Titelbild Osteuropa 1-2/2026

Aus Osteuropa 1-2/2026

Straflosigkeit produziert Straflosigkeit
Über die Kontinuität von Terror und Krieg in Russland

Sergej Lebedew

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Abstract in English

(Osteuropa 1-2/2026, S. 3–10)

Volltext

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung und die Möglichkeit, heute hier sprechen zu dürfen.
Ich werde vom „Leben im Autoritarismus“ sprechen. Ich habe in zwei solchen Systemen gelebt: dem sowjetischen und dem russischen.
Ich bin Schriftsteller, kein Wissenschaftler. Ich erfahre Geschichte durch mein Schreiben, das sehr persönliche Quellen hat.
Es gibt einen Zusammenhang, der diese beiden Autoritarismen fest miteinander verknüpft:

Die Straflosigkeit der Staatsverbrecher.
Derjenigen, die im Staatsdienst Straftaten begehen.   

. . . Im August 1991 fällte mein Vater eine alte Birke.
Eine riesige Birke, die auf unsere Datscha zu fallen drohte.  
Einst war die Birke an heißen Sommertagen ein Schirm gegen die glühende Sonne. Später wurde sie zu einer ständigen Gefahr.
Ich weiß nicht, ob er die morsche Birke mit der Sowjetunion verglich. Vielleicht konnte er sich selbst im Jahor 1991 einen solchen ketzerischen Vergleich nicht erlauben.

Tag für Tag kletterte er in luftige Höhen und arbeitete dort, versteckt im Laub. Manchmal hörte ich seine kräftige, aber entfernte Stimme: Achtung! Nimm mal ab!
Dann ließ er einen abgesägten Teil des Baumes an einem Seil herunter. Ich musste den Klotz beiseite rollen und das Seil auf gerissene Fasern prüfen.
Meter für Meter ließ ich das schwere Seil durch meine Finger gleiten. Was für ein Seil das war! Noch nie hatte ich ein solches Seil gesehen. Die Fasern waren grün, mit verwebtem Kupferdraht, der in der Sonne glänzte und das Seil wie eine Schlange aussehen ließ.

Alle in der Datschensiedlung wussten, dass mein Vater ein solches Seil besaß, immer wieder kam jemand vorbei, um es sich zu borgen. Egal, was man an dieses Seil hängte, es riss nicht.
„Gute Qualität“, sagte mein Vater. „Sehr gute Qualität, solche Dinge werden nicht mehr hergestellt.“
Er hatte Recht. In der Sowjetunion waren solide Dinge rar.

Deswegen war das Seil für mich eine Art Zauberwerk. Woher stammt es? Welcher Magier hat es bei uns zurückgelassen? Was haben meine Eltern oder Großeltern dafür bezahlt? Für dieses unverwüstliche Seil, das so sehr an eine bizarre Schlange erinnerte?

Aber ich fragte nie. Das war eine ungeschriebene Familienregel. Was erzählt wird, wird erzählt. Was nicht, muss im Schatten bleiben.
Diese Regel stellte ich nie in Frage.
Das war einfach so.

Die Birke war verschwunden.
Die Sowjetunion war verschwunden.
Das Seil aber war geblieben – wie eine unzerreißbares Band zwischen den Zeiten.
Ein roter Faden, ein Leitfaden, ein Ariadnefaden.
Oder Fesseln. Dinggewordene Verdammnis.
Die wahre Bedeutung des Seils verstand ich erst viel später.

Meine Großmutter, der unsere Datscha gehörte, war zwei Mal verheiratet.
Mein Großvater Grigorij, der Vater meiner Mutter, ein Offizier der Roten Armee, war in den Sechzigern an seinen Kriegsverletzungen gestorben. Der zweite Ehemann meiner Großmutter, Aleksandr, starb, als ich sechs Monate alt war. Die beiden waren wie Phantome, Gespenster, Porträts an der Wand, Nebenfiguren in Familiengesprächen.
Es gab jedoch auch ein Erbe. Ein kostbares Erbe.
In der Moskauer Wohnung meiner Großmutter lag eine Pralinenschachtel, Finest Selection.
Und drinnen . . . keine Pralinen. Aber: Feinste Auswahl.
Die höchsten Orden der Sowjetunion.
Ein Lenin-Orden.
Zwei Mal „Roter Stern“.
„Rote Fahne“. Auch zwei.
Und unzählige Medaillen – wie Münzen, wie Fischschuppen.
Die geöffnete Schachtel glänzte wie ein Schatz: in Gold, Silber und Rubinrot. Sie war schwer. Sie übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus – Symbole der Macht, Symbole staatlicher Größe.
Jedes Mal war ich verzaubert. Oder verhext. Eine Frage des Blickwinkels.

Wenn niemand zusah, nahm ich den „Roten Stern“ und hielt ihn vor dem Spiegel an mein Hemd. Ich stellte mir vor, ich stehe in einer Reihe mit den Helden, die gegen Faschisten, Imperialisten oder andere Feinde meiner Heimat gekämpft haben, und ein altgedienter General ruft meinen Namen auf, verleiht mir den „Roten Stern“, eine Kopie der Sterne des Kremls . . .
Das war wie ein patriotischer Orgasmus, ein Wachtraum, eine wunderbare Luftspiegelung, die ich immer wieder aufs Neue sehen wollte.
Niemand hatte es mir erzählt, aber ich war absolut sicher, dass die Orden von Großvater Grigorij stammten.
Er war Hauptmann, hatte in Stalingrad gekämpft, war unter den Ersten, die bei der sowjetischen Offensive 1943 den Dnepr überschritten hatten.
Er wurde dreimal schwer verwundet . . . Und Großvater Aleksandr? Eine Null, ein Taugenichts. Kurz gesagt, ein Zivilist. Keine Fotos in Uniform, keine mir bekannte Kriegsgeschichte . . . Sein Hab und Gut, das auf der Datscha geblieben ist: die Körbe, mit denen er in die Pilze ging, Bambusangeln, ein Stühlchen fürs Angeln, ein Strohhut, ein Leinensakko . . .
Ein blöder, uninteressanter Zivilist.
Es ist kein Zufall, dass in der Familie so wenig über ihn gesprochen wurde.

In meiner Kindheit dachte ich, dass wir eine ganz normale Familie sind. Normal im sowjetischen Sinn: keine Erinnerungen an die Zeit vor der Revolution, keine Verwandten im Ausland, kein Stammbaum, keine Geschichte . . . Als wären wir mit der Sowjetunion geboren worden. Hundert Prozent sowjetisch, alle Gegenstände sowjetisch, alle Erinnerungen sowjetisch.
Ich wusste schon, dass meine beiden Großmütter vor der Revolution geboren wurden. 1908 und 1909. Aber diese Jahre zwischen ihrer Geburt und der Revolution zog ich nicht in Betracht. Sie waren etwas Unwirkliches, eine Zeit vor dem Anfang der Zeit, jenseits des Horizonts, inexistent.
Leere, sinnlose Vergangenheit, die in keinem Zusammenhang mit mir stehen konnte und stehen durfte.
Aber im Jahr 1993, zwei Jahre nach dem Abgang der Kommunisten (immer Vorsicht, immer auf Nummer Sicher) erlaubte uns meine zweite Großmutter, die nie auf die Datscha kam, ihre handgeschriebenen Erinnerungen zu lesen.
Wir hatten doch einen Stammbaum. Wir hatten eine Geschichte vor der Revolution. Wir hatten verlorene Verwandte im Ausland, auch solche mit deutschen und polnischen Wurzeln.
Wir waren gar nicht zu hundert Prozent sowjetisch.
Wir waren ein Überbleibsel, ein Fetzen, ein Splitter einer großen Familie, die den Bürgerkrieg, die Stalinzeit und den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt hatte.
Das war ein Wunder.
Und eine Katastrophe.
Ein Massengrab statt einer Vergangenheit.
Eine tote Vergangenheit. Die nicht wieder zum Leben erweckt werden kann.

Aber ich versuchte, sie zu erwecken. Suchte in Archiven nach denen, die fehlten. Suchte nach zerstörten Kirchen, Herrensitzen und Häusern der Familie. Tauchte ein ins schemenhafte Land der Verluste, ins Land des totalen Unrechts.
Das war die väterliche Linie der Familie.
Auf der mütterlichen Seite stand als Gegengewicht, als Zeichen möglicher Gerechtigkeit, Großvater Grigorij. Und auf der Waage des Schicksals lagen in einer Pralinenschachtel die schweren, gerechten, ehrenvollen Kriegsorden.

In einer Prozessakte fand ich einen Brief. Die Frau eines Mannes, der im September 1937 verhaftet und ermordet worden war, schrieb im Jahr 1957 an den KGB. Sie erzählte, dass zwei Tage nach der Verhaftung ihres Mannes einer der NKVD-Agenten, die ihn festgenommen hatten, in das Zimmer ihres Mannes eingezogen war.
Und, so schreibt sie 1957, zwanzig Jahre später: „Wenn er die Tür öffnet, sehe ich manchmal einige Sachen meines Mannes, die mir als Erinnerung sehr am Herzen liegen.“
Ihr Mann ist aufgrund „fehlender Tatbestandsmerkmale“ rehabilitiert worden.
Das bedeutet, dass der, der ihn verhaftet hat, schuldig ist. Aber sie wagt nicht, Gerechtigkeit zu fordern. Sie wohnt weiter mit dem Täter Tür an Tür.
Sie bittet (fast ein mutiger Akt), ihr diese Erinnerungsstücke zurückzugeben, die ihr so wertvoll sind.     
Sie weiß, dass Gerechtigkeit absolut unmöglich ist. Das ist eine natürliche Gegebenheit.
Und damit lebt sie.

Das traf mich wie ein Schlag.
Warum, fragte ich mich, fehlt auch mir jeder Drang nach Gerechtigkeit? Warum gibt es keine ethische Zündung, keinen Funken, der ein Verlangen nach Rache entflammt, kein Flehen nach einem Gottesgericht?
Ich bewahre das Andenken der Getöteten, ich betreue Erinnerungen – aber auch ich wage nicht, eine Ahndung der Taten zu begehren. Ich sehe nicht zufällig Gespenster, aber ich dürste nicht wie Hamlet nach Rache.
Eines Tages ging ich in die Wohnung meiner Großmutter. Ich wollte wissen, wann und wofür Großvater Grigorij ausgezeichnet worden war. Irgendwo musste sein Offiziersausweis sein, in dem der Anlass für jede Auszeichnung vermerkt ist.
Es stellte sich heraus, dass die Dokumente sorgfältig versteckt waren. Warum, fragte ich mich, sollte meine Großmutter sie vor ihrem Tod versteckt haben? Aber ich fand sie. Zwei Offiziersausweise, nicht nur einen. Mein zweiter Großvater, Aleksandr, der uninteressante Zivilist, hatte auch einen.
Im Ausweis von Großvater Grigorij war die Seite „Auszeichnungen“ vollkommen leer. Das muss ein Fehler sein, dachte ich. Vielleicht wurde ein neuer Ausweis ausgegeben und die Wehrbehörde hat vergessen, das Blatt auszufüllen.
Nein.
Alle Orden und Medaillen stammten von Großvater Aleksandr. Er war kein Zivilist.
Er war Geheimdienstler. Ein Oberst der politischen Polizei. Er hatte beim VChK-OGPU-NKVD-MGB gedient.
Der Leninorden, der „Rote Stern“ und die „Rote Fahne“ wurden ihm im Jahr 1937 verliehen, im Jahr des Großen Terrors.

Nach diesem Fund fragte ich meinen Vater, ob er die Wahrheit kannte.
Er kannte sie.

Er kannte sie und empfing trotzdem meinen zweiten Großvater in unserem Haus, teilte Tisch und Essen mit ihm, trank Wodka mit ihm und feierte mit ihm meine Geburt.
Der letzte Sohn der zerstörten Familie – und ein Berufszerstörer an einem Tisch.

Warum, fragte ich, hast Du mir nichts erzählt?
Ich dachte, antwortete Vater, dass das eine unnötige Last für dich ist. Du musst sie nicht mittragen.
Und plötzlich, ohne dass ich ihn gebeten hatte, erzählte er die Geschichte des grünen Seils.
Großvater Aleksandr hatte sein Schweigen gebrochen. An einem Tag, an dem er sturzbetrunken war. Vielleicht wollte er prahlen, vielleicht Angst verbreiten.

Im Jahr 1920 war er zu den Sondertruppen eingezogen worden, die während des Bürgerkriegs von den Bauern Getreide requirierten. Sie gingen so brutal vor, dass die Bauern revoltierten.
Die Aufständischen kämpften mutig und unermüdlich, sie waren vor nicht allzu langer Zeit Soldaten im Ersten Weltkrieg gewesen.
Noch etwas anderes half ihnen.
Eine Ikone der Gottesmutter.
Eine verehrte alte Ikone, die, wie die Leute der Gegend glaubten, eine besondere Kraft hatte.
Die aufständischen Bauern sahen in ihr eine Beschützerin, die ihnen Kraft im Kampf gegen die Gottlosen gab.

Der Kommandostab der Roten entschied: Die Ikone muss zerstört werden. Dann wird auch der Aufstand seine Kraft verlieren.
Der Kommandeur suchte Freiwillige.
Aber beim ersten Mal trat niemand aus der Reihe. Bei den Sondertruppen waren brutale Schlägertypen, Sadisten, und doch . . .
Gottesmutter. 
Got-tes-mut-ter.
Der Kommandeur fragte erneut, jetzt mit Nachdruck.
Nun trat mein zweiter Großvater vor.
Er sah eine Chance, sich auszuzeichnen.
Zwei ebenso junge Kameraden folgten ihm. 

Zusammen fanden sie die Ikone und feuerten unter den Augen der erschütterten Bauern Gewehrsalven auf sie ab. Die Überreste versenkten sie in einem tiefen Brunnen.
Und das Seil, an dem die schwere, große Ikone in der Kirche gehangen hatte . . .
Das Seil nahm mein zweiter Großvater mit.
Eine gute Sache soll man nicht wegwerfen. Sie wird einem im Leben noch nützlich sein.
Das grüne Seil, grün mit verwebtem Kupferdraht, das ich als Kind für einen magischen Gegenstand gehalten hatte.

Das Seil, das man nicht benutzen durfte.
Das Seil, das dem Mörder der Gottesmutter gehörte.
Das Seil, das mich physisch mit ihm verband.
Wie eine Nabelschnur.

Die Straflosigkeit der Staatsverbrecher.
Woraus ist sie gemacht?
Aus Angst?
Aus Scham?
Aus einem Gefühl der Verbundenheit? Dem Gefühl, dass alle irgendwie Schuld tragen?

Die Verbrechen der Sowjetunion blieben faktisch ungestraft. Dies lag unter anderem daran, dass die Zivilgesellschaft sich stets auf das Gedenken an die Opfer konzentrierte und nicht auf die Wiederherstellung des Rechts und die Bestrafung der Täter.
Doch Erinnerung schafft keine Gerechtigkeit.
Opferlisten sind keine Strafe für die Mörder.

Die häufigste, kürzeste Erklärung, die ich gehört habe: Wir haben kein Recht zu urteilen. Oder, wie Griboedov es formulierte: А судьи кто? Wer soll hier richten?
Das scheint eine ethisch reflektierte Haltung zu sein. Bei näherer Betrachtung entpuppt sie sich jedoch als moralische Lähmung, als Verzicht auf jegliche wirksame Moral.

Straflosigkeit führt zu weiterer Straflosigkeit. So wird diese zur Normalität.
In den mehr als dreißig Jahren seit dem Ende der Sowjetunion hat Russland neue Staatsverbrechen begangen und neue Kolonialkriege begonnen.
Erstaunlicherweise haben die Gegner des Kreml-Regimes jedoch nie die Forderung nach Gerechtigkeit zu einem festen Bestandteil ihrer Agenda gemacht.
Die Opposition sprach in erster Linie von Korruption, von bürgerlichen Freiheiten, von gestohlenen Wählerstimmen. Aber nicht von Blut, ethnischen Säuberungen, massenhafter Folter und den zerstörten Leben der Tschetschenen. 
Nach meiner Auffassung handelt es sich hier um dieselbe moralische Lähmung, um eine bewusste oder unbewusste Weigerung, sich direkt mit dem Staat in seiner Rolle als Mörder auseinanderzusetzen – ein vergeblicher Versuch, den menschenfressenden Wolf zu zähmen.

Selbst jetzt, im fünften Jahr von Russlands offenem Krieg gegen die Ukraine, im fünften Jahr dieses Vernichtungskrieges, habe ich nicht den Eindruck, dass sich die russische Opposition im Exil der Tragweite und Dringlichkeit der Frage nach der Wiederherstellung von Gerechtigkeit wirklich bewusst ist. Dass sie sich nicht klar macht, dass diese Frage in aller Schärfe gestellt werden muss.
Manche mögen sagen, dass man erst einmal an den Punkt gelangen muss, an dem man sich mit dieser Frage befassen kann. Man soll, so heißt es, realistisch bleiben.
Damit bereiten wir uns unbewusst schon auf den nächsten Deal vor, auf einen Pakt mit dem Bösen. Wir hoffen, dass die nächsten Übeltäter wenigstens ein wenig gütiger und menschlicher sein werden. Wir heroisieren wie gewohnt Dissidenten und neue politische Gefangene und verbergen hinter diesem Nebelvorhang, dass wir keinen klaren politischen Willen haben, für Gerechtigkeit für die Ukraine zu kämpfen, für die Bestrafung von russischen Kriegsverbrechen – egal, wie viele Jahrzehnte wir darauf warten müssen.
Diese Hilflosigkeit wollen wir nicht sehen und anerkennen.
Eine moralische Hilflosigkeit, die ein Ergebnis des Lebens im russischen imperialen Autoritarismus ist.
Eine moralische Hilflosigkeit, die uns lähmt.
Und uns mit dem Täter verbindet. Wie ein unendliches grünes Seil.
Grün mit verwebtem Kupferdraht.

Sergej Lebedew  (1981), Schriftsteller, Historiker, Potsdam
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um die Rede, die Sergej Lebedew zur Eröffnung der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde „Autoritarismus und Gewalt im östlichen Europa“ am 26. März 2026 in Dresden hielt.

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