sie auch immer wieder als Stellvertreterin des „geliebten Anführers“ Putin aggressiv auf.

Für die „Militärblogger“ erfüllt sie die Funktion der guten Mutter, indem sie den bekanntesten unter ihnen eine Anstellung im weitverzweigten Netz ihrer Holding verschafft. Dies gilt etwa für den RT-Propagandisten Aleksandr Charčenko, Co-Host des vielgelesenen Telegram-Kanals „Zeugen Bayraktars“ (Svideteli Bajraktara). Einige besonders radikale Z-Blogger wurden allerdings Ende 2023 aus der Holding entfernt, so etwa die russischen Nationalisten Egor Cholmogorov und Dmitrij Ol’šanskij. Seitdem treten sie besonders radikal auf und kritisieren den Kreml wegen einem angeblich zu nachsichtigen Vorgehen in der Ukraine heftig.

Vertreter der „Kreml-Zivilgesellschaft“

Die Vertreter der „Kreml-Zivilgesellschaft“ unterstützen insbesondere die ideologischen Kampagnen der Putin-Diktatur, etwa das Sammeln von Hilfe für die Armee oder die Bevölkerung der besetzten Gebiete. Es geht ihnen aber vor allem um ihre eigenen Projekte und ihre eigene Karriere. Der Krieg ist nicht ihr Hauptthema, sehr wohl können dies aber einige Themen der repressiven Politik des Regimes sein.

Viele kommen aus dem Umfeld patriotischer Pro-Putin-Bewegungen, etwa der „Jungen Garde“ der Partei „Einiges Russland“ oder aus Gruppierungen, die im Milieu der Russischen Orthodoxen Kirche entstanden. Sie sind regimetreu, vertreten eine etatistische Ideologie, einen „Patriotismus ohne Exzesse“. Kritik an Putin und der Kremladministration ist aus diesen Kreisen nicht zu erwarten, wohl aber Kritik an regionalen Behörden oder einzelnen hochrangigen Moskauer Beamten aus der Sphäre, in der sie sich engagieren.

Eine typische Vertreterin dieser Gruppe ist die seit Mitte Mai 2026 als Bevollmächtigte für Menschenrechte amtierende Jana Lantrapova. Als eine ihrer ersten Amtshandlungen verkündete sie, ihre wichtigste Aufgabe sei es, sich um die Rechte der Teilnehmer der Spezialoperation zu kümmern. Auch Ekaterina Mizulina an, die Vorsitzende der „Liga sicheres Internet“, die auf Tiktok 200 000 Follower hat – mutmaßlich überwiegend Jugendliche – ist dieser Gruppe zuzurechnen. Mizulinas Spezialität sind Denunziationen. Immer wieder ruft sie die Behörden zum Vorgehen gegen „unpatriotische“ oder frivol gekleidete Vertreter des Show-Business auf.

„Militärblogger“

Bei den sogenannten Militärbloggern (voenkory) handelt es sich um Personen, die unmittelbar mit der Armee oder paramilitärischen Formationen im Donbass verbunden sind. Ihre Themen sind der Krieg, die Versorgung der Front aus dem Hinterland und die Ukraine. Die allermeisten kommen aus einem rechtsextremen Milieu. Es handelt sich um Militaristen, russische Nationalisten, Monarchisten, Neonazis, Rassisten, Fußball-Ultras, hypermaskulinistische Antifeministen und Neotraditionalisten, radikale Orthodoxe sowie tschetschenische Kadyrov-Anhänger. Einige verstehen sich auch als Stalinisten, etwa der äußerst populäre Kriegs- und Gamingblogger Boris Rožin aus Sevastopol’, dessen Kanal „Colonnelcassad“ von 2014 bis 2021 die größte „Informations“-Plattform dieses Milieus war. Hinzu kommen einige linksradikale Anti-NATO-Aktivisten. Viele aus diesem Kreis waren an der Infiltration in den Donbass im Jahr 2014 beteiligt und haben anschließend entweder selbst gegen die ukrainische Armee gekämpft oder die paramilitärischen sowie die regulären Invasionstruppen propagandistisch und logistisch unterstützt.

Ihr Verhältnis zum Kreml-Regime zeigt sich exemplarisch in einem Post der Bloggerin Dar’ja Mitina, den sie als Reaktion auf ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen den Koordinator der nationalbolschewistischen Bewegung Michail Aksel’ wegen Diskreditierung der Armee verfasste, der seit 2014 die Abspaltung der Region von der Ukraine unterstützt und nach Russlands Großangriff auf die Ukraine 2022 als „Kriegsberichterstatter“ vor allem im Raum Charkiv unterwegs war und sogenannte „Interbrigaden“ koordinierte: „Nochmal für alle, die es nicht kapiert haben: Der Führer der Partei ‚Das andere Russland von Ėduard Limonov' – jener Partei, die gemessen am Anteil der Mitglieder, die an der Spezialoperation teilnehmen, und ebenso beim Anteil der Getöteten und Verwundeten (mit den an der Front gefallenen Limonov-Leuten könnte man einen ganzen Friedhof bestücken) auf Platz 1 in Russland steht – wird der Verunglimpfung der Armee bezichtigt.“

Was wie eine Empörung über eine neue Wendung aussieht, ist nur die Fortsetzung des immer Gleichen. Diesem radikalen militaristischen Milieu galt Putin seit jeher als Feind. Er war ihnen stets zu „liberal“, zu „marktwirtschaftlich“, zu „proeuropäisch“. Ihrer Ansicht nach habe der Kreml nie entschieden genug gegen Arbeitsmigranten aus Zentralasien durchgegriffen. Auch beklagten sie sich stets, dass sie keine Staatsposten erhielten. Manche gingen auf offene Konfrontation mit dem Regime und flohen vor Verfolgung ins Ausland, so der Z-Blogger Vladislav Pozdnjakov. Der Gründer der großen Netzgemeinschaft „Männerstaat“ lebt seit 2021 in Spanien und preist von dort den Krieg.

Der Kreml tat sich in den 2000er Jahren stets schwer damit, dieses Milieu zu steuern.[1] Nach dem ersten Überfall auf die Ukraine 2014 schien dies für eine kurze Zeit zu gelingen. Doch die Euphorie über die Krim-Annexion verflog rasch. Rasch kritisierten diese Kreise erneut „das Zentrum“. „Too little, too late“ – so der Tenor ihrer Beschwerden über mangelnde Unterstützung der Separatisten sowie der aus Russland in den Donbass gereisten Kämpfer. Ebenso beschwerten sie sich, dass ihre Rufe nach sofortiger „Aufnahme“ der beiden „Volksrepubliken“ in die Russländische Föderation lange ungehört blieben.

Diese Situation wiederholte sich im Jahr 2022. Den Großangriff auf die Ukraine begrüßten sie frenetisch, doch schon bald machte sich Enttäuschung breit. Dies führte zu drei größeren Krisen im Verhältnis zwischen diesem Milieu und dem Kreml. Im Frühjahr und Sommer 2023 standen diese Kreise weitgehend auf der Seite von Evgenij Prigožin, als dieser sich mit seiner „Privat“-Armee Vagner immer deutlicher gegen die Spitze des Verteidigungsministeriums stellte, da dieses die Truppen schlecht versorge und immer neue Fehlentscheidungen treffe. Nach der Niederschlagung des Prigožin-Aufstands erlitten auch seine Anhänger in den Reihen der „voenkory“ Verluste. So wurde im Juli 2023 mit Igor‘ Girkin (Strelkov) der bekannteste aller Militärblogger verhaftet und im Januar 2025 wegen „Extremismus“ zu vier Jahren Haft verurteilt. Er hatte im Jahr 2014 an der Spitze der Infiltration in den Donbass gestanden, sein Youtube-Kanal hatte bis zu seiner Verhaftung 160 000 Abonnenten. In seinen Videos und Blogs warf er der politischen und militärischen Führung Russlands immer wieder komplette Unfähigkeit vor – was russische wie ukrainische Netzmedien eifrig zitierten. Nach seiner Verhaftung stellte der „Klub der wütenden Patrioten“, in dem er zahlreiche extremistische Blogger vereint hatte, seine Tätigkeit weitgehend ein. Die einstigen Mitglieder sind gleichwohl weiter aktiv.

Die zweite Krise entwickelte sich nach dem Suizid von Andrej Morozov. Dieser unter dem nom de guerre „Murz“ bekannte Militärblogger hatte in einer der vorgelagerten Einheiten der 4. Motorschützenbrigade der russländischen Streifkräfte gedient und sich Ende Februar 2024 das Leben genommen – angeblich, um auf die katastrophale Lage der Armee und die zahlreichen beim Sturmangriff auf Avdijivka gefallenen Kameraden aufmerksam zu machen. Tatsächlicher Anlass war aber wohl, dass sich der „Wachhund“ Solovo’ev auf ihn gestürzt hatte. Nach Morozovs Tod beackerte das Milieu der Militärblogger noch zwei Monate seine Themen. Dies änderte sich im Mai 2024, als der Kreml Verteidigungsminister Sergej Šojgu absetzte und mehrere hochrangige Beamte aus dessen Umfeld entließ. Der Leiter der Hauptverwaltung Kommunikation der Streitkräfte Vadim Šamarin wurde im Mai 2024 verhaftet – und im April 2025 wegen Bestechlichkeit zu acht Jahren Haft verurteilt. Im Oktober 2024 wurde der Leiter der Presseabteilung des Verteidigungsministeriums Aleksandr Ogloblin in Gewahrsam genommen, gegen ihn wurden mehrere Verfahren angestrengt, in einem wurde er bereits zu neun Jahren Haft verurteilt.

Der Tod von „Murz“ galt damit im Kreis der Militärblogger als gerächt. Mit dem neuen Verteidigungsminister Andrej Belousov zeigten sie sich zunächst zufrieden, nachdem dieser Vertreter dieses Milieus zu mindestens einem Treffen eingeladen hatte, worauf der Kreml allerdings nervös reagierte und weitere solche Zusammenkünfte untersagte.

Die dritte Krise folgte dann auch bereits im September 2024. Ursache war der Tod zweier erfahrener Drohnenführer, die auch als Tüftler deren Einsatzmöglichkeiten weiterentwickelt hatten. Der Stabsgefreite Dmitrij Lysakovskij, genannt „Goodwin“, der den Militärblog „Severnyj veter“ (Nordwind) betrieben hatte, sowie der Oberstleutnant Sergej Gricaj, nom de guerre „Ernst“, starben bei einem sinnlosen Sturmangriff, in den sie als einfache Schützen geschickt worden waren. Zuvor hatten sie dem Kommandeur ihres Regiments Korruption vorgeworfen. Der Tod der beiden blieb aus Sicht der Militärblogger ungesühnt. Unbeantwortet blieb auch die Frage, die mit dem Tod der beiden Drohnenführer aufgeworfen worden war: In welchem Maße wirtschaften die Kommandeure an der Front in die eigene Tasche und wie oft kommt es vor, dass dies entweder durch direkten Mord oder durch die Zuteilung zu Himmelfahrtskommandos vertuscht wird? Die Armeeführung brachte von ihr abhängige Militärblogger zum Schweigen und setzte offenbar auch die unabhängigeren so unter Druck, dass das Thema bald verschwand. Mehr noch, die als „Katja und Valja“ mit einer gleichnamigen Hilfsorganisation auftretenden Schwestern Ekaterina und Valentina Kornienko fordern in einem Zivilverfahren, dass ein Video, in dem Lysakovskij und Gricaj vor ihrem Tod den Kommandeur – der mit einer der Schwestern verheiratet ist – der Korruption bezichtigen, aus dem Netz genommen werden muss.

Die oppositionelle Stimmung ließ sich jedoch nicht verbieten. Immer wieder beklagte die Szene der Militärblogger im Laufe des Jahres 2025 lautstark die Lage an der Front. Die Soldaten würden schlecht versorgt, seien permanent ukrainischen Drohnen ausgesetzt, würden in aussichtslose Sturmangriffe getrieben. Die militärische Führung sei korrupt, die rückwärtigen Wacheinheiten drückten sich vor dem Fronteinsatz. Zudem seien alle Ortschaften, die man „befreie“, vollkommen zerstört, so dass es Jahre dauern werde, bis dort wieder jemand wohnen könne, wenn dies überhaupt jemals gelänge. Aus alldem zogen sie den Schluss, dass eine Fortsetzung des Kriegs in der bisherigen Weise nicht zu einem Erfolg, geschweige denn zu einem großen Sieg führen werde, so dass die zahlreichen Opfer aus ihren Reihen nicht gerechtfertigt seien. Einer der ersten, der derartige Töne anstimmte, war Igor’ Girkin, der auch in der Haft seinen Blog weiterführen kann und im Kreise der Militärblogger als Kultfigur verehrt wird.

Das Regime reagiert auf diese Aktivitäten, die mittlerweile einen offen politischen und oppositionellen Charakter angenommen haben, relativ gelassen. Dies hat damit zu tun, dass die Militärblogger drei wichtige Funktionen erfüllen.

Daher zog das Regime lediglich bestimmte „rote Linien“, an die sich die bekanntesten Militärblogger und in ihrem Gefolge auch die meisten Betreiber kleinerer Kanäle halten. Und doch erlauben sich selbst jene Militärblogger, die wie etwa der Kriegsberichterstatter der Rundfunkanstalt VGTRK, Aleksandr Sladkov, von staatlichen Geldern leben, in ihren Telegram-Kanälen nicht selten Bemerkungen, die in den staatlichen Medien nicht möglich wären.

Telegram-Verbot, Rinderschlachtung, Internetdrosselung: der Konflikt im Frühjahr 2026

Zwischen Januar und April 2026 führten drei kaum miteinander verbundene Vorgänge dazu, dass nicht nur im nichtopportunistischen, sondern auch im patriotisch-militaristischen Segment der russländischen Gesellschaft die Loyalität zum Regime endete und scharfe Kritik am Kreml geübt wurde.

Einer der Auslöser war das Ansinnen der Behörden, den in Russland sehr breit verwendeten Messenger-Dienst Telegram zu verbieten und die Nutzer zu einem Wechsel zu der als Spionageinstrument des Inlandsgeheimdiensts geltenden „Max“-App des Yandex-Konzerns zu bewegen. Die Nutzung von Telegram wurde in staatlichen Behörden ebenso wie in der Armee verboten, der Datenfluss gezielt verlangsamt. Nicht berücksichtigt wurde, dass zahlreiche Einheiten der Armee an der Front ihr Vorgehen über geschlossene Telegram-Chats koordinieren. Der Schlag gegen ihr Kommunikationssystem traf sie, nachdem sie gerade erst im Dezember 2025 einen anderen wichtigen Kanal verloren hatten: Auf Absprache mit der Ukraine hatte Elon Musk im Großraum um die Front die Nutzung seiner Starlink-Satelliten für alle Empfangs- und Sendestationen unterbunden, die nicht auf einer Registrierungsliste stehen. Der Verlust von Starlink und dann Telegram hat zu erheblichen Problemen bei der Kommunikation zwischen den Einheiten der Besatzungsarmee geführt und ist einer der Gründe, warum Russlands Winteroffensive praktisch ausgefallen ist, im Januar an der Front nahezu überhaupt keine Bewegung mehr stattfand und die Moskauer Truppen an einigen Abschnitt seitdem zum Rückzug gezwungen waren.

Die Wut der Militärblogger auf die Führung wurde zudem dadurch angeheizt, dass Telegram für die meisten von ihnen das wichtigste Arbeitsmittel ist. Facebook und Instagram sind in Russland schon lange verboten, Vkontakte, TikTok und Odnoklassniki wird überwiegend von Generationen und sozialen Schichten genutzt, die sich für Politik und den Krieg wenig interessieren. Auch Max ist keine Alternative, diese App wird überwiegend von Menschen genutzt, die sich widerstandslos an alles anpassen, was der Staat vorgibt. Dies ist nicht die Zielgruppe der Militärblogger. Sie richten sich an Menschen, die den Krieg aktiv unterstützen und sowohl den Bloggern als auch der Armee spenden.

Als Katalysator der Wut wirkte ein zweiter Vorgang, der mit der Verdrängung von Telegram in keinem direkten Zusammenhang steht. Im Februar und März gingen in Sibirien, insbesondere im Gebiet Novosibirsk, die Veterinärbehörden massiv gegen eine Rinderkrankheit vor. Offiziell war von Rindergrippe die Rede, inoffiziell von Maul- und Klauenseuche und Milzbrand. Die Behörden ordneten Massenschlachtungen an, die nach dem Modell von Spezialoperationen des Geheimdiensts abliefen. Große Gruppen von Polizisten und Veterinären rückten – oft unangekündigt – in die Dörfer ein und töteten, gelegentlich in Abwesenheit des Besitzers, das Vieh. Nach Angaben der betroffenen Bauern ist von einer Entschädigung keine Rede. Auch seien die Rinder von Großbetrieben ausgespart worden. Rasch schwappte eine Welle der Empörung und der Solidarität mit den betroffenen Bauern durch die sozialen Medien.

Von einer weiteren behördlichen Maßnahme ist eine ganz andere soziale Gruppe betroffen. Am 3. April wurde im Zentrum von Moskau innerhalb des Gartenrings plötzlich das mobile Internet abgeschaltet. Anlass für die Maßnahme war wohl, dass die russländischen Geheimdienste nach der gezielten Tötung der iranischen Führung durch Präzisionsangriffe der USA und Israels, für die u.a. das Bildmaterial gehackter Überwachungskameras auf den Straßen von Teheran verwendet worden waren, in Panik gerieten.

Im europäischen Teil Russlands, vor allem im Süden des Landes, an der mittleren und unteren Wolga und in den Grenzregionen zur Ukraine sind Abschaltungen des mobilen Internets seit 2025 zu einer gängigen Praxis geworden. Als Begründung geben die Behörden an, dass ukrainische Drohnen für die Navigation die Verbindung zwischen den Sim-Karten der Mobiltelefone und den Funkmasten nutzen würden. Obwohl die Ukraine die meisten Drohnen mittlerweile über die Verbindung zu Starlink-Satelliten steuert, schalten die regionalen Behörden weiterhin und sogar häufiger als zuvor das mobile Internet ab. In den sozialen Medien wird immer wieder spekuliert, dass in nicht allzu ferner Zeit das mobile Internet dauerhaft und auch in Regionen abgeschaltet werde, die außerhalb der Reichweite ukrainischer Drohnen liegen. In Moskau galt jedoch bis zum 3. April dergleichen als unvorstellbar. Für Politiker, Beamte, die gesamte Medienbranche und alle im Moskauer Stadtzentrum ansässigen Geschäftsleute war die Abschaltung ein Schock. Dieser wirkte umso tiefer, als die Verunsicherung wegen des Drucks auf Telegram bereits groß war.

Am 17. März trat Il’ja Remeslo, ein bekannter Vertreter der „Kreml-Zivilgesellschaft“, der einst als Anwalt Mitglied der Gesellschaftskammer (Obščestvennaja Palata) war, sich jedoch schon lange mit Kolumnen bei RIA und RT als Spezialist für Angriffe auf politische „Abweichler“ etabliert hat, mit heftigen Vorwürfen an Putin auf die Internetbühne. Sein kurzer energischer Text „Fünf Gründe, warum ich Vladimir Putin nicht mehr unterstütze“ beginnt mit einer Tirade gegen den Krieg. „ Jemand musste das sagen. 1. Der Krieg in der Ukraine. Er begann als „Polizeieinsatz“, jetzt hat der Krieg bereits mindestens 1-2 Millionen Menschenleben gekostet. 2014 habe ich die Annexion der Krim begrüßt, weil kein Blut vergossen wurde. Wir alle dachten: Putin sammelt die russische Erde. Und wo sind wir hingeraten? Wir verheizen unsere Soldaten bei Sturmangriffen, locken Männer mit falschen Versprechen in die Armee, und vieles mehr, was jeder Teilnehmer der Spezialoperation bestätigen wird. Der Krieg ist eine totale Sackgasse, wir haben riesige Verluste, so kann das noch fünf oder zehn Jahre weitergehen. Sind Sie dazu bereit?“ Dies war eine erste Fanfare. Der Post wurde alleine auf der Seite des Autors 645 000 Mal angesehen, darüber hinaus vielfach geteilt und auf verschiedenen Kanälen diskutiert. Remeslos Angehörige ließen ihn sofort in eine psychiatrische Anstalt einliefern. Doch nach seiner Entlassung blieb er seiner neuen Linie treu.

Am 13. April legte die 47jährige Modebloggerin Viktorija Bonja – ein Superstar der russischsprachigen Instagram-Gemeinde mit ständigem Wohnsitz in Monaco – nach. Sie gehört der patriotischen Bohème an, steht dort jedoch am äußersten unpolitischen Rand. In einem länglichen und reichlich verworrenen, ganz im Stil traditioneller russischer Unterwürfigkeitsgesten gehaltenen Post wendete sie sich an Vladimir Putin, versicherte ihm ihre persönliche Ergebenheit, schimpfte auf das Bürokratengesindel, das zwischen dem „Volk“ und dem „Präsidenten“ stünde, ließ eine Fürbitte für einen zu Unrecht verfolgten Blogger folgen und legte Putin ihre Sorge dar, dass ihn Unheil erwarte, wenn er nicht auf die „Stimme des Volks“ höre. Sie erklärte, „alle“ würden Putin fürchten, daher betröge ihn seine Entourage, weshalb sie jetzt einige Themen ansprechen müsse, die ihrer Ansicht nach seine Aufmerksamkeit verdienten: die Untätigkeit der örtlichen Behörden in Dagestan, die nach sintflutartigen Regenfällen (27.–29. März und 5. April) mit großen Schäden an Straßen, Brücken und zahlreichen Wohnhäusern vollkommen untätig geblieben seien (das Oberhaupt der Republik Sergej Melikov wurde Anfang Mai entlassen); das Verbot von Instagram in Russland, womit Kleinunternehmern eine wichtige Marketing- und Verkaufsplattform genommen worden sei; die Aufhebung von Schutzvorschriften für Tiere auf der Roten Liste der gefährdeten Arten, was angeordnet worden sei, um Schutzgebiete als Bauland ausweisen zu können; die Verschmutzung der Strände in ihrer Heimatstadt Anapa am Schwarzen Meer, wo bis heute das im Jahr 2025 aus zwei Tanker ausgelaufene Schweröl nicht beseitigt ist; die Vieh-Schlachtungen in Sibirien, die ihr, als jemand, der „auf dem Dorf aufgewachsen ist“, besonders zu Herzen gingen; das Urteil gegen Artem Čekadin – Ehemann der als Internet-Coach zu Bekanntheit gelangten Valerija „Lerčik“ Čekalina, Mutter einer großen Kinderschar und im Endstadium an Krebs erkrankt –, der wegen Steuerbetrugs zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt wurde; das Verbot vieler sozialer Medien und die Unzulänglichkeit des Max-Messengers; die berüchtigte Barriere zwischen dem „Präsidenten“ und dem „Volk“, die durch Einrichtung einer Internetplattform überwunden werde könne, auf der das „Volk“ dem „Präsidenten“ seine Sorgen mitteilt.

Bonjas Post wurde einigen Berechnungen zufolge von 30 Millionen Menschen gelesen und auch in klassischen Medien diskutiert. Rasch schalteten sich die „Wachhunde“ des Kreml, einschließlich des Rudelführers Vladimir Solov’ev ein. Doch die Wirkung des Posts war so stark, dass selbst er den Schwanz einziehen musste. Am 28. April erklärte Präsidentensprecher Dmitrij Peskov, Putin habe das Sendschreiben erhalten. Tatsächlich erklärte dieser am 28. April vor dem Legislativrat, die Fokussierung alleine auf Verbote sei „kontraproduktiv“.

Wie immer in derartigen Fällen gehen solche Worte mit einer konzertierten Aktion einher. Am gleichen Abend entschuldigte sich Solov’ev für seine groben Worte bei Bonja, die er in seine Sendung einlud. Ebenfalls am 28. April schloss das Gericht im Moskauer Stadtteil Taganka Strafverfahren gegen einen der bekanntesten oppositionellen Militärblogger, den ehemaligen selbstproklamierten „Volkskommissar“ von Donec’k, Pavel Gubarev. Er war wegen Verunglimpfung der Armee angeklagt, nachdem er in mehreren Posts den stellvertretenden Leiter der militärpolitischen Verwaltung der Streitkräfte Apti Alaudinov sowie die Sondereinsatztruppe „Achmat“, die Alaudinov bis 2024 kommandiert hatte, heftig angegriffen hatte. Noch zwei Wochen zuvor hatte Solov’ev Gubarev als „Abschaum“ und „Verräter“ bezeichnet, nachdem dieser dem emigierten Youtuber Jurij Dud’ ein langes Interview gegeben hatte.

Die Posts von Remeslo und Bonja, die Einstellung des Verfahrens gegen Gubarev, der mit einem Bein bereits im Gefängnis stand, wo ja auch sein Kampfgefährte von 2014, Igor' Girkin gelandet ist, führten dazu, dass sich für weniger bekannte Blogger ein Raum für harsche Kritik an der Politik des Regimes öffnete. Diesen nutzen in erster Linie die Militärblogger. In der zweiten April- und der ersten Maihälfte quollen deren Kanäle sowie teils auch jene der Vertreter der „Kreml-Zivilgesellschaft“ über von scharfen Äußerungen gegen die Führung des Landes. Erstmals richteten sich diese auch an den „Oberkommandierenden“.

Ideologische Spaltung im Milieu der Militärblogger

Der Tenor dieser Posts lautete: Es ist unmöglich und sinnlos, den Krieg in der gegenwärtigen Weise fortzusetzen. Dies würde Russland vollkommen auszehren, ohne dass ein Sieg auf dem Schlachtfeld erreicht werden könne. Selbst wo die Armee noch vorrücke, erobere sie nur Ruinen und „Weiberdörfer“ – also Siedlungen, in denen außer einigen alten Frauen die gesamte Bevölkerung geflohen ist.

Die Schuld an der Misere wird nicht mehr wie noch 2023 dem Verteidigungsministerium und dem Generalstab zugewiesen, sondern der politischen Führung des Landes. Diese wird in jedem dritten Post beschuldigt, aufgrund ihres hohen Alters („wir werden von Rentnern regiert“) keine Vorstellung mehr von den sozialen und technischen Realitäten zu haben und daher auf Verbote zu setzen, statt zukunftsträchtige Technologien weiterzuentwickeln. Auf neue „Herausforderungen“ würde sie viel zu langsam reagieren.

Am 1. Mai war auf dem Telegram-Kanal „Entwickler Unbemannter Systeme“ zu den neuen Internet-Beschränkungen zu lesen:

„Ein kraftloses Röcheln der Rentner, die einen Krieg gegen Windmühlen vom Zaun gebrochen haben, aber keine Ahnung von Technik und kein Gramm Verstand haben. Stattdessen ein aufgeblähtes SWG [Selbstwertgefühl, N.M.] bei gleichzeitiger vollkommener Abgehobenheit von der Realität. Und wieder trifft der Schlag vor allem die Armee.“

Zwei Tage zuvor, an jenem 28. April, an dem aus dem Kreml leise Tauwetter-Töne zu hören gewesen waren, schrieb der zuvor konsequent regimetreue Nationalist Egor Cholmogorov, der einige Jahre für Simonjan gearbeitet hatte, einen Post, der von jenen „prowestlichen Liberalen“ hätte stammen können, gegen die er jahrelang ins Feld gezogen war:

„Die Lage ist so, als hätte das Politbüro im Herbst 1942 eine neue Kollektivierung beschlossen. […] Diese Leute haben tatsächlich keinerlei Verstand und führen uns auf direktem Weg in den Untergang.“

Bei der Frage, was zu tun sei, spaltete sich das Milieu in zwei Lager. Eine knappe Mehrheit vertrat die Meinung, der Krieg müsse sofort entlang der aktuellen Frontlinie eingefroren werden, bevor es so weit komme, dass die Armee zu einem Rückzug gezwungen werde. Diese Position vertraten die meisten jener Militärblogger, deren öffentliche Karriere im Jahr 2014 im Donbass begonnen hatte, so etwa Girkin und Gubarev sowie ihre Gesinnungsgenossen, Freunde und Follower. Sie argumentierten nun, die Ressourcen seien erschöpft, jede weitere Eskalation werde die Ukraine nicht schwächen, sondern stärken, da sowohl deren innere Geschlossenheit als auch die Unterstützung des Lands von außen nur zunehmen würden. Bei Girkin etwa klang das so: „Mittlerweile kann man so viele Soldaten rekrutieren, wie man will. Es wird keinen Einfluss auf den Ausgang des Kriegs mehr haben. Dieser Moment ist vorbei. Vier Jahre habe ich eine Mobilisierung gefordert. Heute tue ich das nicht mehr, weil sie sinnlos wäre. Unsere Wirtschaft hat nicht einmal mehr die Waffen, um die Männer auszurüsten.“

Der Schriftsteller Daniil Tulenkov, der von Mitte 2023 bis Anfang 2024 in einer Sträflingsbrigade („Štorm-Z") kämpfte und vor kurzem die Armee verlassen hat, schrieb am 31. Mai und am 1. Juni aus einem Rehabilitationszentrum für verstümmelte Soldaten im Gebiet Tomsk mehrere „defätistische“ Posts:

Nach meiner Einschätzung der Lage auf den Schlachtfeldern der Spezialoperation haben wir den Moment für ein Einfrieren an der Kontaktlinie bereits verpasst. Bei den nächsten echten Verhandlungen wird es bereits um die Grenzen aus dem Jahr 1991 gehen. Dinge, die heute unvorstellbar erscheinen, werden Ende 2026 ganz normal diskutiert werden.“

„Eine Fortsetzung des Kriegs bedroht die Stabilität des Staats, der Gesellschaft und der Wirtschaft. Es gilt, eine prorussländische, gemäßigt loyalistische Antikriegsposition zu etablieren, die sich von der proukrainischen, radikal-liberalen Antikriegsposition unterscheidet.“

Eine andere Gruppe aus dem Milieu der Militärblogger, die enger mit staatlichen und staatsnahen Medien verbunden ist, der ebenfalls viele Ex-Berufssoldaten angehören, die sich seit dem Ausscheiden aus der Armee als Militäranalytiker betätigen, zog einen anderen Schluss aus der gleichen Diagnose. Sie riefen zu einer totalen Mobilisierung der Gesellschaft, zur politischen Säuberung der Elite, einer allgemeinen Mobilmachung und selbstredend zu einer wirkungsvolleren Bombardierung der Ukraine auf, bei der endlich nicht nur von Atomwaffen geredet, sondern diese auch eingesetzt werden (was Propagandisten wie Solov'ev schon lange fordern), um den ukrainischen Staat und die ukrainische Nation auszulöschen.

Solches findet sich etwa auf dem Kanal Dva Majora (Zwei Majore), dem eine Million Abonnenten folgen. Er tut sich schon lange mit scharfer Kritik an der politischen Führung hervor und veröffentlicht die ausführlichsten Berichte zur Lage an der Front, in denen häufig Behauptungen der Armeeführung widersprochen wird.

Am 1. Mai schrieb der von der Krim stammende Kriegsjournalist Vladislav Šurygin, der bereits zu sowjetischer Zeit im Offiziersrang stand und seit langem in der nationalistischen Zeitung Zavtra für Militärfragen zuständig ist, auf seinem Kanal: "Allen ist vollkommen klar, dass von dem ursprünglichen Plan nichts übrig geblieben ist. Dass wir improvisieren, mit dem Feind ringen. Es ist Zeit anzuerkennen, dass die Zerstörung der ukrainischen Staatlichkeit in ihrer gegenwärtigen Form Voraussetzung für eine normale Existenz des russischen Staats ist."

Neue Daumenschrauben

Die Antwort des Kreml auf den Internetaufstand ließ nicht lange auf sich warten. Am 9. Mai wurde einer der bekanntesten und lautesten Militärblogger, der Kanal des unter dem Namen „Der Dreizehnte“ (trinadcatyj) auftretenden Soldaten Egor Guzenko abgeschaltet und Guzenko an die vorderste Front verlegt. Er hatte am 24. April auf seinem Kanal erklärt, Putin lüge ohne Unterbrechung. Der Z-Kanal „Russkij Mir. Ukraina“ schrieb an diesem Tag: „Nimmt man das traurige Schicksal des Russischen Frühlings ist es unserer Ansicht nach an der Zeit, dass sich Russlands patriotische Öffentlichkeit ernsthafte Sorgen um ihre Zukunft macht. Nach der Spezialoperation stehen den Aktiven harte Säuberungen bevor.“

Viele erwarteten, dass Guzenko wie viele andere zuvor „annulliert“ werde, indem er entweder schlicht ermordet oder in ein Himmelfahrtskommando geschickt werde. Dies geschah zwar bislang nicht, doch der Kreml hat zumindest den im Internet aktiven Soldaten die roten Linien aufgezeigt, Guzenko sammelt auf seinem Kanal jetzt nur noch „humanitäre Hilfe“ und verbreitet Videos, welch die Schwierigkeiten der ukrainischen Armee demonstrieren sollen.

Am 15. Mai ließ der Auslandsgeheimdienst SVR verlauten, ukrainische Geheimdienste würden versuchen, „patriotische“ russländische Kanäle zu unterwandern, um Desinformation zu verbreiten und die Armee wie die politische Führung zu diskreditieren. Seitdem haben die meisten Militärblogger die Kritik stark heruntergefahren, in einigen Kanälen ist aber ab und an weiter jene scharfe Kritik zu lesen, die im April aus dem gesamten Milieu der Z-Blogger zu hören gewesen war.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Nikolay Mitrokhin (1972), Dr. phil., Forschungsstelle Osteuropa, Universität Bremen

Von Nikolay Mitrokhin ist in Osteuropa u.a. erschienen: Glaubenssicherheit. Der estnische Staat und die Estnische Orthodoxe Kirche, in: OE, 5/2025, S. 175–190. – Das dritte Kriegsjahr. Vier Szenarien für 2025, in: OE, 11–12/2024, S. 173–180. – Russlands Krieg gegen die Ukraine. Wochenberichte März bis Mai 2026, in: OE, 1-2/2026, S. 125–148. Die fortlaufende Chronik „Russlands Krieg gegen die Ukraine“ erscheint auf <zeitschrift-osteuropa.de>


[1] Nikolay Mitrokhin: Im Namen des Staates: Russische Nationalisten im Ukraine-Einsatz, in: Osteuropa, 3–4/2019, S. 103–121.