Titelbild Osteuropa 10/2025

Aus Osteuropa 10/2025

"Eppur si muove!"

Editorial

(Osteuropa 10/2025, S. 3–4)

Volltext

Die Angst ist zurück: Jeder, der Freunde und Bekannte in Russland hat, weiß davon ein Lied zu singen. Das offene Wort am Telefon ist passé. Ein pointiertes Urteil in einer E-Mail oder ein kritischer Kommentar in einem Social Media Post könnten gefährlich werden. Russlands Krieg in der Ukraine ist tabu, von den Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung ganz zu schweigen. Also bestimmen Selbstzensur und die Flucht in die Banalitäten des Alltags den Dialog: Der Winter ist kalt, die Kinder und Enkel wachsen, und wir freuen uns auf den Urlaub am Schwarzen Meer!

Zwei Dinge kommen zusammen. Einerseits ist die elektronische Überwachung real, die Denunziation blüht und die Strafen sind drakonisch. Andererseits ist Russlands Gesellschaft von einer tief verwurzelten Angst geprägt. Diese geht auf den stalinistischen Massenterror zurück. Die historische Erfahrung des Lebens in einer totalitären Ordnung hat sich im kollektiven Bewusstsein der Menschen und in der politischen Kultur des Landes abgelagert. Zwar war das Gefühl, in einem permanenten Ausnahmezustand zu leben, vorübergehend verschwunden. Doch das Putin-Regime hat die Angst reaktiviert und nutzt sie zur Konsolidierung und Kontrolle der Gesellschaft. Die Angst ist eine der Ursachen für die Unterwürfigkeit und Fügsamkeit der Menschen in einer autoritären Ordnung. Das sind einige der Thesen des Moskauer Soziologen Lev Gudkov in seinen Überlegungen zur kollektiven Angst, die wir in diesem Heft veröffentlichen.

Erstaunlicherweise ist Angst als gesellschaftliches Phänomen in totalitären Regimen und posttotalitären Gesellschaften kaum erforscht, ebenso wenig ihre Funktion als Hebel repressiver Herrschaft. Das hat, so Gudkov, eine immanente Ursache: „Eine der wichtigsten Eigenschaften der Angst ist das Tabu, sie zu reflektieren.“

Das wollen wir ändern. Gudkovs Text ist der Auftakt zu einer systematischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Angst. Im Laufe des Jahres 2026 werden wir Analysen aus unterschiedlichen Disziplinen publizieren, um die Bedeutung der Angst für den Aufstieg autoritärer Regime und deren Funktionsweise zu verstehen. Denn Russland ist kein Sonderfall. Wenn Gudkovs Überlegungen zur kollektiven Angst etwas taugen, müssen sie von heuristischem Wert zur Analyse anderer autoritärer Regime in Geschichte und Gegenwart sein.

Mit diesem Aufsatz geht Lev Gudkov ein erhebliches persönliches Risiko ein. Er dementiert in gewisser Weise seine eigene Gesellschaftsanalyse. Denn er lässt sich nicht von der Furcht vor Repressionen lähmen; er unterwirft sich keiner Selbstzensur, sondern hält emphatisch daran fest, dass Wissenschaft einzig der Erkenntnis der Wahrheit zu dienen hat. Er ist offensichtlich frei von Angst. Und das, obwohl das Putin-Regime Gudkovs wissenschaftliche Heimstatt, das Levada-Zentrum, seit Jahren als „ausländischen Agenten“ diskreditiert und zu zerstören versucht. Im Februar 2025 hat Russlands Justizministerium Lev Gudkov persönlich zu einem „ausländischen Agenten“ erklärt. Seitdem wird er schikaniert und kriminalisiert. Und doch sagt er, was ist. Ein moderner Galileo Galilei der russischen Soziologie!

 

Berlin, im Januar 2026                                   Manfred Sapper, Volker Weichsel