Regime der Angst
EditorialAbstract in English
(Osteuropa 7/2026, S. 34)
Volltext
Stimmt das? Ist die Empirie eindeutig, die Argumentation zwingend und die These überzeugend? Das Ringen um den Wahrheitsanspruch einer Aussage oder eines Textes gehörte einst zu den Königsdisziplinen geistes- und gesellschaftswissenschaflichen Erkenntnisstrebens. Dieses fand durch intellektuelle Auseinandersetzung mit dem entsprechenden Text statt, durch die Prüfung der Argumente und Gegenargumente, durch Rede und Gegenrede. Die wissenschaftliche Spezialisierung und die akademischen Belohnungssysteme stehen quer zu dieser idealen Vorstellung von Wissenschaft. Zumindest in den osteuropabezogenen Area Studies. Wann löste ein Text in Osteuropa zum letzten Mal eine Debatte aus? Das ist lange her.
Umso bemerkenswerter ist, dass die Überlegungen von Lev Gudkov zu einer Theorie der kollektiven Angst am Beispiel Russlands, die in Osteuropa 10/2025 erschienen, auf Zuspruch und Widerspruch gestoßen sind und einige Autoren und Autorinnen angeregt haben, das Phänomen Angst aus einer anderen Perspektive in den Blick zu nehmen. Die Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Aleksievič, die mit ihrer Pentalogie über die „Stimmen der Utopie“ die psychischen Abgründe des „Roten Menschen“ ins Wort hob, teilt mit Gudkov den Befund, dass in der Diktatur, sei es unter Lukašenka oder Putin, die Angst regiert. Irina Rastorgueva zeichnet die Veralltäglichung der Gewalt und eine Normalisierung der Angst in Russland nach. Die Menschen gewöhnen sich an sie, internalisieren sie und kapseln sie in ihren Familien ein. Das Ergebnis sind Fatalismus und Passivität. Diese Beschreibung deckt sich mit der Diagnose des Politikwissenschaftlers Steffen Kailitz, der Gudkovs Text als einen Beitrag zur Theorie gesellschaftlicher Vereinzelung liest. Angst lähmt, sie lässt die Unsicherheit über die Handlungsbereitschaft anderer wachsen und schränkt die soziale Handlungsfähigkeit aller ein und stabilisiert damit autoritäre Herrschaft.
Bemerkenswert ist Anne Hartmanns Rückblende auf die deutschen kommunistischen Kulturkader im Stalinismus, den Gudkov als Inkubationsperiode begreift, als die massiv empfundene Angst während des Großen Terrors sich in das kollektive Gedächtnis von Millionen Menschen eingrub und in die politische Kultur Russlands einschrieb.
Helmut König merkt allerdings an, dass Gudkov den Menschen als isoliertes Individuum betrachte, politisches Handeln jedoch stets zwischen den Menschen stattfindet, nicht in ihnen. Ähnlich setzen auch Judith Eckert und Kai-Olaf Maiwald in ihrer Kritik der Umfrageforschung an, wie sie auch das Levada-Institut betreibt.
Eine Nachricht gibt es aus Russland, die vor allem in Russland Furcht verbreiten soll. Ende September ist der Politikwissenschaftler und Osteuropa-Autor Aleksandr Kynev in Moskau verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen, in großem Umfang illegale Drogen produziert, verkauft und vertrieben zu haben. Ihm drohen 20 Jahre Haft. Vor Jahren hatte er mit der unabhängigen Organisation Golos zusammengearbeitet, die Wahlen beobachtete, um die Fälschung der Abstimmung zu verhindern. Golos wurde verboten. Im Februar dieses Jahres erklärte Russlands Justizministerium Kynev zu einem „ausländischen Agenten“. Ungeachtet dessen kommentierte er die „Wahlen“ vom 18. bis 20. September 2026 in Russland und erklärte ihre Funktion als Loyalitätsritual im „reifen Putinismus“ und verwies auf fragwürdige Ergebnisse im Nordkaukasus. Vier Tage nach der Schließung der „Wahl“-Lokale wurde er festgenommen.
Berlin, im Oktober 2026 Manfred Sapper, Volker Weichsel


