Wie Russland Natur und Menschen zerstört

Amina Achpaševa

Wie Russland Natur und Menschen zerstört

Ein Bericht über den Kohlebergbau in Chakassien

In Russland findet wie in vielen Gegenden der Welt Bergbau in angestammten Gebieten indigener Völker statt. In Südsibirien sind unter anderem die turksprachigen Chakassen von der Kohleförderung im Minusskinsker Becken betroffen. Von einer freien, vorherigen und informierten Zustimmung zu Tagebauprojekten kann keine Rede sein. Umweltprüfungen sind eine Farce. Wer sich für die Bewahrung des Lebensraums und damit für das Überleben indigener Völker einsetzt, wird auf eine staatliche Terrorliste gesetzt.

Mein Heimatdorf Šalginov liegt in der Republik Chakassien in der Kojbal-Steppe, einer hügeligen Landschaft im Minussinsker Becken zwischen dem Oberlauf des Enissej und seinem linken Nebenfluss Abakan. Von Šalginov sind es 70 Kilometer nach Abakan, der Hauptstadt Chakassiens. In dem Aul (chakassisch: aal) leben heute noch rund 300 Menschen. Die Mehrheit sind Chakassen, daneben einige Deutsche, Ukrainer, Tschuwaschen, Mordwiner und Russen. Die Chakassen sprechen untereinander Chakassisch, eine sibirische Turksprache, ansonsten ist die Umgangssprache Russisch.

Im Jahr 2018 tauchten in Šalginov Mitarbeiter des Kohleunternehmens Koulstar (Coal Star) auf. Es stellte sich heraus, dass der Konzern zwei Abbaugenehmigungen für die Förderung von Steinkohle aus der Lagerstätte Bejskij erworben hatte und der Ort in dem Abbaugebiet Bejskij-West liegt. Zuvor hatte niemand in Šalginov davon gewusst. Öffentliche Anhörungen gab es erst später. Schon in der Lizenz stand jedoch, dass die Menschen enteignet und umgesiedelt werden. Šalginov ist bei weitem kein Einzelfall. Für die Lagerstätte Bejskij wurden Lizenzen an eine Reihe von Unternehmen vergeben, für Bejskij-Ost an die Holding SUĖK (Sibirische Kohle- und Energiegesellschaft), die größte Kohlegesellschaft Russlands, für den Tagebau Kirbinskij an Russkij Ugol‘, für den Tagebau Aršanovskij an ein kleineres, gleichnamiges Unternehmen (Razrez Aršanovskij). Es sind also mehrere Dörfer betroffen und überall geschah das gleiche.

Für die Enteignung ist die Ressourcenbehörde Rosnedra zuständig. Doch diese informierte niemanden, führte keine Gespräche. Die Leute erfuhren aus der Lokalzeitung, dass ihre Grundstücke enteignet sind. Natürlich haben sich die Menschen an das zuständige Kreisgericht gewandt. Ohne Erfolg. Die Enteignungen wurden durchweg bestätigt.

Die Enteignungen führten noch vor der behördlichen Umsiedlung dazu, dass die Bewohner landwirtschaftlich genutzte Flächen verloren. Viele haben daher das Dorf verlassen, ohne dass eine Umsiedlung angeordnet wurde. Geblieben sind diejenigen, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen und sich nicht vorstellen können, den Ort aufzugeben, an dem ihre Familie seit Generationen gelebt hat, an dem die Ahnen begraben sind. Und von welchem Geld sollen sie sich an anderer Stelle ein neues Leben aufbauen? Die Kompensation, die gezahlt wurde, war ein Hohn – für 25 Hektar Land rund 400 000 Rubel (4500 Euro). Wie soll man damit an einem anderen Ort neu anfangen?

Dies ist die individuelle Seite. Darüber hinaus ist klar: Wenn die Menschen gezwungen werden, die Heimat ihrer Vorfahren zu verlassen, ihre traditionelle Lebensweise aufgeben müssen, sich in der Stadt an die russisch geprägte urbane Zivilisation anpassen – dann geht auch die Sprache verloren. Ein Volk verschwindet.

Bei den öffentlichen Anhörungen, an denen ich ab 2019 teilnahm, zeigte sich sehr rasch: Wir werden als Menschen zweiter Klasse behandelt. Die Chakassen sollten zuhören und Ja sagen. Sprechen durften sie nicht. Wenn jemand das Mikrofon verlangte, ignorierte die geschäftsführende Landrätin ihn. Den Kohle-Vertretern reichte sie das Mikrofon geradezu unterwürfig. „Was klammert ihr Euch so an Euer Gras?“, hieß es. „Überhaupt gehört Euch ohnehin nur dieses Gras. Der Boden darunter ist Staatseigentum.“

Mit allen Mitteln sollten die Bewohner dazu gebracht werden, der Enteignung zuzustimmen. Kurz vor den ersten Anhörungen schenkte Koulstar den Kindern in der Schule Fußbälle. Und machte Druck. Dieser lief über die Schulleiterin. Sie stellte sich auf die Seite des Unternehmens und machte den Eltern implizit klar, dass es Konsequenzen für die Kinder hat, wenn sie sich bei den Anhörungen aus dem Fenster lehnen.

Im Juni nahm ich erstmals an einem Treffen von Živaja Chakasija (Lebendiges Chakassien) teil und schloss mich der Umweltorganisation an. Im August organisierte ich mit anderen einen Kongress von Vertretern des chakassischen Volks in Kujbyševo, wo sich auch die Schule und die Verwaltung der Verbandsgemeinde befindet. Die Delegierten verabschiedeten eine Resolution, schrieben eine Eingabe an den Präsidenten in Moskau, beschlossen, sich an die Vereinten Nationen zu wenden, und gründeten den Verein Chraniteli chakassokj zemli (Beschützer der chakassischen Erde).

Im September 2019 entschloss ich mich erstmals zu einer Einzeldemonstration in der Republikhauptstadt Abakan. Versammlungen werden in Russland fast immer verhindert, Einzeldemonstrationen müssen nicht genehmigt werden. Auf meinem Plakat stand: „Rettet Šalginov vor der Willkür der Kohleunternehmen“. Ich wollte die Menschen dort informieren, denn dort weiß man nicht, was außerhalb der Stadt geschieht. Und ich wollte sehen, wie die Behörden reagieren. Später habe ich das mehrmals wiederholt, etwa als Valentin Konovalov, der kurz zuvor mit noch nicht einmal 30 Jahren als Kandidat der KPRF (Kommunistische Partei der Russländischen Föderation) zum Oberhaupt der Republik gewählt worden war, in die Kreisstadt Beja kam. Ich hatte ihm geschrieben, dass er nach Šalginov kommen solle, um sich die Situation dort anzusehen, doch er weigerte sich. In Beja leben überwiegend Russen, denen die Situation der Chakassen in den umliegenden Dörfern egal ist. Konovalovs Eskorte forderten mich bei der Veranstaltung auf, den Saal zu verlassen. Aber mich mit Gewalt herauszuzerren, wagten sie nicht.

Ab Dezember 2019 nahm ich an den öffentlichen Anhörungen anderer Kohleunternehmen in benachbarten Dörfern teil. Im Falle des Tagebaus Bejskij-Ost stellte sich heraus, dass die Aufbereitungsanlage keine Genehmigung erhalten hatte. Ich schrieb eine Eingabe an die Umweltaufsichtsbehörde Rosprirodnazor. Immerhin musste SUĖK daraufhin eine Strafe bezahlen. Danach versuchte das Unternehmen, mich und meine Mitstreiter von den Anhörungen auszuschließen. Dies gelang ihnen nicht, aber die Anhörungen liefen dann so: Eröffnung durch den Kreisvorsitzenden, Rede des Kohlevertreters, Schlusswort des Kreisvorsitzenden, Veranstaltung beendet. Es gefiel ihnen gar nicht, dass sie es mit einer ausgebildeten Ingenieurin zu tun hatten, die anderthalb Jahrzehnte Projekte im Bereich Brücke- und Straßenbau abgewickelt hatte und auf ihrer Ebene mitreden konnte. Letzten Endes führten jedoch alle sachlichen Einwände zu keinem Ergebnis. Die Umweltaufsichtsbehörde simuliert nur, dass sie eine unabhängige Körperschaft ist. Manchmal verlangt sie minimale Änderungen, aber letzten Endes genehmigt sie alle Projekte. Im Fall des Tagebau-Projekts in Šalginov zeigte sich dies ganz deutlich: Der Konzern begann einfach mit dem Erdaushub, noch bevor die Umweltverträglichkeitsprüfung Ende 2020 abgeschlossen war – ganz nach seinen Vorstellungen selbstverständlich.

Dann musste nur noch der Flächennutzungsplan geändert werden. Das lief so: Der Kreisrat beantragte eine Umwidmung von landwirtschaftlichen Flächen und ihre Ausweisung als Industriezone. Unterschreiben muss das Oberhaupt der Republik. Konovalov wollte jedoch eine weiße Weste behalten. Er nahm für ein paar Tage eine Auszeit, bestimmte einen geschäftsführenden Amtsträger, dieser unterzeichnete, und kurz darauf kehrte Konovalov, der mit der ganzen Sache „nichts zu tun hat“, auf seinen Posten zurück.

Im Jahr 2020 gründete ich zusammen mit einem Anwalt, der die Bewohner der Dörfer beriet, eine Umweltstiftung mit dem Namen „Iris“ und im Namen eines anderen Vereins, „Rodnaja step‘“ (Heimatsteppe) Eingaben an die Regierung in Abakan schrieb. Alle Behörden standen gegen uns: Die Kreisverwaltung, das Kreisgericht, die Umweltaufsichtsbehörde., die chakassische Regierung und das Oberste Gericht der Republik. Und, wenn man die gesamte jüngere Geschichte des Kohlebergbaus in Russland betrachtet, natürlich auch der Oberste Gerichtshof in Moskau und die Präsidialverwaltung. Es wurde rasch klar, dass die Umweltverträglichkeitsprüfung nur Augenwischerei ist. Den Menschen wird glauben gemacht, dass sie beteiligt sind, in Wirklichkeit ist alles bereits entschieden.

Natürlich machten wir trotzdem weiter. Die Stiftung „Sochranenie Sibiri i Dal’nego Vostoka“ (Bewahrung Sibiriens und des Fernen Ostens) ermöglichte es mir, einen zweibändigen Bericht über den Schutz der Biodiversivität in der Kojbal-Steppe und eine dazugehörige Videodokumentation zu erstellen. Die Stelle steht auf einer Vorschlagsliste für das Übereinkommen über Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung (Ramsar-Konvention).

Jetzt nahm ich auch an Treffen von Organisationen verschiedener Turkvölker Russlands teil, bei denen Tataren, Baschkiren, Jakuten (Sacha), Nogaier Altaier und Vertreter anderer Völker zusammenkamen. Für die Umweltorganisation Ėkozaščita arbeitete ich an dem Film „Die schwarzen Drachen Chakassiens“ über den Kohlebergbau in meiner Heimat mit. Dazu mobilisierte ich Aufmerksamkeit – über die Sozialen Medien, auf Konferenzen und in Interviews.[1]

Im Jahr 2021 begann ich mich auch für die vom Goldbergbau betroffenen Schoren in Chakassien einzusetzen. Im Mai 2021 erfuhr ich, dass die Behörden eine Auktion für die Vergabe einer Förderlizenz im benachbarten Landkreis Azkiz angesetzt haben, der heute das zentrale Siedlungsgebiet der Chakassen ist. Anders als in früheren Fällen, bei denen die betroffenen Bewohner erst davon erfahren hatten, als die Lizenz bereits vergeben war, konnte man nun rechtzeitig handeln. Die Nachricht löste Aufruhr bei den Bewohnern aus und tatsächlich musste die Auktion verschoben werden. Einige Tage später versuchte ein Bus des Kohleunternehmens mich von der Straße abzudrängen…

Dann ordnete Putin den Überfall auf die Ukraine an. Bald kamen erste Leichen von Männern nach Chakassien zurück, die sich als Vertragssoldaten in den Krieg hatten locken lassen. Ich begann, Eltern dazu aufzurufen, ihre Söhne daran zu hindern, in diesen Krieg zu ziehen. Im September protestierte ich gegen die Teilmobilmachung, speziell gegen die Einberufung eines Historikers aus dem Volk der Schoren sowie überhaupt von Männern aus den kleinen indigenen Völkern.

Jetzt nahmen die Repressionen, die bereits in Zusammenhang mit dem Protest gegen die Kohleunternehmen begonnen hatten, stark zu. In den sozialen Medien und auf dem staatlichen Nachrichtenportal für Abakan und Chakassien wurde ich beschimpft und nach einer Denunziation im Oktober vom Inlandsgeheimdienst FSB zum Verhör einbestellt.[2] Ich setzte meine Tätigkeit jedoch fort, traf nun häufiger Frauen aus anderen indigenen Völkern und wurde Mitglied des Aborigen-Forum, in dem sich 2015 Angehörige kleiner indigener Völker aus Russland zusammenschlossen hatten, nachdem der Vorgänger-Verband Raipon im Jahr 2013 in einen verlängerten Arm der staatlichen Behörden verwandelt worden war.

Im Dezember 2023 reiste ich zur UN-Klimakonferenz in Dubai, sprach mit dem Sonderberichterstatter zum Klimawandel, der meine Dokumentation dem Sonderberichterstatter für die Rechte indigener Völker übergab. Im Juli 2024 nahm ich am 17. Treffen des Expertenmechanismus für die Rechte der indigenen Völker der Vereinten Nationen in Genf teil, im Oktober, ebenfalls in Genf, an dem Treffen von Vertretern indigener Völker Just Transition, wo es auch um verwandte Themen wie die geplante Lithiumförderung in den Siedlungsgebieten der Tuwinen in der Republik Tyva ging. Im November 2024 fuhr ich zur UN-Klimakonferenz in Baku. Unterdessen ging in Chakassien die Verleumdung weiter. Im Juli 2024 hatten die USA das Unternehmen Coal Star auf die Sanktionsliste gesetzt, in Abakan hieß es nun, das sei auf meine Aktivitäten zurückzuführen…

Gefährlicher aber war, dass der Oberste Gerichtshof Russlands im Juli 2024 das Aborigen Forum sowie weitere rund 50 Gruppen einer angeblichen „antirussländischen separatistischen Bewegung“ auf eine Extremismus-Liste setzte und im November 2024 das Forum sowie weitere 171 indigene Gruppierungen zu „Terrororganisationen“ erklärte. Ich arbeitete gleichwohl weiter, im Jahr 2025 mit dem Schwerpunkt Goldgewinnung in den Siedlungsgebieten der Schoren. Einige meiner Videos dazu wurden über 100 000 Mal angesehen und daraufhin auch auf offiziellen Seiten in Chakassien verlinkt.

Im Juli 2025 erhielt ich eine Warnung des FSB, dass ich beobachtet würde, eine Akte angelegt sei, und es Beweise gebe, dass ich für türkische Geheimdienste arbeiten und panturkische Pläne entwickeln würde. Ich hielt dies für einen Versuch, mir Angst zu machen, um mich aus dem Land zu treiben, und reagierte nicht. Im September erhielt ich eine zweite Warnung, weigerte mich aber weiter, meine Heimat zu verlassen.

Mitte Dezember fanden dann jedoch in mehreren Regionen in ganz Russland gleichzeitig bei mehr als einem Dutzend Personen, die sich für die Rechte indigener Völker engagieren und an Treffen im Rahmen der Vereinten Nationen teilgenommen hatten, Hausdurchsuchungen statt. Die meisten wurden nach kurzer Zeit freigelassen. Daria Egereva vom Volk der Selkupen und die Menschenrechtlerin Natalia Leongardt wurden jedoch verhaftet und wegen „Terrorismus“ angeklagt.
Nun hatte ich keine andere Wahl mehr. Mit Hilfe der Organisation Pervyj otdel (Erste Abteilung) gelang mir die Flucht ins Ausland. Von dort engagiere ich mich im Internationalen Komitee der indigenen Völker Russlands (ICIPR), das in den Augen des Kreml eine „Terrororganisation“ ist.

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin

Amina Achpaševa, setzt sich seit 2019 gegen Umweltzerstörung durch Kohle- und Goldbergbau in Südsibirien und für die Rechts indigener Völker ein. Im Jahr 2024 kehrte sie zu ihrem Geburtsnamen zurück, zuvor engagierte sie sich unter dem Namen Marija Čebodaeva.

Zum Kohlebergbau im Kuznecker Becken (Buzbass) im westlich an Chakassien angrenzenden Gebiet Kemerovo siehe Anton Lementuev: Schwarze Lunge, schwarzer Schnee. Kohleförderung im Kuzbass, in: Osteuropa, 7–9/2020, S. 131–148. – Für einen Überblick über Russlands Kohleindustrie siehe Ellie Martus, Stephen Fortescue: Black Jack. Russlands Kohleindustrie und der Klimawandel, ebd., S. 103–130. – Zur Entwicklung des Kohleexports aus Russland nach dem Überfall auf die Ukraine und der aus diesem Grund verhängten Sanktionen siehe Filip Rudnik: Russian coal on the global market: difficulties and weak prospects. OSW commentary, 3.4.2025.

Der Text erscheint mit Unterstützung des Akademischen Netzwerks Osteuropa


[1] Weitere Interviews mit der aus der Republik Altaj kommenden Aktivistin Aruna Arna, die im August 2025 auf die Liste der „Terroristen und Extremisten“ gesetzt, bald darauf verhaftet und im Juni 2026 zu fünf Jahren Straflager verurteilt wurde: https://www.youtube.com/watch?v=vj5UZd-HAqU (zu Aruna Arna: https://www.svoboda.org/a/vernite-detyam-matj-sotsseti-o-prigovore-arune-arna/33770928.html) und mit dem kasachischen Menschenrechtsanwalt Ermek Narymbaev https://www.youtube.com/watch?v=2EwZTkKepLc

[2] Kak chakasskie psevdoėkologi obernulis‘ vo vreditelej iz „pjatoj kolonny“ (Wie aus chakassischen Pseudoökologen Schädling der „fünften Kolonne“ wurden“), https://news.abakan.city/2023-01-12#more_30