Gesprächsraum
Editorial(Osteuropa 5-6/2026, S. 34)
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Tschechien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2026. Osteuropa hat dies zum Anlass genommen, in Zeiten raschen politischen und gesellschaftlichen Wandels Persönlichkeiten aus Tschechien und Deutschland ins Gespräch zu bringen. Das ist eine Premiere. Erstmals besteht ein ganzer Band nur aus Dialogen.
Gefragt, was das Besondere an Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur zwischen Böhmerwald und Mährischer Pforte sei, murrte der Bürgerrechtler, Mathematiker und Philosoph Jan Sokol (1936–2021) einmal: „Früher hatte ich Berufskommunist zu sein, jetzt soll ich den Berufstschechen geben“. Solche Festlegungen sind Vergangenheit. Die Gesprächsduos dieses Bands sind tschechisch-deutsch besetzt, die Fragen, die wir ihnen stellen, grenzüberschreitend, europäisch, universal. Wer den Antworten nationale Spezifika entnehmen will, sollte Vorsicht walten lassen.
Bei Herfried Münkler und Petr Fiala trifft im Gespräch über die Herausforderung durch Russland, China, die USA harte geopolitische Analyse auf ein emphatisches Europabild. Das Ergebnis: Konsens in der Diagnose und weitgehende Übereinstimmung bei der Therapie. Die Nuancen haben mit ihren Rollen zu tun. Beide sind Politikwissenschaftler, Fiala aber auch Politiker, er ist Parlamentsabgeordneter und war von 2021–2025 tschechischer Ministerpräsident. Vielleicht haben die Bilder und Figuren, die Fiala und Münkler verwenden, aber dann doch mit den historischen Prägungen von zwei Denkern und Machern aus Gesellschaften von so unterschiedlicher Größe zu tun, deren geteilte Geschichte in der europäischen Konfliktgemeinschaft sie zusammenführte, gegeneinandertrieb, auseinanderriss und wieder vereinte.
Ähnlich verhält es sich mit dem Duo Jens Südekum und Luděk Niedermayer. Über Partei- und Ländergrenzen hinweg herrscht weitgehend Einigkeit zwischen dem persönlichen Berater des SPD-Finanzministers und dem tschechischen Europaabgeordneten der Europäischen Volkspartei, wie der Krise der verflochtenen europäischen Volkswirtschaften zu begegnen sei und eine Erosion des industriellen Kapitalstocks verhindert werden kann. Im Gespräch zwischen Mona Neubaur und Tomas Ehler prallen allerdings diametral entgegengesetzte Vorstellungen von der Zukunft der europäischen Energiepolitik aufeinander. Mit großem Sachverstand führen sie eine kontroverse politische Debatte über Erneuerbare Energien vs. Atomkraft. Ehler fragt, ob Deutschland in Sachen Energiesicherheit nicht als Trittbrettfahrer agiere, Neubaur zweifelt an der Tragfähigkeit der tschechischen Nuklearstrategie.
Die Historikerin Adéla Gjuričová bringt die deutsch-tschechische Konstellation probehalber auf den Begriff: „ein reifes Ehepaar“. Ihr Gegenüber Martin Schulze Wessel interveniert. Das Dritte Reich habe versucht, die staatliche Existenz der Tschechoslowakei auszulöschen, die Tschechen zu germanisieren, nach Sibirien umzusiedeln oder zu liquidieren. Die Metapher harmonisiere die Geschichte. Eine hochaktuelle Frage angesichts des Kriegs, den Russland seit 2022 mit Verweis auf die Nähe von Russen und Ukrainern gegen das Nachbarland führt. Auf diesen Krieg verweist auch das Gespräch, das Karl Schlögel und Lukáš Babka über die „russische“ Emigration im Berlin und Prag der 1920er Jahre führen. Wie vor 100 Jahren hat der Versuch, ein untergegangenes Imperium auferstehen zu lassen, Millionen Menschen in die mitteleuropäischen Metropolen gespült. Wie damals sind Belarussen, Juden, Russen, Ukrainer und andere mit dem Elend des Emigrantendaseins konfrontiert und nicht wenige von ihnen prägen das intellektuelle Klima der Städte, in denen sie Zuflucht gefunden haben.
Wie sehr die Perspektiven von ganz anderen Prägungen als den nationalen abhängen, zeigt auch der Dialog zwischen Kamil Činatl und Ute Frevert. Gefragt nach dem Nexus von Zeitdiagnose und Geschichtsanalyse denkt die Präsidentin der Max-Weber-Gesellschaft über die intellektuellen Herausforderungen des erinnerungspolitischen Umgangs mit den nationalsozialistischen Verbrechen nach. Der Geschichtsdidaktiker Činatl versteht die Frage ganz anders. Er diagnostiziert mit Blick auf die vor allem von der Popkultur geprägten Geschichtserfahrungen und -inszenierungen der Gesellschaft einen Präsentismus, auf welchen die akademische Geschichtswissenschaft Antworten finden muss. Persönliche Interessen oder Traditionslinien, die zu Max Weber und Tomáš Garrigue Masaryk dort führen?
Professionelle Rollen sind es auch, die aus den Worten von Václav Moravec und Stefan Raue zu Glanz und Elend des öffentlich-rechtlichen Rundfunks herauszuhören sind. Der Intendant des Deutschlandradios verteidigt das Vollprogramm und die Einladung von Gästen aller in den Parlamenten sitzenden politischen Parteien. Der langjährige Moderator der wichtigsten Diskussionssendung des Tschechischen Fernsehens kritisiert, Česká Televize haben seinen Bildungsauftrag aufgegeben. Dem Sender hat er jüngst den Rücken gekehrt, weil er sich nicht vom Intendanten regierungsbeteiligte Rechtsradikale in seine Sendung setzen lassen wollte.
Klar positioniert sich auch Barbara Schönig, deren Forschungsschwerpunkt an der Bauhaus-Universität Weimar die Wohnungsforschung ist. Angesichts des eklatanten Mangels an bezahlbarem Wohnraum müsse in sehr grundsätzlicher Weise die Eigentumsfrage gestellt werden. Der Prager Sozialgeograph Martin Ouředniček ist in seiner Analyse sozialräumlicher Veränderungen in Tschechien skeptischer. Statt staatlicher Intervention in den Wohnungsmarkt fordert er vor allem die Kommunen auf, mit aktiver Wohnungspolitik gegen die grassierende Obdachlosigkeit vorzugehen.
Ein Band aus Anlass des tschechischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Buchmesse kann nicht ohne eine Analyse des Buchmarkts auskommen. Katharina Raabe und Martin Vopěnka liefern Zahlen, analysieren literarische und ökonomische Trends, geben Lesetipps für Klassiker und Neuerscheinungen und machen sich kluge Gedanken zur Zukunft des Schreibens, Lesens und Übersetzens im Zeitalter der Künstlichen vermeintlichen Intelligenz.
Weil „deutsch-tschechisch“ heute zwar „deutschland-tschechisch“ meint, Jahrhunderte tschechischer Geschichte sich aber im Habsburgerreich abspielten, und Wien, nicht Berlin der zentrale Bezugspunkt war, haben wir zum Gespräch mit dem tschechischen Restaurantkritiker Pavel Maurer die österreichische Foodtrendforscherin Hanni Rützler eingeladen. Sie sprechen über die Kultur- und Unkulturgeschichte des Essens, die mit Fusion und Neuer Tschechischer Küche noch lange kein Ende gefunden hat. Nach 192 Seiten Osteuropa-Lektüre haben Sie sich verdient, was Pavel Maurer – nicht ohne Augenzwinkern – empfiehlt: einen tschechischen Rinderbraten mit Sahnesoße. Und für die Vegetarierinnen: Pflaumenmus.
Berlin, im September 2026 Manfred Sapper, Volker Weichsel


