Bilder vom Krieg
EditorialAbstract in English
(Osteuropa 3-4/2026, S. 6364)
Volltext
Bilder vom Krieg
Krieg ist Gewalt. Er produziert Zerstörung, Elend, Erniedrigung, Verstümmelung und Tod. Bilder halten dies fest. Im digitalen Zeitalter haben sich die Bedingungen verändert, unter denen Fotos und Videos aus den Kriegsgebieten entstehen und verbreitet werden. Mit dem Smartphone und Bodycams wird potentiell jeder zum Fotografen, auch Soldaten und Zivilisten. Die Verbreitung der Bilder hat sich exponentiell beschleunigt – und sie erreichen nahezu in Echtzeit Menschen an jedem Ort der Welt.
Fotos und bewegte Bilder können dazu dienen, Kriegsverbrechen festzuhalten und zu dokumentieren. Von der Tötung mehrerer Zivilisten durch Granatenbeschuss in Irpin im März 2022 weiß die internationale Öffentlichkeit, weil die Fotojournalistin Lynsey Addario zufällig vor Ort war. Sie bezeugte mit ihrer Kamera, was sie sah. Die New York Times veröffentlichte das Foto. Es wurde weltbekannt und löste eine Diskussion darüber aus, unter welchen Bedingungen die Veröffentlichung eines Fotos, das Getötete zeigt, journalistisch geboten und ethisch zulässig sei.
Im Krieg sind Bilder von der Front ein begehrtes Gut. Sie dienen auch der Steigerung von Verkaufs- und Klickzahlen, vor allem aber doch der Wahrheitsfindung. Militärzensur und die Omnipräsenz tödlicher Drohnen machen eine unabhängige Berichterstattung durch professionelle Fotojournalistinnen allerdings immer schwieriger, berichtet der Journalist und Bildredakteur Friedrich Bungert in diesem Band. Ein Printmedium wie die Süddeutsche Zeitung verzichtet mittlerweile darauf, eigene Fotografen an die Front zu schicken. Damit wächst der Bedarf an fremdem Bildmaterial. Da die Manipulation von Bildern leichter denn je ist, stellt das nicht nur die Redaktionen vor neue Herausforderungen bei der Verifikation der Aufnahmen.
Egal ob es ein Pressefoto ist, ein Video in den Sozialen Medien oder ein professionell hergestellter Dokumentarfilm, der sich an das Publikum auf Filmfestivals, im Kino oder im linearen und nicht-linearen Fernsehen richtet – die Funktion all dieser Bilder, insbesondere wenn es sich dabei um Bilder von Kriegsopfern oder um Bilder der Zerstörung handelt, geht weit über ihren dokumentierenden Charakter hinaus. „Fotografien von Kriegsopfern sind“, wie die Essayistin Susan Sontag in ihrem klassischen Werk Das Leiden anderer betrachten vor über zwei Jahrzehnten festhielt, „selbst eine Art von Rhetorik. Sie insistieren. Sie vereinfachen. Sie agitieren. Sie erzeugen die Illusion eines Konsensus.“
Die folgenden Beiträge widmen sich verschiedenen Aspekten der Bildpolitik und Visualisierung in Russlands Krieg gegen die Ukraine. Sie gehen auf einen Workshop zurück, der am 23. Oktober 2025 am Institut für Slawistik der Universität Innsbruck abgehalten und vom Network of Areas (NoA) und dem Forschungsschwerpunkt „Kulturelle Begegnungen – Kulturelle Konflikte“ der Universität Innsbruck finanziell unterstützt wurde.
Innsbruck, München, Eva Binder, Anja Burghardt
Berlin, im Juni 2026, Manfred Sapper, Volker Weichsel


