Titelbild Osteuropa 1-3/2024

Aus Osteuropa 1-3/2024

Kein Fall für die Nation
Karelien – Geschichte, Sprache, Politik

Alexey Golubev, Gleb Yarovoy


Abstract in English

Abstract

Karelien ist eine der 21 nationalen Republiken Russlands. Doch diese Bezeichnung ist irreführend. Die in den 1920er Jahren geschaffene Autonome Sowjetrepublik entstand nicht durch das Wirken einer starken Nationalbewegung, sondern aufgrund geopolitischer Entscheidungen. Karelier waren dort stets in der Minderheit, zweite Sprache nach dem Russischen war während der Sowjetzeit das Finnische. In der Perestrojka-Zeit entstand eine Nationalbewegung, doch diese war so schwach, dass sie nicht einmal die Verankerung des Karelischen als Amtssprache erreichte. Die Karelier sind in der Republikverfassung auch nicht als Titularnation genannt. Seit Mitte 2014 unterdrückt der Staat jede gesellschaftliche Bewegung mit politischen Ambitionen, seit 2022 haben die Repressionen noch einmal zugenommen. Einzig die Bewahrung der karelischen und der wepsischen Sprache duldet und fördert der Staat. Da diese jedoch in Politik und Wirtschaft keine Rolle spielen, haben sie eine ungewisse Zukunft.

(Osteuropa 1-3/2024, S. 267–284)