Cover Osteuropa 8/2005

In Osteuropa 8/2005

Editorial
Thinking Europe, forming Europe, building Europe

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Agathe Gebert, Achim Güssgen


Deutsche Fassung

Abstract

Das alte Europa ist Geschichte. Die vermeintlich ewigen, klaren Unterscheidungen des Ost-West-Konflikts sind längst dahin. Doch noch immer lösen sich Gewißheiten und Zugehörigkeiten auf, Verbindungen und Grenzen werden neu gezogen. „Der Zerfall ist die Stunde der Desillusionierung, also der Aufklärung“, schreibt Karl Schlögel in diesem Heft. Und wenn das Scheitern der Referenden über den Verfassungsvertrag der Europäischen Union in Frankreich und in den Niederlanden einen Sinn hat, dann den einen: innezuhalten, nachzudenken und sich selbst Aufklärung darüber zu verschaffen, wohin die Reise in und mit Europa gehen soll. Wo steht Europa heute? Ein Blick in einen Rahmenlehrplan zur politischen Bildung könnte Auskunft geben. Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg hat 2002 einen solchen für die Sekundarstufe I vorgelegt. Die Schüler sollen „Funktion und Aufgabe der Organe der Europäischen Union“ kennen: „Europarat, Europäisches Parlament, Europäischer Gerichtshof“. Europarat? Das ist weit in die Zukunft gedacht. Vielleicht werden sich wirklich alle Mitgliedstaaten des Europarats einst unter dem Dach der EU zusammenfinden und die Präsidenten Armeniens oder Azerbajdžans an den Gipfeltreffen des Europäischen Rats teilnehmen. Europarat hin, Europäischer Rat her – guter Rat ist teuer, und Hochmut ist der schlechteste Ratgeber. Der Lapsus auf höchstem bildungspolitischen Parkett zeigt vielmehr eines: Europa ist kompliziert geworden. Das Tempo des Umbaus, Anbaus oder Neubaus des europäischen Hauses ist so hoch, der Wandel Europas mit den Vertiefungen, Erweiterungen, Neuordnungen und institutionellen Überlappungen vollzieht sich so schnell, daß sich selbst Profis permanent neu orientieren müssen und nur allzu häufig in die Spezialisierung flüchten. Wie mag es Schülerinnen und Schülern, Studierenden oder Menschen in der Erwachsenenbildung gehen? Als Lernenden wird ihnen der Blick fürs Ganze abverlangt, und als Bürger müssen sie die Zusammenhänge kennen, sich „an die Stelle jedes anderen versetzen“ (Kant), um politische Urteilskraft zu erlangen. So sind die Neuordnung des alten Ostens und des ehemaligen Westens zwei Seiten der einen europäischen Medaille. Wer Europa bilden will, kommt nicht umhin, sie gleichzeitig zu betrachten und die Herausforderungen zusammenzudenken. Das gilt insbesondere für die politische Bildung. Diese sieht sich mit einer paradoxen Situation konfrontiert. Ihre Aufgaben sind angesichts der neuen Unübersichtlichkeit, die Verunsicherung hervorruft, enorm gewachsen. Eine demokratische Kultur, zu deren Entstehung und Bewahrung die politische Bildung beiträgt, ist nie gefestigt. Sie bedarf der ständigen Pflege, gerade in Zeiten eines europäischen und globalen Umbruchs. Doch scheint die politische Einsicht in die Notwendigkeit der politischen Bildung – auch und gerade über den Osten Europas – zu schwinden. Wie geht die politische Bildung damit um, welche Wege hat sie im bewegten vergangenen Jahrzehnt beschritten, welche Erfahrungen gesammelt, welche Ziele setzt sie sich heute? Diese Fragen stellen sich im vorliegenden Heft Analytiker und Praktiker, Theoretiker und Menschen, die ihr Wirken nie als Beitrag zur politischen Bildung begriffen hätten. Das Heft ist ein Ort theoretischer Reflexion und praktischer Orientierung. Es ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und Osteuropa.

(Osteuropa 8/2005, pp. 5–8)