Raffinerie bei Moskau nach ukrainischem Luftangriff, 18.6.2026
Raffinerie bei Moskau nach ukrainischem Luftangriff, 18.6.2026

Wechsel der strategischen Initiative

Russlands Krieg gegen die Ukraine: Juni 2026

Nikolay Mitrokhin, 1.7.2026

Im fünften Kriegsjahr hat sich das Blatt zugunsten der Ukraine gewendet. Die ukrainischen Luftstreitkräfte haben Russlands Flugabwehr lahmgelegt und greifen nun mit schweren Drohnen die ölverarbeitende Industrie im gesamten europäischen Teil Russlands an. Es herrscht bereits massiver Benzinmangel, der erhebliche wirtschaftliche Folgen hat. Auch zerstört die Ukraine die Rüstungsschmieden des militärisch-industriellen Komplexes, insbesondere Betriebe, in denen Russland Raketen produziert. Schließlich sind die besetzten Gebiete so heftigen Luftangriffen ausgesetzt, dass in weiten Teilen der Güterverkehr zusammengebrochen ist. Auf der Krim gilt der Ausnahmezustand, es ist abzusehen, dass Russland die Besatzungsbehörden, die Armee und einen Teil der Bevölkerung evakuieren muss. Am Boden geht die Sommeroffensive der Okkupationstruppen gleichwohl weiter.

Die Ukraine hat im Juni 2026 die strategische Initiative zurückgewonnen. Sie bestimmt nun, welches die zentralen Kriegsschauplätze sind, entscheidet über Offensive und Defensive und definiert die internationale Agenda rund um den Krieg.

Dies war ihr bereits zwischen August und November 2022 gelungen, als sie große Gebiete im Osten und Süden des Landes befreite. Im Sommer 2023 sollte eine Gegenoffensive weitere Gebiete zurück unter ukrainische Kontrolle bringen, diese blieb allerdings weitgehend erfolglos. Im August und September 2024 brachte das Eindringen der ukrainischen Armee in das Gebiet Kursk Kiew für rund einen Monat in eine vorteilhafte Position, auch wenn sich daraus langfristig kein strategischer Nutzen ergab.

Auf den ersten Blick erinnert die heutige Lage an die Jahre 2023 und 2024, als die Ukraine sich im Sommer einen Vorteil verschafft hatte, diesen aber nicht nutzen konnte, da Russland aufgrund seiner großen strategischer Reserven, wenn auch mit Mühe, spätestens im Herbst das Blatt wieder wenden konnte.

Doch im Jahr 2026 gibt es Hoffnung, dass die ukrainische Armee und der ukrainische Staat insgesamt den aktuellen Vorteil besser nutzen können, möglicherweise zur Befreiung weiterer besetzter Gebiete.

Die Basis für einen solchen möglichen Erfolg hat ein technologischer Durchbruch im Bereich der Drohnen gelegt. Die Ukraine konnte, auch dank der Unterstützung ihrer westlichen Partner, zu einer Massenproduktion unbemannter Flugobjekte übergehen, der Russland kaum noch etwas entgegenzusetzen hat. In den ersten Kriegsjahren richteten einzelne Drohnen nur begrenzte Schäden in Russlands Hinterland an, die rasch repariert werden konnten. Lediglich mit Angriffen auf die Schwarzmeer-Flotte und auf Munitionslager in frontnahen Gebiet hatte die Ukraine Erfolg.

Jetzt ist die Lage eine ganz andere. Die Ukraine führt – teils mit unveränderten, teils mit modernisierten – Mittel- und Langstreckendrohnen sowie unter Einsatz von Raketen des Typs „Flamingo“ drei Luftkampagnen gleichzeitig.

Die erste und wichtigste zielt darauf, mit bis zu den Industriestädten an der mittleren Wolga reichenden Angriffen auf Raffinerien, Ölpipelines und Treibstofflager eine schwere Versorgungskrise auszulösen. Attackiert werden auch die strategischen Reserven, die Rosrezerv angelegt hat. Zehn der elf großen Raffinerien Russlands wurden getroffen, die Kapazitäten zur Produktion von Benzin sind um ein Viertel vermindert. Die Treibstoffnachfrage übersteigt mittlerweile das zur Verfügung stehende Angebot um fast zehn Prozent.

Am 18. Juni führte ein dritter großer Angriff auf die Großraffinerie im südöstlichen Moskauer Stadtteil Kapotnja, der sowohl zu einem Ausfall der Anlagen führte als auch einen Teil der gelagerten Vorräte in Flammen aufgehen ließ, zu einer Verbraucherpanik. Diese wurde auch dadurch befördert, dass es auf der Krim praktisch überhaupt nicht mehr möglich ist, Benzin zu kaufen und viele Bewohner der Halbinsel versuchten, sich in den Gebieten Krasnodar und Rostov mit eigenen Vorräten zu versorgen. Dort sind jedoch auch örtliche Raffinerien zerstört und Tanks Opfer ukrainischer Drohnen geworden. Der Run auf Benzin hat mittlerweile fast die Hälfte aller rund 80 Regionen Russlands erfasst. Viele Tankstellen, insbesondere entlang wichtiger Autobahnen und Fernstraßen verkaufen überhaupt kein Benzin mehr. Dies gilt nicht nur für Regionen, die in der Reichweite ukrainischer Drohnen liegen. Auch im sibirischen Gebiet Irkutsk und im fernöstlichen Gebiet Čita bildeten sich Ende Juni vor Tankstellen Schlangen von zehn Kilometer Länge.

Die Regierung in Moskau sah sich gezwungen, den Verkauf von Benzin mit extrem hohem Schwefelgehalt freizugeben (150 oder sogar 500 mg pro kg Benzin, bei einem üblichen Standard von 10-max. 50 mg). Sie werden unter Zusatz von Additiven aus Naphtha hergestellt und führen bei modernen Motoren aus europäischer wie auch chinesischer Produktion zu Schäden. Dies hat rasch zu einem Anwachsen sozialer Spannungen und politischen Konflikten geführt. Einige Regionalverwaltungen geben etwa Berechtigungsscheine an Menschen mit örtlichem Wohnsitz aus, was jene in Rage bringt, die an Tankstellen kein Benzin erhalten, weil sie aus einer anderen Region kommen.

Dies ist erst der Anfang. Die Benzinknappheit führt, wie auf der Krim schon zu beobachten, zu hohen Spritpreisen und dies zieht rasch Preissteigerungen bei Lebensmitteln nach sich, da die Spediteure ihre höheren Ausgaben weitergeben. Mehr noch: Viele kleine und mittlere Unternehmen im Handel- und Dienstleistungsgewerbe sind auf eine hohe Mobilität der Angestellten und der Kunden angewiesen, und diese nutzen in aller Regel den eigenen PKW. Benzinknappheit bedeutet, dass Waren nicht geliefert werden, Dienste nicht angeboten werden können, Käufer und Kunden wegbleiben. Auf der Krim kommt es bereits jetzt zu einer Entlassungswelle. Gelingt es der Ukraine, weitere Raffinerien zu treffen, wird sich die Krise rasch ausweiten. Zweifellos steht die letzte große Anlage, die bislang noch nicht angegriffen wurde, auf der Zielliste: die Ölverarbeitungsfabrik in Omsk.

Die zweite ukrainische Luftkampagne zielt auf alle Betriebe in Zentralrussland und im Ural, die in den Bau von Raketen involviert sind. Diese Angriffe werden vor allem mit Flamingo- und Storm Shadow-Raketen geführt. Anders als Drohnen sind diese in der Lage, mit einem Treffer eine ganze Werkshalle zu zerstören. Die Produktionskapazitäten des russländischen militärisch-industriellen Komplexes wurden über Jahrzehnte aufgebaut, zerstörte Maschinen lassen sich nicht so einfach ersetzen, insbesondere unter dem geltenden Sanktionsregime. Da Russland seit Kriegsbeginn nahezu alle Vorräte an Raketen aufgebraucht hat und neu produzierte Exemplare stets nach kurzer Zeit gegen die Ukraine einsetzt, kann man die berechtigte Hoffnung hegen, dass die Luftangriffe bald deutlich zurückgehen.

Zudem kann man davon ausgehen, dass Russlands Luftabwehr weiter geschwächt wird. Denn es sind teils die gleichen Unternehmen, die Komponenten für Luftabwehrsysteme und Raketen herstellen. Ein Angriff auf den Betrieb Titan-Barrikady in Volgograd am 27. Juni, bei dem mindestens zwei Flamingo-Raketen einschlugen, hat zur Zerstörung einer großen Werkshalle und zur Beschädigung einer weiteren geführt. Dort wurden zuvor verschiedene Waffensysteme hergestellt, von Schiffskanonen bis zu Startrampen für Raketen der strategischen Truppen.

Dem Ziel einer Zerstörung des strategischen Potentials der russländischen Raketentruppen dienten auch Angriffe ukrainischer Drohnen auf das Kommunikationszentrum der Weltraumtruppen in Dubna 120 Kilometer nördlich von Moskau sowie in Gus‘-Christal’nyj im Gebiet Vladimir. Satellitenbild weisen auf eine Zerstörung von Kommandozentralen und teuren Antennen hin, was den Kontakt zu den Truppen an der Front und die Zielauswahl für Raketenangriffe auf die Ukraine erschwert.

Die dritte gegenwärtige Luftkampagne führt die Ukraine mit Drohnen mittlerer Reichweite vom Typ „Hornet“, die überwiegend über Starlink gesteuert werden. Diese Angriffe haben in den besetzten Gebieten einschließlich der Krim den LKW-Verkehr, insbesondere von Armeefahrzeugen und Benzinlastern, sowie Fahrten aller Arten von Militärfahrzeugen praktisch zum Erliegen gebracht.

Der französische, mit Open-Source-Intelligence arbeitende Kriegsbeobachter Clément Molin hat Fotos und Videos aus dem Mai und Juni 2026 ausgewertet und 784 getroffene oder zerstörte Fahrzeuge entlang von Straßen in diesem Gebiet ausgemacht. Die meisten Fahrzeuge zerstört die Ukraine auf den Straßen, die vom südrussländischen Taganrog nach Mariupol‘ und von dort sowohl in westlicher Richtung nach Melitopol‘ als auch in nördlicher nach Donec’k und weiter in die Agglomeration von Luhans’k führen. Hohe Verluste fügt die Ukraine Russland auch an der über Perekop und Armjans’k führenden Strecke auf die Krim zu.

Die gesamte Zone nördlich der Fernstraße „Novorossija“ ist bereits faktisch von Güterverkehr aus Russland abgeschnitten. LKW wagen schlicht nicht mehr, dorthin zu fahren. Auf der Krim ist offenbar der gesamte Güterverkehr eingestellt. Die ukrainischen Drohnenführer konzentrieren sich nun auf Lastwagen, die sich innerhalb der besetzten Gebiete zwischen verschiedenen im frontnahen rückwärtigen Raum stationierten Einheiten bewegen. Ein weiteres Ziel sind Ersatzteillager, Logistikzentren und Leitstellen der russländischen Armee im tiefen rückwärtigen Raum. Offenbar hat die ukrainische Armee über Jahre Informationen über Standorte gesammelt, die sie jetzt, wo die Drohnentechnik für Angriffe zur Verfügung steht, nutzen kann.

Die Ukraine ist offensichtlich in der Lage, die auf Flugstrecken von bis zu 150 Kilometer ausgelegten Hornet-Drohnen in einem viel größeren Radius einzusetzen. Die Flugobjekte werden mit Wetterballons näher an das Ziel gebracht und treffen mittlerweile Objekte im gesamten besetzen Gebiet sowie auf dem Schwarzen und dem Asowschen Meer. Die Wetterballons fliegen in großer Höhe, bleiben von der Luftraumüberwachung praktisch unbemerkt und können bei Wind aus der gewünschten Richtung die an ihnen befestigten Drohnen über eine Entfernung von 1000 Kilometern tragen, bevor diese via Starlink-Kommunikation ausgeklinkt und in ihr Ziel gesteuert werden.

Russland hat erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Fernstraßen auf der Krim und in den angrenzenden besetzten Gebieten zu schützen, bislang jedoch kein Mittel gegen die ukrainischen Drohnenangriffe gefunden. Die Ukraine hat in der zweiten Juni-Hälfte mit Drohnen des Typs „Behemot“, die schwere Sprengsätze tragen können, mittlerweile praktisch alle Brücken der auf die Krim führenden Straßen zerstört oder schwer beschädigt, dazu die Eisenbahnbrücken auf der Krim selbst sowie die Brücken der wichtigen Straßen, die aus Russland in die besetzen Gebiete führen.

Auf der Krim wird zudem die gesamte öffentliche Infrastruktur ausgeschaltet, einschließlich der Strom- und Wasserversorgung. Auf der Halbinsel wurde am 26. Juni der Ausnahmezustand ausgerufen. Benzin wird nur noch an Einsatzdienste ausgegeben, auf dem Schwarzmarkt wird es für 6 Euro pro Liter verkauft. Die Stromversorgung von Simferopol‘ und Sevastopol‘ war nach mehreren Angriffen auf die Kraftwerke von Balaklava und Sudak unterbrochen. Immer wieder kommt es zu Notabschaltungen, in einigen Vierteln dauert es mehrere Tage, bis wieder für eine Weile Strom fließt. Der Verkehr über die Krimbrücke ist stark eingeschränkt, Tausende Autos warten in einer über zehn Kilometern langen Schlange darauf, die Insel verlassen zu können. Es ist davon auszugehen, dass noch im Juli die meisten staatlichen Einrichtungen, die Armee und ein Teil der Bewohner evakuiert werden.

Vor dem Hintergrund des erfolgreichen Luftkriegs verwundert es nicht, dass der ukrainische Präsident Volodymyr Zelens’kyj auf dem diplomatischen Feld einen leichten Sieg über den belarussischen Alleinherrscher Aljaksandr Lukašenko erzielen konnte. Bis Mitte Juni konnte Russland auf belarussischem Territorium stationierte Signalverstärker nutzen, um Drohnen auf Ziele in der Ukraine zu lenken. Nach einem solchen Angriff auf ukrainische Eisenbahninfrastruktur im Gebiet Žytomir – u.a. in der nahe der Grenze zu Belarus gelegenen Stadt Korosten‘, wo zwei Dutzend Lokomotiven zerstört wurden – drohte Zelens’kyj, die Verstärkerstationen würden von den ukrainischen Luftstreitkräften „abgeschaltet“, wenn Lukašenko sie nicht unverzüglich aus dem Betrieb nehme. Dieser nahm die Drohung ernst und verfügte die Abschaltung. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Ukraine bald von Minsk fordert, den Verkauf von Benzin nach Russland einstellen. Belarussische Raffinerien wie jene in Mazyr‘, deren Produktionskapazität ein Zehntel des russländischen Normalverbrauchs decken kann, tragen bislang erheblich dazu bei, die Benzinknappheit in Russland zu lindern.

Die Lage an der Front

Die Okkupationstruppen sind im Verlauf des Juni an einigen wichtigen Frontabschnitten minimal vorgerückt. Größere Erfolge konnten sie nicht erzielen, Gegenoffensiven der Ukraine allerdings stoppen. Gegenwärtig weichen die Angaben russländischer (Rybar‘,Dva majora) und ukrainischer (Deep State) Herkunft deutlicher voneinander ab, als dies zu anderen Zeiten der Fall war. Es ist kaum möglich, die Angaben zu überprüfen und gesicherte präzise Angaben zur Frontlinie zu machen. Das russische oppositionelle Exilmedium Meduza versucht dies einmal wöchentlich unter Heranziehung von Primärquellen.

In einer besonderen Realität bewegt sich Russlands oberster politischer und militärischer Führer. Am 28. Juni gab Vladimir Putin seinem Hofberichterstatter Pavel Zarubin ein ausführliches „Interview“, bei dem er minutenlang unverkennbar von einem Teleprompter Angaben zu Erfolgen der Moskauer Truppen ablas und dabei mehrfach Ortsnamen verwechselte. Putin nannte zwölf Frontabschnitte, an denen seine Truppen angeblich vorrücken, was durch keine andere Quelle, auch nicht durch russländische Militärkanäle wie Rybar‘, bestätigt wird. Mit keinem Wort kam Putin hingegen der realen Lage der Truppen nahe.

Die Gebiete Sumy und Charkiv

Im Gebiet Sumy griffen die Besatzungstruppen während des gesamten Juni weiter die ukrainische Armee, die die Stadt Sumy schützt, von Norden frontal an. In anderthalb Jahren sind sie auf einer Breite von rund 20 Kilometern ca. zehn Kilometer vorgerückt. Heute verläuft die Front in einem Abstand von 17-18 Kilometern zu der Gebietshauptstadt, in der vor dem Krieg 300 000 Menschen lebten. Im Laufe des Junis ist es Russlands Armee auf einem kleinen Abschnitt von rund einem Kilometer Breite gelungen, um weitere 500 Meter vorzurücken. Dort haben sie den Rand eines großen Waldgebiets erreicht, das die Stadt von der Kampfzone trennt.

Im Osten des Gebiets Charkiv sind die Besatzungstruppen in die zwei Kilometer hinter der Staatsgrenze liegende Siedlung Kozača Lopan‘ eingerückt. Der Vormarsch von Vovčans‘ nach Süden in Richtung Charkiv ist zum Erliegen gekommen. Auch im Süden des Gebiets ruhen die Kämpfe weitgehend. Nur um den ukrainischen Brückenkopf am Ostufer des Oskil‘ wird gekämpft.

Das Gebiet Donec‘k

Zum Erliegen gekommen ist auch eine seit Mitte Mai laufende ukrainische Gegenoffensive, die im Übergangsbereich der Gebiete Charkiv, Luhans’k und Donec’k einen Keil der Besatzungsarmee durch einen Vorstoß in Richtung Lyman und Svjatohirs’k abschneiden sollte. Die russländischen Einheiten bei Lyman sind von Osten in die Stadt eingedrungen und haben sie größtenteils eingenommen. Die Lage der ukrainischen Truppen wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die russländische Armee zu beiden Seiten des Sivers’kyj Donec vorrücken. Die ukrainischen Einheiten in Lyman sind nahezu eingekesselt, zudem werden ihre über den Fluss führenden Nachschublinien beschossen. Dies könnte bald dazu führen, dass das gesamte Nordufer des Flusses bis Svjatohirs’k unter Kontrolle der Okkupationsarmee steht.

Die Besatzungstruppen greifen zudem weiterhin auf breiter Front Slovjans’k an und erzielen pro Woche Geländegewinne von rund 500 Metern. Russländische und ukrainische Quellen machen sehr unterschiedliche Angaben zum Tempo des Vorstoßes und zur Breite der „grauen Zone“. Mit größerer Sicherheit kann man nur sagen, dass die Moskauer Truppen noch 10–12 Kilometer bis zur Stadtgrenze verbleiben, auf denen die Ukraine 3–4 Verteidigungslinien errichtet hat. Im südlichen Abschnitt der Angriffszone zum Ufer des Kanals Sivers’kyj Donec-Donec‘k gelangt, im nördlichen befinden sie sich ungefähr im Bereich der Zentrums der Siedlung Raj-Aleksandrivka. Ortschaften und Bauten östlich von Slovjans’k werden massiv aus der Luft angegriffen., insbesondere das dort gelegene Kohlekraftwerk, wo sich ukrainische Soldaten verschanzen.

Besonderes Augenmerk gilt gegenwärtig der Lage in Kostjantynivka. Nach Angaben von Dva majora sei die Kleinstadt zentrales Ziel der Moskauer Sommeroffensive. Putin behauptete in seinem von Zarubin aufgezeichneten Vortrag, Kostjantynivka sei eingenommen und stünde bereits vor Oleksijevo-Družyvka, der nächsten Siedlung auf dem Weg nach Kramators’k. Dies bestätigen selbst russländische Quellen nicht. Sie sprechen davon, dass die ukrainischen Einheiten im zentralen Teil der Stadt eingeschlossen seien und sich ansonsten noch am Nordwestrand der Stadt halten könnten. Meduza gibt an, die ukrainischen Soldaten hätten noch einen Ausgang aus der Umzingelung und seien weiter im Süden der Stadt präsent. Gemäß ukrainische Quellen kontrollieren die Kiewer Truppen weiter das Stadtzentrum.

Vieles spricht dafür, dass die Ukraine die Stadt nicht mehr lange wird halten können, wenn sie nicht entweder frische Truppen dorthin verlegt oder die Nachschublinien der angreifenden Okkupationstruppen unterbrechen kann. Sollte dies nicht geschehen, sind nach einer Aufgabe von Kostjantynivka auch die ukrainischen Truppen im westlichen Teil von Časiv Jar in Gefahr, die dann von drei Seiten eingekreist sein werden.

Wie auch immer sich die Lage in Kostjantynivka aktuell genau darstellt: Vom Nordwestrand der Kleinstadt bis zum östlichen Stadtrand von Kramators’k sind es rund 20 Kilometer in dicht bebautem Gelände. Zwei große Siedlungen bieten ukrainischen Drohnenführern gute Position zum Angriff auf vorrückende russländische Soldaten. Selbst wenn Russland die Nachschubkrise überwinden sollte, würde es gemessen am bisherigen Vorrücken weitere ein bis zwei Jahre dauern, bevor die Besatzungstruppen Kramators’k erreichen.

Bei Dobropill’ja setzten sich im Juni die schweren Kämpfe fort, die Frontlinie blieb jedoch nahezu unverändert. Putin sprach davon, es sei ein Durchbruch in Richtung der Kleinstadt gelungen. Tatsächlich sind seine Truppen nur um einige wenige Kilometer vorangekommen und stehen nahe der kleinen Ortschaft Ševčenko rund zwölf Kilometer südlich von Dobropill’ja. Dort war ein Umschlagplatz der im Raum nordwestlich von Pokrovs’k stehenden ukrainischen Truppen, der Verlust stellt aber bislang keine größere Bedrohung für Dobropill’ja dar. Gefährlicher ist weiterhin der Angriff von Osten.

Die Gebiete Zaporižž’ja und Dnipropetrovs‘k

Aktiv wird auch um die 40 Kilometer nördlich von Huljaj-Pole im Gebiet Dnipropetrovs’k gelegene große Siedlung Pokrovs’ke gekämpft. Einheiten der ukrainischen Streitkräfte hatten ab Februar die Besatzer aus der Südostecke des Gebiets vertrieben, nun sind die russländischen Truppen erneut von Süden an die Ortschaft herangerückt und haben sie offenbar auch teilweise westlich umgangen. Der Frontverlauf ist an diesem Abschnitt jedoch so beweglich, dass es gut möglich ist, dass die Moskauer Einheiten in einen Hinterhalt gelaufen und nun eingekesselt sind. An zahlreichen Stellen dieses Frontabschnitts reichen „Durchbruchskorridore“ beider Armeen bis zu 20 Kilometer tief ins Hinterland des Gegners hinein. Welche davon in den nächsten Wochen und Monaten ausgedehnt werden können und welche abgeschnitten werden, ist völlig offen.

30 Kilometer südöstlich von Huljaj-Pole konnten die Besatzungstruppen jedoch ukrainische Verteidigungslinien durchbrechen. Mala Tokačka und Orichiv droht eine Einkreisung. Ende 2025 hatten sich in diesem Raum ukrainische Einheiten an einem Frontabschnitt panikartig zurückgezogen. Sollte sich Dergleichen wiederholen, könnten die Besatzungstruppen schon in wenigen Tagen am Rand der beiden Ortschaften stehen.

Westlich von Orichiv verzeichnen die ukrainischen Truppen hingegen bei Kamjans’ke am früheren Ufer des abgelaufenen Kachovka-Stausees lokale Erfolge. Sie konnten den Ort Plavin befreien und kontrollieren jetzt in diesem Raum einen Großteil des mit jungen Birken und Ahornsprösslingen überwachsenen einstigen Seegrunds. Dies verschafft ihnen die Möglichkeit, sich von Nordwesten auf dem ehemaligen Seegrund Vasylivka zu nähern, einer Kleinstadt, in der von einst 13 000 Einwohnern noch rund 4000 verblieben sind, von der aus die Besatzer die an diesem Frontabschnitt kämpfenden Einheiten der Armeegruppe „Dnepr“ versorgen.

Russlands Militärblogger zeigen sich äußerst besorgt über die Lage der Moskauer Truppen in diesem Raum. Sie fürchten, diese könnten nicht nur jene Positionen aufgeben müssen, die sie im Januar 2025 um den Preis Tausender getöteter Soldaten eingenommen haben, sondern auch das seit März 2022 kontrollierte Vasylivka verlieren.

Insgesamt setzt somit die russländische Armee ihre Sommeroffensive trotz der erfolgreichen Luftangriffe der Ukraine auf die Versorgungslinien im rückwärtigen Raum fort. Dies ist sicher deswegen möglich, weil sie im frontnahen Bereich Lager angelegt hat, die die Ukraine noch nicht entdeckt hat. Auch ist es der Ukraine bislang nicht gelungen, Russlands strategische Bomberflotte auszuschalten, die weiter die vorgelagerten Stellungen der ukrainischen Armee mit einen Teppich schwerer Gleitbomben überzieht. Die Lage an der Front bleibt angespannt. Noch hat die Ukraine nicht alle Trümpfe Russlands ausgestochen.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Hinweis zu den Quellen: Die Berichte stützen sich auf die Auswertung Dutzender Quellen zu den dargestellten Ereignissen. Einer der Ausgangspunkte sind die Meldungen der ukrainischen sowie der russländischen Nachrichtenagenturen UNIAN und RIA. Beide aggregieren die offiziellen (Generalstab, Verteidigungsministerium, etc.) und halboffiziellen Meldungen (kämpfende Einheiten beider Seiten, ukrainische Stadtverwaltungen, etc.) der beiden Kriegsparteien. Der Vergleich ergibt sowohl übereinstimmende als auch widersprüchliche Meldungen und Darstellungen.

Zur kontrastierenden Prüfung ukrainischer Meldungen wie jene von Deep State – werden auch die wichtigsten russländischen Telegram- und Livejournal-Kanäle herangezogen, in denen die Ereignisse dieses Kriegs dargestellt und kommentiert werden, darunter „Rybar’“ (https://t.me/rybar), Dva Majora (https://t.me/dva_majors), und „Colonel Cassad“ (Boris Rožin, https://colonel cassad. livejournal.com/). Wichtige Quellen sind auch die Berichte, Reportagen und Analysen der Novaja Gazeta Europe. Ebenfalls berücksichtigt werden die täglichen Analysen des Institute for the Study of War (www.understandingwar.org), das auf ähnliche Quellen zurückgreift.