Titelbild Osteuropa 10/2025

Aus Osteuropa 10/2025

Die moderne Stadt als Raum der Angst
Agoraphobie in Andrej Belyjs Petersburg

Wolfgang Stephan Kissel


Abstract in English

Abstract

Andrej Belyjs Roman Petersburg, erschienen am Vorabend des Ersten Weltkriegs, steht im Zeichen einer apokalyptisch-eschatologischen Erwartung kommenden Unheils. Der Roman entstand in einer Zeit der äußeren und inneren Instabilität, gezeichnet von wirtschaftlichen und sozialen Umbrüchen, Krieg und revolutionären Unruhen. Zugleich ist er das Produkt einer „Epoche der Nervosität“. Fast alle Figuren leiden am zeittypischen Syndrom der „Neurasthenie“. Die Angst, die zu deren Symptomen gehört, erfasst in Petersburg nicht nur Personen, sie wird zu einem Charakteristikum der russischen Hauptstadt selbst. In der Agoraphobie des Protagonisten Apollon Ableuchov, der als mächtiger Senator selbst ein Quell von Angst ist, verdichtet sich die Furcht vor Entgrenzung und Zerfall. Belyjs symbolistische „Hirnspiele“ galten in der Sowjetunion als dekadent. Heute ist die Bedeutung des Romans als seines opus magnum unumstritten. Zu Lesern des 21. Jahrhunderts, das eine „Rückkehr des nervösen Zeitalters“ erlebt, spricht er in besonderer Weise.

(Osteuropa 10/2025, S. 35–56)