Titelbild Osteuropa 7/2026

Aus Osteuropa 7/2026

Lev Gudkovs Grammatik der Angst
Repression, Vereinzelung und Herrschaft im Putinismus

Steffen Kailitz

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Abstract in English

Abstract

Der russische Soziologe Lev Gudkov verfolgt in seinen Überlegungen zur kollektiven Angst in Russland die Frage, wie Menschen auf äußeren Zwang reagieren. Seine Grammatik der Angst verbindet drei Schritte: Menschen antizipieren staatliche Sanktionen. Sie reagieren darauf, indem sie immer weniger für sagbar halten. Dadurch erkennen sie mögliche Verbündete für Widerspruch, Kritik und gemeinsames Handeln nicht und stehen vor einem Koordinationsproblem. Gudkovs Analyse ist ein Beitrag zur Theorie gesellschaftlicher Vereinzelung: Repression stabilisiert Herrschaft nicht allein durch die zu erwartende Sanktion, sondern auch durch die Unsicherheit über die Handlungsbereitschaft anderer.

(Osteuropa 7/2026, S. 27–36)

Volltext

In George Orwells Roman 1984 schreibt die Hauptfigur Winston Smith heimlich Tagebuch, obwohl ihn dies das Leben kosten kann. Nicht nur, dass er in der ständigen Gefahr lebt, entdeckt zu werden. Zudem weiß er nicht, ob irgendwo auch nur ein einziger Mensch wie er das herrschende totalitäre System ablehnt. Der andere Protagonist, O’Brien, beschreibt dieselbe Ordnung aus der Sicht der Herrschenden: „Niemand wagt es mehr, seiner Frau, seinem Kind oder einem Freund zu trauen.“[1] Das Schweigen ist mehrdeutig: Zustimmung, Resignation und abwartender Widerspruch sind nicht zu unterscheiden. Repression stabilisiert Herrschaft, wenn sie nicht nur Strafe erwarten lässt, sondern mögliche Verbündete füreinander unsichtbar macht. So wirkt Angst.

Dem Phänomen der kollektiven Angst in Russland hat sich der Moskauer Soziologe Lev Gudkov gewidmet. Nach dem stalinistischen Massenterror sei Angst in der politischen Kultur der sowjetischen Gesellschaft verankert gewesen. In den späten 1980er Jahren sei sie zwar zurückgegangen, habe aber unter dem Putin-Regime wieder zugenommen. Dies nutze das Regime zur Kontrolle der Gesellschaft.[2] Gudkovs Überlegungen zur kollektiven Angst weisen weit über Russland hinaus. Die vergleichende Autokratieforschung beschreibt die Instrumente, mit denen Regime ihre Macht sichern: Wahlmanipulation, Medienkontrolle, Kooptation, Repression und die Überwachung gesellschaftlicher Organisationen.[3] Seltener untersucht sie, wie deren Anwendung alltägliches Verhalten prägt. Hier liegt Gudkovs Stärke. Er verfolgt den Weg von äußerem Zwang zu eingeübter Vorsicht: wie die Erwartung von Strafe gelernt und reaktiviert wird und schließlich als Selbstzensur, Rückzug und Misstrauen im Alltag ankommt.[4]

Bei Gudkov ist Angst keine bloße innere Regung, sondern eine sozial erlernte Form der Anpassung: Menschen antizipieren mögliche staatliche Sanktionen und verändern ihr Verhalten. Das herrschende Regime muss nicht in jedem Fall tatsächlich strafen. Repression wirkt bereits, wenn die Strafandrohung so glaubwürdig ist, dass den Beherrschten Schweigen und Rückzug ins Private als einzige Möglichkeit erscheinen Gudkov macht etwas sichtbar, was institutionelle Regimeanalysen nur unvollständig erfasse.

Angst als sozial vermittelte Erwartung

Gudkov entwickelt keine geschlossene Theorie mit einem einheitlichen Begriffsapparat. Diese Offenheit macht seine Diagnose produktiv, verwischt aber bisweilen die klaren Konturen von Angst, Furcht, Anpassung und Gewohnheit. Angst bezeichnet bei ihm eine Reaktion auf wahrgenommene Gefährdung: Menschen sehen Sicherheit, Würde, Status oder Freiheit bedroht und richten ihr Handeln an den zu erwartenden Folgen aus. Furcht bezieht sich eher auf klar erkennbare und unmittelbare Gefahren, Angst eher auf mögliche, angekündigte oder mehrdeutige Bedrohungen. Beide Formen können ineinander übergehen.[5] Für die folgende Rekonstruktion der Gudkovschen Überlegungen wird Angst enger gefasst als die sozial vermittelte Erwartung möglicher Nachteile, die unter Bedingungen geringer eigener Kontrolle vorsorgliche Zurückhaltung erzeugt. Furcht vor äußeren Feinden bezeichnet demgegenüber eine Reaktion auf ein identifizierbares Bedrohungsobjekt. Dieser Mechanismus ist weder auf Russland noch auf Gesellschaften mit totalitärer Vorgeschichte beschränkt.[6]

In Anlehnung an Gudkov bezeichnet Repression hier staatliche Sanktionen, Einschränkungen und zurechenbare Einschüchterungen bei tatsächlicher oder vermuteter Abweichung. Sichtbare Drohhandlungen können Teil repressiver Praxis sein. Die bloße Erwartung einer möglichen Sanktion ist dagegen nicht selbst Repression, sondern eine gesellschaftlich vermittelte Wirkung von Repression. Gerade deshalb können selektive Eingriffe des Regimes in die Gesellschaft das Verhalten weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus verändern.

Gudkov führt dafür einen alltäglichen Befund an. In einer Erhebung des Levada-Zentrums, des letzten unabhängigen Meinungsforschungsinstituts in Russland, gaben 51 Prozent der Befragten an, Gespräche über heikle politische Fragen selbst im Bekanntenkreis zu vermeiden. Gudkov warnt davor, dieses Verhalten vorschnell als bewusst erlebte Angst zu deuten. Es kann ebenso Gewohnheit, Anpassung, Opportunismus oder eingeübte Selbstkontrolle sein.[7] Gerade diese Unschärfe ist analytisch wichtig: Die gesellschaftliche Wirkung von Repression zeigt sich nicht erst im offenen Erschrecken, sondern auch in Routinen, deren Ursprung den Handelnden nicht mehr bewusst sein muss.

Diese begriffliche Schwierigkeit betrifft Gudkovs Umfragedaten insgesamt. Sie messen keine inneren Zustände unmittelbar, sondern sprachlich typisierte Urteile darüber, was als bedrohlich, üblich oder sagbar gilt. Die Antworten entstehen selbst unter Bedingungen von Gruppendruck und Selbstzensur.[8] Deshalb trennen die Daten Furcht, Anpassung, Opportunismus und Zustimmung nicht sauber. Gudkov ist hier weniger als Psychologe innerer Gefühle denn als Soziologe des Sagbaren und Vermeidbaren zu lesen. Diese Grenze beschränkt, was aus den Daten über inneres Angsterleben geschlossen werden kann, nicht aber ihre Aussagekraft über die Grenzen des Sagbaren.

Zwei Einwände markieren die Reichweite dieser Analyse. Grigorij Judin deutet politische Zurückhaltung stärker als situativ rationale Reaktion und hält deshalb rasche Veränderungen bei veränderten politischen Gelegenheiten und Erwartungen für möglich. Zugleich empfiehlt er, Vereinzelung durch gemeinsame Initiativen zu überwinden, weil daraus soziales Kapital zur Selbstverteidigung entstehen könne.[9] Diese Empfehlung mag für das Jahr 2021 gegolten haben, als Judin das entsprechende Interview gab. Heute, fünf Jahre später, unter den Bedingungen der Kriegsdiktatur und scharfer Repression in Russland, klingt diese Empfehlung anachronistisch und wenig überzeugend. Empirisch betrachtet wirkt Repression nicht einheitlich. Suthan Krishnarajan und Jakob Tolstrup zeigen, dass Befragte Repressionen gegen die Träger friedlicher Proteste billigen können, wenn sie die protestierende Gruppe ablehnen. Unter bereits mobilisierten Protestierenden kann wahrgenommenes Repressionsrisiko dagegen Empörung, politische Identifikation und die Erwartung stärken, Protest könne eine Bewegung aufbauen.[10] Angst erklärt daher weder Zurückhaltung durchweg noch Zustimmung oder Mobilisierung.

Auch die von Gudkov angeführten historischen Reihen verlangen Vorsicht. Im November 1989 nannten 23 Prozent die Angst vor staatlicher Willkür und 14 Prozent die Angst vor erneuten Massenrepressionen. Im Januar 2024 lagen die entsprechenden Werte bei 43 und 36 Prozent. Zusätzlich fürchteten 55 Prozent einen Weltkrieg.[11] Die Erhebungen sind nicht vollständig identisch konstruiert. Belastbar ist deshalb weniger ein punktgenauer Zeitvergleich als die Beobachtung, dass staatliche Willkür, Repression und eine unberechenbare Zukunft über Jahrzehnte als Angstobjekte erhalten bleiben.

Vom Terror zur eingeübten Vorsicht

Gudkovs historisches Argument ist am stärksten, wenn man es nicht als Behauptung einer unveränderten „russischen Mentalität“ liest. Mit seinem historischen Zugriff fragt er vielmehr, wie Muster vorsorglicher Selbstbegrenzung den institutionellen Zusammenhang überleben können, in dem sie entstanden sind. Tatsächlich ist eine Verschiebung vom stalinistischen Terror über ritualisierte spätsozialistische Loyalität zur selektiven Repression des Putinismus zu beobachten.

Die Vergleichende Regierungslehre widmet sich der Typologisierung von politischen Systemen und Regimen. Der Putinismus lässt sich als elektorale Autokratie mit personalistischer Ausprägung beschreiben: Wahlen finden statt, diese ermöglichen den Bürgern jedoch keine wirksame demokratische Kontrolle über den Präsidenten und die Regierung.[12] Das Regime nutzt sie vielmehr zur Akklamation der politischen Führung. In elektoralen Autokratien fungieren Wahlen als Loyalitätsrituale, die der Herrschaftsstabilisierung dienen.[13]

Lev Gudkov richtet den Blick dagegen auf die Folgen solcher Herrschaftspraktiken für die Beherrschten und fragt, wie staatliche Kontrolle in eingeübte Verhaltensmuster übergeht. Sein historischer Ausgangspunkt ist die sowjetische Ideokratie. Die Bolschewiki und später die KPdSU nutzten die kommunistische Ideologie, um ihre Herrschaft zu legitimieren, Kader zu kooptieren und Abweichung zu unterdrücken. Die Kommunistische Partei, deren Führungsorgane Politik, staatliche Gewalt, Wirtschaft, Ideologie und Gesellschaft kontrollierten, steuerte den Zugang zu Positionen, Gütern, Karrieren und öffentlicher Anerkennung. Ausschluss konnte in Verfolgung umschlagen.[14] Angst war deshalb mehr als die Furcht vor Gewalt. Sie war auch die Kehrseite eines Einbindungssystems, das Loyalität sichtbar machen und Abweichung identifizierbar halten sollte.

Der stalinistische Massenterror verdichtete diese Ordnung zu einer Kultur alltäglicher Vorsicht.[15] Gudkov beschreibt, wie die Erziehung zur Angst früh beginnt: Kinder lernen, welche Fragen sie stellen dürfen, welche Themen gegenüber Autoritäten gefährlich sind und wann Schweigen sicherer ist. Gudkov zufolge verschwanden diese Regeln nicht, als offene Gewalt zurückging. Sie setzten sich in Grenzen des Sagbaren, in Misstrauen und in der stillschweigenden Begrenzung eigener Ansprüche fort.[16]

In der posttotalitären Sowjetunion blieb der mobilisierende Anspruch der Ideologie bestehen, doch ihre gesellschaftliche Wirkung erodierte. Mit Juan J. Linz lässt sich dies als Verschiebung vom verbindlichen Bekenntnis zur ritualisierten Loyalität beschreiben.[17] In dieser Lesart musste man immer weniger glauben, solange man die vorgeschriebenen Formeln und Verhaltensweisen einhielt. Eingeübte Vorsicht hing damit nicht allein an der Glaubwürdigkeit der kommunistischen Zukunftslehre, sondern auch an Institutionen, Sozialisation und der Erwartung staatlicher Willkür.

Der Putinismus greift auf Teile dieser Abhängigkeitsstruktur zurück, nicht auf die frühere ideologische und institutionelle Geschlossenheit. Seine Legitimation stützt sich zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichem Maße auf Wirtschaftswachstum, Stabilität, Wahlen, außenpolitische Stärke, traditionelle Werte sowie die vermeintliche Abwehr innerer und äußerer Feinde. Kooptation folgt Loyalität und Nähe zur Machtvertikale, nicht ideologischer Reinheit. Ideologische Motive sind wichtig, binden das Regime aber weniger an eine geschlossene Zukunftslehre. Die putinistische Legitimation ist vielmehr vergangenheitsorientiert: Das Regime nutzt Geschichte als Herrschaftsressource und präsentiert die politische Zukunft vor allem als Bewahrung einer vermeintlich bedrohten Ordnung.[18]

Die Kontinuitätsthese sollte deshalb funktional, nicht psychologisch verstanden werden. Kontinuität herrscht weder in der Intensität der Gewaltanwendung noch im subjektiven Angsterleben. Stalinistischer Massenterror und selektive Repression im Putin-Regime sind nicht gleichzusetzen. Gudkov lenkt den Blick auf eine wiederkehrende politische Wirkung: Sichtbare Repressionen gegen Einzelne können über die unmittelbar Betroffenen hinaus in der Gesellschaft Vorsicht erzeugen, wenn Beobachter aus den Einzelfällen auf ein allgemeines, schwer kalkulierbares Risiko für ihr individuelles Wohlergehen schließen. Die funktionale Kontinuitätsthese betrifft auch den Idealtypus des Homo Sovieticus, der nur dann analytisch brauchbar bleibt, wenn er nicht als anthropologisches Schicksal, sondern als historisch erzeugtes und reproduziertes Anpassungsmuster verstanden wird.[19] Eine unveränderte sowjetische Mentalität ist dafür keine Voraussetzung. Die Vorsicht erheblicher Teile der Bevölkerung in Putins Russland beruht nicht auf einer unveränderten Erinnerung an den Großen Terror. Vielmehr machen Hierarchien, Abhängigkeiten und mögliche Nachteile einer sichtbaren Abweichung von erwarteten Loyalitäts- und Verhaltensnormen solche Anpassungsregeln plausibel. Dass es ein entsprechendes Verhalten auch bei jüngeren Menschen gibt, spricht für Sozialisation und institutionelle Reproduktion. Um einen biologisch vererbten „Nationalcharakter“ handelt es sich selbstverständlich nicht.

Ein Korrespondenzexperiment zeigt, wie weit solche Antizipation reichen kann. Quintin H. Beazer, Charles D. Crabtree, Christopher J. Fariss und Holger L. Kern kontaktierten 2014 mehr als 950 private Medienfirmen in Russland mit der Anfrage, Anzeigen mit rechtskonformem Inhalt, aber unterschiedlicher politischer Brisanz zu veröffentlichen. Mit zunehmender politischer Brisanz nahmen die Unternehmen die Anzeigen seltener an. Der Anteil der Zusagen sank von 29 auf 11 Prozent. Der Befund ist mit präventiver privater Zensur unter antizipiertem politischem Risiko vereinbar.[20]

Wenn mögliche Verbündete unsichtbar bleiben

Bei Gudkov erhält das Problem antizipierter Sanktionen und daraus entstehender Selbstbegrenzung eine soziologische Form. Ob Menschen widersprechen, hängt nicht nur von ihrer Unzufriedenheit ab, sondern auch davon, was sie anderen zutrauen: Werden sie mitziehen, Informationen teilen, Risiken tragen und im Konflikt verlässlich bleiben? Angst verändert nicht nur die eigene Risikorechnung. Sie verändert auch das individuelle und kollektive Kalkül, ob gemeinsames Handeln überhaupt erwartbar erscheint.

Der Wirtschaftswissenschaftler Timur Kuran liefert dafür einige nützliche Überlegungen. Seine Theorie der Präferenzverfälschung zeigt, wie öffentlich geäußerte Loyalität privat geteilte Ablehnung verdecken und dadurch falsche Erwartungen über die Handlungsbereitschaft anderer erzeugen kann. Solange Menschen die Handlungsbereitschaft anderer unterschätzen, bleibt Zurückhaltung rational. Sobald geteilte Ablehnung sichtbar wird, können Erwartungen und Verhalten rasch umschlagen.[21] Gudkovs Beitrag ist deshalb als Analyse zweier verbundener Wirkungen zu verstehen: Menschen erwarten persönliche Nachteile und rechnen zugleich damit, mit möglichem Widerspruch allein zu bleiben.

Drei empirische Befunde aus der ergänzenden Forschung stützen einzelne Glieder dieses Arguments. Erstens zeigen Albina Gallyamova und Dale T. Miller, dass Befragte in Russland anderen stärkere systemrechtfertigende Überzeugungen zuschrieben, als sie selbst äußerten. Diese Haltung hängt mit geringerer politischer Beteiligung zusammen.[22] Zweitens zeigen Ruben Enikolopov, Alexey Makarin und Maria Petrova, dass die Verbreitung des sozialen Netzwerks VK während der Protestwelle 2011 die Protestbeteiligung erhöhte, indem sie vor allem die Koordinationskosten senkte. Drittens zeigen Haifeng Huang und Nicholas Cruz in einem Survey-Experiment in China: Wer andere für weniger protestbereit hielt, war selbst weniger zum Protest bereit.[23]

Diese Befunde bestätigen Gudkovs Deutung nicht direkt, zeigen aber die empirische Anschlussfähigkeit einzelner Glieder der rekonstruierten Grammatik: Antizipation, Erwartungen an andere und Koordination. Die genannten Studien zeigen jedoch nicht, dass in Russland gerade die Angst vor Repression prägt, wie Menschen die Protestbereitschaft anderer einschätzen. Der Ertrag liegt in einer präziseren Lesart Gudkovs als Theorie sozialer Vereinzelung.

Gudkov beschreibt einen Baustein dieses Mechanismus als verdrängte Aggression gegen potenzielle Verbündete. Die Frustration richtet sich nicht gegen den Staat, sondern gegen jene, die Widerspruch wagen, und diskreditiert damit bereits den Gedanken eigener Beteiligung.[24] Historisch verstärkte die Praxis der Denunziation diese Verschiebung. Wo Verdacht selbst gefährlich wird, richtet sich Misstrauen gegen nächste Bezugspersonen und nicht gegen den Staat.[25]

Institutionell entspricht dem eine Logik vorbeugender Repression. Sheena Chestnut Greitens zeigt, dass Sicherheitsapparate Opposition nicht erst bekämpfen, wenn sie offen auftritt. Überwachung, Infiltration und gezielte Einschüchterung sollen verhindern, dass aus Unzufriedenheit sichtbare Organisation entsteht.[26] Angst vergrößert die Reichweite dieser Maßnahmen: Wer eine Organisation für unterwandert hält, behandelt auch loyale Mitstreiter als Risiko.

In dieser Lesart ist Vereinzelung keine bloße Begleiterscheinung von Angst, sondern eine Herrschaftsressource. Öffentliche Ruhe kann als Zustimmung oder als fehlende Bereitschaft der anderen zum Handeln erscheinen. Die entscheidende Schwelle liegt daher nicht zwischen Zustimmung und Ablehnung, sondern zwischen privater Ablehnung und der Erwartung, dass gemeinsames Handeln möglich ist.

Hier werden die Reichweite und die Grenze von Gudkovs Ansatz sichtbar. Er erklärt, warum vorhandene Unzufriedenheit im Privaten verharren kann, nicht aber, warum Menschen staatliche Feindbilder übernehmen, den Krieg unterstützen oder sich mit der Führung identifizieren. Dafür braucht es zusätzlich Legitimation, materielle Interessen, Kooptation und nationale Identifikation. Gudkov erklärt die Hemmung von Widerspruch besser als die Entstehung von Zustimmung.

Seit dem Großangriff auf die Ukraine: Rückzug und Bindung

Russlands Krieg gegen die Ukraine verschärft die von Gudkov beschriebenen Bedingungen gesellschaftlicher Selbstbegrenzung. Bereits nach den Massenprotesten 2011 und 2012 hatte das Putin-Regime die Möglichkeiten gesellschaftlicher Selbstorganisation und öffentlicher Proteste durch administrative und rechtliche Maßnahmen sowie offene Repression massiv eingeschränkt. Seit dem 24. Februar 2022 blockierten oder schlossen staatliche Behörden die letzten unabhängigen Medien und zwangen ihre Redaktionen ins Exil. Mit zwei Änderungen des Strafgesetzbuchs vom 4. März 2022 kriminalisierte das Regime jede Form unabhängiger kritischer Berichterstattung über die „militärische Spezialoperation“. Die neuen Vorschriften stellten die vorsätzliche Verbreitung vermeintlicher Falschinformationen über die Streitkräfte sowie deren öffentliche „Verunglimpfung“ unter Strafe. De facto stellten sie die Militärzensur wieder her. Die im September 2022 verkündete Teilmobilmachung erhöhte das persönliche Risiko für Kriegskritiker sowie wehrpflichtige Männer und löste eine umfangreiche Ausreisewelle aus.[27]

Die Größenordnung der Ausreise lässt sich wegen Rückkehr, Weiterwanderung und lückenhafter Statistiken nicht zuverlässig beziffern. In der nicht repräsentativen Stichprobe in Deutschland, Frankreich, Polen und Zypern waren die seit 2022 aus Russland Ausgereisten überproportional jung und hochgebildet. Die Befragung erfasst ein politisch und sozial selektives Milieu und erlaubt keine Hochrechnung auf alle Ausgereisten.[28] Eine Auswertung digitaler Spuren von Softwareentwicklern aus Russland ergab, dass besonders aktive und zentral vernetzte Fachkräfte häufiger gingen als weniger aktive.[29]

Inwiefern dadurch Organisations- und Oppositionsfähigkeit verloren gegangen ist, lässt sich nicht direkt messen. Plausibel ist jedoch, dass die Ausreise Einzelner auch ganze Milieus schwächt, in denen sich organisierter Widerspruch entfalten könnte. In Albert O. Hirschmans Terminologie kann Emigration als Abwanderung (exit) an die Stelle öffentlichen Widerspruchs (voice) treten.[30] Angst kann Abwanderung nach außen und einen Rückzug nach innen bewirken: Menschen verlassen nicht das Land, wohl aber die politische Öffentlichkeit. Dieser Rückzug ist keine Abwanderung im strengen Sinne, sondern politische Selbstbegrenzung.

Der Krieg führt zugleich an die Grenze jeder einseitigen Angsttheorie. Angst vor dem eigenen Staat fördert Rückzug und Selbstzensur. Staatlich geschürte Furcht vor äußeren Feinden kann dagegen Schutzbedürfnisse und Bindung an die Führung stärken. Schon in der Sowjetunion rechtfertigte die ideologisch und militärisch motivierte Vorstellung des Landes als belagerter Festung Verzicht, Militarisierung und die Präsenz der Sicherheitsorgane. Das Putin-Regime greift dieses Bild unter veränderten ideologischen Bedingungen wieder auf und inszeniert Russland als eine vom „kollektiven Westen“ belagerte Festung.[31]

Die politische Wirkung ist eine doppelte: Das autokratische Regime vereinzelt mögliche Gegner und erzeugt zugleich ein kollektives Bedrohungsgefühl. In den regime- und kriegskritischen Teilen der Gesellschaft hemmt die Angst vor staatlichen Sanktionen die Koordination gemeinsamen Handelns und damit die öffentliche Artikulation von Unzufriedenheit oder Protest. Zugleich schürt das Regime Furcht vor äußeren Feinden und kann damit Loyalität zur Führung mobilisieren. Beides kann gleichzeitig auftreten, ohne dass daraus eine einheitliche innere Überzeugung folgt.

Private Unzufriedenheit wird für das Regime vor allem gefährlich, wenn sie sichtbar und koordinierbar wird. Das Putin-Regime setzt die seit Februar 2022 verschärften Repressionen nicht nur gegen Menschen ein, die ihre Ablehnung offen äußern. Es richtet sie auch gegen jeden organisatorischen Versuch, gemeinsame Handlungsbereitschaft auszuloten.

Herrschaft durch Vereinzelung

Gudkov macht Herrschaft dort sichtbar, wo sie nicht mehr als unmittelbarer Zwang erscheint. Seine Diagnose lässt sich als Grammatik der Angst in drei aufeinander bezogenen Schritten systematisieren. Erstens antizipieren Menschen staatliche Sanktionen und passen ihr Verhalten an. Selektive Repression kann deshalb das Verhalten weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus verändern. Zweitens geht die Erwartung möglicher Sanktionen in Selbstbegrenzung über. Menschen vermeiden heikle Äußerungen, ziehen sich aus der politischen Öffentlichkeit zurück und halten sich an eingeübte Grenzen des Sagbaren. Drittens bleiben mögliche Verbündete füreinander unsichtbar. Private Unzufriedenheit führt nicht zu gemeinsamem Handeln Gleichgesinnter, solange jeder damit rechnen muss, mit seinem Widerspruch allein zu bleiben.

Der politikwissenschaftliche Ertrag dieser Systematisierung liegt vor allem im dritten Schritt. Gudkovs Analyse lässt sich als Theorie gesellschaftlicher Vereinzelung weiterführen: Repression stabilisiert Herrschaft nicht allein durch die erwartete Sanktion, sondern auch durch die Unsicherheit über die Handlungsbereitschaft anderer. Darin liegt zugleich die Grenze des Arguments. Es erklärt besser, welche Faktoren die Artikulation von Widerspruch und Protest hemmen, aber nicht, wie das Regime Zustimmung zu seiner Herrschaft und Politik erzeugt. Gudkov verweist dafür auf Propaganda und auf Sozialisationsinstanzen von der frühkindlichen Erziehung über Schule und Wehrdienst bis zum Fernsehen. Das Argument erlaubt außerdem weder eine Prognose über die Dauer des Regimes noch über die Bedingungen seines Zusammenbruchs.

Russlands Krieg gegen die Ukraine, der damit einhergehende Übergang der russländischen Ökonomie zu einer Kriegswirtschaft sowie die Militarisierung der eigenen Gesellschaft haben alle drei Prozesse verstärkt. Die Ausweitung repressiver Sanktionen erhöht bei kritisch gesinnten Menschen die erwarteten Kosten öffentlicher Abweichung. Zensur und Kriminalisierung verengen die Grenzen des Sagbaren. Ausreise, Rückzug und Misstrauen schwächen die Sichtbarkeit und organisatorische Verbindung möglicher Gegner. Gudkovs bleibender Ertrag aus seiner Beschäftigung mit der kollektiven Angst besteht in der Erklärung, wie äußerer Zwang in gesellschaftliche Selbstbegrenzung übergeht und wie diese Selbstbegrenzung gemeinsame Gegenwehr erschwert.

 


[1]   George Orwell: 1984. München 2007, S. 117 und 158.

[2]   Lev Gudkov: Eine Theorie der kollektiven Angst. Ursachen und Dimensionen am Beispiel Russlands, in: Osteuropa, 10/2025, S. 5–34.

[3]   Jennifer Gandhi: Political Institutions under Dictatorship. Cambridge 2008. – Mai Hassan, Daniel Mattingly, Elizabeth R. Nugent: Political Control, in: Annual Review of Political Science, 25/2022, S. 155–174, hier S. 155–160. – Milan W. Svolik: The Politics of Authoritarian Rule. Cambridge 2012.

[4]   Gudkov, Kollektive Angst [Fn. 2], S. 5–10.

[5]   Gudkov, Kollektive Angst [Fn. 2], S. 7–9. – Robert J. Blanchard, D. Caroline Blanchard, Guy Griebel, David Nutt: Introduction to the Handbook on Fear and Anxiety, in: dies. (Hg.): Handbook of Anxiety and Fear. Amsterdam 2008, S. 3–7, hier S. 3–4. – Christian Davenport: State Repression and Political Order, in: Annual Review of Political Science, 10/2007, S. 1–23, hier S. 1–3. – Jennifer Earl: Political Repression. Iron Fists, Velvet Gloves, and Diffuse Control, in: Annual Review of Sociology, 37/2011, S. 261–284, hier S. 262–266.

[6]   Lauren E. Young: The Psychology of State Repression. Fear and Dissent Decisions in Zimbabwe, in: American Political Science Review, 1/2019, S. 140–155, hier S. 140–143 und 149–151.

[7]   Lev Gudkov: Der „Führer der Nation“. Putin und das Kollektivbewusstsein in Russland, in: Osteuropa, 5–6/2023, S. 23–71, hier S. 68–69.

[8]   Gudkov, Kollektive Angst [Fn. 2], S. 18–19.

[9]   Sergej Medvedev: Interview mit Grigorij Judin, „Ėta sistema, bezuslovno, budet demontirovana“. Radio Svoboda, 16.7.2023. – Grigory Yudin: Collective Action in an Autocracy. Interview with Sergey Parkhomenko, 17.5.2021, <www. wilsoncenter.org/article/collective-action-autocracy-expert-commentary-grigory-yudin>.

[10] Suthan Krishnarajan, Jakob Tolstrup: Turning a Blind Eye to Repression. Examining Popular Approval for State Crackdowns on Peaceful Protests in Russia, in: British Journal of Political Science, 55/2025, e156, S. 1–26, <doi: 10.1017/S0007123425100999>. – Arin H. Ayanian, Nicole Tausch, Yasemin Gülsüm Acar, Maria Chayinska, Wing-Yee Cheung, Yulia Lukyanova: Resistance in Repressive Contexts. A Comprehensive Test of Psychological Predictors, in: Journal of Personality and Social Psychology, 4/2021, S. 912–939.

[11] Gudkov, Kollektive Angst [Fn. 2], S. 21, Tab. 1, sowie Tabellenanhang, Tab. 2.

[12] Andreas Schedler: The Politics of Uncertainty. Sustaining and Subverting Electoral Authoritarianism. Oxford 2013, Kap. 1. – Vladimir Gel’man: The Rise and Decline of Electoral Authoritarianism in Russia, in: Demokratizatsiya, 4/2014, S. 503–522. – Steffen Kailitz u.a.: Varieties of Political Regimes (Va-PoReg). Dataset. Dresden 2026, DOI: 10.7910/DVN/JYEL7U. – Steffen Kailitz: Varieties of Political Regimes (Va-PoReg). Codebook. Version 3.2. Dresden 2026, <www.va-poreg.de/dataset>.

[13] Aleksej Levinson, Stepan Gončarov: Loyalitätsrituale. Russland: das Volk, die Wahlen und das Regime, in: Osteuropa, 8–9/2021, S. 163–180.

[14] Uwe Backes, Steffen Kailitz: Introduction, in: Dies. (Hg.): Ideocracies in Comparison. Legitimation – Co-optation – Repression. London 2016, S. 1–7, hier S. 1–4. – Steffen Kailitz: Charakteristika der staatlichen Einbindung von Eliten und Bevölkerung in Ideokratien, in: Totalitarismus und Demokratie, 2/2012, S. 57–82, hier S. 57–62 und 75–82.

[15] James Harris: Great Fear. Stalin’s Terror of the 1930s. Oxford 2016.

[16] Gudkov, Kollektive Angst [Fn. 2], S. 9–14.

[17] Juan J. Linz: Totalitarian and Authoritarian Regimes. Boulder 2000, S. 30–35.

[18] Steffen Kailitz, Andreas Umland: Why Fascists Took Over the Reichstag but Have Not Captured the Kremlin. A Comparison of Weimar Germany and Post-Soviet Russia, in: Nationalities Papers, 2/2017, S. 206–221, hier S. 209. – Steffen Kailitz, Andreas Umland: How post-imperial democracies die. A comparison of Weimar Germany and post-Soviet Russia, in: Communist and Post-Communist Studies, 2/2019, S. 105–115. – Gudkov, Führer [Fn. 7], S. 24, S. 30–36, S. 50–51 und S. 64.

[19] Grundlegend zum Homo Sovieticus: Lev Gudkov: Der Sowjetmensch. Genese und Reproduktion eines anthropologischen Typus, in: Ders.: Wahres Denken. Analysen, Diagnosen, Interventionen. Berlin 2017, S. 7–34. – Jurij Levada: Die Sowjetmenschen 1989–1991. Soziogramm eines Zerfalls. Berlin 1992. – Gulnaz Sharafutdinova: Was There a „Simple Soviet“ Person? Debating the Politics and Sociology of „Homo Sovieticus“, in: Slavic Review, 1/2019, S. 173–195. – Klaus Gestwa: Der Sowjetmensch. Geschichte eines Kollektivsingulars, in: Osteuropa, 1–2/2018, S. 55–82.

[20] Quintin H. Beazer, Charles D. Crabtree, Christopher J. Fariss, Holger L. Kern: When Do Private Actors Engage in Censorship? Evidence from a Correspondence Experiment with Russian Private Media Firms, in: British Journal of Political Science, 4/2022, S. 1790–1809.

[21] Timur Kuran: Now Out of Never. The Element of Surprise in the East European Revolution of 1989, in: World Politics, 1/1991, S. 7–48, hier S. 8–16 und 30–36.

[22] Albina Gallyamova, Dale T. Miller: Psychology of Personal Political Engagement in Russia. Unpacking Perceived Community Culture, Pluralistic Ignorance, and System Justification, in: Journal of Cross-Cultural Psychology, 8/2024, S. 926–944.

[23] Mischa Gabowitsch: Putin kaputt!? Russlands neue Protestkultur. Berlin 2013. – Ruben Enikolopov, Alexey Makarin, Maria Petrova: Social Media and Protest Participation. Evidence From Russia, in: Econometrica, 4/2020, S. 1479–1514. – Dies.: Online Corrigendum to „Social Media and Protest Participation: Evidence from Russia“, in: Econometrica, 3/2023, S. 1–24. – Haifeng Huang, Nicholas Cruz: Propaganda, Presumed Influence, and Collective Protest, in: Political Behavior, 4/2022, S. 1789–1812.

[24] Lev Gudkov: Čelovek v nemoral’nom prostranstve. K sociologii morali v posttotalitarnom obščestve, in: Vestnik obščestvennogo mnenija, 3–4/2013, S. 118–179, hier S. 176.

[25] Wendy Z. Goldman: Inventing the Enemy. Denunciation and Terror in Stalin’s Russia. Cambridge 2011.

[26] Sheena Chestnut Greitens: Dictators and Their Secret Police. Coercive Institutions and State Violence. Cambridge 2016, S. 42–49 und 56–57.

[27] O vnesenii izmenenij v Ugolovnyj kodeks Rossijskoj Federacii i stat’i 31 i 151 Ugolovno-processual’nogo kodeksa Rossijskoj Federacii. Federal’nye zakony Nr. 31-FZ und Nr. 32-FZ vom 4.3.2022, in: Sobranie zakonodatel’stva Rossijskoj Federacii, 10/2022, Pos. 1388 und 1389. – Human Rights Watch: Russia Criminalizes Independent War Reporting, Anti-War Protests, 7.3.2022, <www.hrw.org/news/2022/03/07/russia-criminalizes-independent-war-reporting-anti-war-protests>. – Amnesty International: Russian Federation. End Censorship on Voices against the War, 14.3.2022, <www.amnesty.org/en/documents/ eur46/5345/2022/en/>. – Gudkov, Kollektive Angst [Fn. 2], S. 18.

[28] Dmitry Gudkov, Vladislav Inozemtsev, Dmitry Nekrasov: The New Russian Diaspora. Europe’s Challenge and Opportunity. Paris 2024 [= Russie.Eurasie.Reports, 47], hier S. 10, 16–18 und 22–23. Die zugrundeliegende Befragung in Deutschland, Frankreich, Polen und Zypern ist nicht repräsentativ.

[29] Johannes Wachs: Digital Traces of Brain Drain. Developers during the Russian Invasion of Ukraine, arXiv:2209.01041, 2022, hier Tab. 1 und Abschnitt „Heterogeneities between Leavers and Remainers“.

[30] Albert O. Hirschman: Exit, Voice, and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations, and States. Cambridge, MA 1970, hier S. 4, 30, 37, 43–47 und 111.

[31] Gudkov, Kollektive Angst [Fn. 2], S. 12. – Gudkov, Führer [Fn. 7], S. 49–52 und 60–62.

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